'Ain folgenden Tage erhielt Goethe, als Oberdirektor der .^osthcater, die Weisung, den Herrn Doktor Schütz in Jena durch den dortigen Polizei- rnt Major von 5) endlich, vernehmen zu lassen, um zu ersahren , wodurch er sich veranlasset gefunden, die Unschicklichkeit zu begehen, am Schlutz des Schauspiels dem Herrn Hosrath von Schiller ein Bivat Zi> rufen und dadiirch zu veranlassen, datz das ganze Haus ein gleiches gcthan habe, welches, wie er selbst finden müsse, gegen die 'Achtung laufe, die das" Publicum den Durchlauchtigsten Herrschasten allerdings stets schuldig s-y." _ . . o .

In seinem Herzen hatte der junge Doktor keinen geringen ocrn ob der Tyrannei seines Landesherrn und auf den nach feiner Meinung bösen Neid des Herrn Geheimen Rats. Aber was half hier alles innerliche Ausbäumen! Wenn er seinen Lehrstuhl an der Universität Jena behalten und sich das Wohlwollen seines Landesherrn nicht gänzlich verscherzen wollte, mutzte er in geziemenden Worten zu Kreuze kriechen.

So bekannte er, gefehlt zu haben und bat um Entschuldigung.Di- Schönheit des Stückes habe ihn hingerissen, und die Achtung gegen den Verfasser scy in ihm so hoch gestiegen, datz ihm dieser Ausruf gleichsam unwillkürlich entschlüpft sey. Er hoffe Vergebung zu erhalten wenn er hierunter gesehlt habe, da es aus keiner anderen Absicht geschehen sei, als bloß um dem Dichter zu huldigen." .

Daraus wurde ihm von dem Herrn Major eröffnet,daß er es wirklich blotz der Achtung zu danken habe, die Seine Durchlaucht für den Herrn Hosrath von Schiller hege, indem sonst wohl ein mehreres erfolgt seyn würde." ....

Der Herr Doktor Schütz wurde ganz kleinlaut, als er die gewichtigen Worte des Herrn Kommandanten vernahm, und um nun auch ganz gewitzlich seine alleruntertänigste Gesinnung zu beweisen,danke' er für geschehene Eröffnung in schicklichen Ausdrücken und bat um die Erlaubnis, noch eine schriftliche Verantwortung ad Acta geben zu dürfen, was ihm auch zugcstanden wurde."

Der verehrte Leser irrt, wenn er nnnimmt, datz sich der Fürst und Herrscher, Carl A u g u st, Herzog zu Sachsen, Jülich, Cleve und Berg, auch Enger» und Westfalen usw. mit dieser landesväterlichen Ermahnung allein schon begnügt hätte.

Besagte junger Doktor Schütz hatte ja noch einen Herrn Vater, und dieser war ja in Jena als ordentlicher Universitätsprosessor und Herzoglich Wcimarischcr Hosrat ein Untertan Seiner Durchlaucht. Und dieser Herr Vater hatte doch auch Vaterpslichten oder wenigstens mal solche gegen­über dem Herrn Filius gehabt.

In Anbetracht dieser Umstünde hatte der Herzog denn auch den Herrn Geheimen Rat von Goethe bcaustrngt, zugleich noch den Major von Hendrich zu veranlassen, dem Herrn Papaim Namen Serenissimi zu erkennen zu geben: Höchstdieselben hätten sich von ihm versprochen, datz sein Sohn besser gezogen seyn würde."

Ei, mag sich da der Herr Hofrat und Unioersitätsprofessor Christian Gottfried Schütz enragiert haben, al« ihm solche ungnädige Botschaft von seinem Herzog wurde. Das war doch eine rechte Blamage, ein höchst beschämendes Admonitum.

Was sollte nun werden?

Mit der Karriere, die so sckstin, so zukunftsverheitzend mit der Habili­tation in Jena begonnen hatte, war es doch nun aus endgültig aus!

Aber es war doch nun einmal der Sohn, der einzige vielgeliebte Sohn! Und eigentlich war man doch wieder recht stolz auf ihn und sein- junge wissenschaftliche Tüchtigkeit. Und ganz insgeheim konnte man auch so viel warme Begeisterung wohl verstehen! Man war ja selbst einmal jung gewesen und hatte in jungen Jahren auch für feine Lieblingsdichter Gellert und den inzwischen recht alt gewordenen Herrn Hosrat Wie­land geschwärmt! ,

Und so entschloß sich der Herr Professor und Hosrat Christian Gott­sried S d) ü tz zu der Erklärung,datz die Explosion seines Sohnes, als eines ganz gesitteten Menschen, ihm selbst sehr befremdend gewesen sei. Sein Sohn habe ihm aber heilig versichert, datz es bloß unwillkürlich und aus zu grotzem Anteil an dem Dichter und dessen vortrefflichem Werke geschehen sei, daß er dieses Divat ausgebracht habe."

Mit dieser Erklärung erklärte sich denn auch die hohe Obrigkeit zufrieden, und die Akten über denFall Schütz" wurden geschlossen.

Aber nid)t nur der Herr Professor und Hofrat Christian Gottfried Schütz und sein Sohn, der Privatdozent Dr. Friedrich Schütz in J-na hatten ihren Aergcr durch das unbebadjte Vivatgeschrei des Letzteren gehabt nein auch dem Herrn Geheimen Rat von Goethe war nicht ganz wohl zu Mute. Drei Tage nach der Aussührung schrieb er an (einen Freund, den Herrn Hofrat von Schiller:Mich verlangt sehr Sie zu sehen. Die verwünschte Acclamation neulich hat mir ein paar böse Tag- gemacht ..."

jeder willkürliche Beisall streng verboten war. Auch durste kein Zeichen der Ungeduld gegeben werden, das Mißsallen durste sich nur durch Schweigen, der Beysall nur durch Applaudieren bemerkbar machen, kein Schauspieler konnte herausgerusen, keine Arie zum zweytcnmal gefordert werden." ... .

So hietz es in derVerordnung", die die Direktion zur Forderung eines gesitteten Betragens im Hoftheater erlassen hatte eine Verord­nung, die sich vornehmlich an die Jencüschen Musensohne richtete.

An jenem denkwürdigen Tage aber geschah nun folgendes: -beim Fallen des Vorhanges nach dem letzten Akt brachte der ,unge Jenenser Privatdozent, Dr. Friedrich Carl Schütz, von Begeisterung hingerissen, dem Dichter der Tragödie ein dreimaligesVivat" dar, in das die ent­zückte» Musenföhne int Parterre aus vollem Herzen und nut vollem Organ einstimmten, indem sie sich von ihren Sitzen erhoben und nach der Loge blickten, in der Schiller sich verborgen hatte. Vergebens suchte dieser, den entfesselten Sturm der Begeisterung durch Zischen zu dampse».

Die Durchlauchtigste Herrschaft nahm diese Beifallsbezeugung s-hr ungnädig auf. Der Herzog erhob sich brüsk, bot feiner Mutter und seiner Gattin den Arm und geleitete sie mit eisigem Schweigen aus den> Schau-

Oer verhängnisvolle Beifall.

Alkweimarischer Theater-Skandal.

Den Akten nacherzählt von Dr. Bruno Satori-Neumann.

Es war Mitte März 1803. Am schwarzen Brett der Universität Jena prangte in seierlichstem Latein versaht und in ellenlange Schachtel­sätze gekleidet einAufruf" an die akademische Jugend, in dem diese ausgefordert wurde, sid) nad) dem benachbarten Weimar zu begeben, allwo am 19. besagten Monats auf bafigem unter der Oberdirektio» Seiner Exzellenz des Herrn Geheimen Rath von Goethe stehenden Hoch- fürstlichen" Hoftheater die Uraufführung der von Herr» Hosrath Friedrid) von Schiller soeben vollendeten griechisch römischen Tragödie mit Chören Die Braut von Messina" stattsinden sollte.

Als die Mittagsstunde des 19. anbrach, machten sich Professoren und Studenten nad) Weimar auf. Aus klapprigen, halb verhungerten Rost- nanten, die sie bei dem KneipenwirtIm halben Mond" requiriert hatten, ( kamen die Studenten burd) das berüchtigte, noch stark vereiste Mühltal h-rübergeritte». Dahinter folgten noch 32 Wagen mit den Professoren, deren Frauen und Töchtern.

Mit Lärmen und Toben zogen die Studenten durch das Kegeltor in die hochfürstliche Residenz ein und kündigten den Philistern ihre Gegen­wart burd) ein Gebrüll an, bas sie mit dem Namen Gesang belegten.

Kleidung und Haartracht der jungen Leute stachen seltsam genug gegen den dezenten Anzug und die wohlgekränselte Frisur der weimarischen Herren ab.

Um 5 Uhr sollte die Vorstellung beginnen, aber schon lange vorher war das Schauspielhaus bis auf den letzten Platz gefüllt.

Eine Viertelstunde vor 5 erschienen die Musiker an ihren Pulten im Orchesterraum und begannen mit dem Stimmen der Instrumente.

Im Orchersterraum taud>te der Orchesterdiener auf, um die Lichter an den Pulten der Musiker anzustecken.

Plötzlich durd)schnitt ein dreimaliges starkes Pochen das leise Geplau­der der Zuschauer. Die Musiker unterbrachen jäh das Stimmen ihrer Instrumente. SicDurchlauchtigste Herrschaft" erschien in der Mitte des ersten Ranges in der Herzoglichen Hosloge, vom Publikum durch Erheben von den Plätzen und durch tiefes Verneigen ehrfurchtsvoll begrüßt.

In dem Augenblicke, in dem der Hof Platz genommen hatte, trat volle Ruhe im ganzen Haufe ein.

Der Dirigent gab das Zeichen zum Anfang. Die Musiker ergriffen ihre Instrumente. Eine ernsteSymphonie" begann.

Tiefe Andacht begleitete das Geschehen auf der Bühne.

Besonders löste der Chor, eine bis dato dem deutschen Th-aterpublikum in dieser Form ganz unbekannte Erscheinung, eine tiefe Wirkung aus. Dieser außerordentliche Eindruck aber war vor allem den Bemühungen des Herrn Geheimen Rats von Goethe zu danke», der es sich nicht hatte nehmen lassen, alle Proben persönlick) zu leiten und gleich einem Kapell­meister Tempo und Rhythmus mit eigener Hand anzugeben.

So konnte denn aud) Herr Genast, der dem Herrn Geheime» Rat als Regisseur zur Seite gestanden hatte, von der Ausführung befriedigt an feine Freunde berichten:

Die ganze Vorstellung ging trefflich und wurde von dem über­füllten Haus mit Beifall überschüttet."

Ja, der Beifall um den handelt es sich eben bei dieser Geschichte. Denn der Beifall war in der guten alten Zeit in Weimar einem wohl­überlegten festen und strengen Reglement unterworsen. Von feiten der Direktion war eine detaillierte Verordnung herausgekommen, derzusolge

Augenblick", erwiderte Duke,Sie wissen ja selbst, wie die Claims Im Wert gestiegen sind in der Zwischenzeit. Ich könnte sie heute sur weit mehr als 2000 Pfund loswerden." m ...

,,Wciß ich", sagte Klotz,und das ist der Grund, weswegen wir nicht warten können. ®efd)äft ist Geschäft. .

Sie kleine Varley halte bisher still zugehort. Jetzt fiel sie ein.Ich hoffe nickst, daß Sie die Notlage eines Freundes so ausnutzen werden, totl%(n mir liegt es ja auch nicht. Aber Klotz ist mein Partner und er besteht darauf, Gnädigste." . .

Ach lassen Sie, Miß Varley", sagte Sute,es ist mein Fehler, und ick, habe die Sache auszubaden." , o. , .

Augenblick, meine Herren. Ser Betrag war 2000 Psund, ohne Zinsen nicht?" fragte Enid Varley. ,AAA , .

Na ja, das heißt, bekommen habe ich 1» so nur 1600 , warf Sute ein.

"Unsere Üblichen Bedingungen", erklärte Klotz.

Gut, ich bezahle die 2000 Pfund bar auf den Tisch , sagte Enid und begann in ihrer Handtasche zu krame». Sie händigte Duke vier 500- Pfund-Noten aus. Mechanisch griff er zu und sagte habet:Ader das kann ich ja nicht annehmen!"

Ist das nicht ein Sarlehen genau wie von Mr. Silber? Nehmen Sie, Has' Nähere besprechen wir im Wagen unterwegs "

Suke wandte sich zu den beiden Partnern.Hier ist das Geld. Bitte die Papiere." ,,

Sie Partner waren platt und weinten im Geist schon um den ent­gangenen Gewinn. Aber es blieb ihnen ja keine Wahl, und während sie nach dem Nebenzimmer gingen, erklärte Enid Sute, wieso sie eine so oroße Summe bei sich hatte. Sic hatte gerade heute ein kleines Grund­stück in der Nähe von Paris vertäust, und der Käufer hatte bar bezahlt. Ich hotte 4000 Psund in der Tasche. Ser Notar hatte sie mir gerade ausgehändigt. Und deswegen hatte ich auch den Krach mit meinem Ontel.

Sic Partner tarnen zurück. Ser Rest ist schnell erledigt. Man tränt »och ein Glas Wei», man stieß an, und Klotz flüsterte Sute zu:Ihre Verlobte?"

Noch nicht. Aber vielleicht eines Tages.

Klotz nickte.Wäre ich doch nochmal jung! Was für eine Frau für einen Geschäftsmann." .

(Autorisierte Ueberfetzung aus dem Englischen.)