Eichener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang Montag, -en 20. April Nummer 34
Oie Badewanne.
Von Joachim R i n g e l n a tz.
Die Badewanne prahlte sehr.
Sie hielt sich für das Mittelmeer und ihre eine Seitenwand für Helgoländer Küstenland.
Die andre Seite — gab sie an — fei das Gebirge Hindustan und ihre große Rundung sei bestimmt die Delagoabai.
Von ihrem spitzen Ende vorn, erklärte sie, es sei Kap Horn. Den Kettenzug am Regulator, hielt sie sogar für den Aequator. Sie war — nicht wahr, das merken Sie? — sehr schwach in der Geographie.
Dies eingebildete Bassin, es wohnte im Quartier latin.
Oie Krau im Auto.
Von A. P. G a r l a n d.
Marmaduke Bertram Delisle Hollingbourne — er haßte übrigens diesen seinen Namen von Jugend aus — trat aus einem der großen Kontorhäuser an der Knightsbridge, dem Chandos Manfion, und ging nachdenklich auf feinen Wagen zu, den er unweit davon geparkt hatte. Es war schon gegen Abend und ziemlich dunkel. „Da ist er ja!", sagte Duke zu sich selbst, „aber ich hätte wetten mögen, ich hatte ihn weiter oben hingestellt. Na, um so besser." Er stieg ein in den großen geschlossenen Kuklos und fuhr los. Er legte ein gutes Tempo vor, als er Edgware Road entlangbrauste, denn er wollte heute noch nach Barnet, eine hübsche, kleine Landpartie. „Schweinerei", schimpfte er vor sich hin. „Freddie Dyer hätte mir doch verdammt aus der Patsche helfen können. Jetzt kann ich zu Silber fahren und ihm beibringen, daß ich ihn nicht bezahlen kann" Schon hatte er Barnet erreicht. Er mußte nach dem Weg fragen und erfuhr, daß Silber eine gute Meile außerhalb des Ortes seine Besitzung hatte, und unterwegs gab's eine Panne. Der Wagen stand und war nicht zu bewegen, wenigstens bis zum Haus weiterzufahren. Duke machte sich also daran, zu untersuchen, was los war.
Im selben Augenblick öffnet sich die Tür des Wagens und eine Stimme ruft heraus „Was ist denn los, Onkel? Wo find wir denn eigentlich?" Duke war perplex — wo kam denn das Mädchen auf einmal her? „Wer sind Sie denn? Wo ist denn mein Onkel?" fragte sie und kam heraus. „Tut mir leid", erwiderte Duke, „ich habe keine Ahnung, wo der alte Herr hin ist. Aber ich, ich bin der Besitzer des Wagens."
„Sie?"
„Ja, ich."
„Eines viersitzigen, geschlossenen Kuklos?"
„Aber gewiß doch."
„Dann erklären Sie mir doch bitte, wie ich in Ihren Wagen komme." „Es ist nichts unmöglich. Ich weiß es jedenfalls nicht."
„Nun, wenn das Ihr Wagen ist, wissen Sie doch sicher seine Nummer?" „Natürlich! A 47815."
Er ging mit dem Mädchen hinter den Wagen, um ihr das Nummernschild zu zeigen. Die Nummer war C.D. 78654.
Er erschrak. „Gott im Himmel — das ist ja nicht meine Nummer."
„Natürlich nicht!" entgegnete sie ausgebracht. „Und jetzt erzählen Sie mir gefälligst, was Sie mit meinem Onkel gemacht haben!"
„Mit Ihrem Onkel? Wer ist denn das überhaupt?"
„Mein Onkel ist Sir John Fosbury. Und jetzt will ich wissen, was Sie mit ihm gemacht haben!"
„Ich schwöre Ihnen, ich habe gar nichts mit ihm gemacht. Ich kenne ihn gar nicht. Ich bin ganz friedlich aus Chandos Manfions herausgekommen und..."
„Aus Chandos Manfions? Da war doch auch mein Onkel! Ich wartete auf ihn im Wagen und muß wohl eben eingeschlafen sein."
„So, so, eingeschlafen mitten im Dienst."
„Herr, ich kann schlafen, wann es mir paßt."
„Entschuldigung, es war ja nur Scherz."
Sie mußte lachen, sie kamen ins Gespräch und fanden, daß sie eine Menge gemeinsame Bekannte hätten, daß sie beide im Mayflower Club verkehrten und Duke stellte sich offiziell cor.
„Ist doch allerhand", sagte er, „erkenne meinen eigenen Wagen nicht." „Wo sind wir denn eigentlich."
„Barnet. Aber sobald ich hier loskomme, fahre ich Sie natürlich heim. Es ist mir unendlich peinlich."
„Ach wo, es fängt sogar an, mir Spaß zu machen. Aber ich will lieber wieder einsteigen, es regnet."
Duke schaltete die Lampen ein und entdeckte, daß kein Benzin mehr im Tank war. Er erklärte, man müsse wohl oder übel warten, bis jemand vorbeikäme. Er hatte nun Zeit genug, seine unfreiwillige Begleiterin zu betrachten und mußte feststellen, daß er in der Tat selten eine so hübsche Begleiterin im Wagen gehabt hat. Lachend malten sie sich die Bestürzung des alten Herrn aus und scherzten, er werde wohl schon Scotland Hard auf ihre Fährte gehetzt haben. Der erste Wagen, der vorbeikam, war ein Mißerfolg. Inzwischen erzählte Duke seiner Begleiterin, von der sich herausstellte, daß sie Miß Enid Varley hieß, was er eigentlich in Barnet zu tun habe und Miß Varley beschloß, er solle erst seine Angelegenheiten erledigen und sie danach heimfahren, „Ich werde von dort aus meinen Onkel anrufen. Im übrigen bin ich gern bereit, Ihnen zu helfen. Ich verstehe etwas von Geldangelegenheiten. Ich hatte mit meinem Onkel gerade heute furchtbaren Krach deswegen."
„Sehr liebenswürdig. Also kurz, die Sache ist die. Ein Freund von mir brauchte 2000 Pfund. Nun habe ich alles was mir gehört in Berkshire in Grundstücken angelegt und in Oel-Claims in Alberta, und ich konnte ihm nicht selbst helfen. Aber Silber aus dem Golfklub konnte es ihm geben und ich verpfändete ihm dafür meine Claims in Alberta. Heute nun sollte ich für Silber die 2000 Pfund zurückerhalten, aber inzwischen hat der Junge alles beim Rennen in Hurst Park verloren und ich bin geplatzt."
In diesem Augenblick tauchte ein anderer Wagen auf. Duke stoppte ihn und erhielt Benzin. Bald hielten sie vor Silbers Besitzung.
Silber öffnete selbst. „Ich bin ganz allein, meine Frau ist mit den Kindern unten in Cornwall und die Mädchen haben Urlaub."
Miß Varley bat, telefonieren zu dürfen und meldete ein Gespräch nach London an. Neben dem Apparat stand geschrieben: „Jedes Gespräch 3 Pence. Einwerfen in die Sparbüchse. Wechselgeld überall Im Hause/
Inzwischen führte Silber seinen Gast herein. „Etwas zu trinken?" Und er fuhr fort: „Ihre neue Errungenschaft draußen?"
Duke erwiderte leise: „Um Gottes willen! Lassen Sie das Miß Varley nicht hören. Aber gießen Sie mir ruhig einen Sherry ein."
Miß Varley kam herein. ,^Oh, mein Onkel läßt vielmals um Entschuldigung bitten. Er ist nämlich mit Ihrem Wagen abgebraust. Er ist schon auf der Polizei gewesen. Jetzt ist er wenigstens beruhigt."
„Und ich habe nicht die Ehre gehabt. Sie zu entführen."
Silber kam mit dem Wein. Duke wollte von dem Geschäftlichen anfangen. „Nicht jetzt, erst sind Sie mein Gast. Nachher."
Sie stießen zu dritt an. „Ich erwarte nämlich noch Klotz, meinen Partner. Er wollte ..." Er unterbrach sich und lauschte. „Nebenan ist jemand. Ein Einbrecher ..."
Alle drei lauschten gespannt. Man hörte nebenan etwas sich bewegen. „Ich will mal nachsehen", sagte Duke ohne Zögern und ging hinaus. Man hörte Geräusch und kurz darauf brachte Duke einen Mann hereingeschleppt, den er mit einem geschickten Jiu-Jitsu-Griff wehrlos gemacht hatte. „Da habe ich den Kerl."
„Himmel, das ist ja Klotz! Den können Sie ruhig wieder sreilassen. Klotz, was wollten Sie da? Sie wollten den kleinen Bronze-Buddha stehlen!"
„Das ist meiner. Sie haben ihn bei mir gestohlen."
„Gewiß, aber ich werde ihn behalten und Sie von der Polizei einsperren lassen!"
„Und ich Sie!"
Dann wandte sich Silber wieder an seine Gäste: „Die Sache ist nämlich die: fein Hausschlüssel paßt bei meiner Tür. Und da hat er Einbrecher gespielt." Ue6er einem Glas Wein vertrug man sich wieder.
„Aber jetzt wollen wir vom Geschäft sprechen!" sagte Duke und beichtete die Sache mit den 2000 Pfund.
„Das ist ja schlimm", sagte Silber verlegen und sah auf seinen Partner. „Mensch, Klotz, stellen Sie sich mal vor — 2000 Pfund dafür, ob ein Pferd zuerst ankommt ober nicht."
„Ein schöner Irrsinn. Müßte verboten werden."
„Ich hoffe", fuhr Duke fort, „Sie können noch 8 bis 14 Tage warten." Die Partner sahen sich an und tuschelten miteinander.
„Klotz, Sie bestimmen, was werden soll."
„Ja, und ich möchte sagen, daß wir nicht warten können. Und bann wird eben die Verpfändung der Oel-Claims akut."
„Sie hören ja, was er sagt", sagte Silber, „es tut mir leid, aber was sein muß, muß sein."


