Nachdem kn der Rede auf die Pflichten und Aufgaben des ersten Deutschen Reichstages hingewiesen worden war, schloß sie:Möge die Wiederherstellung des Deutschen Reiches für die Nation auch nach Innen das Wahrzeichen neuer Größe sein; möge dem deutschen Reichskrieg, den wir jo ruhmreich geführt haben, ein nicht minder glorreicher Reichsfriede folgen und möge die Aufgabe des deutschen Volkes fortan darin beschlossen sein, sich in dem Weltkampfe um den Hüter des Friedens als Sieger zu erweisen. Das walte Gott!" Darauf trat Bismarck vor und sagte:Aus Befehl Sr. M. des Kaisers erkläre ich im Namen der verbündeten Regierungen den Reichstag für eröffnet", worauf die Feier mit einem vom bayerischen Staatsminister v. Pfretzschner aus­gebrachten dreifachen Hoch auf den Kaiser schloß.

Die erste Sitzung des Deutschen Reichstages begann nach 3 Uhr im Saale des Preußischen Abgeordnetenhauses in der Leipziger Straße Nr. 75. Ueber dem Präsidentenstuhl, den der Alterspräsident v. Franken- berg-Ludwigsdorf innehatte, wehte aufgerollt, die Fahne des Bundes, das Geschenk der Deutschen in New Orleans im nordamerikanischen Staate Louisiana. Ihre InschriftDem deutschen Parlamente" war zur Wahrheit geworden. Die Tribünen' waren überfüllt. Moltke war in Uniform anwesend. Der Alterspräsident eröffnete die Sitzung mit den Worten:Als mir der Vorzug zuteil wurde, die erste Sitzung des Reichstages des Norddeutschen Bundes zu eröffnen, da nahm ich das einige Deutschland in meine Bitte auf. Diese Aeußerung hat bekanntlich in den öffentlichen Blättern Frankreichs eine verhöhnende Kritik gefunden. Denn jenem Lande ist es von jeher unerträglich gewesen, Deutschland einig und es damit groß, stark und mächtig zu sehen. Dennoch hat sich diese Einigung vollzogen. An uns aber ist es jetzt, diese Einigung zu befestigen und sie fruchttragend zu machen."

Der nächste Tag war des Kaisers uierundsiebzigster Geburtstag; der Alterspräsident schlug vor, der gesamte Reichstag solle dem Kaiser gratulieren, aber dieser erste Reichstagsbeschluß konnte nicht ausgeführt werden: man hätte mit einem solchen Massenempfang die Anordnungen des Tages umgestoßen. So wurden denn die sämtlichen Abgeordneten am nächsten Tage zu einem Diner ins Schloß geladen und dem Kaiser, der für jeden ein freundliches Wort hatte, persönlich vorgestellt. Am andern Tage trat das Haus zur Präsidentenwahl zusam­men. Um den Präsidentenposten gab es keine Uneinigkeit, er gebührte Dr. von S i m s o n, der einst die deutsche Nationalversammlung in Frankfurt a. M. geleitet hatte; er wurde widerspruchslos gewählt. Dann aber traten gleich scharfe politische Gegensätze hervor. Gegen die Wahl des Fürsten zu Hohenlohe-Schillingsfürst als ersten Vizepräsidenten siegte der Nationalliberale von Weber-Stuttgart, aber nur mit zwei Stimmen Mehrheit

Ueber zwanzig Jahre hat der Reichstag in dem alten Parlaments­gebäude in der Leipziger Straße getagt, denn nur sehr langsam ent­wickelte sich der Gedanke eines neuen Reichstagshauses. Er wurde zwar im Mai 1871 beschlossen, auch wurde sogleich ein Wettbewerb ausgeschrieben, hatte aber keinen Erfolg, und man ließ die Angelegen­heit zehn Jahre bis zu einem neuen Ausschreiben ruhen. Unter den nahezu zweihundert Entwürfen gewann der des Frankfurter Architekten Paul W a l l o t unter dem KennwortFür Staat und Stadt" den ersten Preis. Am 9 Juni 1884 wurde durch Wilhelm I. der Grundstein gelegt, am 5. Dezember 1894 legte Wilhelm II. den Schlußstein, der Bau hat also etwa ein Jahrzehnt gedauert. Zwei Jahre beanspruchten die Fundamentierungen, am 2. September 1891 (dem Tage von Sedan) wurde die Krone auf der Kuppel enthüllt, in den nächsten drei Jahren der innere Ausbau vollendet; die gesamten Baukosten betrugen etwa 26>2 Millionen. Im Jahre 1894 wurde der neugewählte Reichstag durch einen festlichen Akt im Rittersaal des Schlosses eröffnet und dann das neue Haus bezogen.

Oer schwarze Diamant in Asien.

Von Anton L ü b k e.

Nicht überall in der Welt hat der schwarze Diamant, die Steinkohle, eine so große Bedeutung wie in Deutschland, England oder Amerika, wo ohne die Kohle nicht die hochentwickelten Industrien, Verkehr, Licht und Behaglichkeit in den Wohnungen zu finken wären. Man denke sich einmal den Zustand, wenn wir heute nur auf Holz angewiesen wären wie vor kaum 150 Jahren. Sicher hätten wir heute wohl weniger Komfort, weniger Licht, vielleicht keine Eisenbahn, .aber desto mehr Ruhe und Sicherheit, keine Verkehrsunfälle und keine Arbeitslosigkeit. Wo heute die Riesenwerke der Industrie stehen, weideten vielleicht Kühe und Pferde, wo das Auto rast, bewegte sich der schwerfällige Pflug des Landmannes.

Daß es auf unserem Erdball Völker gibt, die um ein Vielfaches größer find, als die Deutschlands oder Englands, welche nur wenig Kohle verbrauchen oder sie vielleicht noch nicht einmal kennen, dürfte dem kohlengewöhnten Mitteleuropäer etwas merkwürdig vorkommen. Die Tropen beispielsweise gebrauchen keine Kohlen zum Heizen, denn die heiße Sonne tut dort dieselben Dienste, wie bei uns der Ofen. Kohlen gebraucht man dort nur in Lokomotiven, Elektrizitätswerken und Gas­öfen^ Ja, so wird der eine ober der andere fragen, was beginnt denn die Hausfrau in den Tropen, wenn sie die Speisen zubereiten will, nimmt sie dazu auch die Sonne? Die Antwort ist sehr schnell gegeben. Die Menschen im Orient, wo die Natur viel freigebiger ist als bei uns, sind auch viel genügsamer als bei uns. Sie können es auch sein, weil sie nicht so sehr dem Witterungswechsel ausgesetzt sind wie wir Menschen der nördlichen Zonen. Sie kennen keinen Winter, wo sie sich schützen müssen in warmen Wohnungen oder durch warme Kleider, die Natur bietet ihnen gewissermaßen alles, was sie zum Leben notwendig haben, mit einem Wort, sie sind noch viel mehr mit der Natur verwachsen als wir Menschen der modernen Industriestaaten.

verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brüh

Infolge dieser Naturverwachsenheit kennen sie auch noch nicht Indu­strien in dem Umfange, wie wir sie haben. Dav Hanowerr Hal do.t noch einen goldenen Boden. Wie einst bei uns, wird dort noch das Holz als ^Brennmaterial verwendet, und wo keine Möglichkeü infolge Wald­mangels dazu besteht, bedient man sich als Brennmaterial der ver­schiedensten Dinge. In Aegypten und Indien belspielsweije benutzt man die Abfälle der Kamele und Rinder zu Brennzwecken. Die Fellachen auf den Reis- und Baumwollfeldern Nordafrikas sammeln sorgfältig den Kamelmist, trocknen ihn aus dem Dache ihres Nilschlammhauses und Heizen damit ihre primitiven Kochherde. In Indien, wo es keine Kamele gibt, wird der Mist des höckrigen Zeburindes ober der heiligen Kuh des Hindus, die in allen Straßen umherläust, als eine kostbare Sache angesehen. Die zu der nichtigen Kaste des Volkes gehörenden Parias sammeln in allen Straßen diesen Mist in Bastkörben, formen ihn zu runden Kuchen und Heben diese, nachdem sie den Eindruck der gespreizten Hand bekommen haben, an irgendeine Mauer, wo sie hängenbleiben, bis sie trocken heruntersallen. Mit diesen getrockneten Kuhmistkuchen wird ein schwunghafter Handel getrieben, denn er gilt in den Städten und Dörfern Jnnerindiens als begehrtes Brennmaterial. Die Abfälle der Kuh haben auch einen desinfizierenden Zweck.

Die Länder des östlichen Asiens, Japan und China, bedienen sich eines etwas kultivierteren Brennmaterials. Was bei uns die Stein- und Braunkohl« ist, ist dort bas Holz und die Holzkohle. Nicht nur, daß man dort in viel ausgiebigerem Maße das Holz zum Hausbau verwendet, wird dort auch die vom Holz stammende Holzkohle fast ausschließlich zur Wärmeerzeugung in den Privatwohnungen benützt. In dieser Hinsicht steckt ein großer Teil der Asiaten, obwohl bei ihnen die Steinkohle auch schon in beachtlichem Maße verwendet wird, noch im Mittelalter.

Obwohl Japan in der gemäßigten Zone liegt und dort dieselben Bedingungen für den Schutz vor klimatischen Einflüssen bestehen wie in der amerikanischen ober europäischen zivilisierten Welt, hat es sich doch nicht bei weitem den Gebrauch der Kohle so zu eigen gemacht wie wir. Einmal deshalb nicht, weil die leichtgebauten Holzhäuser, die in den Großstädten wie auf dem Lande in unübersehbarer Zahl auf großem Komplex dicht gedrängt beieinandcrstehen, cs nicht gestatten, das bei uns übliche Heizsystem cinzuführen. Kohlenöfen und Zentralheizungen würden in den leicht gebauten Holzhäusern eine stete Gefahr für di« Bewohner bilden. Bei dem noch überall gebräuchlichen Heizsystem, einen mit Sand und glühenden Holzkohlen gefülltem Tonbecken, sind in Tokio und anderen japanischen Städten ausgedehnte Brände ohnedies an der Tagesordnung, was noch mehr der Fall märe, wenn die Steinkohlen- feuerung im Gebrauche märe. Auch ander« Lebcnsgemohnheiten der Japaner bedingen nicht die Feuerungsart wie bei uns. Der Japaner ist Dorroiegenb Rohköstler ober er genießt seine Speisen nur in halb- gekochtem ober angemärmtem Zustanbc. Roher Fisch, rohe ober halb- gekochte Pflgnzennahrung und halbgekochtcr Reis gehören zu seiner täglichen Speise, bie auf Holzkohlenfeucr zubereitet mirb. Kohlen- ober Gasherbe kennt man in Japan nur in ben Großstäbtcn unb hort auch nur in beschränktem Maße; es mirb bei der konservativen Einstellung der japanischen Frau noch lange dauern, bis diese Dinge in umfassendem Maße eingeführt merden. Der gegenmärtige durchschnittliche Kohlcn- verbrauch beträgt für Kopf unb Jahr kaum eine halbe Tonne, während in Deutschland 4) Tonnen verbraucht werden.

Ebenso wie Japan bedient sich auch China in weitest gehendem Maße heute noch der Holzkohle, wenn auch Japan in viel größerem Maße die Steinkohle in Gebrauch genommen hat. China war, wie in allen Dingen, so auch beim Kohlcnvcrbrauch sehr konservativ. Von jeher standen die chinesischen Regierungen dem Bergbau feindlich gegenüber. Man betrackücte ihn, besonders den Gold- unbSilberbergbau, als bie Ursache von Unruhen, weil badurch bie Menschen unstet unb unzufrieden werden. Auch galt das Graben von Stollen zum Gewinnen von Mineralien als gegen bas religiöse Prinzip verstoßenb, weil bie Erbobersläche nicht durch Menschen­hand verändert werden dürfe, um dadurch nicht den Zorn der Erdgeister zu erregen. Aber noch andere Umstände waren maßgebend, um dem Kohlcnvcrbrauch in China, das schlechthin als das kohlenreichste Land der Welt gilt, hemmend im Wege zu stehen. Die bergbautreibcvbe Bevölkerung war von jeher sehr argwöhnisch unb falsch, weshalb sich her Frembe nicht gern in ihre Nähe wagte unb es bcshalb unterließ, ihr bie moberne Technik her Mincralgewinnung zugänglich zu machen. Hinzu kam bann noch bas Fehlen moberner Defen.

Wie in Japan würbe die Holzkohle in Tonbecken verbrannt ober ber Chinese zog sich zuin Schutze gegen die Kälte ein dickes Wams ober einen Wollpelz an. Einen nicht unerheblichen Teil trug auch der Aber­glaube ber Chinesen bazu bei, bie Steinkohle nicht zu benutzen. Daburch, baß man bis in bie jüngste Zeit bie Natur ber Kohlengase in China nicht kannte, war man ber Meinung, baß bei ber Verbrennung der Kohle böse Geister frei mürben unb ben Menschen über Nacht bas Leben nehmen. In Wirklichkeit roaren cs bie gefährlichen Oxybgasc, welche ben offenen Kohlenbecken entströmten unb ben Schlafcnbcn erstickten. Es beburfte langer Zeit, um bie Bevölkerung vor Oxybgasvcrgiftungcn durch öffentliche Anschläge zu roarnen und sie zum Verbrauch ber Stein­kohle zu erziehen.

Heute, mo bie zivilisierten Methobcn im Orient unb im fernen Osten Asiens immer mehr Eingang sinben, schminbet nicht nur bas Vorurteil gegen bie Kohlenverbrennung, sonbern bie Kohle gewinnt auch immer mehr an inbuftrieUer Bedeutung. Indien hat in den letzten Jahren in Bengalen eine sehr beachtliche Kohlenindustric mit moderner Gewinnung entfaltet, die jährlich etwa 20 Millionen Tonnen erzeugt. China, bas viele Milliarben Tonnen Kohlen in feiner Erbe birgt, hat eine ebensolche Höhe erreicht und zeigt ein machsendes Augenmerk auf seine bedeutenden Erdschätzc. Japan konnte seine Produktion auf jährlich 30 Millionen Tonnen steigern. Die bebeutenben Kohlenlager in Fushun, welche eines ber mächtigsten zu Tage liegenben Flöze, besitzen, gingen im letzten Jahre i bazu über, bie Kohle nach dem bcutschen Berginverfahrcn zu verölen.

'sche Univ ersitä ls-Duch» und Steindruck er es, N. Lange, Gießen.