feine Weltanschaung aufs tiefste bestimmende Beschäftigung mit der bildenden Kunst schärfte seinen Blick und reifte seinen Geschmack in einer ganz andern Weise, als es dem Vater oder einem andern Sammler seiner Umgebung möglich war. Von Kindheit an lernte er zeichnen; die ersten großen Kunsteindrücke, der Besuch der Dresdener Galerie von Leipzig aus, das Studium des Mannheimer Antikenkabinetts auf der Rückreise von Straßburg, die Begeisterung für die Niederländer der Düsseldorfer Gemäldesammlung — all das bewahrte ihn vor einer Einseitigkeit, der er auch nach seiner italienischen Reise nie verfallen ist.
Wen man von Goethes Umgang gesagt hat, daß er mit Leidenschaft alles an sich zog, was irgend ihm verwandt war, so kann dies auch von den leblosen Dingen der Wissenschaft und Kunst gelten, mit denen er sich zu innigen persönlichem Verkehr umgab. Er will „mit Verstand wählen und sich mit wenigem Guten begnügen", aber „das Eigene hat eine bestimmte Sammlung, daß sie das Zerstreute an sich zieht", und so hat er denn im Laufe seines langen Lebens gar Vieles und Vielartiges zusammengebracht, das er mit der vom Vater ererbten Gewissenhaftigkeit, ja Pedanterie katalogisierte und ordnete. Zunächst mag ihn wohl die Mode aufs Sammeln gelenkt haben, so bei seiner reichen Silhouetten sammlung und den Gemmen. Der Enthusiasmus des Rokoko für die geschnittenen Steine und die Abgüsse dieser edlen Kleinkunst in Wachs und Gips, in dem sich eine erste kokett-zierliche Liebe zur Antike regte, wurde dem jungen Studenten durch Oeser nahe gebracht und ist ihm bis ins hohe Alter geblieben. Außer einigen als Ringe gefaßten Originalsteinen befaß er die umfangreichen Daktyliotheken, die einige findige Kunstfreunde und Geschäftsleute anfertigten und verkauften, und außerdem noch 16 000 Schwefel- und Gipsabgüsse von antiken Gemmen und Münzen. „Ich habe sie so lange angesehen', schrieb er einmal an Wilhelm von Humboldt, „und von allen Seiten betrachtet, bis ich fremder Hilfe bedurfte: dann nahm ich Eckhels fürtreffliches Werk vor." So von der Anschauung aus, wie sie ihm seine Sammlungen vermittelten, trat er an ein Kunstgebiet heran. Auch die Leidenschaft für Kupfer- stiche und Handzeichnungen erwuchs in ihm schon aus der Zeitstimmung heraus — ruinierten sich doch damals Sammler, um ein komplettes Werk des Radierers Rembrandt zu haben! — und die Pira- nesischen Küpser des Vaters waren „werte Erinnerungszeichen", die später sein Gartenhaus schmücken sollten. In der ersten Weimarer Zeit sammelte er dann eifrig Radierungen, sogar für andere, für Carl August Rembrandt, für Lavater Dürer, und besonders Handzeichnungen. Seine Sammlung bewahrt denn auch einige wundervolle Werke altdeutscher Meister, eine sehr wertvolle Federzeichnung Peter Vischers, herrliche Gouachen Daniel Hopsers, einen schönen Druck des Marien- todes von Schongauer, den er schon auf der ersten Schweizer Reise bewunderte und 1819 in Erfüllung eines „uralten Wunsches" kaufte. Werke von Niederländern und Rokokomeistern sind ebenfalls reich vertreten — fo Rubens mit einer großartigen Rötelzeichnung — am stärksten berücksichtigt find aber die Italiener der Hoch- und Spät- renaiffance, für die Goethe aus Italien eine hohe Verehrung mitbrachte.
Diese Liebe zur reifen Kunst Italiens äußert sich vornehmlich in feiner Begeisterung für Raffael, dessen Werke er in den verschiedensten Nachbildungen in seiner Wohnung aufhing. Auch von Tizian besaß er eine Kopie der nackten Gestalt aus dem Bilde der „Himmlischen und irdischen Liebe". Ein Originalwerk ist das dem B a r o c c i o zugeschriebene Porträt der Herzogin von Urbino, nach dem Goethe stolz eines seiner Zimmer nannte. Doch selbst in seinem Geschmack an Gemälden war er nicht einseitig, sondern freute sich mit den Brüdern Boisseree an altdeutscher Kunst. Zahlreich waren die gemalten Andenken, die er aus Italien mitbrachte; von dieser seligsten Zeit seines Lebens erzählen die Zeichnungen von Kniep und Bury, die Arbeiten von H ackert, Angelika Kauffmann, Wilhelm Tischbein, die Malereien seines Freundes Meyer. Der Ruhm führte bann später dem gefeierten Olympier eine große Anzahl von Werken zeitgenössischer Künstler zu, die ihn verehrten; er nahm sie dankbar auf und suchte manches zu vervollständigen. So legte er eine Galerie von Porträts an, für die ihm fein „Hauszeichner" Schmeller berühmte Besucher recht und schlecht ausnehmen mutzte. Diese umfangreiche Sammlung von Bildnissen und Zeichnungen hat heute einen eminenten kulturgeschichtlichen Wert. Ueber- haupt sammelte der alte Goethe alles und jedes; Fremde wußten, daß ein Geschenk der sicherste Weg zu seinem Herzen war; Freunde sandten ihm denkwürdige Sachen zu; er selbst brachte von seinen Reisen mit, was ihm gefiel. Selbst ein einfacher Landmann, der beim Pflügen etwas Seltenes fand, wandte sich an ihn mit feiner Gabe. Es kam schließlich eine bunte, wunderliche Fülle eigenartiger Kostbarkeiten zusammen, die doch auch wieder, wie die Napoleon-Religuien, Goethes persönlichste Anteilnahme widerspiegeln.
Ließ er so sich durch den Zufall allerhand Gutes zutragen, so war er dafür aufs eifrigste tätig, wenn es galt, etwas Antikes sich zu verschaffen. Abgüsse wichtiger Werke der antiken Plastik grüßten — und prüften noch heute — aus der Treppe. Andere Werke, die Büste der Klytia die „unvergleichliche" Medusa Rondanini, eine Bacchus-Herme, dieser köstliche alte Göße" seine „erste Liebschaft in Rom", die Juno Ludovisi, die „lieben Frauen" von Milo und Arles, der liebliche Eros von Centocelle, alles Dokumente einer glühenden Liebe zum „schönen Heidentum", boten Goethe eine unerschöpfliche Fülle des Genußes. Außerdem nannte er anfckpuliche Zeichnungen der Parthenon-Skulpturen und Kopien pompejanifcher Wandmalereien fein eigen, dazu eine Heine Sammlung antiker Tonvasen- und Krüge. Die reine Sinnen Schönheit dieser alten Stücke sand er wieder in den italienischen B r o n z e n und Medaillen der Renaissance, die er besaß. Solche zierlichen Werke der Kleinplastik leiten über zu den zahlreichen modernen plastischen Werken aus Goethes Besitz, Arbeiten von S cha do w, Rauch, Friedrich -tret?, und den vielen Porträtbüsten, unter denen natürlich die Goethe-Achten die erste Stelle einnehmen. Besonders stolz war Goethe auf feine Majolika- Sammlung, die er feit 1816 mit nicht unbedeutenden Kosten planvoll zusammenbrachte. „Die Gegenwart dieser Schußcln, -icLer und Gefäße, deren freudige Buntheit ihre italienische Heimat wider
spiegelte, gab ihm einen Ansporn zu feiner Darstellung der italienischen Reise und seinen Eindruck von tüchtig frohem Leben." Ein Zeugnis unermüdlichen Schaffens und Lernens sind dann Goethes umfangreiche naturraiffenfd)aftli_d)en Sammlungen. Seine Mineralienschränke umfassen 18 000 Steine; wissenschaftlich wertvoll sind besonders seine Sammlungen menschlicher und tierischer Schädel,' die von feinen Arbeiten über den Zwischenkiefer und der Beschäftigung mit der Gallschen Schädellehre herrühren.
60Zshre Deutscher Reichstag.
Von Felix Baumann.
Am 17. März 1871 war Wilhelm I. aus dem Felde in die Residenz zurückgekehrt, in der dem nunmehrigen Kaiser ein begeisterter Empfang zuteil wurde. Am 20. März empfing der Monarch im Weißen Saale des Königlichen Schlosses die Mitglieder des Berliner Magistrats und der Stadtverordneten sowie eine Deputation aus Charlottenbura unter Bürgermeister Bullrich und aus Breslau unter Bürgermeister Hobrecht. Im Namen aller überreichte der Berliner Oberbürgermeister Seydel eine Willkommen- und Ergebenheitsadresse. Später empfing der alte Kaiser noch den Vorstand des ältesten Kollegiums der Berliner Kaufmannschaft, der einen massiv goldenen Lorbeerkranz überbrachte, auf dessen Blättern die Worte „Rückkehr nach Berlin — den 17. März 1871" und die Namen der siegreichen Schlachten und eroberten Festungen eingraviert standen.
Am Tage vor dem 74. Geburtstage des Heldenkaisers fand die feierliche Eröffnung des ersten Reichstages des geeinten Deutschland statt. Aus allen Gauen des Deutschen Reiches hatte die Nation ihre Boten zur Gesetzgebung für das Reich entsandt — von der Königsau bis zum Bodensee, von den Sudeten bis zum Wasgau. Von Weizacker, aus Westfalen und vom Rhein, aus Oberbayern und Franken tarnen die Volksvertreter zusammen.
Der große Festakt sollte um 1 Uhr mittags im Weißen Saale des Königlichen Schlosses vor sich gehen. Aber der voraufgehepde Gottesdienst in der Schloßkapelle, dem der gesamte Hof beiwohnte — nach der vom Hof- und Domprediger Kögel abgehaltenen Liturgie predigte der General-Superintendent Dr. Hoffmann mit dem 45. Vers des 21. Kapitels aus dem Buche Josua als Grundtext — zog sich so in dis Länge, daß die Eröffnungsfeier erst um 2 Uhr beginnen konnte.
Nach dem Gottesdienst zog sich der Hof, der sämtliche deutsche Fürstlichkeiten umfaßte, in die Rote Samtkammer zurück, während sich das Gefolge in der benadjbarten Alten Kapelle versammelte. Die Obersten Hof-, die Oberhof- und die Hofchargen sowie die zum Tragen der Reichsinsignien bekannten Persönlichkeiten, warteten in der Bildergalerie, wohin vorher zwei Offiziere und vier Mann des Gardedukorps die Kleinodien gebracht hatten. Die Mitglieder des Bundesrates hielten sich im Grünen Saale auf. Unterdessen hatten im Weißen Saale die Generalität, die Johanniterritter, die Wirklichen Geheimen Wie, die Vortragenden Räte in den Ministerien und die Reichstagsabgeordneten sowie das Diplomatische Korps Aufftellung genommen, denen sich der Bundesrat unter Bismarcks Führung zugesellte. Um 2 Uhr erfolgte der Einzug des Hofes. Vor dem Kaiser seine alten Paladine: M o l t k e mit dem blanken Reichsschwert, General v. Peuker mit dem Reichsapfel auf silbernem Kissen, der Kriegsminister Gras Roon mit dem Szepter auf goldenem Kissen, Oberstkämmerer Graf v. Siebern mit der Krone auf goldenem Kissen und, unmittelbar vor dem Kaiser, der greife Feldmarschall Graf v. Wränge! mit dem Reichspanier, begleitet von den Generalleutnants v. K a m e k e und v. Podbielfki.
Nachdem der Kaiser auf dem Thronsessel Platz genommen hatte, stellten Moltke und Wraugel sich dahinter auf, während Reichsapfel, Szepter und Krone auf Taburette niedergelegt wurden. Der Thron, ein schwerer Steinsessel in Würfelform auf vier plumpen Bronzeknausen ruhend, dessen Rücken- und Seitenlehnen mit mittelalterlichen Bronzen verziert waren, erregte allgemeine Aufmerksamkeit. Es war der sogenannte „Kaiserstuhl von Goslar", den Prinz Carl von Preußen aus seiner Sammlung zur Verfügung gestellt hatte. Der Kunstgeschichte und lokalen Domsage zufolge, sollen die alten deutschen Kaiser des sächsischen Hauses auf dem Sessel gesessen haben. .
Nach einem vom Wirklichen Geheimen Rat v. Frankenberg-Ludwigs- darf ausgebrachten dreifachen Hoch auf den Kaiser überreichte Bismarck (in preußischer Generalleutnants-Uniform mit langen Hofen und Degen) dem Herrscher die in einer roten Mappe mit goldenem Adler liegende Thronrede, die Wilhelm I. mit fester, lauter Stimme verlas. Sie begann mit den Worten: Wenn Ich nach dem glorreichen, aber schweren Kampfe, den Deutschland für seine Unabhängigkeit siegreich geführt hat, zum ersten Male den deutschen Reichstag um Mich versammelt sehe, so drängt es Mich vor allem. Meinen demütigen Dank gegen Gott zum Ausdruck zu geben für die weltgeschichtlichen Erfolge, mit denen seine Gnade die treue Eintracht der deutschen Bundesgenossen, den Heldenmut und die Manneszucht unserer Heere und die opferfreudige Hingebung des deutschen Volkes gesegnet hat. Wir haben erreicht, was feit der Zeit unserer Väter für Deutschland erstrebt wurde: die Einheit und deren organische Gestaltung, die Sicherung unserer Grenzen und die Unabhängigkeit unserer nationalen Rechtsentwicklung. Das Bewußtsein seiner Einheit war in dem deutschen Volke, wenn auch verhüllt, doch stets lebendig. Es hat seine Hülle gesprengt in der Begeisterung, mit welcher sich die gesamte Nation zur Verteidigung des deutschen Vaterlandes erhob und in unvertilgbarer Schrift auf den Schlachtfeldern Frankreichs, die ihren Willen verzeichnet, ein einiges Volk zu fein und zu bleiben. Die Achtung, welche Deutschland für seine eigene Selbständigkeit in Anspruch nimmt, zollt es bereitwilligst der Unabhängigkeit anderer Staaten und Völker, der schwachen wie der starken. Das neue Deutschland, wie es aus der Feuerprobe des gegenwärtigen Krieges hervor- gegangen ist, wird ein zuverlässiger Bürge des europäischen Friedens fein, weil es stark und selbstbewußt genug ist, um sich die O-dnung seiner eigenen Angelegenheiten als fein ausschließliches, „aber auch ausreichendes und zufriedenstellendes Erbteil zu bewahren."


