aufgehen. Denk' an den edlen, zarten Wuchs, an dis schön gewölbte, lilienweiße Stirn, an das Inkarnat, das wie Rosenhauch die Wangen überfliegt, an die seinen, kirschrot brennenden Lippen, an das in frommer Sehnsucht hinschauende Auge, von dunkler Wimper halb verhängt wie Mondesstrahl von düsterm Laube — denk' an das seidne Haar, in zierlichen Flechten kunstreich aufgenestelt — denk' an alle Hirnmels- schönheiten jener Jungfrauen, und du schauest die holde Rosa. Wie vermöchte auch sonst der Erzähler dir das liebe Himmelskind zu schildern? — Doch sei es erlaubt, hier noch eines macfern jungen Künstlers zu gedenken, in dessen Brust ein leuchtender Strahl aus jener schönen alten Zeit gedrungen. Es ist der deutsche Maler Cornelius in Rom gemeint. — „Bin weder Fräulein noch schön!" — So wie in Cornelius' Zeichnungen zu Goethes gewaltigem „Faust" Margareta anzuschauen ist, als sie diese Worte spricht, so mochte auch wohl Rosa anzusehen sein, wenn sie in frommer, züchtiger Scheu übermütigen Bewerbungen auszuweichen sich gedrungen fühlte.
Rosa verneigte sich in kindlicher Demut vor Paumgartner, ergriff seine Hand und drückte sie an ihre Lippen. Die blassen Wangen des alten Herrn färbten sich hochrot, und wie der Abendschein im Versinken noch einmal auflackernd das schwarze Laub plötzlich vergoldet, so blitzte das Feuer längst vergangener Jugend auf in seinen Augen. „Ei", rief er mit Heller Stimme, „ei, mein lieber Meister Martin, Ihr seid ein wohlhabender, ein reicher Mann, aber die schönste Himmelsgabe, die Euch der Herr beschert hat, ist doch Cure holde Tochter Rosa. Geht uns alten Herren, wie wir alle im Rate sitzen, das Herz auf und können wir nicht die blöden Augen wegwenden, wenn wir das liebe Kind schauen, wer mag's denn den jungen Leuten verargen, daß sie versteinert und erstarrt stehen bleiben, wenn sie auf der Straße Eurer Tochter begegnen, daß sie in der Kirche Eure Tochter sehen, aber nicht den geistlichen Herrn, daß sie auf der Allerwiese, oder wo es sonst ein Fest gibt, zum Verdruß aller Mägdlein, nur hinter Eurer Tochter her sind mit Seufzern, - Liebesblicken und honigsüßen Reden. — Run, Meister Martin! Ihr möget Euch Euern Eidam wählen unter unfern jungen Patriziern, oder wo Ihr sonst wollet."
Meister Martins Gesicht verzog sich in finstere Falten, er gebot der Tochter, edlen alten Wein herzubringen, und sprach, als sie, über und über glühend im Gesicht, den Blick zu Boden gesenkt, fortgegangen, zu dem alten Paumgartner: „Ei, mein lieber Herr, es ist zwar in der Wahrheit, daß mein Kind geschmückt ist mit ausnehmender Schönheit, und daß auch hierin mich der Himmel reich gemacht hat, aber wie mögt Ihr denn davon sprechen in des Mägdleins Gegenwart, und mit dem Eidam Patrizier ist es nun ganz und gar nichts." — „Schweigt", erwiderte Paumgartner lachend, „schweigt, Meister Martin, wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über! — Glaubt Ihr denn nicht, daß mir auch das tröge Blut im alten Herzen zu hüpfen beginnt, wenn ich Rosa sehe, und wenn ich dann treuherzig heraussage, was sie ja selbst recht gut wissen muß, daraus wird kein Arges entstehen."
Rosa brachte den Wein und zwei stattliche Trinkgläser herbei. Martin rückte dagegen den schweren, mit wunderlichem Schnitzwerk verzierten Tisch in die Mitte. Kaum hatten die alten Herren indessen Platz genommen, kaum hatte Meister Martin die Gläser vollgeschenkt, als sich ein Pferdegetrappel vor dem Hause vernehmen ließ. Es war, als hielte ein Reiter an, dessen Stimme im Flur laut wurde. Rosa eilte hinab und kam bald mit der Nachricht zurück, der alte Junker Heinrich von Spangenberg sei da und wünsche bei dem Meister Martin einzusprechen.'„Nun", rief Martin, „so ist das heute ein schöner, glücklicher Abend, da mein wackerer, ältester Kundmann bei mir einkehrt. Gewiß neue Bestellungen, gewiß soll ich neu auslagern." — Und damit eilte er, so schnell als es gehen wollte, dem willommenen Gast entgegen.
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Der Hochheimer perlte in den schmucken geschlissenen Trinkgläsern und erschloß den drei Alten Zunge und Herz. Zumal wußte der alte Spangenberg, bei hohen Jahren noch von frischem Lebensmut durchdrungen, manchen lustigen Schwank aus froher Jugendzeit aufzutischen, so daß Meister Martins Bauch weidlich wackelte und er vor ausgelassenem Lachen sich einmal über das andere die Tränen aus den Augen wischen mußte. Auch Herr Paumgartner vergaß mehr als sonst den ratsherrlichen Ernst und tat sich gütlich mit edlem Getränk und dem lustigen Gespräch, als nun aber Rosa wieder eintrat, den säubern Handkorb unter dem Arm, aus dem sie Tischzeug langte, blendend weiß wie srischgesallener Schnee, als sie, mit häuslicher Geschäftigkeit hin und her trippelnd, den Tisch deckte und ihn mit allerlei würzreichen Speisen besetzte, als sie mit holdem Lächeln die Herren einlud, nun auch nicht zu verschmähen, was in der Eil' bereitet worden, da schwieg Gespräch und Gelächter. Beide, Paumgartner und Spangenberg, wandten die leuchtenden Blicke nicht ab von der lieblichen Jungsrau, und selbst Meister Martin schaute, zurückgelehnt in den Sessel, die Hände zusammengesaltet, ihrem wirtlichen Treiben zu mit behaglichem Lächeln. Rosa wollte sich entfernen, da sprang aber der alte Spangenberg rasch auf wie ein Jüngling, faßte das Mädchen bei beiden Schultern und rief, indem die hellen Tränen ihm aus den Augen rannen, einmal über das andere: „O du frommes, holdes Cngelskind — du herziges, liebes Mägdlein", — dann küßte er sie zwei-, dreimal auf die Stirne und kehrte wie in tiefem Sinnen auf seinen Platz zurück. Paumgartner brachte Rosas Gesundheit aus. — „Ja", fing Spangenberg an, als Rosa hinausgegangen, „ja, Meister Martin, der Himmel hat Euch in Eurer Tochter ein Kleinod beschert, das Ihr gar nicht hoch genug schätzen könnet. Sie bringt Euch noch zu hohen Ehren: wer, sei es, aus welchem Stande es wolle, möchte nicht Euer Eidam werden?" — „Seht Ihr wohl", fiel Paumgartner ein, „sehr Ihr wohl, Meister Martin, daß der edle Herr von Spangenberg ganz so denkt wie ich? Ich sehe schon meine liebe Rosa als Patrizierbraut mit dem reichen Perlenschmuck in den schönen blonden Haaren." — .Liebe Herren", fing Meister Martin ganz verdrießlich an, „liebe Herren, wie möget ihr denn nur immer von einer Sache reden, an die ich zur Zeit noch gar nicht denke? Meine Rosa hat nun das achtzehnte Jahr erreicht, und solch ein blutjunges Ding darf noch nicht ausschauen
nach dem Bräutigam. Wie es sich künftig fügen mag, überlasse ich ganz dem Willen des Herrn, aber so viel ist gewiß, daß weder ein Patrizier noch ein anderer meiner Tochter Hand berühren wird als der Küper, der sich mir als den tüchtigsten, geschicktesten Meister bewährt hat. Vorausgesetzt, daß ihn meine Tochter mag, denn zwingen werde ich mein liebes Kind zu nichts in der Welt, am wenigsten zu einer Heirat, die ihr nicht ansteht." Spangenberg und Paumgartner schauten sich an, voll Erstaunen über diesen seltsamen Ausspruch des Meisters. Endlich nach einigem Räuspern fing Spangenberg an: „Also aus Euerm Stande heraus soll Eure Tochter nicht freien?" — „Gott soll sie dafür bewahren!" erwiderte Martin. „Aber", fuhr Spangenberg fort, „wenn nun ein tüchtiger Meister aus einem edlen Handwerk, vielleicht ein Goldschmied oder gar ein junger wackerer Künstler, um Eure Rosa freite und ihr ganz ausnehmend gefiele vor allen andern jungen Gesellen, wie bann?" — „.Zeigt mir“', erwiderte Martin, indem er den Kopf in den Racken wars, „.zeigt mir, lieber, junger Gesell', würde ich sprechen, .das schöne zweisudrige Faß, welches Ihr als Meisterstück gebaut habt', und wenn er das nicht könnte, würd' ich freundlich die Tür öffnen und ihn höflichst bitten, doch sich anderswo zu versuchen." — „Wenn aber", sprach Spangenberg weiter, „wenn aber der junge Gesell spräche: .Solch einen kleinen Bau kann ich Euch nicht zeigen, aber kommt mit mir auf den Markt, schaut jenes stattliche Haus, das die schlanken Gipfel kühn emporstreckt in die hohen Lüfte — das ist mein Meisterbau!'" — „Ach, lieber Herr", unterbrach Meister Martin ungeduldig Spangenbergs Rede, „ach, lieber Herr, was gebt Ihr Euch denn für Mühe, mich eines andern zu überzeugen? Aus meinem Handwerk soll nun einmal mein Eidam fein, denn mein Handwerk halt' ich für das Herrlichste, was es auf der Welt geben kann. Glaubt Ihr denn, daß es genug ist, die Bände aufzutreiben auf die Dauben, damit das Faß zusammenhalte? Ei, ist es nicht schon herrlich und schön, daß unser Handwerk den Verstand voraussetzt, wie man die schöne Himmelsgabe, den edlen Wein, hegen und pflegen muß, damit er gedeihe und mit aller Kraft und Süßigkeit wie ein wahrer, glühender ßebensgeift uns durchdringe? Aber bann der Bau ber Fässer selbst! Müssen wir, soll der Bau gelingen, nicht erst alles sein abzirkeln und abmessen? Wir müssen Rechenmeister und Meh- künstler sein, denn wie möchten wir sonst Proportion und Gehalt der Gesäße einsehen? Ei, Herr, mir lacht das Herz im Leibe, wenn ich solch ein tüchtig Faß auf den Endstuhl bringe, nachdem die Stäbe mit dem Klöbeisen und dem Lenkbeil tüchtig bereitet, wenn dann die Gesellen die Schlägel schwingen und klipp, klapp — klipp, klapp es niederfällt auf die Treiber, hei! das ist lustige Musik. Da steht nun das wohlgeratene Gebäude, und wohl mag ich ein wenig stolz Ümschauen, wenn ich den Reißer zur Hand nehme und mein Handwerkszeichen, gekannt und geehrt von allen wackern Weinmeistern, in des Fasses Boden ein- reiße. (Fortsetzung folgt.)
Goethe als Sammler.
Zum Todeslage: 22. März.
Von Dr. Paul Landau.
„So ward zum Pantheon dies enge Haus Und schmückte sich mit Götterbildern aus. Gemächer, Säle, Winkelchen und Gänge — Sie faßten kaum der Kostbarkeiten Menge."
Mit solchen Versen hat Paul Heyse das Weimarer Goethe-Haus gefeiert als das stolzeste Zeugnis von dem Kunstsinn und der reichen Sammeltätigkeit unseres größten Dichters. Dieser ehrwürdige Bau, der heute als Goethe-Nationalmuseum zu einer dem deutschen Volke besonders heiligen Kulturstätte geworden ist, ward durch diesen dem Genius ureignen, ordnenden, schmückenden und sammelnden Trieb zur würdigen Behausung seines Geistes, so rein aus seiner Wesenheit erwachsenen, so völlig bestimmt durch seine Bedürfnisse, gleichsam wie das Gehäuse der Schnecke notwendige Wohnung ist. Seitdem 1794 durch die Gnade seines Herzogs das sogenannte „Helmershausische Haus" am Frauenplan sein Eigentum geworden mar, trachtete er danach, in seinen Mauern jenen unsichtbaren zauberhaften Kreis um sich zu ziehen, „in welchem außer Lieb' und Freundsck^ist, Kunst und Wissenschaft nichts herein kann". Sein Verlangen nach Schönheit, das in ber „nordischen Nacht- und Nebelwelt" aus Kunstgebilben aller Art Nahrung saugen mußte, seine unermübliche Wißbegier, die am besten in ber Anschauung irgenbeines Gegenstanbes lernte, ließen ihn all jene Schätze zusammenbringen, aufstellen und systematisch eingliedern in die Totalität seiner Existenz, so daß uns die unvergleichliche Allseitigkeit dieser begnadeten Natur nirgends sinnlich- lebendiger entgegentritt als in seinen Sammlungen.
Die Sammelleidenschaft des 18. Jahrhunderts, soweit sie nicht von einigen Souveränen, wie August dem Starken und Friedrich dem Großen, in einem grandiosen, der Zeit vorauseilenden Stil betrieben wurde, war in Deutschland noch allgemein aufs Kuriose, Seltsame und wunderliche gerichtet. Das typische Beispiel dasür ist etwa der von Goethe in den „Tag- und Jahresheften" mit so entzückendem Humor geschilderte Hosrat B e i r e i s, der wie in einer alten „Kunst- und Wunderkammer" unter Staub, Gerümpel und Mottenfraß Automaten und merkwürdige Maschinen, Naturalien aller Art, Magnetsteine und mehr oder weniger echte Diamanten bewahrte, in seinem Schlafzimmer Bilderhaufen auffchichtete, neben einem echten Dürer eine wertlose Kopie, und alles mit dem Behagen eines Schaububenbesitzers vorwies. Strebten solche geschmacklos- charlatanische Sammler aus ber Zeit bes Barocks nach bem Phantastisch- Ungeheuerlichen, dem Einzigartig-Fabelhaften, so bewegten sich andere, mehr rationalistisch gesinnte Kunstfreunde in einer praktisch-engen Tätigkeit. Auch solche Typen hat Goethe in seiner graziösen Kunstnovelle „Der Sammler und die Seinigen" bargestellt. Sein Vater war selbst solch ein Sammler in der naiv tätigen Manier seiner Epoche, ber mit der Beschäftigung heimischer Künstler und der Anlegung einer Gemäldegalerie nicht ästhetische Tendenzen verfolgte, sondern auf seine Art nationalökonomisch wirken und zugleich allerlei Andenken besitzen wollte. Goethes eingehende.


