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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 25

Freitag, den 20. Marz

J ihrgang <931

Der Tag war heiß, die Luft in den Stuben jetzt, da die Abend- däinmerung einbrach, schwül und dunstig, deshalb führte Meister Martin seinen edlen Gast in die geräumige, kühle Prangkuchen, So hieß zu jener Zeit der Platz in den Häusern der reichen Burger, der zwar wie eine Küche eingerichtet, aber nicht zum Gebrauch, sondern nur zur Schau mit allerlei köstlichen Gerätschaften des Hausbedarfs ausgeschmuckt war. Kaum eingetreten, rief Meister Martin mit lauter Stimme:atosa Rosa!" Alsbald öffnete sich denn auch die Tür, und Rosa, Meister Martins einzige Tochter, kam hineingegangen.

Mochtest du, vielgeliebter Leser, in diesem Augenblick doch recht lebhaft dich der Meisterwerke unseres großen Albrecht Dürers erinnern. Möchten dir doch die herrlichen Jungfrauengestalten voll hoher Anmut, voll süßer Milde und Frömmigkeit, wie sie dort zu finden, recht lebendig

nur unsere ehrsamen Herren des Rats, fragt Fürsten und Herren rings um unsere gute Stadt Nürnberg her, fragt den hochwürdigen Bischof von Bamberg, fragt, was die alle von dem Meister Martin halten. Nun' ich denke, ihr sollt nichts Arges vernehmen!" Dabei klopfte sich H-rr Martin recht behaglich auf den dicken Bauch, schmunzelte mit halbgeschlossenen Augen und fuhr dann, da alles schwieg und nur hin und wieder ein bedenkliches Räuspern laut wurde, also fort:Aber ich merk' es ich weih es wohl, daß ich mich nun noch schönstens bedanken oll dafür, daß der Herr endlich bei der Wahl eure Köpfe erleuchtet hat. Nun! wenn ich den Lohn empfange für die Arbeit, wenn der Schuldner mir das geborgte Geld bezahlt, da schreib' ich wohl unter die Rechnung, unter den Schein: zu Dank bezahlt, Thomas Martin, Küpermeister allhier! So seid denn alle von Herzen bedankt dafür, daß ihr mir, indem ihr mich zu euerm Vorsteher und Kerzenherrn wählet, eine alte Schuld obtruget. Uebrigens verspreche ich euch, daß ich mein Amt mit aller Treue und Frömmigkeit verwalten werde. Der Zunft, jedem van euch, stehe ich, wenn es not tut, bei, mit Rat und Tat wie ich cs nur vermag mit allen meinen Kräften. Mir soll es recht anliegen, unser berühmtes Gewerk in vollen Ehren und Würden, wie cs jetzt besteht, zu erhalten. Ich lade euch, mein würdiger Handwerksherr, euch alle, ihr lieben Freunde und Meister, zu einem frohen Mahle auf künftigen Sonntag ein. Da laßt uns frohen Muts bei einem tüchtigen Glase Hochheimer, Johannisberger oder was ihr sonst an edlen Weinen aus meinem reichen Keller trinken möget, überlegen, was jetzt förderfamst zu tun ist für unser aller Bestes! Seid nachmals alle herzlichst eingeladen!" 1

Die Gesichter der ehrsamen Meister, die sich bei Martins stolzer Rede merklich verfinstert hatten, heiterten sich nun auf, und dem dumpfen Schweigen folgte ein fröhliches Geplapper, worin vieles von Herrn Martins hohen Verdiensten und feinem auserlesenen Keller vorkam. Alle versprachen, am Sonntag zu erscheinen, und reichten dem neu- erwählten Kerzenmeister die Hände, der sie treuherzig schüttelte und auch wohl diesen, jenen Meister ein klein wenig an seinen Bauch druckte, als walt' er ihn umarmen. Man schied fröhlich und guter Dinge.

*

Es traf sich, daß der Ratsherr Jacobus Paumgartner, um zu seiner Behausung zu gelangen, bei Meister Martins Hause vorübergehen mußte. Als beide, Paumgartner und Martin, nun vor der Türe dieses Hauses standen und Paumgartner weiter fortschreiten wollte, zog Meister Martin sein Mützlein vom Kopf, und sich ehrfurchtsvoll so tief neigend, als er es nur vermochte, sprach er zu dem Ratsherrn:Oh, wenn Ihr es doch nicht verschmähen wolltet, in mein schlechtes Haus auf ein Stündchen einzutreten, mein lieber, würdiger Herr! Laßt es Euch gefallen daß ich mich an Euern weisen Reden ergötze und erbaue. Ei, lieber Meister Martin", erwiderte Paumgartner lächelnd,gern mag ich bei Euch verweilen, aber warum nennt Ihr Euer Haus ein chlechies? Ich weih es ja, daß an Schmuck und köstlicher Gerätschaft es keiner der reichsten Bürger Euch zuvortut! Habt Ihr nicht erst vor kurzer Zeit den schönen Bau vollendet, der Euer Haus zur Zierde unserer berühmten Reichsstadt macht, und von der innern Einrichtung mag ich gar nicht reden, denn deren dürst' sich ja kein Patrizier schämen.

Der alte Paumgartner hatte recht, denn sowie man die hell gebahnte, mit reichem Messingwerk verzierte Tür geöffnet hatte, war der geräumige

1 Flur mit sauber ausgelegtem Fußboden, mit schönen Bildern an den i Wänden, mit kunstvoll gearbeiteten Schränken und Stühlen beinahe anzusehen wie ein Prunksaal. Da folgte denn auch jeder gern der Weisung, die alter Sitte gemäß ein Täfelchen, das 'gleich neben der Türe hing, in den Versen gab:

Wer tretten wil die Stiegen hinein. Dem sollen die Schue fein sauber seyn, Oder vorhero streiften ab. Daß man nit drüber zu klagen hab'. Ein Verständiger weiß das vorhin. Wie er sich halten soll darinn."

Meister Martin der Küfner und seine Gesellen.

Erzählung van E. T. A. H o f f m a n n.

Vorfrühling.

Von Hugo von Hofmannsthal.

Es läuft der Frühlingswind durch kahle Alleen, seltsame Dinge sind in seinem Wehn.

Er hat sich gewiegt, wo Weinen war, und hat sich geschmiegt in zerrüttetes Haar.

Er schüttelte nieder Akazienblüten und kühlte die Glieder, die atmend glühten.

Lippen im Lachen hat er berührt, die weichen und wachen Fluren durchspürt.

Er glitt durch die Flöte als schluchzender Schrei, an dämmernder Röte flog er vorbei.

Er flog mit Schweigen durch flüsternde Zimmer und löschte im Neigen der Ampel Schimmer.

Es läuft der Frühlingswind durch die Alleen, seltsame Dinge sind in seinem Wehn.

Durch die glatten, kahlen Alleen treibt sein Wehn blasse Schatten. Und den Duft, den er gebracht, von wo er gekommen seit gestern nacht.

Am ersten Mai des Jahres Eintausendfünshundertundachtzig hielt die ehrsame'Zunft der Böttcher, Küper oder Küfner in der freien Reichsstadt Nürnberg, alter Sitte und Gewohnheit gemäß, ihre feierliche Gewerks- versammlung. Kurze Zeit vorher war einer der Vorsteher oder sogenannten Kerzenmeister zu Grabe getragen worden, deshalb mußte ein neuer gewählt werden. Die Wahl siel ouf den Meister Martin. Än der -Leit mochte es beinahe keiner ihm gleich tun an festem und zierlichem Ban der Fässer, keiner verstand sich so wie er auf die Weinwirtschast im Keller weshalb er denn die vornehmsten Herren unter seinen Kunden hatte und in dem blühendsten Wohlstände, ja wohl in vollem Reichtum lebte. Deshalb sprach, als Meister Martin gewählt worden, der würdige Ratsherr Jacobus Paumgartner, der der Zunft als Handwerksherr Vorstand:Ihr habt sehr wohl getan, meine Freunde, den Meister Martin zu euerm Vorsteher zu erkiesen, denn in bessern Händen kann sich gar nicht das Amt befinden. Meister Martin ist hochgeachtet von allen die ihn kennen, ob seiner großen Geschicklichkeit und feiner tiefen Erfahrnis in der Kunst, den edlen Wein zu hegen und zu pflegen. Sein wackrer Fleiß, sein frommes Leben, trotz alles Reichtums, den er erworben, mag euch allen zum Vorbilde dienen. So seid denn, mein lieber Meister Martin, viel tausendmal begrüßt als unser würdiger Vor­steher!" Mit diesen Worten stand Paumgartner von feinem Sitze aus und trat einige Schritte vor mit offenen Armen, erwartend, daß Meister Martin ihm entgegenkommen werde. Dieser stemmte denn auch alsbald beide Arme auf die Stuhllehne und erhob sich langsam und schwerfällig, ! wie es sein wohlgenährter Körper nur zulasten wollte. Dann schritt er ebenso langsam hinein in Paumgartners herzliche Umarmung,_ die er kaum erwiderte.Nun", sprach Paiimgartner, darob etwas, befremdet, nun, Meister Martin, ist's Euch etwa nicht recht, daß wir Euch zu unferni Kerzenmeister erwählet?" Meister Martin warf, wie es seine Gewohnheit war, den Kops in den Nacken, fingerte mit beiden Händen auf dem dicken Bauche und schaute mit weit aufgeriffenen Augen, die Unterlippe vorgekniffen, in der Versammlung umher. Dann fing er, zu Paumgartner gewendet, also an:Ei, mein lieber, würdiger Herr, wie sollt' es mir denn nicht recht fein, daß ich empfange, was mir gebührt? Wer verschmäht es, den Lohn zu nehmen für wackere Arbeit, wer weiset den bösen Schuldner von der Schwelle, der endlich kömmt, das Geld zu zahlen, das er seit langer Zeit geborgt? Ei, ihr lieben Manner (so wandte sich Martin zu den Meistern, die ringsumher saßen), ei, ihr i lieben Männer, ist's euch denn nun endlich eingefallen, daß ich ich , der Vorsteher unserer ehrbaren Zunft sein nrnh? Was verlangt ihr vom Vorsteher? Soll er der gefchickteste sein im Handwerk? Geht hin und schaut mein zweisudriges Faß, ohne Feuer getrieben, mein wackre? Meisterstück an, und dann sagt, ob sich einer von euch rühmen darf, was Stärke und Zierlichkeit der Arbeit betrifft, ähnliches geliefert zu ( haben. Wollt ihr, daß der Vorsteher Geld und Gut besitze? Kommt m 1 mein Haus, da will ich meine Kisten und Kasten aufschließen, und ihr sollt euch erfreuen an dem Glanz des funkelnden Goldes und «ilbers. Soll der Vorsteher geehrt sein von Großen und Niedern? yragt doch