Ausgabe 
19.6.1931
 
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ilem durch das große Tauernprojekt das Kaprunertal umgestaltet i erden. Hier sollen die drei übereinanderliegenden Talböden, von denen t;r oberste, der gletscherumrahmte Moserboden, der bekannteste ist, wieder ii Seen zurückverwandelt werden.

Am weitesten fortgeschritten ist diese Entwicklung in der Schweiz, in j-r bereits eine ganze Reihe neuer Alpenseen entstanden ist. ,u nennen ist hier der See von Barberine, am Fuße der Gletscher nahe ; r Grenze von Savoyen, der Aufbau der Aare unterhalb Bern, in dem sst zwanzig Kilometer langen See von Mühleberg, die Vergrößerung 1,5 Lungernsees, des Klöntaler Sees, der Seen an der Bernina, sowie le 5 Ritomsees am St. Gotthard. Eine hundert Meter hohe Mauer am ichräh hat im Wäggital unweit Zürich einen großen Stausee geschaffen, 1 [(en Inhalt dem der Edertalsperre bei Waldeck, zur Zeit der größten talsperre in Deutschland, nur wenig nachsteht. Ebenfalls im Züricher lieblet haben die Schweizer Bundesbahnen alsEtzelwerk" im Tale der (if)l einen an Oberfläche noch größeren See geplant. Die großartigste Mage der Schweiz stellt zur Zeit wohl das Hasliwerk dar, bei dem das cie Grimselhospitz überstaut und seine Umgebung durch eine hundert Zeter hohe Mauer in einen Hochgebirgssee verwandelt worden ist, dessen Sellen den Fuß des Unteraaregletschers bespülen und Eisberge von ihm »lösen werden. Einem der größten Wasserfälle der Schweiz, dem Hanbeck- M, wird durch das entstehendeKraftwerk Handeck" allerdings wohl der Wasserreichtum stark beschnitten werden. Von besonderem Interesse ist nd) das Projekt, das im Tale, der Reuß bei Andermatt am Gotthard (inen gewaltigen Stausee schaffen will. Der Wechsel zwischen der engen folsenschlucht mit ihren Wasserfällen und dem barüberliegenben, in einen sichtbaren Talboben umgeroanbelten alten ©Geraum, ber eingangs als faratteriftifd) für bie Alpentäler hingestellt würbe, finbet sich hier besan- drs schön ausgebilbet. Es ist bie Lanbschaft, bie Schiller in seinemTeil" tschreibt:

Unb feib Ihr glücklich burch bie Schreckensstraße, Senbet der Berg nicht seine Winbeswehen Auf Euch herab von bem beeisten Joch, So kommt Ihr auf bie Brücke, welche stäubet*. Dann reiht ein schwarzes Felsentor sich auf Kein Tag haUs noch erhellt ba geht Ihr burch. Es führt Euch in ein heitres Tal ber Freude."

Das Felsentor an ber Schreckensstraße, bekannt auch unter bem tarnen besUrner Lochs", soll oberhalb bes gewaltigen Reuhfalles an imftäubenben Brücke" geschlossen werben unb bas barüber liegenbe l eitere Tal ber Freude" mit den schönen Dörfern Andermatt und Hospen- ich einst Stationen der alten Gotthard- und Furkapost, soll von einem goßen See überstaut werden. Eine kleinere Anlage derselben Art ist in dr Pfaffensprungschlucht der Reuß bei Amsteg an der Gotthardbahn Kreits ausgeführt worden.

Große Seen find auch in den bayrischen und österreichischen Alpen ffplant, doch hat man sich hier zumeist noch mit einer Umwandlung ber »rhandenen Seen in Wasserspeicher für Kraftzwecke begnügt, so am T -llchensee unb Achensee. In Bayern will man am Lech bei Roßhaupten riterljalb Füssen einen vorzeitlichen See wieberherzustellen. Seine Größe Hürde ber Ebertalsperre entsprechen. In Vorarlberg hat man am Der- nuntmert ber Rheinisch-westfälischen Elektrizitätswerke einen großen See g schaffen. Von bem Tauernprojekt im Kaprunertal war schon bie Rede, tach im Krimmlertale im Lande Salzburg ist oberhalb ber berühmten ! asserfälle, vielleicht ber größten innerhalb der eigentlichen Alpenberge, eh See geplant. Endlich sind noch große Pläne in Tirol, vor allem im Oktale zu nennen, durch die an dreitausend Menschen mit der Umsieb- limg bedroht werden. Allerdings dürfte eine so weitgehende Umgestaltung ll^hl kaum die allgemeine Zustimmung und bie Genehmigung ber Regie­rung finden.

Die Schaffung neuer Seen, ober richtiger bie Wieberherstellung ber o (-zeitlichen, dürfte im allgemeinen als Bereicherung der Landschaft empfunden werden, wenn auch die Vernichtung von Siedlungen sehr zu dauern ist. Dagegen sind die großen Wasserfalle der Alpen burch bie duftige Wasserwirtschaft ernstlich bebroht. Der Vorschlag, einzelne ber- !->ben alsNaturbenkmäler" oberNaturschutzgebiete" zu erhalten, kann m r schwachen Trost gewähren, namentlich, wenn man sieht, baß in den h-chen Tauern gerade imNaturschutzpark" die Wasserkrastnutzung am fitesten fortgeschritten ist. Vielleicht verspricht hier ein etwas anderer 'M noch mehr Erfolg. Ich möchte diesen Vorschlag der Einfachheit wegen «k den desT a u f e n b ft u n b e n f a 11 s" bezeichnen. Man kann nämlich, 'croeit es sich um Wasserläufe hanbelt, den Naturschutz nicht nur im Kimme ausgestatten, b. h. einzelne Schutzgebiete abgrenzen, sondern auch in ber Zeit. So kann man im Schwarzwalbe ist biefer Gedanke schon rroirtlidjt einen Flußlauf beispielsweise an den Wochentagen ablei- lei, am Sonntage aber seinem natürlichen Bette überlassen, so daß ® nigftens an einem Tage ber Woche die Natur in ihrem ursprünglichen 3 stände zu sehen ist. In ber Nacht, in den langen Gebirgswmtern, im tuühjahr, wenn Lawinen in die Täler stürzen, kann bie Wasserkraft- ufeung ohne jebe Beeinträchtigung des Frembenverkehrs erfolgen; ver- frrbert man bie Wasserentnahme nur zu ben Zeiten, in denen die laler hrteren Besuch zeigen, so kommt man etwa auf die Zeit von tausend öunben im Jahre; neun Zehntel der Kraft könnte also ausgenutzt wer- itn, ohne daß bie Alpenbesucher bavon etwas merkten. Eine solche l_o|ung m:g nicht nach jedermanns Geschmack fein. Die Volkswirtschaft hat aber nd) ihre Berechtigung, und ein vernünftiger Vermittlungsvorschlag sollte ich er nicht grundsätzlich verworfen werden. .

So mag zum Schluß ber Hoffnung Ausbruck gegeben werben, daß bte Upenlandschaft an Schönheit bereichert, wenn auch in ihrer ursprung- teien Wildheit gemildert, aus dem künftigen Ausbau der Wasserwirtschaft (evorgehen möge.

* Die sog. Teufelsbrücke, die vom Wassersturz der Reuß fortwährend litt Schaum bespritzt wird.

Oie Versuchung des Pescara.

Novelle von Conrad Ferdinand Meyer.

(Fortsetzung.)

Da Pescara die Zelle öffnete, fast er Viktoria auf den Knien liegen. Eine Weile schaute er schweigend, als wolle er nicht stören, durch ein Fenster des gekuppelten Rundbogens, in dessen Brüstung er sich gesetzt hatte, auf Rasenhügel und Grabtreuze, endlich fragte er;Was tust du, Viktoria?"

Buße", sagte sie.

Für wen?"

Sie erhob sich und antwortete mit noch gefalteten Händen:Ich tue Buße für mich unb Euch unb Italien. Für biefes seiner stolzen Frevel unb ungewöhnlichen Sünben wegen, an benen es zugrunbe gehen wird, ba Ihr ber einzige wäret, ber es retten konnte. Für mich, weil ich gekom­men bin, Euch in Versuchung zu führen. Für Euch, ba Ihr biete Erbe verlassen wollet. Ich habe gebetet für Euer unvergängliches Teil, aber ber Himmel" sie schüttelte traurig bas Haupthat mich noch nicht erhört."

Er zog sie auf die Bank ber Fensterbrüstung unb nahm sie bei ber Hanb, wie ber Stuber bie Schwester. Eine Lust, sich hinzugeben, überkam ihn, sei es, weil bas Geheimnis zwischen ihm unb seinem Weibe weg­genommen war, ober in bem unbewußten Wunsche, das letzte Beisammen­sein zu verlängern.

Kleingläubige", begann er heiter,überlasse mich meinem bunteln Beschützer! Als ein Knabe glaubte ich mit ber Mutter, bie eine Heilige war, an bas, was bie Kirche verheißt; jetzt sehe ich rings bas Fluten ber Ewigkeit. Der Tvbesengel war mir nahe, schon in meiner ersten Schlacht, ba, von ihm bezeichnet, mein Zeitgenosse bein Bruber, Viktoria lautlos, eine Kugel im Herzen, zusammenbrach. Ich habe ihm manche Hekatombe geschlachtet, unb auch er hat mich oft, fast auf jeder Walstatt, grüßend berührt; denn es scheint, ich bin verwundbarer als andere. Aber Zeit hat es gebraucht, bis ich den Schnitter lieben lernte. Noch in ben Wochen nach Pavia, ba ich wußte, baß er mich erwählt hatte, habe ich mich gegen ihn gesträubt und aufgebäumt und empört wie ein trotziger Jüngling. Allmählich aber ahnte ich, unb jetzt bin ich gewiß, daß er bie rechte Stunde kennt. Der Knoten meines Daseins ist unlösbar, er zer­schneidet ihn."

Die bleiche Viktoria hing an seinen Lippen unb staunte mit starren Augen, als sehe sie ben herrlichsten Palast brennen unb von ber lobern- ben Flamme jeben Säulenknauf beleuchtet.

Ich sage bir, Weib", fuhr er fort,mein Pfab versinkt vor mir! Ich gehe unter an meinen Siegen und an meinem Ruhme. Wäre ich ohne meine Wunde, dennoch könnte ich nicht leben. Drüben in Spanien Neid, schleichende Verleumdung, hinfällige unb enblich untergrabene Hofgunst, Ungnabe unb Sturz; hier in Italien Haß unb Gift für ben, ber es ver­schmäht hat.

Wäre ich aber von meinem Kaiser abgefallen, so würbe ich an mir selbst zugrunde gehen unb sterben an meiner gebrochenen Treue, benn ich habe zwei Seelen in meiner Brust, eine italienische unb eine spanische, unb sie hätten sich getötet. Auch glaube ich nicht, baß ich ein lebendiges Italien hätte schaffen können. Zwar es trägt die strahlende Ampel des Geistes, doch es hat sich aufgelehnt in der unbändigen Lust eines strotzen­den Daseins gegen ewige Gesetze. Es büße, du hast es gesagt, Viktoria; in Fesseln leidend, lerne es die Freiheit. Dieses spanische Weltreich aber, das in blutroten Wolken aufsteigt jenseits und diesseits des Meeres, erfüllt mich mit Grauen: Sklaven und Henker. Ich spüre bie grausame Ader in mir selbst. Unb bas Entsetzlichste: ich weiß nicht, welcher mön­chische Wahnsinn! Dein verderbtes Italien aber ist wenigstens menschlich."

Viktorias Augen verklärten sich, da sie sah, daß Pescara Italien liebte.Du hättest ihm Freiheit unb Freiheit ihm Tugenb gegeben!" rief sie, boch Pescara fuhr fort, als hätte er nicht gehört:Nun aber bin aus ber Mitte gehoben, ein Erlöster, unb glaube, baß mein Befreier es gut mit mir meint unb mich sanft von hinnen führen wirb. Wohin? In bie Ruhe. Unb jetzt laß uns scheiben, Viktoria." Er wollte ihr bie Tränen vom Auge küssen, sanb aber ben zärtlichsten Munb, ber ihm entgegenkam.

Noch eines", sagte er.Laß bie Weit über mich urteilen, wie sie will. Ich bin jenseits ber Kluft. Lebe wohl! Begleite mich nicht! Besuche mich in Mailanb, aber nicht, bevor ich rufe!"

Viktoria versprach, um nicht Wort zu hatten.

Da Pescara sich bei ber Aebtissin verabschiedete, brauchte sie ihr Anlie­gen gar nicht auszusprechen. Der Feldherr gewährte den Nachlaß ber Kriegssteuer als ein selbstverstänbliches Gegengeschenk für bie seinem Weibe gegebene Herberge. Ueber biefes Ende einer ökonomischen Bedräng­nis und eines schmalen Tisches ward eine solche Freude im Kloster, daß bie Schwestern zu Ehren ihres Gastes bie Tafel mit ben ausgesuchtesten Leckerbissen besetzten. Doch Viktorias Platz blieb leer.

Sachte ritt Pescara, von ben Segnungen bes Klosters begleitet, gegen bie Türme* ber Stabt zurück. Sein feuriger Rappe schien sich über ben gemessenen Gang zu wundern. Die auf ber Ebene geUenbe Felbmusik unb bie überall marschierenben Truppen verrieten ihm ben Beginn eines Feldzuges. Er schnoberte, als wittere er schon den Pulverdampf, und schritt stolz, als trage er den Sieg.

Abschied ist schwer, dachte ber Feldherr, ich mochte ihn nicht wieder­holen. Noch einmal hatte sich das Leben an ihn gedrängt und er das Veste des Daseins, Schönheit und Herzenskraft, in den Armen gehalten. Der Jüngling war in ihm aufgelobert, und wenige Augenblicke, nachdem er Diktorien so erbaulich zugeredet, lehnte er sich auf gegen bie Ver­nichtung. Das eble Blut, das in ben sterblichen Adern rinnt, bie Tatkraft, empörte sich gegen ben ewigen Frieden. Ein Zorn blitzte auf in seinen hellen grauen Augen gegen feinen Mörder, den er im Bilde wieder­erblickt, und er schlug mit ber gepanzerten Rechten gegen seine Brust, als zerdrücke er darauf die Wespe, bie ihn gestochen hatte. Jetzt wieherte auch der Rappe und setzte sich in kurzen G-ft-wp, von dem Feldherrn unwissentlich mit ber Ferse berührt ober so verwachsen mit ihm, baß er seinen Unmut mitfühlte.