Ausgabe 
19.6.1931
 
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»ter Wettstreit! Bald war der Behälter wieder voll, es waren drei­hundertsiebenundsiebzig Mehlwürmer gewesen.

Die kleine Frau erlöst vom Sofa herabkletternd, klopste mütterlich die verstaubten Helden aus und bewunderte sie mit vielen großen Worten, als seien es lauter Ritter George mit dem Lindwurm.

Die Schlange Kordula hat diese dreihundertsiebenundsiebzig Mehlwürmer nicht mehr alle verspeist. Als es Herbst wurde und ich wieder mal mit ihr in der Stadt war, legte sie sich hin und starb. Ich hasste noch einige Tage, es sei nur Winterschlaf! aber bald war kein Zweifel mehr, daß sie sehr tot war. Der rohe Rolf, der sie besichtigen kam, rief entsetzt:Aber die stinkt ja schon wie ein Manöverquartier, nun glaub's nur endlich! Trotzdem lieh ich mir noch von einer etwas erstaunten Kapazität der Tier­ärztlichen Hochschule den exitus meiner kleinen Freundin Kordula be­stätigen. Ja, nun glaubte ich's auch.

Wir setzten uns auf die Gäule, die drei Mehlwurmhelden und ich, die Schlange Kordula in der Satteltasche, und ritten zur Stadt hinaus, um die kleine Tote in meinem alten Garten, in dem schon mancher Tierkamerad lag, zu begraben. . .

Die beiden Reitersleute benahmen sich völlig ungehörig, faßten diesen Begräbnisritt als göttlichen Witz auf, trieben nichts als Unfug und memorierten schallend die unpassendsten Totenklagen an die Schlange Kor­dula. Aber der Attache blieb im Rahmen der Situation; er ritt ernst an meiner Seite, jeden dritten Kilometer etwa sagte er leise:pauvre animal und wieder nach einem Kilometer:helas

Und dann wurde die Schlange Kordula unter einer alten Linde dem ewigen Kreislauf allen Lebens wieder eingereiht.

Hundertfünfzig JahreRäuber".

Ein ehrwürdiges Theaker-Jubiläum.

Von Hans Heßler.

Die Räuber" hat Schiller, wie man weiß, auf der Karlsschule geschrieben. Er kam auf den Stoff durch die Geschichte des Räubers Roque im Don Quixote und durch eine Bemerkung: Rousseau rühme es an Plutarch, daß diesererhabene Verbrecher" zum Gegenstände seiner Lebensbeschreibungen gemacht habe. Das ist, anderen Mitteilungen gegen­über, innerlich glaubhaft. Denn gleich die ersten Worte Karl Moors im Drama heißen:Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen". Da haben wir den Plutarch. Was das Erhabene, die Tugend, das Große betrifft, so war Schiller mit diesem Gegenstände stark angefüllt. Eine seiner Reden, die er auf der Karlsschule halten mußte, trägt die UeberschriftDie Tugend in ihren Folgen betrachtet", sie ist vom 10. Januar 1780 datiert, und es lohnt, einige Sätze zu zitieren, um die Diktion des jungen Schillers in ihrer ganzen rhetorischen Pracht zu erkennen:So groß so selig, so unaussprechlich selig, meine Freunde, sind die inneren Folgen der Tugend. Dieses Gefühl, eine Welt um sich beglückt dieses Gefühl, einige Strahlenzüge der Gottheit getroffen zu haben dieses Gefühl, über alle Lobsprüche erhaben zu sein dieses Gefühl--' Man sieht, Schiller

hat keineSchreibe" sondern eine wirkliche und echte Rede geschrieben. Dieses Verfahren ist bezeichnend für die Art, wie dieRäuber" ent­standen sind.

Schiller arbeitete zunächst, bevor er die Anlage des Ganzen überdacht, Verwicklung und Lösung bestimmt hatte, einige verstreute Dialoge und Szenen aus, die er intuitiv sehen und hören mochte. Diese Stücke wur­den von Bekannten vorgelesen, damit er Eindruck und Wirkung besser beurteilen könne. Er widmete dem Werk jeden Tag mindestens einige Stunden, aber erst nach zehnfacher Abänderung wurde es 1780 vollendet: dieses Werk, das wie ein einziger genialer Wurf erscheint, ist in Wahrheit das Ergebnis einer mühsamen und vielfach vergeblichen Stückarbeit. Petersen, einer seiner Freunde, gibt eine Aufzeichnung über den Zustand des Dichters, wenn seine Gesichte ihm erschienen.In ihrer äuße­ren Wirkung betrachtet, war die Begeisterung bei Schiller korybantischer Art. Wenn erdichtete, brachte er seine Gedanken unter Stampfen, Schnau­ben und Brausen zu Papier eine Gefühlsaufwallung, die man oft bei Michelangelo während seiner Bildhauerarbeiten bemerkt hat. Mehr als hundertmal haben Schillers Bekannte diese Erscheinung an ihm beobachtet, und völlig wahr ist diese kleine Geschichte. Die ärztlichen Zöglinge der Akademie mußten am Ende ihrer Lehrjahre die Krankenzimmer besuchen und über die gehörige Pflege der Leidenden die Aufsicht führen.Als Schiller einmal die Reihe traf, setzte er sich an das Bett eines Kranken. Statt diesen aber zu befragen und zu beobachten, geriet er dichtend in solche Bewegungen und brausende Zuckungen, daß dem Kranken angst und bange ward, sein Arzt möchte in Wahnwitz und Tobsucht verfallen fein." Eine Anekdote, die den Zustand des jungen Schiller sehr anschau­lich macht; so etwa mögen auch dieRäuber" entstanden sein, aus einem gärend-dumpfen Gesühlsausbruch. Sie erschienen 1781, angeblich zu Frankfurt und Leipzig" gedruckt, natürlich ohne den Namen des Starts« schülers in einer sehr schäbigen, schlechten Ausgabe auf Schillers Kosten, säst auf Fließpapier".

Der neue Autor rechnete auf keine Aufführung, er erklärt in einer unterdrückten Vorrede:Es mag beim ersten Jn-die-Handnehmen auf­fallen, daß dieses Schauspiel niemals das Bürgerrecht auf dem Schauplatz bekommen wird. Wenn nun dieses ein unentbehrliches Requisitum zu einem Drama sein soll, so hat freilich das meinige einen großen Fehler mehr". Cs ist Überhaupt erstaunlich, wie Überraschend Schillers glühende Begeisterung gewichen ist, wie stark eine sehr nüchterne, bisweilen zynische Selbstkritik sich durchsetzt. Roch während des Drucks werden auf Rat der Freunde die Auswüchse der Diktion beseitigt, obwohl diese Aenderungen während der Drucklegung auf seine Kosten gingen. Die erste Ausgabe von 1781 verwarf er bald sie war auch nur in achthundert Exemplaren erschienen und ließ eine zweiteverbesserte Auflage" folgen, von der er bemerkt, daß sie sichvon der ersten durch Pünktlichkeit des Drucks und Vermeidung derjenigen Zweideutigkeiten unterfcheide, die dem feinem Theil des Publikums auffallend gewesen sein mögen". Dabei enthält auch diese Ausgabe noch Druckfehler genug und an Anstößigem übergenug, und

schön war auch sie nicht, sie kam auf grauem Druckpapier heraus, was in der dritten (Mannheim bei Tobias Löffler 1799) mit Recht gerügt wird. Alle drei Auflagen zeigen auf dem Titelblatt einen sich grimmig auf­richtenden Löwen, der einen anderen gepackt hat und niederdrückt. Unter diesen Vignetten steht das berühmte Motto:In Tirannos".

Außerdem aber gibt es noch die vielgenannteMannheimer Theater­ausgabe". Heribert von Dalberg, der Intendant der Mannheimer deutschen Nationalbühne, war vom Buchhändler Schwan auf Schiller aufmerksam gemacht worden und wollte die Aufführung wagen ein Wagnis war es wirklich, wenn Schiller sich zu gewissen Aenderungen entschlösse. Hiermit war Schiller noch in Stuttgart vom 17. August bis 5um 6. Oktober 1781 beschäftigt. Es ist billig, daß man von den bei der Uraufführung Beschäftigten wenigstens einen Darsteller nenne: Franz Moor Herr Iffland. Ein zeitgenössischer Stich zeigt ihn in dieser Rolle: vor dem Hintergrund eines düstern Saales schreitet er, finster und schwarz gewandet, mit einer großen theatralischen Geste auf die Rampe zu. Die Dekoration dieses Schlosses ist erhalten; in ihrer ganzen Primi­tivität hing sie vor ein paar Jahren auf der Magdeburger Theater- Ausstellung. m

Die Zensur liebte auch damals Eingriffe. Der Pastor Moser und der Pater fehlen; dieser wurde im katholischen Mannheim durch eine Magistratsperson" ersetzt.Zeittheater" war auch damals schon anstößig. In der ursprünglichen Anlage des Stückes sollte das Drama um die Mitte des 18. Jahrhunderts, in dem Jahr der Schlacht bei Prag spielen (1757); Dalberg forderte die Rückverlegung insHistorische", weil sich in der Ordnung des achtzehnten Jahrhunderts eine solche Räuberrotte auch in denböhmischen Wäldern" nicht bilden und halten könne und dürfe... Nach der Ausführung erschien eine Besprechung des Dramas imWirttem- bergischen Repertorium', deren Verfasser der Dichter selbst war.

In Anschluß daran findet man einen Brief über die Urauffüh­rung derRäuber" am 13. Jenner 1782 zu Mannheim, dessen Schreiber wiederum Schiller selbst ist. Das Haus, berichtet er, war so voll, daß eine große Menge abgewiesen wurde; die Aufführung dauerte d i ej Stunden, undmich deucht, die Schauspieler hatten sich noch beeilet . Der Erfolg? Schiller verzeichnetdie vortrefflichste Wirkung". Die Schau­spieler werden durchgenommen, einer nach dem andern. Den größten Beifall findet Jfsland:Ihnen gesteh ich es, diese Rolle, die gar nicht für die Bühne ist(I), hott' ich schon für verloren gehalten". Dann folgt em Loblied aus die darstellerische Leistung, die mit dem wahrhaft prophetischen Wort endet:Teutschland wird in diesem jungen Mann noch einen Meister finden".

Dann geht es gegen das eigne Werk unbarmherzig los:Der alte Moor konnte unmöglich gelingen, da er schon von Haus aus durch den Dichter verdorben ist. Wenn ich Ihnen meine Meinung teuisch heraus­sagen soll dieses Stück ist dem ohnerachtet kein Theaterstück. Nehme ich das Schießen, Brennen, Sengen heraus, so ist für die Bühne ermü­dend und schwer... Mir kam es auch vor, es waren zu viele Realitäten hineingedrängt, die den Haupteindruck belasten. Man hätte drei Theater­stücke daraus machen können. Man spricht indes Langes und Breites davon. Uebermäßige Tadler und übermäßige Lober. Wenigstens ist dies die beste Gewähr für den Geist des Verfassers..."

Indessen schwebte über dem Haupt des jungen Dichters das Damokles­schwert, die Verbannung auf den Hohenasperg, auf dem Schub art seit Jahren eingekerkert sah. In der Nacht zum 23. September 1782 floh Schiller aus Stuttgart; er gab, um seiner dichterischen Sendung willen, Eltern, Heimat und Beruf preis.

Neue Alpenseen.

Die Umgestaltung des Gebirges.

Von Reg.-Rai Dr. Fricke.

Von den Fels- und Schneehöhen der Alpen rinnen alljährlich gewal­tige Niederschlagsmengen herab, denen die große Ströme Mitteleuropas Rhein, Rhone, Po und Donau ihren Wasserreichtum verdanken. Der Wunsch und die Notwendigkeit, diesen Schatz überall der Volkswirt­schaft nutzbar zu machen, muß zunächst langsam, dann in immer schneller steigendem Maße zu einer Umgestaltung der uns lieb und vertraut gewor­denen Alpenlandschaft führen. Diese Umgestaltung bedeutet eine Art Zäh­mung der ursprünglichen, wilden Natur; aber sie bedeutet doch keines­wegs immer eine Vernichtung der Schönheit. Die moderne Wasserwirtschaft wirkt sich nach zwei Richtungen aus: einerseits in einer Verminderung aller stürzenden und schnell strömenden Wasser, die unsichtbar in Stollen oder eisernen Röhren in die Turbinen geleitet werden, anderseits in einer Vermehrung der stehenden und ruhig fließenden Gemässer, also der Teiche, Seen, Gräben und Kanäle.

Die Gesälle der Flüsse sind in den Alpen nicht so ausgeglichen, wie im deutschen Mittelgebirgslande. Als in nicht allzuweit entfernter geolo­gischer Vorzeit die Eismassen aus den meisten Alpentälern schwanden, hinterließen sie tiefe Mulden in den Tälern, zwischen denen harte Fels­riegel aufragten, über die die Eismassen hinweggeglitten waren. Die Mulden füllten sich mit Wasser, das in schönen Fällen über die Felsriegel stürzte, so daß in den Tälern ein anmutiger Wechsel von Seen und Wasserfällen entstand, wie wir ihn noch jetzt in einigen Alpentälern, vor allem aber in Skandinavien, erblicken können. Meist jedoch füllten in den Alpen die gewaltigen Schutt- und Geröllmassen die Mulden aus, während die Felsschwellen vom fallenden Wasser durchsägt wurden, so daß wir jetzt vielfach nur noch den Wechsel zwischen weiten fruchtbaren Talböden und wilden. Klammen wahrnehmen. Diese Talböden sind erloschene" Seen Der Wasserkrafttechnik behagt der ursprüngliche Zustand jedoch besser. Die Seen können dem Ausgleich im Wasserhaushalt dienen, die Zusammendrängung des Gefälles in den Wasierstürzen ergibt billige Kraftanlaaen. So sucht die Technik nun die alten Zustände wieder herzustellen. Die Klammen in den Felsriegeln werden durch Sperrmauern geschlossen, die Riegel selbst wohl noch erhöht und die Talböden so wieder in Alpenseen zurückverwandelt. Nach diesem einfachen Schema soll vor