Ausgabe 
19.6.1931
 
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Gießener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang Ml Zreitag, den l9.)uni Nummer^

Landschaft im Gewitter.

Von Diemar SDloering.

Die finstere Wolke erschien über goldenen Hügeln

Mit drohendem Antlitz. Und wuchs, eine schweigsame Wand.

Nimmer sangen die Grillen, die zärtlichen. Mit verhangenen Zügeln

Wind aber sprengte, der eilende Reiter, durchs ängstliche Land.

Unsagbar war dieses: die Stille, das Leuchten, das bleiern

Fahl die Felder umspülte mit spukhafter, geisternder Nacht.

Schwarz brüteten Schatten, unheimliche, über schmerzlichen Weihern, Und es seufzte die Erde schwer unter der lastenden Macht

Gespenstigen Schweigens. Bis aus dem Gewölk, dem verbrannten, Schrecklich stürzte des Blitzes feuriger Vogel. Den Turm Schlagend mit flammendem Flügel. Und aufwiehernd rannten Des Donners gewaltige Rosse mit stampfenden Hufen im Sturm!

Der griff in die Dächer, die furchtsamen Giebel. Mit Fäusten

Rüttelnd an morschem Gebälk. Und ein Regen begann

Brausend zu rauschen aus Himmeln, von Geistern entschleusten Bläulich knisternd schoß Lohe empor aus zersplitterndem Tann.

Lang dauerte dieses: dies Brausen. Dann tagte die Helle

Langsam überm Feld. Und der Wolken gepanzertes Heer

Wandernd wogte gen Abend. Hold über der irdischen Schwelle

Aber stand leuchtend des mystischen Bogens geheiligte Mär.

Oie Schlange Kordula.

Von Sofie von Uhde.

Gott weiß, warum sie Kordula hieß. Da sie eine Amerikanerin war, hätte sie ja wohl Daisy oder Ellinor oder wegen ihres feuergelben Längs- streifens von mir aus auch Fireskin heißen sollen aber nun hieß sie Kordula und roch nach klösterlicher Tugend.

Sie wurde mir aus den tiefsten Stillen des südamerikanischen Ur­waldes mitgebracht, und das fand ich unrecht; denn man soll die Tiere lassen wo die Natur sie hingesetzt hat. Aber nun war sie eben da, ein kleines, schmales, dunkles, seltsam-schönes Geschöpf mit einer langen, leuchtend roten, gespaltenen Zunge im gelbgeflammten Köpfchen.

Sie wurde sehr bald zutraulich, bewegte sich frei in dem Gartenzimmer, wo ihr Aquarium stand und auf der Wiese umher und kam eilends angeschlängelt, wenn ich ihr pfiff. Dann muhte sie zur Belohnung um den bloßen Arm gelegt werden, was sie über alles liebte. Sie drückte ihren kleinen Kopf flach gegen die Hand und entschlief.

Musik aber machte sie seltsam lebendig. Sie hatte dieselbe primitive Musikalität wie der Wilde, es war der Klang an sich, der sie aufrührte, ich brauchte nur eine Saite anzuschlagen, und schon kam sie, richtete sich, auf dem Schwanzring stehend in ihrer ganzen Länge auf und sanft züngelnd, mit halbgeschlossenen Augen, wiegte sie ihren Leib wie von einem Lusthauch bewegt, ein Bild schweigenden Genusses. Man konnte sie mit so billigen Mitteln erfreuen, die kleine Kordula, sie war ein so braver, bescheidener Hausgenosse, ich hatte mich bald sehr an sie attachiert.

Die Hunde waren ziemlich starr, als ich ihnen ihren neuen Kameraden präsentierte sie kamen mit ungeheurer Vorsicht von. hinten her und be­schnupperten mit langen Hälsen das unerklärliche Geschöpf; aber das Ergebnis dieser Untersuchung muß im höchsten Grade negativ gewesen sein, sie ließen ziemlich ratlos von Kordula ab, und sie ihrerseits hatte kaum den Kopf nach ihnen gewandt. Man ging künftig aneinander vorbei.

Nur mit Peter dem Kater, unterhielt Kordula eine kleine distanzierte Feindschaft: sah sie ihn, so stellte sie sich aut und zischte sah er sie, so machte er einen Buckel und fauchte und dann ging jeder seiner Wege: sie sagten sich ihre Sottisen in beherrschter Form.

Meine Bekannten benahmen sich weit weniger beherrscht bei Kordulas Anblick: die Damen schrien und flohen, die Männerwelt äußerte ihre Ab­neigung in wenig charmanten Ausdrücken. Und dabei zeigte sich die kleine Exotin gegen alle so still und passiv Furcht und Ekel waren gleich lächerlich ihr gegenüber. .. v .

Nur gegen zwei meiner Freunde zeigte sie Empfinden. Wenn der Reitersmann Rolf in der Nähe war, wenn sie auch nur seine «tlinine hörte verwandelte die sanfte Kordula sich augenblicklich in eine vollendete Furie und war scheußlich anzusehen; sie schnellte sich zu ganzer Lange empor, riß ihren Rachen aus und fauchte und Zischte und spuckte wie rasend; und so lange stand sie so in irgendeiner Ecke, bis ihr Feind ver­

schwunden war. Der liebte sie auch nicht:Na, du miese Speikatze", sagte er und stellte sich aggressiv vor sie hin,man sollte dich erschlagen!" Es waren zwei abscheuliche Gegner.

Dagegen liebte Kordula Rolfs Regimentskameraden Hans Joachim und begehrte sogar, auf seinem Männerarm zu liegen. Aber ganz objektiv war diese Liebe nicht; denn Hans Joachim pflegte ihr alle paar Wochen, wenn Kordulas Hauptmahlzeit gekommen war, einen Frosch oder eine Maus mitzubringen! Dann wurde Kordula in ihren Glaskasten gesetzt, und nun war für mich der Moment gekommen, zu entfliehen. Kam ich nach einer Weile zurück, dann lag sie schon zusammengerollt, und nur noch eine dicke Geschwulst in der Mitte ihres Leibes zeigte, wo das arme Opfer­tier sich befand. Dann war meine Liebe zu Kordula für einige Zeit ein wenig distanzierter; aber schließlich wurde auch dieser Frosch verdaut und vergessen, die alte Vertraulichkeit wuchs wieder. Und was konnte denn auch Kordula dafür? Sie tat, was die Natur ihr vorgeschrieben hatte und machten wir Menschen es vielleicht besser?

Eines Tages ereignete sich eine furchtbare Katastrophe. Ich war auf ein paar Tage vom Land in die Stadt gezogen, in eine Pension, und Kordula war bei mir, Kordula und ein Behälter mit Mehlwürmern für ihre kleinen Zwischenmahlzeiten. Dieser Behälter nun war auf eine uner­klärliche Weise vom Wandbord gefallen; als ich, eine sehr kleine, sehr alte Dame am Arm führend, das Zimmer betrat, fand ich es mit Mehl bis in die fernsten Ecken überstäubt und auf dem Bett und unterm Bett, auf dem Schreibtisch und im Teegeschirr, auf den Stühlen und in allen Winkeln des Bodens krochen die Mehlwürmer. Kordula lag appetitlos mitten in dem Segen.

Die alte Dame benahm sich so bezaubernd töricht und rührend, wie nur eine bestimmte Sorte lieber, alter Damen dies fertigbringt. Sie fragte erblassend und mit immer größer werdenden Augen:Was rührt sich denn da?"Ach, das sind Mehlwürmer, kleine madenartige Geschöpfe, welche" Aber sie hatte schon genug gehört. Sie schrie durchdringend auf, sprang mit beiden Füßen zugleich auf die Chaiselongue und kauerte sich dort zusammen, in völliger Todesbereitschaft. Wären zwei Puma- löwen in meinem Zimmer herumspaziert, so hätte sie sich auch nicht anders benehmen können. Wahrscheinlich erwartete sie, daß jeden Augenblick ein Heer entfesselter Mehlwürmer sich auf sie stürzen werde. Meine Trost­worte verfingen nicht.

Ja, was machte man denn nun? In der Pension etwas von diesem Unfall verlauten zu lassen, hielt ich nicht für ratsam. Und allein auf­klauben? Es waren einige hundert Mehlwürmer.

Doch wozu hatte man Reiterfreunde? Ich hängte mich ans Telephon und rief Rolf und Hans Joachim an und den sanften Gaston von der französischen Botschaft. Händeringend, aber ohne nähere Erklärungen. Sie versprachen, augenblicklich zu kommen.

Nach zehn Minuten hielten zwei Autos gleichzeitig vor dem Hause: aus dem einen sprangen säbelrasselnd die Reiter, dem anderen entstieg mit romanischer Lebhaftigkeit der Attache. Der Lift rauschte, Schritte auf dem Korridor da waren sie. Die Schlange Kordula stellte sich in die Ecke und fauchte, Rolf zu Ehren.

Die alte Dame aber, die noch immer ä la turc auf der Chaiselongue hockte, lebte auf.Ah, meine Herren", rief sie inbrünstig,meine liebens­werten Herren. Sie werden uns befreien!" Und sie streckte ihnen glücklich die zittrigen, alten Händchen entgegen.

Die liebenswerten Herren sahen sich ohne jedes Verständnis in der Stube um.Was hast denn wieder angestellt?" meinte geradeaus der Rolf. Ich gab die nötigen Erläuterungen, zusammen mit der heißen Bitte, mir das flüchtig gewordene Viehzeug wieder einzufangen.

Der Attache verzog keine Miene. Er schlug seine dunklen Augen zu mir auf, sagte sanft:ä votre Service, Madame krempelte ganz unnötigerweise die Hosen hoch und verschwand unterm Bett.

Rolf aber und Hans Joachim lachten, daß ihnen die Tränen aus den Augen schossen, bis sie krasse Materialisten, die sie waren sich plötzlich unterbrachen und meinten:Wenn schon der Minnedienst bei dir zu so unappetitlichen Dingen verpflichtet, dann gib einem wenigstens vorher einen anständigen Kognak, daß man es erträgt!"

Als der Attache dies hörte, kam er blitzschnell, in der einen Hand sechs Mehlwürmer, wieder unter dem Bett hervor, und nun tranken die Kerls meinen ganzen Kognak aus. Aber dann hatten sie Feuer unter, und nun suchten sie, als ob es gälte, das Derby zu gewinnen. Eine Weile sah man nichts von ihnen als ihre Hosenböden, die unter den Möbeln her­vorragten, und auf diese eifrigen Hosenböden schaute die alte Dame mit so innigem Vertrauen, als hinge an ihnen allein Leben oder Tod: D, diese liebenswerten Herren, diese Retter!"

Die suchten trotz allen Feuereifers, dennoch mit Auswahl; jeder wollte die dicksten Mehlwürmer und die schönsten, jedes etwas bessere Exemplar zeigten sie sich gegenseitig voll Triumph:O, der is fett so einen habt's Ihr nicht!"Ah, voila un bon petit patapoufü Es war ein