Ausgabe 
19.1.1931
 
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lieber Wagner, diese Bitte sei Euch gewährt/ Dann gingen beide mit­einander fort. ---

.Pardauz!' rief es; und da war er. Mit einem Satz kam er auf die Bühne gesprungen, daß ihm das Felleisen auf dem Buckel hüpfte.

---.Gott sei gelobt!' dachte ich; ,er ist noch ganz gesund; er springt noch ebenso wie vorigen Sonntag in der Burg der schönen Genoveva!' Und seltsam: so sehr ich ihn am Vormittage in meinen Gedanken nur für eine schmähliche Holzpuppe erklärt hatte, mit seinem ersten Worte war der ganze Zauber wieder da.

Emsig spazierte er im Zimmer auf und ab. .Wenn mich jetzt mein Vater-Papa sehen töt', rief er, Fer würd sich was Rechts freuen! Immer pflegt er zu sagen: Kasperl, mach, daß du dein Sach' in Schwung bringst! O jetzund hab' ich's in Schwung; denn ich kann mein Sach' haushoch roerfen!' Damit machte er Miene, sein Felleisen in die Höhe zu schleudern; und es flog auch wirklich, da es am Draht gezogen wurde, bis an die Deckenwölbung hinauf; aber Kasperles Arme waren an seinem Leibe klebengeblieben; es ruckte und ruckte, aber sie kamen um keine Handbreit in die Höhe.

Kasperl sprach und tat nichts weiter. Hinter der Bühne entstand eine Unruhe, man hörte leise, aber heftig sprechen, der Fortgang des Stückes war augenscheinlich unterbrochen.

Mir stand das Herz still; da hatten wir die Bescherung! Ich wäre gern fortgelaufen, aber ich schämte mich. Und wenn gar dem Lisei meinetwegen etwas geschähe!

Da begann Kasperl auf der Bühne plötzlich ein klägliches Geheule, wobei ihm Kopf und Arme schlaff herunterhingen, und der Famulus Wagner erschien wieder und fragte ihn, warum er denn so lamentiere.

,Ach, mei Zahnerl, nun Zahnerl!' schrie Kasperl.

.Guter Freund', sagte Wagner, ,so laß Er sich einmal in das Maul sehen!' Als er ihn hieraus bei der großen Nase packte und ihm zwi­schen die Kinnladen hineinschaute, trat auch der Doktor Faust wieder in bas Zimmer. .Verzeihen Eure Magnifizenz', sagte Wagner, .ich werde diesen jungen Mann in meinem Dienst nicht gebrauchen können; er muß sofort in das Lazarett geschafft werden!'

,3s das a Wirtshaus?' fragte Kasperle.

.Nein, guter Freund', erwiderte Wagner, .das ist ein Schlachthaus. Man wird ihm dort einen Weisheitszahn aus der Haut schneiden, und bann wirb er seiner Schmerzen lebig sein.'

,Ach, du liebs Herrgott!', jammerte Kasperl, .muß mi arms Viecherl so ein Unglück treffen! Ein Weisheitszahnerl, sagt Ihr, Herr Famulus? Das hat noch keiner in der Famili gehabt! Da geht's wohl auch mit meiner Kasperlschaft zu End'?'

.Allerdings, mein Freund', sagte Wagner; .eines Dieners mit Weis­heitszähnen bin ich baß entraten; die Dinger sind nur für uns gelehrte Leute. Aber Er hat ja noch einen* Bruderssohn, der sich auch bei mir zum Dienst gemeldet hat. Vielleicht', und er wandte sich gegen den Doktor Faust, .erlauben Eure Magnifizenz!'

.Der Doktor Faust machte eine würdige Drehung mit dem Kopfe.

.Tut, was Euch beliebt, mein lieber Wagner' sagte er; .aber stört mich nicht weiter mit Euren Lappalien in meinem Studium der Magie!'

--.Heere, mei Gutester', sagte ein Schneidergesell, der vor mir auf der Brüstung lehnte, zu seinem Nachbar, .das geheert ja nicht zum Stück; ich tenn's, ich hab' es. vor ä Weilchen erst in Seifersdorf gesehn.' Der andere aber sagte nur: .Halt's Maul, Leipziger!' und gab ihm einen Rippenstoß.

--Auf der Bühne war indessen Kasperle der Zweite aufgetreten. Er hatte eine unverkennbare Ähnlichkeit mit seinem kranken Onkel, auch sprach er ganz genau wie dieser; nur fehlte ihm der bewegliche Daumen, und in seiner großen Nase schien er kein Gelenk zu haben.

Mir war ein Stein vom Herzen gefallen, als das Stück nun ruhig weiterspielte, und bald hatte ich alles um mich her vergessen. Der teuf­lische Mephistopheles erschien in seinem feuerfarbenen Mantel, das Hörnchen vor der Stirn, und Faust unterzeichnete mit seinem Blute den höllischen Vertrag:

.Vierundzwanzig Jahre sollst bu mir bienen; bann will ich dein sein mit Leib und Seele.'

Hierauf fuhren beide in des Teufels Zaubermantel durch die Luft davon. Für Kasperle kam eine ungeheure Kröte mit Fledermausflügeln aus der Luft herab. .Auf dem höllischen Sperling soll ich nach Parma reiten9' rief er, und als das Ding wackelnd mit dem Kopse nickte, stieg er auf und flog den beiden nach.

--Ich hatte mich ganz hinten an die Wand gestellt, wo ich besser über alle die Köpfe vor mir hinwegsehen konnte. Und jetzt rollte der Vorhang zum letzten Auszug in die Höhe.

Endlich ist die Frist verstrichen. Faust und Kaspar sind beide wieder in ihrer Vaterstadt. Kaspar ist Nachtwächter geworden; er geht durch die dunklen Straßen und rüst die Stunden ab:

Hört, ihr Herrn, und laßt euch sagen, Meine Frau hat mich geschlagen;

Hüt'! euch vor dem Weiberrock!

Zwölf ist der Klock! Zwölf ist der Klock!

Von fern hört man eine Glocke Mitternacht schlagen. Da wankt Faust auf die Bühne; er versucht zu beten, aber nur Heulen und Zähneklappern tönt aus seinem Halse. Äon oben ruft eine Donnerstimme:

Fauste, Fauste, in aeternum damnatus es1!

(Eben fuhren in Feuerregen drei schwarzhaarige Teufel herab, um sich des Armen zu bemächtigen, da fühlte ich eins der Bretter zu meinen Füßen sich verschieben. Als ich mich bückte, um es zurecht zu bringen, glaubte ich aus dem dunklen Raume unter mir ein Gespräch zu hören; ich horchte näher hin; es klang wie bas Schluchzen einer Kinderstimme. ,Lisei!' dachte ich; .wenn es Lisei wäre!' Wie ein Stein fiel meine

*Faust, Faust, du bist auf ewig verdammt!"

ganze Untat mir wieder aufs Gewissen; was kümmerte mich setzt der Doktor Faust und seine Höllenfahrt!

Unter heftigem Herzklopfen drängte ich mich durch die Zuschauer und ließ mich seitwärts an dem Brettergerüst herabgleiten. Rasch schlüpfte ich in den darunterbefindlichen Raum, in welchem ich an der Wand entlang ganz aufrecht gehen konnte; aber es war fast dunkel, so daß ich mich an den überall untergestellten Latten und Balken stieß. .Lisei!' rief ich. Da» Schluchzen, bas ich eben noch gehört hatte, wurde plötzlich still; aber dort in dem tiefsten Winkel sah ich etwas sich bewegen. Ich tastete mich weiter bis an das Ende des Raumes, und da saß sie, zusammen­gekauert, das Köpfchen in den Schoß gedrückt.

Ich zupfte sie am Kleide. .Lisei!' sagte ich leise, .bist bu es? Wa» machst du hier?'

Sie antwortete nicht, sondern begann wieder vor sich hin zu schluchzen.

.Lisei!' fragte ich wieder; .was fehlt dir? So sprich doch nur ein einziges Wort!'

Sie hob den Kopf ein wenig. .Was soll i da rebn!* sagte sie; ch« weißt's ja von selber, daß bu ben Wurstl hast verbreht.'

,3a, Lisei!' antwortete ich kleinlaut, .ich glaub es selber, daß ich bas getan habe.'

,3a, bu! Und i hab' dir's doch g'sagtl'

.Lisei, was soll ich tun?'

,Nu, halt nix!'

.Aber was soll denn daraus werden?'

,Nu, halt aa nix!' Sie begann wieder laut zu meinen. .Aber i, wenn i z' Haus komm da krieg' i die Peitsch'n!'

.Du die Peitsche, Lisei!' Ich fühlte mich ganz vernichtet. .Aber ist dein Vater denn so strenge?'

,Ach, mei guts Vaterll' schluchzte Lisei.

Also die Mutter! O, wie ich, außer mir selber, diese Frau haßte, die immer mit ihrem Holzgesichte an der Kasse saß!

Von der Bühn? hörte ich Kasperl den Zweiten rufen: .Das Stück ist aus! Komm, Gret'l, laß uns Kehraus tanzen!' Und in demselben Augenblick begann auch über unseren Köpfen bas Scharren und Trap­peln mit den Füßen, und bald polterte alles von ben Bänken herunter unb drängte sich dem Ausgange zu; zuletzt kam der Stadtmusikus mit feinen Gesellen, wie ich aus den Tönen des Brummbasses hörte, mit dem sie beim Fortgehen an den Wänden anstießen. Dann allmählich wurde es still, nur hinten auf der Bühne hörte man noch die Tendler- schen Eheleute miteinander reden und wirtschaften. Nach einer Weile kamen auch sie in ben Zuschauerraum.; sie schienen erst an ben Musi­kantenpulten, bann an ben Wänden die Lichter auszuputzen; denn es wurde allmählich immer finsterer.

.Wenn i nur müßt', wo die Lisei abblieben ist!' hörte ich Herrn Tendier zu seiner an der gegenüberliegenden Wand beschäftigten Frau hinüberrufen.

.Wo sollt sie fein!' rief diese wieder; ,'s istn ftörrig Ding; ins Quar­tier wird sie gelaufen fein!'

.Qrau', antwortete der Mann, ,bu bist auch zu wüst mit dem Kind gewesen; sie hat doch halt so a weichs Gemüt!'

.Ei was', rief die Frau; .ihr' Straf' muß sie hab'n; sie weiß recht gut, daß die schöne Marionett noch von meim Vater selig ist! Du wirst sie nit wieder tarieren, und der zweit' Kasper ist doch halt nur ein Notbehelf!'

Die lauten Wechselreden hallten in dem leeren Saale wider. 3ch hatte mich neben Lisei hingekauert; wir hatten uns bei den Händen ge­faßt und saßen mäuschenstille.

.G'schieht mir aber schon recht', begann wieder die Frau, die eben grabe über unseren Köpfen stand, .warum hab' ich's gelitten, daß du das gotteslästerlich Stück heute wieder ausgeführt hast! Mein Vater selig hat's ngymer wollen in seinen letzten Jahren!'

,Nu, nu, Resel!' rief Herr Tendier von der anderen Wand; .dein Vater war ein bfonbrer Mann. Das Stück gibt doch allfort eine gute Kassa; und ich mein, es ist doch auch a Lehr und Beispiel für die vielen Gottlosen in der Welt!'

.Ist aber bei uns zum letztenmal heut gebn. Und nu red' mir nit mehr davon!" erwiderte die Frau

Herr Tendier schwieg. Es schien jetzt nur noch ein Licht zu brennen, unb die beiden Eheleute näherten sich dem Ausgange.

.Lisei!" flüsterte ich, .wir werden eingeschlossen.'

.Laß!' sagte sie, ,i kann nit; i geh' nit fort!'

.Dann bleib ich auch!'

.Aber bei Vater und Mutter!

.Ich bleib doch bei dir!'

Jetzt wurde die Tür des Saales zugeschlagen; dann gings die Treppe hinab, und dann hörten mir, wie draußen auf der Strciße die große Haustür abgeschlossen wurde.

Da saßen wir denn. Wohl eine Viertelstunde sahen wir so, ohne auch nur ein Wort miteinander zu reden. Zum Glück fiel mir ein, daß sich noch zwei Heihewecken in meiner Tasche befanden, die ich für einen Hierher Mutter abgebettelten Schilling auf dem Herwege gekauft und über all dem Schauen ganz vergessen hatte. Ich steckte Lisei ben einen in ihre kleinen Hände; sie nahm ihn schweigend, als verstehe es sich von selbst, daß ich das Abendbrot besorge, und wir schmausten eine Weile. Dann war auch das zu Ende. Ich stand auf unb sagte: .Laß uns hinter die Bühne gehen; roirbs heller {ein; ich glaub, der Mond scheint draußen! Und Lisei ließ sich geduldig durch die kreuz und quer stehenden Satten von mir in ben Saal hinausleiten.

Als wir hinter der Verkleidung in den Bühnenraum geschlüpft waren, schien dort vom Garten her das Helle Mondlicht in die Fenster.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. San« Thhriot. - Druck und Verlag: Drühlfche Universitöts-Buch. unb Steindruckerei. K Lange. Gießen.