Ausgabe 
19.1.1931
 
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ficht man nicht etwa als Krankheit, sondern als normaleAlterserschei­nung" an. DieLebensdauer" hangt in der anorganischen Natur wesent­lich von der physikalischen und chemischen Konstitution der betresfenden Materie ab. So bedarf bekanntlich der Kölner Dom einer dauernden Restaurierung, weil der zum Bau benutzte Sandstein aus dem Sieben­gebirge in der an Jndustrieabgasen reichen Luft Kölns rasch zerfällt. Daß aber selbst Edelsteine, die doch als die beständigsten Materialien gelten einem vorzeitigen Verfall unterliegen können, hat man neuerdings sogar am Diamanten beobachtet. Durch optische Messungen wurde nämlich festgestellt, daß die Brillanz geschliffener Diamantenreinsten Wassers" schon innerhalb weniger Jahre nach dem Schliss stark nachlassen kann. Die Steine zeigen dann eine schwärzliche Verfärbung, die ßch von innen her zur Oberfläche ausbreitet. Die Ursachen dieses eigentümlichen Ver­falls sind bisher noch nicht einwandfrei erwiesen; aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich um eine sog.Modifikationswandlung", die an sich für den Chemiker nichts neues ist. Sie beruht darauf, daß ein in mehreren chemischen Formen oderModifikationen" vorkommendes Element unter gewissen Einflüssen von der einen in die andere Modifikation übergeht. Nun besteht der Diamant bekanntlich aus reinem Kohlenstoff, dessen drei Modifikationen Kohle, Graphit und Diamant sind; und man nimmt an, daß der Diamant sich unter zur Zeit noch unbekannten Umständen in die Modifikation Kohle zurückverwandelt. Man könnte dann, vom Stand­punkt der Pathologen aus betrachtet, von eineranorganischen Degene­rationserscheinung" sprechen: Der edle Diamant entartet zur gemeinen Kohle.

Besser unterrichtet sind wir über eine andere Art der Modifikations­wandlung, über die sog.Zinnpest". Zinnerne Pfeifen von Kirchen­orgeln und Kunstgegenstände in Museen zeigen ost graue, blasige Aus­treibungen, aus denen ein graues Pulver quillt. Diese eigenartigen, an Pestbeulen erinnernden Gebilde treten zuerst vereinzelt auf, breiten sich allmählich über den ganzen Gegenstand aus und zerstören das Metall schließlich vollständig. Die Zinnpest ist sogar ansteckend. Ueverträgt man etwas von dem grauen Pulver auf gesunde Metallteile, so zeigen diese nach einigen Wochen die gleichen Krankheitserscheinungen. In Museen sind mitunter ganze Säle von der Zinnpest befallen, und in einem Militärmagazin fand man vor einigen Jahren einen großen Haufen zinnerner Uniformknöpfe zu formloser Masse zerfallen. Diese gefährliche Metallseuche erklärt sich chemisch sehr einfach. Das Krankheitsprodukt der Zinnpest, das graue Pulver, ist nämlich nichts anderes als die allotrope" Modifikation, in welche das metallische Zinn übergeht, wenn es längere Zeit Temperaturen von 15 und mehr Grad unter Null aus­gesetzt wird. Da Kirchen und Museumssäle im Winter meist nicht ge­heizt werden, liegt die Entstehungsursache der Zinnpest nahe. Zinn- gegenstände in Privatbesitz bleiben fast immer von der Seuche ver­schont. Man könnte die Zinnpest also gewissermaßen als eineEr­kältungskrankheit" bezeichnen, die sogar ansteckend ist, obwohl sie nicht auf Bakterien zurückgeführt werden kann.

Aber auch bakterielle Infektionen kommen bei Metallen vor. So wird z. B. das Eisen manchmal von gewissen, unter Sauerstoffabschluh lebenden Bakterien befallen, denAnaerobien", die Schwefelwasserstoff abspalten. Dieser verbindet sich dann mit dem Eisen zu Eisensulfid, das die Oberfläche mit grünlich-gelben Flecken durchsetzt und sich immer tiefer einfrißt. Genau so wie bei der organischen Infektion rufen hier weniger die Bakterien als vielmehr ihre Stoffwechfelprodukte die Krank- heitserfcheinungen hervor, die den typischen Charakter einerSubstanz­vergiftung" tragen. Allerdings befällt diese lediglich das Eisen, während andere Metalle sowie Mensch und Tier gegen Schwefel-Anaerobien immun find.

Es gibt Vergiftungen, die sich im Anorganischen und im Organischen ganz ähnlich abspielen; man beobachtete sie bei denkatalytischen" Vor­gängen. Unter Katalyse versteht man die seltsamen chemischen und phy­siologischen Reaktionen, die durch die Einwirkung gewisser Substanzen aufgelöst, beschleunigt oder verstärkt werden, ohne daß die für den Vor­gang unentbehrlichen Substanzen selbst dabei irgendeine Veränderung ei leiden. In der modernen chemischen Industrie spielt die Katalyse eine große Rolle, so z. B. bei der Haberschen Ammoniak-Synthese, der Kohleverflüssigung und dem Schwefelsäure-Kontaktverfahren; die wich­tigsten Katalysetoren unter den Metallen sind Platin, Osmium, Palladium und Nickel. Run hat man festgestellt, daß geringste Spuren Blausäure, Kohlenoxid oder Phosphorwasserstoff die katalytische Wirksamkeit dieser Metalle vollständig aufheben. Eigentümlicherweise wirken die gleichen Gase auch auf den menschlichen und tierischen Organismus äußerst giftig, und zwar in analoger Art, nämlich durch Lähmung lebenswich- tiger Funktionen wie Herztätigkeit und Atmung. Lange Zeit war man sich über das Wesen dieser Vergiftungen nicht im Klaren, bis die Ent­deckung der katalytischen Vergiftung der Metalle der Forschung den Weg zur Erkenntnis wies. Auch in der organischen Natur spielt nämlich die Katalyse eine große Rolle; werden doch die wichtigsten Erscheinungen bei der Blutbildung, der Verdauung und dem Stoffwechsel im all­gemeinen durch organische Katalysatoren vermittelt. Es zeigt sich nun, daß die katalytischen Wirkungen dieser Substanzen ebenfalls durch die genannten Gase aufgehoben werden, woraus die Lähmungen im tieri­schen und menschlichen Körper zu erklären sind.

Die Analogiebeziehungen zwischen Krankheit im Anorganischen und Organischen gehen aber noch weiter. Wie Mensch und Tier, soermüden" auch die Metalle, wenn sie längere Zeit oder über Gebühr beansprucht werden. Untersuchungen haben gezeigt, daß die Ermüdungserscheinungen der Metalle auftreten, wenn sich einzelne Metallkristalle voneinander ent­fernen, was schließlich zuErmüdungszusammenbrüchen" führt. Aber auch den menschlichen Schlaganfällen vergleichbare, plötzliche Zusamtnen- brüche kommen bei Metallen vor, bezeichnenderweise sogar bei Unter­belastungen. Man erinnert sich wohl noch der furchtbaren Flugzeug­katastrophe, der 1927 Freiherr von Maltzahn zum Opfer fiel und der vorzeitigen Unterbrechungen der Amerikareife des Zeppelinluftschiffes im Frühjahr 1929, weil damals eine Propellerwelle brach. In beiden Fällen konnte von einer übermäßigen Beanspruchung des Materials

keine Rede fein; die Untersuchungen ergaben eine bisher unbekannte Unfallursache: Die Tourenzahl der Molare halte diekritische Drehzahl" erreicht, die das Material in feiner innersten Struktur angriff und zer­störte. Auf derartige Vorgänge sind eine Reihe der größten Eisenbahn- und Brückenkatastrophen zurückzusähren.

Die Erkenntnis dieser Krankheitserscheinungen im Anorganischen Hal die Materialprüfungskunde als neue Wissenschaft ins Leben gerufen, die mit der Heilkunde Zweck und Ziel gemeinsam hat: Leben und Ge­sundheit der Menschen zu schützen.

pole Poppenspäler.

Erzählung von Theodor Storm.

(Fortsetzung.)

,Wo sind die anderen, Lisei?' fragte ich; denn ich hätte gern die ganze Gesellschaft auf einmal mir besehen.

.Hier im Kast'l', sagte Lisei und klopfte mit ihrer kleinen Faust auf eine im Winkel stehende Kiste; ,die zwei da sind scho zug'richt; aber geh nur her dazu und schau's dir a; er is fcho dabei, bet Freund, der Kasperl!'

Und wirklich, er roar es selber. .Spielt denn der heute abend auch wieder mit?' fragte ich.

.Freili, der is allimal dabeiI'

Mit unlergefchlagenen Armen stand ich und betrachtete meinen lieben, luftigen Allerweltskerl. Da baumelte er, an sieden Schnüren aufgehenkt; fein Kopf war vornübergefunken, daß feine großen Augen auf den Fußboden stierten und ihm die rote Nafe wie ein breiter Schnabel auf der Brust lag. .Kasperle, Kasperle', sagte ich bei mir selber, .wie hängst du da elendiglich!' Da antwortete es ebenso: .Wart' nur, liebs Brüderl, wart' nur bis heut abend!' War das auch nur so in meinen Ge­danken, ober hatte Kasperl selbst zu mir gesprochen?

Ich sah mich um. Das Lisei war fort; sie war wohl vor die Haus­tür, um die Rückkehr ihres Vaters zu überwachen. Da hörte ich sie eben nvckstvon dem Ausgang des Saales rufen: .Daß d' mir nit an die Puppen rührst!' Ja, nun konnte ich es aber doch nicht lassen. Seife stieg ich auf eine neben mir stehende Bank unb begann erst an ber einen, bann an der anderen Schnur zu ziehen; die Kinnladen fingen an zu klappen, die Arme hoben sich, und jetzt fing auch ber wunderbare Daumen an ruckweise hin unb her zu schießen. Die Sache machte gar keine Schwie­rigkeit; ich halle mir die Puppenspielerei doch kaum so leicht gedacht. Aber die Arme bewegten sich nur nach vorn unb hinten aus; unb es war doch gewiß, daß Kasperl sie in dem neulichen Stück auch seitwärts ausgestreckt, ja daß er sie sogar über dem Kopfe zusammengeschlagen hatte! Ich zog an allen Drähten, ich versuchte mit der Hand die Arme abzubiegen; aber es wollte nicht gelingen. Auf einmal tat es einen leisen Krach im Innern ber Figur. .Haiti' bachte ich, .Hand vorn Brett! Da hättest du können Unheil anrichlen!'

Leise stieg ich wieder von meiner Bank herab, unb zugleich hörte ich auch Lisei von außen in ben Saal treten.

.G'schwinb, g'schwind!' rief fie unb zog mich durch das Dunkel an die Wendeltreppe hinaus; ,'s is eigenlli nit recht', fuhr fie fort, .daß i die eilafjn hab; aber, gel, du haft doch bei Gaudi cj'fjabt!'

Ich dachte an den leisen Krach von vorhin. ,Ach, es wird ja nichts gewesen fein!' Mil dieser Selbfttröftung lief ich die Treppe hinab unb durch die Hintertür ins Freie.

Soviel stand fest, der Kaspar war doch nur eine richtige Holzpuppe; aber bas Lisei was bas für eine allerliebste Sprache führte! unb rote freunblid; sie mich gleich zu ben Puppen mit hinaufgenommen patte! Freilich, und fie halte es ja auch selbst gesagt, baß sie es so heimlich vor ihrem Vater getan, das roar nicht völlig in ber Drbnung. Unlieb zu meiner Schanbe muß ich's gestehen roar biefe Heimlichkeit mir grabe nicht; im Gegenteil, die Sache bekam für mich dadurch noch einen würzigen Beigeschmack, unb es muß ein recht selbstgefälliges Lächeln auf meinem Gesicht gestanden haben, als ich durch die Linden- und Kastanienbäume des Gartens wieder nach dem Bürgersteig hinab- fchlenderte. . ... , .. n .,

Allein zwischen solchen schmeichelnden Gedanken horte ich von Zett zu Zeit vor meinem inneren Ohre immer jenen leisen Krach im Slorper ber Puppe; was ich auch vernahm, den ganzen Tag über konnte ich kyesen, jetzt aus meiner eigenen Seele herauflönenden, unbequemen Laut nicht zum Schweigen bringen. *

Es Halle sieben Uhr geschlagen; im Schützenhof roar heute, om Sonn­tagabend alles besetzt; ich stand diesmal hinten, fünf Schuh hoch über dem Fußboden, auf dem Doppellfchillingplatze. Die Talglichter brannten in ben Blechlampetten, der Sladimufikus und feine Gesellen fiedelten; der Vorhang rollte in die Höhe. . ,

Ein hochgeroölbtes, gotisches Zimmer zeigte sich. Vor einem attfgc= fdilaqenen Folianten säst im langen, schwarzen Talare der Doktor tfau)t und klagte bitter; daß ihm all seine Gelehrsamkeit so wenig etnbnnge; keinen heilen Rock habe er mehr am Leibe, unb vor Schulden wisse er

nicht zu lassen; so wolle er denn jetzt mit der Holle sich verbinden.

| - ruft nach mir?' ertönte zu seiner Linken eine furchtbare Stimme

von Der Wölbung des Gemaches herab. .Faust, Faust, Mse nicht! kam eine andere feine Stimme von der Rechten. Ader Faust ver­schwor sich den höllischen Gewalten. .Weh, weh deiner armen Seele! Wie ein seufzender Windeshauch klang es von der Stimme des Engels, von ber Linken schallte eine gellende Lache durchs Gemach. ~ klopfte es an die Tür. .Verzeihung, Eure Magnifizenz! Qaufts i5anm= lus Wagner roar eingetreten. Er bat, ihm für die grobe Hausarbeit die Annahme eines Gehilfen zu gestatten, damit er sich besser aufs Stubieren legen könne. .Es hat sich', sagte' er, .ein junger Mann bei nur ge­meldet, welcher Kasperl heißt und gar fürtrefsliche Qualitäten zu besitzen scheint.' Faust nickte gnädig mit dem Kopfe und sagte: .Sehr wohl,