Verantwortlich: Dr. Sans Thyriot. - Druck und Verlag: Vrühl'fche Aniversitäts^Vuch. und Steindruckerei. X. Lange,
In dieser Stimmung gewahrte Pescara auf einem nahen Reisfelde die wechselnden Stellungen eines tollen Kampfes, welcher dasselbe zerstampfte. Ein einzelner wehrte sich verzweifelt gegen eine Uebermacht. -Der zerlumpte kleine Kerl in gelben und schwarzen Fetzen focht wütend mit seiner Speerhälfte wider ein Dutzend Spanier. Zweie hatte er hingestreckt, wurde jetzt aber von den übrigen überwältigt, und schon saß ihm eine Schwertspitze an der Kehle, als der auf ihm kniende Spanier von einem andern zurückgerissen wurde, weicher auf den heransprengenden Feldherrn deutete.
Pescara winkte, und der Trupp mit dem Gefangenen folgte ihm unter eine mächtige Eiche, die an der Landstraße stand, weitum der einzige Baum in der schwülen Ebene. Der Feldherr stieg ab und lehnte sich an den bemoosten Riesenstamm. Seine Brust keuchte von dem raschen Ritt, und es kam ihm gelegen, sie zu beruhigen, Rast haltend unter dem Vorwand eines Verhöres.
Der spanische Wachtmeister berichtete: sie hätten einen Schweizer durch das Getreide laufen sehen, wohl einen Versprengten von Pavia, welcher bislang sich irgendwo untergeduckt, und ihn gehascht, da es möglicherweise ein mailändischer Spion sei. Seinen Vortrag beendigend, blickte der spanische Spitzbart zu einem starken Aste auf, welchen die Eiche wagerecht hervorstieß. . .
Pescara deutete die Spanier weg, die sich in einiger Entfernung wachehaltend verteilten, und mutterte- dann den Schweizer vorn Wirbel zur Zehe. So verrostet der Harnisch und so zerlumpt das schwarzgelbe Unterkleid war, erkannte er doch gleich die Tracht des 'Klosterbildes und nicht minder die glitzernden Aeuglein, und jetzt, wahrhaftig, verzog der vor ihm Stehende sein Gesicht zu jenem lächelnden Grinsen, sei es aus Angst, sei es, weil auch er sich den Feldherrn ins Gedächtnis zurückrief.
„Heb auf und gib", befahl dieser, und zeigte auf den Lanzenstumpf, welchen einer der Kriegsknechte zu den Füßen des Gefangenen geworfen hatte, als Beweisstück für die Verwundung seiner Kameraden. Es war eine vordere Spießhälfte, deren Spitze blutete. Der Schweizer gehorchte, und der Feldherr betastete prüfend die Spitze mit dckrn Finger; dann warf er den Stummel weg.
„Wie heißest du?" fragte er.
Bläsi Zgraggen versetzte trotzig: „Lasset Ihr mich henken, so ist es Der Feldherr verzichtete darauf, diesen unmundlichen Geschlechtsnamen zu wiederholen, der von dem zerrissenem Kamm eines Schweizergebirges zu stammen schien, und bediente sich des Vornamens, welchen er italiani- fierte, „Biagio", sagte er, „du hast mir zwei Leute verwundet; ich denke, ich lasse dich hier aufknüpfen." ... ,
Bläste Zgraggen versetzte trotzig: „Lasset Ihr mich henken, so ist es weniger wegen dieses letzten Handels, sondern eher, weil ich
„Schweig!" gebot der Feldherr. Er konnte sich rächen, indem er dem Kriegsrechte freien Lauf lieh, aber eine solche Rache weder sich selbst noch seinem Opfer eingestehen. „Wie bist du hier zurückgeblieben?" fragte er.
Zgraggen, der ein geläufiges Lombardisch sprach, begann herzhaft: „Auf dem Felde von Pavia wurde ich gewundet und niedergeritten und lag, den geknickten Spieß neben mir. Nächtlicherweile schleppte ich mich dann den Bergen zu, hungernd und bettelnd. Herr, sehet Ihr rechts von den zwei Pappeln das lange, rote Dach? Dort haust die Narracivallia mit ihrem Manne. Dieser dingte mich zur Feldarbeit — bis sich der Krieg verzogen hätte, jetzt käme ich doch nicht über die Grenze. Hernachmals machte mir die Narracivallia Augen. Da erschien mir im Schlaf der Vater und die beiden Großväter, die mir alle noch daheim leben, wenn auch die Ahnen in großer Schwachheit. Zuerst kam der Vater, hob den Finger und sagte: .Nimm dich in acht, Bläsi!' Dann kam der väterliche Ahn, faltete die Hände und sagte: .Denk' an deine Seele, Bläsi!' Zuletzt kam der mütterliche Ahn, zeigte die Tür und sagte: .Lauf, Bläsi!' Da schoß ich auf und suchte meine Kleider. Freilich meine seidenen Handschuhe und meinen gekettelten Kragen hatte mir die Narracivallia abgeschwatzt, um damit in der Kirche Staat zu machen. Ich war nur noch meines halben Verstandes mächtig und verlor auch diesen, da ich im Morgenlicht bei Heiligenwunden eintrete zum englischen Gruß und — denket Euch meinen Schrecken — mich selber erblicke, wie ich leibe und lebe und Gott ersteche!"
„Ei", lächelte Pescara.
„Ein Schelmstllck!" zürnte Zgraggen. „Wisset Herr, ein paar Pinsler hatten sich zeither mit ihrem Zeuge da herumgetrieben und ließen sich einmal in der Meierei ein Glas Milch geben. Der eine faßte mich ins Auge. ,Dc> haben wir, den wir brauchen', sagte er und beschaut mein Schwarzgelb. .Mann, holt Euern Spieß und Harnisch.' Ich tue ihm den Willen. Jetzt heißt mich der Pinsler die Beine spreiten, spreitet sie gleichfalls und reißt mich auf ein Stück Leinwand. Dann versprachen mir die Spitzbuben, mein Konterfei zu hohen Ehren gu, bringen, ich aber stehe in Heiligenwunden und steche in den Salvator!"
Der Feldherr empfand ein gewisses Wohlwollen für den ehrlichen Gesellen. „Nimm", rief er in einer seltsamen Laune und streckte dem Urner seinen vollen Beutel entgegen. Dieser nahm ihn mit der Rechten und ließ die Goldstücke zählend in die Linke gleiten, ernsthaft und bedächtig. Dann schob er die Dukaten in die Tasche und wollte den Beutel dem Feld- Herrn zurückstellen.
„Behalte! Er hat goldene Schleifen!"
Der Urner schickte den Beutel den Dukaten nach. „Wo stellet Ihr mich ein, Herr?" fragte er. Er konnte sich nichts denken, als daß ihn Pescara geworben und ihm Handgeld gegeben habe.
Pescara erwiderte: „Ich habe dich nicht gedingt, und ich meine, nachdem dich die dreie so ernst vermahnt haben, kehrst du am besten in deine Heimat zurück und nährst dich redlich, wie es im Sprichwort heißt."
„Aber warum denn schenkt Ihr mir so viel Geld, wo ich Euch nichts zuliebe getan habe?" sagte Zgraggen. Diese Vergeltung Pescaras über
stieg das Fassungsvermögen des Urners und beängstigte seine Rechtlichkeit.
„Aus Großmut", scherzte der Feldherr.
Bläsi kannte das Wort nicht. Da fiel ihm ein, es werde Größten bedeuten, und da er im Lager oft gesehen hatte, wie Prahlerei das Geld mit vollen Händen wegwirft, beruhigte er sich dabei. „Ja so", sagte er. Pescara aber winkte, sein Roß vorzuführen.
„Und damit du durchkommest", sprach der Feldherr schon im Bügel, „nimm noch das." Er warf ihm eine Passiermarke zu, und wenig fehlte, Zgraggen hätte gedankt. Wenigstens wollte er noch langes Leben München; aber den Feldherrn zum Abschied anschauend, erkannte er das Siechtum in diesem Antlitze mit seinen Aelpleraugen, welche das alle Welt täuschende geistige Leben desselben nicht bestach. Unwillkürlich wünschte er; „Gott gebe Euch selige Urständ, Herr!" Dann über feine eigene Rede und ihre böse Bedeutung bestürzt, lief er querfeldein mit einem halben Spieße, den er sorglich aufgehoben und nun als Reisestab ührte. Die Spanier hatten verwundert zugesehen, der alte Wachtmeister aber schüttelte bedenklich und abergläubisch den Kopf über die seltsame Freigebigkeit feines sparsamen Feldherrn. s
Der Trupp, welcher den Urner gefangen hatte, gehörte zu dem Heerhaufen, der jetzt in einer Staubwolke hinter schlagenden Trommeln heran- rückte. Der Feldherr ritt seinen Töpfern entgegen, von brausendem Jubel empfangen, und lenkte das Roh zwischen die Feldmusik und die erste Kompanie, deren Hauptmann ehrerbietig Raum gab.
Eine Weile blieb er allein an der Spitze der Truppen. Da nahte von Novara ein Reitender in weißem Mantel und gesellte sich zu ihm. Zusammen ritten sie durch das Schloßtor. Schweigend folgte der Begleiter dem Gange Pescaras und überschritt hinter ihm die Schwelle des Gemaches.
Pescara wendete sich. „Was wollt Ihr, Moncada?" fragte er, und dieser antwortete: „Eine Unterredung ohne Zeugen, die Ihr mir nicht zum zweiten Male verweigern werdet."
„Ich stehe zu Diensten."
„Erlaucht", begann der Ritter, „ich habe, wie Ihr erlaubtet, den Kanzler drüben gesprochen. Er war voller Angst und Blässe und beteuerte mit tausend Eiden, er sei gekommen, Aufschub und leichtere Bedingungen zu erlangen, nur dieses habe ihn nach Novara geführt. Dann schwatzte er wild durcheinander wie das böse Gewissen. Dieser Mensch ist ein Abgrund von Lüge, in welchem der Blick sich verliert. Ich bin sicher, daß er im Namen der Liga hier ist."
„Nichts anders", sagte der Feldherr.
„Und daß er Euch die Führung derselben angeboten hat?"
„Nichts anders."
Jetzt entstand Lärm im Vorzimmer. Ippolito beiseite werfend, verwildert, mit rasenden Mienen und verrückten Augen stürzte der Kanzler herein. Ihm folgten auf dem Fuße, beide schon gepanzert, Bourbon und Del Guasto, denen er auf dem Gange begegnet und die ihn zurückhalten wollten. In Verzweiflung warf er sich dem Feldherrn zu Füßen, während Moncada langsam in den Hintergrund zurückwich.
„Mein Pescara", schrie der Geängstigte, „alle Geduld nimmt ein Ende! Ich kann die Marter nicht länger ertragen. Jede Minute dehnt sich mir zur qualvollen Ewigkeit. Ich vergehe. Sei barmherzig und gib mir deine Antwort!" , . I
Pescara erwiderte mit Ruhe: „Vergebet, Kanzler, wenn ich Euch habe warten lassen. Meine Zeit war nicht frei, doch eben wollte ich nach Euch schicken. Eure gestrige Rede hat mich beschäftigt, denn das Los eines Volkes ist keine Kleinigkeit — aber bitte, setzet Euch, ich kann nicht sprechen, wenn Eure Gebärden so heftig dareinreden."
Der Kanzler packte krampfhaft die Lehne eines Sessels.
„Ich habe die Sache gewogen ... doch, Kanzler, lassen wir zuerst alles Persönliche, denket weg von Euch selbst und von mir, es bleibt die Frage: Verdient Italien zu dieser Stunde die Freiheit und taugt es, so wie es jetzt beschaffen ist, sie zu empfangen und zu bewahren? Ich meine nein. Der Feldherr sprach langsam, als prüfe er jedes feiner Worte auf der Waage der Gerechtigkeit.
„Zweimal hat Freiheit in Italien gelebt, zu verschiedenen Zeiten. In der beginnenden römischen Republik, da das Staatswohl alles war. Dann in jenen herrlichen Gemeinwesen, Mailand, Pisa und den andern. Jetzt aber steht es an der Schwelle der Knechtschaft, denn es ist los und ledig aller Ehre und jeder Tugend. Da kann niemand helfen und retten, weder ein Mensch noch ein Gott. Wie wird verlorene Freiheit wiedergewonnen. Durch einen aus der Tiefe des Volkes kommenden Stoß und Sturm der sittlichen Kräfte. Ungefähr wie sie jetzt in Germanien den Glauben erobern mit den Flammen des Haffes und der Liebe.
Aber hier! Wo in Italien ist, ich sage nicht Glaube und Gewissen, da das für euch veraltete Dinge sind, sondern nur Rechtssinn und Ueber- zeugung? Nicht einmal Ehre und Scham ist euch geblieben, nur die nackte Selbstsucht. Was vermöget ihr Italiener? Verführung, Verrat uns Meuchelmord. Worauf zählet ihr? Auf die Gunst der Umstände, auf die Würfel des Zufalls, auf das Spiel der Politik. So gründet, so erneuen sich keine Nation. Wahrlich, ich sage dir, Kanzler", — und Pescara erd"" die Stimme wie zu einem Urteilsfprud) — „dein Italien ist willkuriiw und phantastisch, wie du selbst es bist und deine Verschwörung!"
„Wahrheit", ließ sich die Stimme Moncadas vernehmen.
„Auch der Held, Marone, den Ihr Euch erwählt habet, entbehret Des Daseins." .
Doch diese leisen letzten Worte Pescaras wurden überschrien. JKoron hatte schnell den Kops gewendet und den Ritter erblickt: wie er fein Anschlag dem Spanier preisgegeben sah, geriet er in Wut, seine Jug verzerrten sich, und er tobte wie ein Besessener. „Falsch und ÜrauL j Falsch und grausam! O ich mit Blindheit Geschlagener!" Dann von I loser Rachgier überwältigt, schrie er gegen Moncada: „Wisset es, Ni - dieser" — er wies auf den Feldherrn — „ist der Schuldige! Seinetw - die ganze Verschwörung! Ich bin seine Kreatur, und nun opfert der Unmensch!" ' (Fortsetzung solgbl.


