Ausgabe 
18.12.1931
 
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Sie schloß die Tür ihres Zimmers ab, sie wollte nicht gestört sein.

Und dann begann sie zu lesen. Zuerst begriff sie nicht. Was sollte sie mit diesem Stück? Sie hatte erwartet, daß er eine klassische Rolle von ihr fordern würde, war auf dieJulia" gefaßt gewesen, hatte an die Königin imCarlos", an die Adelheid imGoß" gedacht. Nun aber lag ein modernes Schauspiel vor ihr:Frauenopfer". Es sagte ihr zunächst nichts.

Aber dann begriff sie: Eine Frau, die alles dem Mann opferte, den | sie liebte. Sich selbst schon der Bestie Mensch geopfert hatte, wenn sie | zum erstenmal die Szene betrat, zerschlagen vom furchtbarsten Erleben und doch erfüllt von heißer Liebe, von brennender Sehnsucht nach ihm, ! dem einen, dem einzigen. Oh, sie begriff. Die dann sehen mußte, daß \ dieser eine all ihrer Liebe unwürdig war, daß ihr Opfer ein unnützes Verschwenden, Vergeuden gewesen, die nun ihre Liebe zerbrechen, aus­reihen wollte und doch, als dem Geliebten, dem unwürdigen Geliebten, eine neue Gefahr drohte, auch noch ihr letztes für ihn hinwarf: ihr Leben.

Eine Ballade der Liebe war dies Stück.

Sie las wieder und wieder. Alles Drum und Dran fiel ab. Ihre Sze­nen schälten sich heraus, ihr Opfergang.

Plötzlich aber war eine Frage in ihr wach:Warum hat er dir dies gegeben?" Nur weil es eine Rolle für sie war? Oder forderte er ein Bekenntnis?

Nein, das konnte nicht sein. Sie drängte die Frage zurück. Sie zwang sich zur Sachlichkeit.

An ihren Schreibtisch setzte sie sich, stützte den Kopf in die Hände und begann erst einmal zu lernen. Worte, nichts wie tote Worte. Sie waren Grundlage: das hatte Büchner bei Pistorius immer wieder gepredigt: das Wort muß sitzen, fest im Hirn; erst wenn man es so beherrscht, daß man nach keiner Silbe suchen muß, wenn die Sätze von selbst auf die Lippen kommen, erst bann kann man ein Fühlen in sie legen.

Aber noch nie war ihr dies mechanische Lernen so schwer geworden. Immer wieder drängte sich das persönliche Fühlen hinein, immer wieder der Gedanke:Das alles sollst du vor ihm, zu ihm, für ihn sprechen?" Ein Wehren war in ihr:Du reißt ja Schleier von deiner Seele." Und doch wieder ein Wünschen:Könntest du dich doch auch so opfern." Und ein Wissen:Du würdest es tun für ihn."

Immer klarer wurde ihr, wie sehr sie ihn liebte.

Aus dieser Erkenntnis erwuchs in ihr der Ehrgeiz. Sie wollte ihm beweisen, daß sie erfüllte, was er forderte. Und aus dem Ehrgeiz wuchs der Fleiß. Sie merkte, daß sie diese Rolle nur am hellen Tage sich erarbeiten konnte, wenn klares Licht um sie war. Abends irrten die Ge­danken ab.

So lieh sie, wenn die Dämmerung kam, ihr Buch liegen und floh zur Großmutter.

Die sah sie an und sagte:Kommst du wieder, Kleines? Das ist lieb von dir." Sie hatte auch immer eine Arbeit für sie: eine Näherei oder etwas zu flicken. Oder sie bat:Lies mir doch die Zeitung vor, Isa."

Einmal fragte sie:Ist die Rolle so schwer, die dir Doktor Büchner gegeben hat?"

Isa staunte:Woher weißt du?"

Die alte Dame lächelte.Ich weiß, Kindchen." Und dann:Komm ein­mal her, Isa, dicht zu mir."

Und als Jia neben ihrem Stuhl stand, zog sie sie nieder, daß sie vor ihr auf dem Boden hockte, sie legte ihre Hand auf Isas Haar und drückte den Kopf leicht zurück. Mit ihren klaren Augen sah sie Isa an.Ant­worte mir einmal ganz ehrlich, Kind: Glaubst du an dich? Glaubst du an dein Talent?"

Isa schlug die Augen nieder. Eine Antwort gab sie nicht.

Da fuhr Großmutter fort:Ohne Glauben an sich selbst, Isa, geht es nicht. Siehst du, ich habe dich ruhig deinen Weg gehen lassen. Es ist ja eigentlich nicht dein Weg, sondern Doktor Büchner hat ihn für dich ausgesucht und Gertie hat dich dann weiter mitgezogen. Nicht du sie, wie es wohl scheinen mochte. Und seit sie fort ist, bist du anders. Du bist mutlos, Kind, das sehe ich. Ich weih ja nur ein wenig vom Theater, aber ich glaube, wer etwas auf der Bühne leisten will, muß eines können: allein fein. Ganz auf sich selbst gestellt, auf das eigene Wollen und Kön-' nen. Er muß auf alle Hilfe verzichten. Ganz aus sich heraus schaffen. Und, Kind, ich glaube: du kannst nicht allein sein. Du brauchst immer einen Menschen neben dir."

Sie wartete. Aber es kam kein Wort von Isas Lippen. Nur daß sie Grohmutters Hand von ihrem Haar genommen und ihr Gesicht an sie gelehnt hatte, ihr heißes Gesicht.

Ganz leise fragte die Großmutter:Brauchst du Büchner?"

Unwillig schüttelte Isa den Kopf.Nein nein."

Sei vorsichtig, Kind."

Abends im Bett, wenn sie die Lampe gelöscht, rekapitulierte Isa. Morgens ging sie durch den Tiergarten und sprach die Rolle vor sich her. Die Worte saßen. Jeder Satz stand. Sie sühlte, sie hatte auch Innerlich alles erfaßt. Sie hatte begriffen: Dies Dpfernmüffen aus Siebe, dies Verachten und doch Sieben. Bis zum letzten, zum Aeußersten, zum Tode.

Sie war bereit, vor Büchner zu sprechen. Sie wartete, daß er sie rief.

Als Peter am Freitag seine Sohntüte an der Kasse des Motorenwerkes empfing, wurde ihm gleichzeitig ein Brief der Direktion übergeben. Er enthielt die formale Entlassung aus seiner Stelle und den Austrag, sich am Samstag zwecks Zuteilung anderer Arbeit in der Personalabteilung V des Verwaltungsgebäudes zu melden.

Gut io", dachte er,vorwärts!"

Am Samstag erfuhr er, daß er zu besonderer Verwendung in das : Privatkontor des Geheimrats versetzt sei, Antritt Montag. Er würde dort alles Weitere erfahren. Ein Kontrakt wurde ihm vorgelegt: zweihundert Mark monatlich, vierzehntägige Kündigung. Er möchte unterschreiben. Einen Augenblick zögerte Peter: Eigentlich war es etwas stark, wie Ban« negger mit ihm umsprang. Er befahl einfach: Privatkontor: er legte fest: zweihundert Mark; ohne ihn selbst zu fragen. In ihm meldete sich der

Widerstand: Sollte er die Unterschrift verweigern? Mußte er nicht erst einmal wissen, was man von ihm wollte? Aber dann unterschrieb er doch und dachte:Wenn es mir nicht paßt, kann ich ja kündigen, ein Schritt weiter ist es auf jeden Fall: und daß es nicht der letzte Schritt ist, dafür will ich schon sorgen."

Es war elf Uhr als er aus dem Verwaltungsgebäude trat.

Heute hatte er den ganzen Tag und den Sonntag vor sich. Er zögerte keinen Augenblick. Er wußte, kurz vor eins ging ein Zug nach Weimar. Gertie hatte ihn zwar nicht gerufen, hatte ihm nicht auf feinen Brief geantwortet, aber er wollte doch fahren. Warum nicht? Warten hatte keinen Sinn, das wußte er jetzt. Hätte er auf Jena gewartet, wäre er wahrscheinlich nie ins Werk gekommen. Und dann konnte er Gertie berichten: Privatkontor zweihundert Mark monatlich.

Als er zur Bahn ging, straffte er den Rücken. Er fühlte plötzlich, daß er sich feine Haltung auch zurückgewinnen müsse, er verstand jetzt den Arbeiter, der die Schultern nach vorn hängen ließ und mit den Füßen schlorrte: nie endende Körpermüdigkeit war das, ein instinktives Ausruhen aller Muskeln In den Zeiten, die keine Leistungen erforderten. Oh, es war gut, das einmal am eigenen Leibe gespürt zu haben, gerade wenn man im Privatkontor beschäftigt war.

Der Zug pendelte langsam durch die Thüringer Berge. Peter genoß die Fahrt, trotz der dritten Klasse, die ihm noch vor weniger als einem Vierteljahr als eine Unmöglichkeit erschienen wäre. Jetzt gab sie ihm Frei­heit. Und draußen vor den Fenstern rollten Wald und Felder vorbet. Ihm war, als hätte er das eine Ewigkeit nicht gesehen. Er bewunderte jedes Huhn, das auf einem Bauernhof gackerte, und jedes Pferd, das einen Pflug durch den herbstlichen Acker zog.

Dann war Weimar da. Er kannte es nicht. Er ließ seine Handtasche auf dem Bahnhof und folgte den Menschen, die die Bahnhofstraße herab der inneren Stadt zustrebten. Am Marktplatz fragte er nach der Jenaer Straße und wurde zurechtgewiesen, wanderte am Schloß vorbei und über die Jlmbrücke. Und erlebte eine Enttäuschung: Gertie war nicht zu Hause. Fräulein Rose ist wohl In den Park gegangen", meinte das Mädchen, das die Tür geöffnet hatte,sie hat ein Buch mitgenommen."

So begab er sich auf die Suche, kümmerte sich nicht viel um Goethes Gartenhaus und um die Erinnerungen an klassische Zeit, sondern lief die Wege im Ilmtal im Geschwindschritt ab; irgendwo mußte sie doch stecken.

Plötzlich sah er sie vor sich. Sie ging langsam den menschenleeren Weg, der nach Belvedere führt. Er wollte sie gleich anrufen, aber tat es nicht; es freute ihn, sie beobachten zu können. Sie schien ihm schlanker geworden, gestreckter, sie trug einen knappen, sportlichen Mantel, der im Rücken mit einer Lasche zusammengehatten war, einen schmalen Pelzkragen und Pelzmanschetten hatte; er war braun mit einem Stich ins Violette, und violett war der Kappenhut, der auf ihrem Haar saß. Alles sah Peter genau und erfreut, aber auch erstaunt: Wie lange hatte er kein Mädel so angesehen. Er folgte ihr; komisch: sie blieb bann und wann stehen, hob einen Arm ober legte ben Kopf mertmürbig zur Seite, einmal knickste sie sogar unb streckte beibe Hänbe nach vorn. Leise schlich er sich näher. Da hörte er: Sie sprach vor sich hin, unb er begriff: Sie lernte, arbeitete. So eifrig war sie, baß sie seine Schritte nicht hörte.

Erst, als er sie fast greifen konnte, rief er leise:Gertie!"

Mit einem Ruck wandte sie sich um, stand einen Augenblick wie erstarrt, sah ihn mit großen Augen an und sagte:Peter." Sie tat ben einen Schritt vor, ber sie noch trennte.Peter also boch." Wie befreit kam es von ihren Lippen.

Er blickte in ihre Augen, bie braun unb strahlenb waren. Er hatte vorher an nichts gebucht, nichts überlegt, nichts gewollt. Aber jetzt faßte er nicht nach ihren Hänben, sondern nach ihren Schultern und zog sie an sich. Noch einmal sagte er:Gertie." Und küßte sie.

Sie ließ ihn gewähren. Es war so klar, so selbstverständlich. Es mußte wohl so sein.

Einen Augenblick standen sie so.

Bis Gertie plötzlich auflachte.Aber, Peter, was machen wir beim? Ich glaube, wir find beibe verrückt geworben."

Auch er lachte.Wenn bas verrückt ist, fo ist Verrücktsein etwas sehr Schönes."

Er schob seinen Arm in ihren, und sie schlenberten weiter, immer ben Weg nach Belvedere entlang, heraus aus bem Park, ben Fußsteig neben bet großen Allee bergan. Im Gleichschritt gingen sie, fest eingehakt, flott bas Tempo. Wie zwei gute Kameraben. Beschwingt und innerlich froh, daß sie wieder einmal einen Menschen neben sich hatten.

Aber sie sprachen nicht. Es war doch eine kleine Scheu in ihnen. Da hatte sie ein Gefühl überrumpelt, frisch, jung unb rein. Plötzlich war es in ihnen gewesen, ganz selbstverstänblich unb ungewollt, unb nun wußten sie mit biefem Gefühl nichts anzufangen, weil boch zu viel Konvention in ihnen steckte, zu viel Angelerntes, Anerzogenes.

Beibe buchten busfelbe:Soll ich nun Sie fugen ober Du?" Beide hatten im innersten Herzen den Wunsch, stehenzublelben und sich lachend wieder zu küssen, weiter zu küssen.

Doch statt dessen verstärkten sie das Marschtempo. Sie liefen vorein­ander fort, Arm in Arm.

Bis sie oben vor dem Schloß standen, das wie eine Barriere ihren Weg sperrte. Da mußten sie hultmachen, mußten die 2frme voneinander lösen, mußten etwas sagen. Und Gertie sand das Wort:Donnerwetter, das war ein Marsch. Ich bin ganz außer Atem." Es mar wie eine Befreiung.

Run fand sich Peter auch in das Natürliche zurück, in das Natürlichste: fein Magen meldete sich.Hab' ich einen Hunger. Gibt's hier oben keine Kneipe? Ich habe nämlich noch nicht zu Mittag gegessen."

Wie gut diese Sätze taten. Plötzlich standen sie beide wieder auf festem Boden.

(Fortsetzung folgt.)

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