Ausgabe 
19.1.1931
 
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GieheiierZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <951 Montag, -en 19. Januar Nummer 6

Ei« Lied, Hinterm Ofen zu fingen.

Bon Matthias Claudius.

Der Winter ist ein rechter Mann, Kernfest und auf die Dauer;

Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an, Und scheut nicht Süß noch Sauer.

War je ein Mann gesund, ist er's; Er krankt und kränkelt nimmer, Weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs Und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an. Und läßt's vorher nicht wärmen;

Und spottet über Fluß im Zahn Und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang Weiß er sich nichts zu machen, Haßt warmen Drang und warmen Klang Und alle warme Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr, Wenn's Holz im Ofen knittert, Und um den Ofen Knecht und Herr Die Hände reibt und zittert.

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht

Und Teich und Seen krachen;

Das klingt ihm gut, das haßt er nicht, Dann will er sich totlachen.

Sein Schloß aus Eis liegt ganz hinaus Beim Nordpol an dem Strande;

Doch hat er auch ein Sommerhaus Im lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort, bald hier, Gut Regiment zu führen.

Und wenn er durchzieht, stehen wir Und sehn ihn an und frieren.

Das drohende Haus.

Von Isabella Sandy.

(Nachdruck verboten.)

Es war eines der alten Häuser, denen die Dichter eine Seele zu­schreiben ... Nach ihrer Ansicht hat dort alles Leben.' die von hundert­jährigem Rauch geschwärzten Herdstätten, die ehrwürdigen Balken, die müde sind, so viele Menschenschicksale zu tragen und an stürmischen Tagen wie traurige Menschen stöhnen, die abgenutzten Steinschryellen, die Mauern, auf deren weiße Flache die Lampen flüchtige Schatten zeichnen.

Ein im Pariser Boden wohlverankertes Haus, im Zentrum, ukiweit der Seine, deren feuchten Atem es einsaugt. Es ist drei Stockwerke hoch; der Eigentümer und seine Kinder bewohnten zwei; ganz oben pflegte ein friedlicher Mieter auf einem etwas wackligen Balkon feine Geranienftöcke. Im Treppenhaus herrschte völlige Ruhe, niemals gab cs mehr ober weniger lebhafte Erörterungen, nur zuvorkommende und kurze Worte und einige höfliche' Redensarten zu Neujahr.

Mit Kriegsschluß änderte sich alles. .Der kleine, verarmte Eigentümer verkaufte seine Stockwerke eines nach dem andern, und das alte, inner­lich auscinandergerissene, zerteilte Haus wurde dem Beispiel der neuen Bauten angepaßt, die schon vor ihrer Ferkigstellung stückweise verhandelt werden.

Wurde es dadurch schlechter Laune? Beschloß es, seinen drei Be­sitzern das Leben unerträglich zu machen, um die alte Ruhe wieder­zugewinnen? Niemals hatten seine Kamine so ote! geraucht, niemals seine Röhren den Angriffen des Winters so wenig standgehalten. Unter, seinem Anstrich aus frischem Gips und neuer Malerei wurde es hiy^ fällig wie eine alte Kokette, und die drei verantwortlichen Eigentümers konnten dauernd die Zweckmäßigkeit der geforderten Reparaturen er­örtern; die Erörterungen arteten in Wortwechsel aus, der Wortwechsel in hestigen Streit. Man murmelte auf den Treppenfluren Beinamen, die wenn sie auch in keinem Wörterbuch zugelassen find darum doch recht kräftig und bezeichnend sind. Das Leben wurde vom Erd­geschoß bis zum Boden unerträglich. Da griff bas alte Haus ein.

An einem Wintermorgen tauschten zwei junge Hausmädchen fol genbe Worte aus, währenb sie die Treppe hinuntergingen:

Schon acht Uhr! Was wird der Herr sagen, wenn er noch nicht die Zeitung und seine Brötchen hat? Aber ich kann nichts bafiir, daß ich eine Stunde zu spät bin: es ist so finster, daß ich nicht glaubte, es

wäre schon so spät, und die Wanduhr im Vorzimmer ist heute morgen um fünf Uhr stehen geblieben!

Das ist kornisch! Unsere auch!

Um fünf Uhr stehen geblieben? Sie machen Spaß!

Beweis, daß ich ebenso verspätet bin wie Sie!

Die Hausbesorgerin, die das Gespräch mitanhörke, rief: Nicht mög­lich! Ihre Uhren sind um fünf stehen geblieben? Aber meine auch! Nur die Taschenuhr läuft!

Na, wir haben keine! ... Das ist gleich! Das ist eine komische Ge­schichte! Und wer weiß, was im dritten ist? Da kommt gerade da» Mädchen herunter: hören Sie mal! Sind bei Ihnen Wanduhren

Na sicher: zwei, und sie taugen nichts! Schlaguhren, daß es eine Schande ist! Alle beide sind sie stehen geblieben ...

Um fünf Uhr! riefen drei Stimmen.

Wer hat Ihnen das gesagt? fragte das alte Mädchen mißtrauisch.

Unsere! Auch stehen geblieben! Das ist schlimmer als Kegelschieben, wie der Herr sagt!

Während die jungen Mädchen lachend wie Kinder davonstoben, blie- ben die beiden weißhaarigen Frauen stehen, um die eigentümliche Be­gebenheit zu besprechen; sie fürchteten sich und zitterten beim geringsten Geräusch.

Soll ich Ihnen etwas sagen, Frau Trurois? All das geht nicht mit rechten Dingen zu. Diese Tollköpfe haben gut lachen, das ändert nichts. Das glaubt an nichts mehr, das ist Freigeist; aber wie ich sie kenne, haben sie heut nacht mehr Angst als Sie und ich! Es gibt nichts, als Gebete für die Verstorbenen zu sprechen, das beruhigt sie; man vergißt sie zu sehr; dann bringen sie sich den Lebenden in Erinnerung, weil sie nicht mehr reden können ...

Wenige Augenblicke später erfuhren die drei Besitzer die Geschichte von den Uhren; sie wunderten sich darüber, aber ihre Zwistigkeiten waren so groß, daß sie kein Wort über die Sache verloren. Die von den Dienst­boten kolportierte Erklärung beruhigte: Der Herr vom dritten hat ge­sagt, daß diesen Ntorgen um fünf Uhr ein Erdbeben war, von dem alle Uhren in Paris ftehengeblieben sind und daß man es in den Abend­zeitungen lesen wird.

Nun, die Abendzeitungen blieben stumm, und das Geheimnis dek Uhren war ungelöst ...

Man wollte nicht mehr daran denken. Indessen wühlte eine dumpfe Unruhe in den Besitzern. Da sie, wie sich das Volk ausdrückt, auf Hauen und Stechen miteinander standen, wagte keiner von ihnen eine Ver­sammlung einzuberufen, und jeder beobachtete verstohlen die geweißte Fassade, die unter dem dicken Gips in Ordnung zu sein schien; man hatte doch die Risse vermauert, ausgebessert, neu'hergerichtet. Was war weiter zu tun als abzuwarten, daß der Zufall ihnen die gewünschte Er­klärung gab?

Ein Kind sand sie: als der kleine Glaube, der Sohn des Besitzers im zweiten Stock, eine Woche nach dem geheimnisvollen Vorfall mit Mur­meln spielte, kam er zu seinem Vater gelaufen und rief: Papa! ich kann nicht spielen! Die Murmeln wollen nicht auf dem Küchenboden stehen­bleiben! Sie rollen immer herunter! Das ist ja langweilig! Sieh doch mal!

Von einer noch unbegründeten Angst gewürgt, folgte der Vater dem Buben und mußte schaudernd erkennen, daß die Beobachtung des Kin­des vollkommen richtig war: den Boden der Küche war nicht mehr waagerecht, und die sich in jedem Raume wiederholende Tatsache ein Beweis! Kein Zweifel: bas alte Haus hatte sich gerührt, es hatte sich leicht nach seiner linken Ecke gesenkt ... Es ist gut, murmelte der Be­sitzer, ich werde nach dem Essen die Herren aufsuchen, und wir wollen gemeinsam in den Keller hinuntersteigen ...

Von Unruhe verzehrt, öffnete er fein Fenster und beobachtete auf­merksam die Nachbarhäuser. Die Pariser Nacht, eine bräunliche und rosafarbene Orchidee, entfaltete ihre Blütenblätter auf ben Kais, längs der von einem Schauer geschüttelten Straßen mit schmierigem Pflaster. Stärker als in der Helligkeit des Tages, so schien es ihm, spürte man die ungeheuere Erschütterung, die der moderne Verkehr der ermüdeten Stadt auferlegt: die neuen Häuser murmelten wie romantisch ange­hauchte Kinder der Zeit: wir sind müde, bevor wir gelebt haben! Und LVc- Alten klagten, seit einem halben Jahrhundert nicht mehr schlafen zu können.

Gin Eindruck allgemeiner Müdigkeit ging von der schlummerlosen Stadt aus. Da verstand der Mann, der nachdenklich aus seinem Fen­ster sah, wahrhaft die Gefahr; er ließ sich, ohne länger zu warten, bei den Mitbesitzern melden, indessen das Haus mit all seinen verschminkten Rissen lachte ... Die drei Männer durchsuchten mit der Lampe ben Keller, einen geräumigen und tiefen Keller, der zur Zeit der Könige mit anständigem Material gebaut war, um Jahrhunderte zu überdauern, und sie entdeckten die neue Spalte, die die Ursache für die Bewegung des Hauses gewesen war. Durch die gemeinsame Gefahr einander ge­nähert, verhandelten sie mit einer feit langem fehlenden Höflichkeit. Die