Hatte er dies Geheimnis nicht Im Grunde immer schon gewußt? Hatte fr nicht je und je die innere Unmöglichkeit gespürt, sich ganz an dieses Leben zu verschenken? Sich einem anderen Menschen ganz zu öffnen, sich auch nur einem Laster hinzugeben, irgendwie sich in einen Abgrund zu stürzen?
Auch in der Liebe war es so gewesen. Unter verlockenden Farben und Rosenranken hatte er immer den gefährlichen Abgrund gewittert und war zurückgebebt.
Und wie war es mit seiner Menschenliebe? Ach, er wollte sich nichts mehr vormachen, auch hier war Schwäche und Halbheit, und die Frau hatte im Grunde ganz recht mit ihrem Zorn. Hätte der Jammer der Menschheit wirklich an seinem Herzen gerissen, er hätte sich niemals so In die Einsamkeit verkriechen können; es hätte ihn gedrängt, zu helfen, Tag für Tag; bis an die Knie wäre er hineingewatet in Schmutz und Schande, Krankheit und Laster. Er aber hatte es mit ein paar Weihnachtsgängen bewenden lassen wollen, bi# ihm selber am meisten Spaß machten I
Nein, auch hier hatte er sich nicht hingegeben. In gläserner Hülle hatte er sein zartes Gespensterwesen heil und ganz bewahrt bis auf diesen Tag, — aber nun war er am Ende. Nun wand er sich stöhnend auf seinem Lager, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und fühlte doch immer, nah wie niemals, diese beiden dunklen Augen auf sich ruhen, vor denen er schuldig war. An den Grenzen seines Wesens hatten sie immer schon gewartet, sie gehörten dem Einen, der allein stark genug war, seine Gespensterhülle zu zerreißen, die ihn trennte und schützte vor der Welt. Darum hatte er sich vor ihnen gefürchtet, hatte immer weggesehen, hatte versucht sie zu vergessen.
Nun aber waren sie nah, erschreckend nah, blickten unerbittlich und gütig zugleich auf seine Qual, waren Untergang und letzte Hoffnung. — Ach nein, keine Hoffnung 1 Wo gibt es Hoffnung für ein armes verirrtes Gespenst, das sich feiner selbst bewußt geworden ist? Seht mich nicht so an, ihr dunklen Augen, es gibt keine Rettung, — das Ende ist da.
Heinrich wußte es nicht, wie nahe die Rettung ihm war. Er wußte nicht, wie makellos rein er jetzt in aller Schwäche und Hilslofigkeit vor Gottes Angesicht stand. Er fühlte sich als den letzten und elendesten unter den Menschen und ahnte nicht, wie hoch erhaben er über all denen stand, die sich immer nach zu rechtfertigen wissen, und damit Wände bauen, hinter denen man sich vor Gott verbirgt. Er aber verbarg sich nun nicht mehr, — nackt und armselig lag er da und litt sie redlich, seine Qual.
Er dachte, es wäre das Ende, und wußte nicht, daß es die schmerzvolle Stunde seiner neuen Geburt war, — daß er sich auf der untersten Stufe zum Himmelreich befand, die keiner Überspringen kann.
So litt er grausam wie nie in seinem Leben, und es dauerte eine irdische Ewigkeit. —
Da ließ ihn ein Ahnen in die Hohe fahren, es klopfte, — dreimal dumpf und stark wie das Schicksal.
Er sprang empor, — um Gottes willen, wer kam jetzt zu ihm in der Nacht?
Er riß die Tür seiner Hütte weit auf, — da war niemand — die eisige Winterluft schlug an seinen Leib, eben wanderten die Sterne ihren ewigen Gang, — niemand stand vor der Tür, aber Heinrich sank auf der Schwelle hin, bedeckte seine Augen mit beiden Händen, als müßte er sie schützen vor einem übergroßen Glanz! —
Jesus Christus hatte an sein Herz geklopft, die Tür war aufgesprungen und die große, ewige Weihnachtsmacht war eingezogen in feine irdische Hülle.
Der Heilige Abend war gekommen. Draußen dämmerte ein stiller weißer Winterwald, drinnen im blauen Häuschen war Heinrich weihnachtlich beschäftigt. Er trieb in einem Strom seliger Vorfreude, wie er sie seit feinen Kindertagen nicht mehr gefühlt hatte. Freilich, dies Fest brachte ihm auch etwas völlig Neues. Jahr für Jahr hatte er immer nur als Gast unter fremden Weihnachtsbäumen gestanden, heute zum erstenmal schmückte er im eignen Haus den eignen Baum, und nicht nur für sich, nein, zum erstenmal bereitete er das große Fest für andere!
Wie war das alles gekommen, fragte er sich selbst, lächelte und versenkte sich noch einmal in die unbegreiflichen Ereignisse der letzten Tage und Wochen. Zwar für den Verstand war nichts Wunderbares ober auch nur Unalltägliches geschehen, — so mußte es wohl an seinen neuen Augen liegen, die Zeichen und Wunder sahen, wo immer sie sich hinwendeten. „Siehe, es ist alles neu geworden!" — das Wort hatte ihn in der ganzen Zeit nicht verlassen.
Er hatte sich aufgemacht am Morgen nach der Schicksalsnacht und war noch einmal zu jener Frau gegangen. (Um den Sack abzuholen, den er im Schrecken dort hatte stehen lassen, sagte er sich — aber er wußte es wohl, es war nicht wegen dem Sack!) Zitternd fast und doch gehorsam dem inneren Befehl, war er zum zweitenmal die Treppe emporgeftiegen, und was hatte er gefunden? Keine Furie, sondern ein armes, verlassenes, angstvolles Menschenkind, das sein eigenes Schicksal nicht mehr meistern konnte und dicht am Zusammenbrechen war. Der Mann war ihr im Kriege gefallen, und sie war mitsamt ihren Kindern verarmt, das war alles. Es war eine seltsame Begegnung gewesen, sie hatte ihm ihr Herz ausgeschüttet, weil sie es allein nicht mehr aushielt, und es war eine warme Quelle in seiner Brust aufgesprungen, obwohl er nicht viel gesagt hatte. Aber er hatte sie mitsamt ihren Kindern zum heiligen Abend in [ein Waldhäuschen eingeladen, und nun erwartete er sie.
Ein verwehter Klang drang an sein Ohr und weckte ihn sanft aus feinen Träumen. Er öffnete ein Fenster, — ja, Kindergesang schwebte leise und fern noch über die verschneiten Tannenwipfel zu ihm herüber: „Stille Nacht, heilige Nacht!" — Das war das Zeichen, das sie vereinbart hatten, nun mußte er die Kerzen anzünben. Seine Hänbe zitterten, als er es tat, — etwas so Feierliches, fast Priesterliches lag in bet einfachen Hanblung, die er zum erstenmal in feinem Leden ausführte. Unb während Flamme auf Flamme am Baum erblühte, ging ihm die immer । geahnte, tiefe Bedeutung des Chriftbamnes auf. Christus hat die Flamme ■ der Liede entzündet und roeitergegeben an feine Getreuen, die haben sie -
wieder westergegeben, und so einer dem anderen durch die Jahrtausende. Und so brennt bas Licht aus des Heilands großem Herzen noch heute in ungezählten Menfchenherzen, und ob auch die Dunkelheit größer ist als bas Licht, sie wissen es doch: die göttliche Liede brennt! Das ist die große Weihnacht-gewihheit, bas sagen die still und gläubig im Grünen brennenden Lichtchen, sagen es auch denen, die nichts davon wissen wollen, prägen es ihnen wenigstens als Ahnung ein: wir leben, und wenn wir auch sterben, so stirbt doch die ewige Liede nicht.
Nun strahlte der Baum bis zur Krone, — Heinrich trat vor die Tür. Nah und näher kam der Gesang, jetzt bogen sie um die Walbecke, — kleine buntle Gestalten im weißen Schnee, — und in hinreißenden Jubel- tönen scholl es ihm entgegen,: ,Freue, freue dich o Christenheit!"
Heinrich stand vor der geöffneten Tür, breitete die Arme aus und streckte sie denen entgegen, die zu ihm tarnen. Er fühlte mit nie gefühlter Kraft und Seligkeit, wie Gottes Gnade ihn burchströmte, — alles war gut, alles war jetzt gut! Sprechen konnte er nicht, aber er grüßte die Frau mit einem warmen Blick, schloß bie Kinber in seine Arme und zog sie über bie Schwelle seines Hauses ins Innere, das strahlte wie das goldene Paradies. —
Und wie eine Strebe, bis an den Rand gefüllt mit Weihnachtsfeligkeit, schwamm bas blaue Häuschen mitten im Meer der Sternennacht.
Zwei wollen zum Theater.
Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin.
(Nachbruck verboten.) (Fortsetzung.)
Dann würbe er ruhiger, dachte an (Bertie. Das arme Mädel. Er verstand sie, er hatte ja selbst oft genug Sehnsucht nach einer Aussprache. Dies verfluchte ewige Alleinsein. Das war schon für einen Mann schwer.
Gleich sollte sie einen Brief haben. Aber kein Mitleid, nein, bas tat nicht gut. Mut machen tat besser.
Er ging wieber an seinen Tisch, zog einen Briefblock heran und nahm einen Bleistift zur Hand. Das Schreiben mit Tinte hatte er aufgegeben, feine Hand war zu schwer geworden bei der körperlichen Arbeit.
„Liebe Gertie! Haden Sie herzlichen Dank für Ihren langen Brief. Sie sehen, ich beantworte ihn gleich, aber verlangen Sie bitte nicht von mir, daß ich nun in Ihren Trauergruß einstimme. Sie lassen den Kops sinken, weil so ein paar Dussel von Kollegen neidisch sind? Das wäre ja noch schöner. Stolz sollen Sie sein, daß die Bande neidisch ist. Denken Sie doch, daß sie es nur ist, weil Sie was können. Wenn Sie auf der Bühne wie eine Anfängerin rumlaufen würden unb nicht piep sagen könnten, bann würden alle lieb mit Ihnen tun; — das ist klar. Ader so platzen sie vor Wut. Daran müssen Sie denken. Wenn die nicht mittun wollen, werden Sie doch mal grob, das hilft immer und wird Ihrem Fleischmann nur imponieren. Mir hat Grobwerden auch geholfen, ich glaub’ wenigstens. Heute bin ich sogar meinem hohen Ches grob geworden, und nachher war er sehr freundlich. Ich komme weiter, Gertie, und bin sehr zufrieden. Ich hoffe Ihnen bald Gutes berichten zu können. Ich bin Ihnen ja so dankbar, daß Sie mir die Wahrheit gesagt haben, denn sonst säße ich noch in Berlin und täte nichts. Aber nun dürfen Sie sich nicht unterkriegen lassen, das wäre ja noch schöner. Erft andere auf den rechten Weg schubsen und dann selbst versagen! Das gibt’s nicht, verstehen Sie? Ich bin hier auch allein. Laufen Sie feste spazieren. Wenn man abends müde ist, merkt man das Alleinsein nicht. Ich bin abends immer müde. Kopf hoch, Gertie, unb keine Angst haben. Soll ich Sonntag mal zu Ihnen rüberkommen? Herzlichen Gruß Ihr alter Peter."
Quer durch bie Stabt lief Peter bis zum Bahnhof. Da steckte er den Brief in den Kasten, damit ihn Gertie am nächsten Morgen hätte.
Unb feine Wurst lag unangeschnitten in seinem Zimmer. *
Isa hatte (Berties Briese bekommen. Sie hatte sie auch gelesen, hatte ftntroorten wollen; aber sie konnte sich nicht entschließen. Was sollt« sie Gertie schreiben?
Von sich selbst, Nein, daran konnte sie nicht rühren; sie wagte ja kaum daran zu denken, wie es um sie stand. Sie beneidete Gertie um ihr« Arbeit, um ihre Sorgen, um ihre Klagen. Das war greifbar, damit könnt« man fertig werden, es bekämpfen, abschütteln ober darin aufgehen Jfa schien: Gertie hatte es leicht. Di« glücklich« Gertie, der immer alles zufiel. Ja, sie beneibete sie, selbst um bie Begegnung mit Leo Queis, um bie Stunben in Scherkalben, benn in ihrer Herzensangst buchte sie jetzt manchmal: „Sollst du zu Leo flüchten? Dort ist alles fest, klar, gefidjert, er liebt bich, die Familie wäre glücklich unb du würdest Ruhe finden."
Aber dann wehrte sich alles in ihr wieder gegen den Gedanken. Denn es drängte sie zu Büchner. Sie horte seine Stimme: „Wissen Sie, daß Sie sehr schon sind, Isa?" War in dem Satz nicht ein Geständnis auch feiner Liebe? Sie entdeckte, daß sie öfter als vorher sich im Spiegel betrachtete, erst unbewußt mit einem Blick, dann aufmerksamer, genauer; daß sie ihr Gesicht zergliederte: „Bist du wirklich schon?" Sie sand sich blaß, elend, ihre Augen schienen ihr matt. „Du mußt laufen, mußt an die Luft", sagte sie sich. Sie stahl sich bie Hintertreppe hinab, weil sie fürchtete, Büchner im Vorderflur zu begegnen. Und doch sehnte sie sich, ihn zu sehen.
An ihre Arbeit dachte sie kaum. Pistorius und feine Schule waren für sie versunken.
Bis eines Tages ein Buch auf ihrem Schreibtisch lag. „Doktor Büchner schickt es“, sagte bas Mäbchen.
Isa wußte: „Das ist nun bie Rolle, mit der er mich prüfen will." Wie hatte er ihr geantwortet, als sie ihn fragte: „Glauben Sie, daß ich es kann?" Was hatte er in den Abend hineingesprochen? „Glauben — ja; wissen — nein. Das entscheidet sich erst, wenn Sie oben stehen — vielleicht schon früher."
Dies „früher" würde nun fein, wenn sie vor ihm sprach Drüben in seinem Zimmer. Ihm gegenüber — nur ihm allein. Würde sie bann überhaupt sprechen können?


