Ausgabe 
18.12.1931
 
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Bus Mrmkand, und der Abend verging so schnell, daß alle ganz er- ätaunt waren, al» das Mädchen kam, um den Tisch zu decken. Aber ins Merkwürdigste war doch noch etwas anderes: wenn der Fahnen­junker von Wachenfeldt dieses oder jenes von seinen eigenen Erlebnissen erzählte, dann stand er selber immer als der klügste und vorsichtigste Mensch da, den man sich nur denken konnte. Allerdings hatte er einige abenteuerliche Erlebnisse gehabt, das war nicht zu leugnen; aber er hatte immer die Rolle des ratgebenden Freundes dabei gespielt und törichten Menschen aus der Patsche geholfen.

Wenn man zum Beispiel nur an Wästfelts auf Angersbn dachte! Welche Stütze war er doch diesen liebenswürdigen, kindlichen Menschen gewesen, besonders damals, als die Braut des Sohnes diesen aufgab und einen anderen heiratete! Man konnte niemand mit größerer Verehrung von seiner Mutter und von seiner Frau reden hören. Einen solch edlen Sohn, einen so liebevollen Gatten hätte sich jedermann nur wünschen mögen! Er war es auch gewesen, der den jungen Damen stets gar so vernünftig zugeredet, Braut und Bräutigam versöhnt und Ehen wieder befestigt hatte, die im Begriff gewesen waren, auseinanderzugehen. Alle Unglücklichen hatten ihn zum Vertrauensmann erwählt, und er hatte sie nicht im Stich gelassen. Ja, er hatte sogar Menschen gerettet, die der Spielwut verfallen waren, hatte ihnen die Meinung gesagt und sie an ihre Pflichten erinnert.

Nach dem Abendessen, als Fahnenjunker von Wachenfeldt in seine Kammer hinuntergehinkt war, saßen Leutnant Lagerlöf, seine Frau und seine Schwester stumm beieinander und guckten sich an.

Ja, der Wachenfeldt", sagte der Leutnant,das ist ein sonderbarer Kauz. Er ist klüger, als wir alle zusammen."

Es war immer nett, sich mit Wachenfeldt zu unterhalten", sagte Mamsell Lovisa.Wenn es wahr wäre, daß er allen andern solch eine Stütze gewesen ist, wie wäre es dann möglich, daß er für sich selber so schlecht gewirtschaftet hat?" warf Frau Lagerläf trocken ein.Na ja, solche Leute gibt es nun mal!" sagte der Leutnant.

Das Christkind der Pfalzgräfin Liselotte.

Bon Franziska Otto.

Auf den breiten Stufen der Terrasse draußen lag der Schnee; über den Kugeln des Immergrüns, den Pyramiben des Taxus hing er wie eine dicke weihe Pelzmütze oder glitt schräg daran herunter. Die Wasserbecken waren leer, der Strahl des Springbrunnens plauderte nicht mehr und die bunte Farbenpracht blühender Teppiche war erloschen, verhaucht, ver­weht! Leis und Weiß war die Welt.

Durch das schmale, lange Zimmer des Schlosses schreitet langsam die Fürstin; ein wenig Licht, Farbe und Wärme wirft das Feuer des Kamins in den hohen Raum, macht das knisternde Gewand spiegeln und die Schatten der Dinge sich bewegen, noch als die Frau am Tisch sitzt und ihre Hände liebevoll über einen Gegenstand streicheln, der da liegt, ein Nichts ist es, oder ein Wenig, aber doch ein Keim, aus dem ein Viel blühen kann.

Vor wenigen Stunden war er noch eingeschlossen in ein Päcklein, das weiten Weg hergekommen, jetzt lag er hier auf dem kostbaren Schreibtisch der Herzogin von Orleans, schüchtern, als schäme er sich seines Eindringens in dies Fürstengemach, aber die Augen der Herzogin ruhten auf ihm, bis ihr Blick müde wurde, nach innen sah und den Keim zur Entfaltung brachte: nun blühte der Traum.

Unhörbar ging sie den Weg nach, den das Päckchen gewandert war aus der deutschen Heimat zu ihr, der liebenssehnenden, alternden Frau. Sie sah den Postwagen über unebene Wege, durch unheimliche Wälder schwanken, sah den breiten Strom der Heimat, auf den die Fenster des väterlichen Schlosses schauten schreckend fiel ein Mißton in ihre heim­liche Sehnsucht: Stand nicht das Schloß zerstört dort oben? Lagen nicht Städte der Heimat verwüstet. Doch leise löschte ihre Hand die grellen Lichter; nicht das Jetzt suchte ihre Sehnsucht, sondern das Einst. Und noch ein anderes, das sie gern gerufen, kam heimlich, auf leisen Sohlen. Das deutsche Christkindel! Fremd war es denen um sie, die in kostbaren Gewändern harte, höhnische Herzen trugen, die der fremden Fürstin noch heute nicht verziehen, daß sie treu war, treu den Wurzeln in der Heimat. Die ihr den Nährboden in der Fremde vergifteten, daß sie ihn nicht in Heimat umzuwandeln vermochte, daß sie in einsamen Stunden, da die Blicke der anderen sie nicht treffen konnten, mit frierender Seele stand.

Das Christkindel! Hier lag es vor ihr auf dem Tisch. Ein Winziges, ein Nichts, den Augen der anderen.

Eine Karte der Heimat. Durch den Traum der Herzogin schritten liebe Gestalten leiblich so Ferner und seelisch so Naher; sie. hörte in der Laut­losigkeit des sinkenden Wintertages vertraute Stimmen und fast war ihr, als streife sie ein Hauch aus liebem Munde.

Ein Stündlein vor dem Abend, das sie für sich allein hat, und in dem sie in der Heimat weilen darf, die ihr Fuß nicht mehr erreichen kann. Da ist sie wieder das luftige kleine Mädel, das feine heiteren kleinen Schelmenftücke humorvoll mit der Rute büßt, und ist auch das junge Weib, das sich schwer von der Heimat losringt, und wissend den Weg in ihr Schicksal geht. Ein Körnchen Glück und ein Berg voll Leid

Aber immer doch, wenn die Kaskaden draußen erstarren, steigt das Gedenken stärker in ihr hoch, sieht sie deutlicher das wellige Land der Heimat, die vertrauten Gemächer. Und wenn auch mit den Jahren einer nach dem andern all derer, die ihrem Herzen nahegestanden, dahin ging ihr lebten sie, ihr tönten ihre Stimmen noch und ihre Hand streicht zitternd über die kleine Gabe. Da leuchtet noch einmal das Fünkchen Glück im Leid, leuchtet, wächst und überstrahlt es, bis draußen die Dämmerung tiefer finkt. Einen leisen Schritt hört sie, da hüllt sie ihr Christkindel ein und birgt es den Augen, die da nicht mit Liebe sehen können.

Als am Abend die hohen Fenster mit den kleinen Scheiben helles Kerzenlicht in die weiße Nacht senden, da schreitet inmitten bunter, plau­dernder, lachender Menschen mühseligen doch stolzen Schrittes die einstige

Psalzgräsin Lieselotte, und ihre Augen sehen still in Las farbige Ge­wühl. Ihr Ohr sängt kaum die schmeichelnden oder spitzen Reden. Ganz abgelöst schreitet sie durch die prunkvollen Säle, während ihr Herz drüben ist bei ihrem deutschen Christkinde!.

Oer Weihnachtsmann.

Erzählung von Marie Hensel.

(Schluß.)

Es war immer noch ganz still, und auch auf seine Frage, ob hier artige Kinder wohnten, antwortete niemand, so daß es anfing, ein wenig peinlich zu werden.

Ich muß freundlich zu ihnen fein, sonst meinen sie noch", dachte der gute Weihnachtsmann.Sie sind zu sehr erschrocken!"

Und er wandte sich den beiden Hemdenmätzen zu, bereit, ein paar freundliche, brummende Worte zu ihnen zu sprechen und ihnen mit der behandschuhten Riesenpranke begütigend über die Blondköpfe zu streicheln.

Da lieh ihn ein seltsamer Ton herumfahren. Die Mutter war auf- gestanden, sie war groß, sah er jetzt, und ihr Gesicht war ganz entstellt vor Zorn und Entrüstung.

Was soll das?!" rief sie mit flackernden Augen.Warum kommt man uns mit solchen Albernheiten?"

Dem Weihnachtsmann zitterte sein Herz tief inwendig in seinen vielen Hüllen; dies kam so überraschend, daß er unwillkürlich wie auf der Flucht zur Tür zurückwich. Aber schon wieder war die Stimme der Frau über ihm, immer wilder und unaufhaltsamer kamen ihr die Worte vom Munde:

Das ganze Jahr läßt man uns allein, daß kein Tier in feiner Höhle einsamer sein kann, niemand fragt, ob ich meine Kinder satt kriege, ob ich meine Arbeit schaffe, ob ich meine Miete bezahlen kann, und dann zu Weihnachten soll mit einem Mal alles gut sein, man wirst uns ein paar Aepfel und Nüsse hin, und wir sollen dann wohl springen vor Freude und DankbarkeitI Ach, schämt Euch doch, schämt Euch doch, so wollt Ihr Euch loskaufen! Ich mag nichts hören von Weihnachts­mann und Christkind, meinen Kindern habe ich das ausreden müssen, weil sie uns ja doch nichts bringen. Das ist grausam von mir, aber ich kann nichts dafür, das Leben ist schuld, die uns verkommen lassen, ach ja, verkommen lasset Ihr uns, und da soll man nicht verzweifeln..." Sie stammelte nur noch, warf sich plötzlich auf einen Stuhl, die Arme aus die Tischkante, und weinte laut und rückhaltlos, wie sonst nur Kinder meinen.

Wie erstarrt lehnte der Weihnachtsmann an der Tür.Sie ist noch nicht lange arm," flüsterte es in ihm,sie hat sich noch nicht gewöhnt. Die anderen waren doch nicht so?"

Aber da fuhr die Frau schon wieder auf, strich sich mit einer wilden Gebärde die Haare aus der Stirn und schrie nun völlig außer sich:

Hinaus mit dir, du Gespenst! Was stehst du da noch an der Tür? Macht es dir Spaß, zu sehen, wie ich meine? Hinaus sage ich dir!!"

Drohend stürzte sie auf ihn zu. Da riß er sich aus seiner Betäubung auf, öffnete blitzschnell und tauchte ins Dunkel. Hinter ihm schmetterte die Tür ins Schloß.

Wie er bann nach Hause gekommen mar, wußte er später selbst nicht mehr zu sagen. Es mar ihm von d«m weiten Weg nur noch erinnerlich, daß er sich entsetzlich fürchtete vor den winternackten Baumformen des Waldes, durch den er hindurch mußte. Die gespreizten oder sich winden­den Aeste scharf gegen den Himmel abgehoben, schienen Uebergroßes sagen zu wollen, als wären sie Verkünder des jüngsten Gerichts. Und einmal taumelte er vor dem Schrei eines Nachtvogels.

Als er feine Hütte erblickte, war es ihm, wie vielleicht einem Ver­storbenen, der den Ort besucht, wo er lebte und glücklich war.

Er schloß auf und legte sich halbangekleidet unter das Bärenfell. Er machte kein Licht. Der Anblick dieses Raumes, von allem, was ihn sonst lieb und vertraut angerührt hatte, hätte ihn nur gepeinigt. Er lag lange, ohne sich zu regen, und ohne daß seine Gedanken sich regten, in einer Dumpsheik, die ihm fast wohltat. Immer wieder scheuchte er die erweckende Klarheit von sich, noch nicht, noch nicht. Zwei Augen blickten auf ihn wie durch Nebel, und unter diesem Blick richtete sich sein Be­wußtsein endlich auf.

Was war eigentlich geschehen? Eins war sicher: das Erlebnis selbst stand in keinem Verhältnis zu dem Zusammenbruch, den «s angerichtet hatte. Gewiß war es unangenehm und ernüchternd, dies gleich bei der ersten Weihnachtsfahrt zu erleben; es ist auch niemals schon für einen Mann, tjinuusgeroorfen zu werden. Aber Eitelkeit war nicht seine Schwäche, es fiel ihm nicht schwer, dieser Frau zu vergeben, der ja bi« Verzweiflung so sichtbar aus den Augen geflackert hatte.

Ach nein, sie mar nicht schuld, sie mar nur der äußere Anstoß, die Tischkante, an der sich ein heimlich Kranker stoßt, und es bricht das innere Geschwür auf, mit namenlosen, tödlichen Schmerzen.

Ja, so mar ihm zu Mute, als roenn eine innere Krankheit, die lange, ach eigentlich immer schon, sich in ihm vorbereitet hat, nun endlich zum Ausbruch gekommen märe, so daß er meber sich noch anbere mehr herüber hinmegtäusck)en konnte; mit keiner Liebensmürbigkeit mehr, mit keiner Selbstbeherrschung, mit keinem schonen bunten Märchenspiel. Wie hatte bie Frau zu ihm gesagt? Du Gespenst! Das Wort hatte ihn burch- sahren wie ein Dolch! Ja, so roars, das mar seine Krankheit Ein Gespenst war er, war er immer gewesen. Ein gutes Gespenst meinet­wegen, man erschrak nicht vor ihm, man liebte und suchte sogar feine Nähe, aber die unsichtbare Hülle trennte ihn und bie anbern; niemals mar er ganz eins mit ihnen, niemals staub er mie sie voll unb marm unb restlos im Leben. Sie alle lebten, er spukte.

Unb so hatte er sich seinen Beruf ermählt, hatte sich von ben Menschen geschieben unb mar in schreckhafter Folgerichtigkeit ein Phantom gewor­ben, Weihnachtsmann, etwas, mas es nicht gibt! Ein geisterhaftes Spiel hatte er getrieben, schon und farbig, voll von Gespensterfreuben, aber ein Leden, wie bie anbern es lebten, mar es nicht gewesen. Ein Geheimnis trennte ihn auch hier von ber übrigen Welt.