Sietzener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
I rhrgang |95I
Freitag, den l8. Dezember
Nummer 99
Aites Weihnachtsbikd.
Von Rudolf Paulsen.
Die Nacht ist kalt, am Purpurhimmel strahlen Die goldnen Sterne, zierlich ausgebaut. Wie es die großen Meister einst beim Malen Mit innrem Auge fröhlich angeschaut.
Gottvater blickt vom Himmel aus die Erde, Beglänzt mit seines Geistes Hellem Licht Die ird'sche Nacht, auf der ein neues Werde Aus eines Kindleins holden Singen bricht.
Das Knäblein liegt auf kahlem, kühlem Bausche Des dünnen Strohs, in einer Krippe Bucht;
Maria aber, daß sie selig lausche. Beugt betend sich vor ihrer reinen Frucht.
Da hält sie Zwiesprach wortlos in der Weihe Der heil'gen Stunde, die den Christ gebar. Und hüllt, daß es nicht aus das Kindlein schneie, Ihn ein mit ihrem sonnengoldnen Haar.
Ein wenig ab sind Hirten auf dem Felde, Erschreckend vor dem überstarken Licht; Doch steigt ein Engel nieder, daß er melde Die frohe Heilandsbotschaft: Fürchtet nicht!
Oechslein und Eselein im kargen Stalle Ersehn das Wunder und erbeben auch, Wie rings die Bäume und die Gräser alle Erzittern unterm warnien Gotteshauch.
Doch Freude-Zittern ist es allerorten: Hcrz-Wiederleuchten aus der Ewigkeit;
Maria aber weiß aus Engelsworten Ms Muttergottes sich gebenedeit!
Weihnachtsbesuch.
Von Selma L a g e r l ö f.
Wenn die Kinder von Marbacka auch aus sonst nichts Hütten schließen können, daß Weihnachten in der Nähe sei, so hätten sie es doch gemerkt, wenn Fahnenjunker von Wachenfeldt angefahren kam. Daher waren sie auch so überaus vergnügt, wenn sein Wurstschlitten oben in der Allee auftauchte. Sie sprachen durchs ganze Haus und verkündeten die Neuigkeit, sie standen auf der Treppe, um den Ankömmling in Empfang zu nehmen und zu begrüßen, sie holten Brot für das Pferdchen, und sie trugen die dünne Reisetasche, die mit Blättern und Blumen in Kreuzstich verziert war, in das Zimmer, in der der Fahnenjunker wohnen sollte. Es war eigentlich sonderbar, daß die Kinder den Fahnenjunker von Wachenfeldt immer so fröhlich begrüßten. Er brachte ihnen keine Zuckcrsachcn und keine Geschenke mit; aber sie müssen wohl gedacht haben, er gehöre eben mit zu Weihnachten, und das war schon Grund genug zur Freude. Jedenfalls war es gut, daß sie ihn freundlich begrüßten, denn die Erwachsenen machten nicht viel Aufhebens von ihm. Frau Lagerlöf und Mamsell Lovisa kamen zu seinem Empfang nicht einmal auf die Veranda heraus, und Leutnant Lagerlöf legte nur mit einem tiefen Seufzer die Vürmlandszeitung weg und erhob sich aus dem Schaukelftuhl, um den Angekommenen zu begrüßen.
„So so, bist du wieder da, Wachenfeldt", sagte er, wenn er an der Treppe auftauchte. Dann stellte er einige Fragen über die Reise und den Zustand der Wege und führte hierauf den Schwager in das Kontor. Er machte eine Schublade in der Kommode leer und sah nach, ob Im Kleiderschrank noch Platz sei. Dann zog er mit den Kindern ab und überließ seinen Gast sich selbst. So oft der Fahnenjunker von Wachenfeldt nach Marbacka kam, wurde in Leutnant Lagerlöfs Herz die Erinnerung an seine verstorbene Schwester wieder lebendig. Sie war die älteste gewesen, hatte ihn großziehen helfen und sich in jeder Weise seiner angenommen. Keine feiner Schwestern hatte er so lieb gehabt, auf keine war er so stolz gewesen. Und da mußte sie sich In diesen Nichtsnutz von Wachenfeldt verliebenl Sie war schön und stattlich gewesen und ebenso gut und vortrefflich, wie sie schön war. Selbst immer fröhlichen Herzens, suchte sie auch allen, die um sie waren, das Leben leicht zu machen. Sie hatte bis zum äußersten gekämpft, ihr Heimwefen zufammen- zuhalken. Ihr Mann hatte nur veriubelt und verschwendet. Sie hatte auch ihre Lieben daheim in Marbacka nie wissen lassen wollen, wie schlecht es ihr ging, damit man ihr zu Hilfe gekommen wäre. Deshalb ging es auch so plötzlich zu Ende mit ihr, als sie kaum In den Vierzigern war. Das war eine traurige, aufregende Geschichte, und der Leutnant konnte nicht gleich freundlich gegen Wachenfeldt [ein, solange das alles
noch in ihm gärte. Er mußte stets einen längeren Spaziergang machen, bis er die Bitterkeit etwas überwunden hatte. Dasselbe empfanden auch Frau Lagerlöf und Mamsell Lovisa. Anna von Wachenfeldt war Frau Lagerlöf die liebste von allen ihren Schwägerinnen gewesen und sie hatte mit wirklicher Verehrung zu ihr ausgesehen. Keine von all den Verwandten hatte sie aber auch so freundlich in der Familie willkommen geheißen wie die verstorbene Schwägerin. Frau Lagerlöf konnte es dem Fahnenjunker von Wachenfeldt nie verzeihen, daß er dies geliebte Menschenkind so unglücklich gemacht hatte. Mamsell Lovisa war als Kind oftmals in Välfäter zu Besuch gewesen, auf dem Hofe, wo ihre Schwester und ihr Schwager gewohnt hatten, und sie wußte besser als alle andern, welch schweres Leben ihre Schwester gehabt hatte. Sie konnte Wachen- seldts Namen nie nennen hören, ohne an einen Morgen denken zu müssen, an dem zwei Knechte nach Välsäter kamen und die beiden besten Kühe aus dem Stall holten. Die Schwester war hinausgestürzt und hatte gefragt, was das heißen solle; aber die Knechte hatten ihr ganz ruhig geantwortet, der Fahnenjunker habe die beiden Kühe in der letzten Nacht an ihren Herrn verspielt. Mamsell Lovisa sah noch heute, wie oer- zweifelt ihre Schwester da gewesen war. „Er kommt nicht zur Vernunft, bis er mich unter den Boden gebracht hat", hatte sie gesagt. Immerhin aber war Mamsell Lovisa die erste, die sich an ihre Pflichten als Gastgeberin erinnerte. Sie stand von ihrem Nähtisch auf, an dem sie mit einer Stickerei gesessen hatte, was sie aber nicht hinderte, neben- her noch einen Blick in einen Roman zu werfen, der aufgeschlagen im Nähkorb lag, und öffnete die Küchentür ein wenig.
„Liebe Maja", sagte sie halb entschuldigend, „nun ist Wachenfeldt wieder gekommen." „Ich begreife wirklich nicht, daß der Mensch, der seine Frau so schändlich behandelt hat, zu jedem Fest hierherkommen darf", sagte die Haushälterin sehr ärgerlich. „Aber man kann ihn doch nicht hinauswerfen", entgegnete Mamsell Lovisa. „Und nun sei so gut, liebe Maja, und sorge für Kaffee; er muß doch nach der Reise etwas Warmes haben." „Natürlich muß er auch gerade immer kommen, wenn die Herrschaften schon Kassee getrunken haben und der Herd kalt ist!" brummte die Haushälterin und sah aus, als ob sie nicht gedächte, sich vorn Fleck zu rühren. Der Kaffee mußte aber doch zustande gekommen fein, denn nach einem Weilchen wurde das Zimmermädchen zu Fahnenjunker von Wachenfeldt geschickt, um ihn zum Kaffee zu bitten.
Als der Fahnenjunker über den Hof ging, stützte er sich auf einen Stock, den er aber im Vorzimmer ablegte, und dann trat er mit ziemlich guter Haltung in den Salon. Mamsell Lovisa, die im Zimmer stand, um ihn zu begrüßen, sah jedenfalls, wie sauer ihm das Gehen wurde, sie fühlte, wie gchlgsschwollen seine Hände waren, als sie ihm die ihrige gab, und als sie zu ihm aussah, starrte das operierte Auge sie unheimlich vergrößert an. Da verflog ein gut Teil ihres Grolls. Sie dachte, die Strafe habe ihn schon ereilt, und so wollte sie nicht noch weitere Steine auf seine Bürde legen.
„Das ist ja schön, Wachenfeldt, daß du auch in diese, WeiMachts» zeit zu uns kommen konntest", zwang sie sich zik sagen te
sie ihm Kaffee ein, und er setzte sich an seinen gewöhn/---, ,P .-ö"- Ecke zwischen dem Ofen und dem zufammengekiappte u war ein bescheidenes Plätzchen, aber es war das *c" ■
Zimmer. Fahnenjunker von Wachenfeldt wußte, tt <• „1 -v
dahin fetzte. Er fing auch sofort mit Mamsell Lovisa o~ ä!>er ' t zu sprechen und von ihrem em:gen Schimpfen und 'Streiten » Bauersleuten, bei denen er sich eingemietet hatte. Er wußte, feiner Schwägerin behagte eine solche Unterhaltung über 'klägliche Dinge, und cs entging ihm auch keineswegs, daß sie sich r y einer Weile selber ein Täßchen Kaffee einschenkte und ihm beim Trin t. Gesellschaft leistete. Während sie noch zusammen beim Kaffee saßen, dä -werte es bereits, die Lampe wurde hereingebracht und auf den runden- Tisch vor dem Sofa gestellt. Gleich darauf kam auch Frau Lagerlöf h rein. Sie hatte das erste Gefühl von Widerwillen noch nicht ganz überwunden, und ihre Begrüßung war auch danach: sie gab dem Fahnenjunker nur eben die Hand, ohne ein Wort zu sagen. Dann setzte sie sich mit ihrer Arbeit nieder. Der Fahnenjunker fuhr ganz ruhig im Gespräch mit Mamsell Lovisa fort, aber gleichzeitig änderte er den Gegenstand. Er berichtete von einigen sonderbaren Krankheitsfällen bei Menschen und Tieren auf dem Hofe, wo er wohnte, und deren Heilung ihm merkwürdigerweise geglückt sei. Dem konnte Frau Lagerlöf nicht widerstehen, das war ihr Fall, und ehe sie es selber wußte, war auch sie in die Unterhaltung mit hineingezogen. Zuletzt kam auch noch Leutnant Lagerlöf und setzte sich in seinen Schaukelftuhl. Er war auch verstimmt und wortkarg, als er; eintrat. Aber nun glitt die Unterhaltung ganz unmerklich wieder in eine andre Bahn hinein. Man sprach von Karlstadt, wo der Fahnenjunker geboren und der Leutnant zur Schule gegangen war, und darüber unterhielt sich Leutnant Lagerlöf jederzeit gerne. Das Gespräch verflieg sich sogar bis Stockholm; man sprach über Emilie Högqvist und über Jenny Lind und alles mögliche andre Schöne und Erinnerungswerte aus alten Zeiten. Schließlich kam man noch auf allerlei Geschichten


