Ausgabe 
18.9.1931
 
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O Zeiten! Zeiten!

Ich hatt' ein klein Kämmerchen bei einem fluten Freund, dem ich einst mancherlei zu Nutz flclan halt', dahin bracht' ich meinen verlorenen Schatz, und als die Not aufs höchste fticfl in der Stadt, da war es Gottes Fügung, daß ich sie vor dem Hungertod doch zu schützen vermocht.

Sie hatte ein Lied, das hab' ich ihr hinter der Tür abgelauscht sie sang es oft genug weih nicht, woher sie es mitgebracht hatte! Hab es mein ganz Leben hindurch nicht aus den Ohren und aus dem Sinn verloren.

Es war «in betrübt Wesen und war mir schier besser zumute bei der grimmen Arbeit aus den Wällen, als in dem engen Kämmerlein aus der Löwenstrahe und was der Vater in seinem Zorn geflucht hatte, das lieh Gott zur Wahrheit werden. Pikenhoch ist das Wasser über den Leib der Susann' weggegangen und der Generalseldmarschall von Pappenheim ist schuld daran gewesen! Als der sah, dah er der Stadt von wegen des Sumpfbodens nicht nah genug kommen kunnt mit feinen Laufgräben, da trieb er das elende Vauernvolk zusammen aus den wüsten Dörfern und den Wäldern und ließ einen Damm ziehen, Braun­schweig zu, über den Ockerstrom weg, und dämmte ihn ab und trieb die Wasser mit Gewalt hinein in die Festung, daß der Graf Solms auf dem Schloß das Haar zu raufen begunnt. Der Winter half den Kaiserlichen wacker dabei, das Wasser wuchs ringsum und in der Stadt und stieg und stieg. Bald hob die Flut die toten Körper in den Kirchen, die Erschlagenen und Hungergestorbenen in den Straßen und trieb und wirbelte sie umher zwischen den schwimmenden Balken, Trümmern und Eisschollen in den Gassen und auf den Plätzen. In den Kähnen, auf zufammengebundenen Brettern schwammen die elenden Leut' umher; bald neigten und senkten sich die Häuser und stürzten zusammen; dazwischen donnerte das Geschütz rings von den Höhen um die Stadt es war ein Grauen, wie in den Tagen der Sündslut. Der eiserne, wilde Mann unter den drei Linden sprang und riß vier von den Konsiabeln in Stücken, aber bald genug war ein ander Rohr an seine Stell' geschasst; es galt kein Zaudern! Und wenn ich das Geschütz richtete und wenn ich die Lunt' ausschlug, immer mußt' ick) an die Susann' und an das Kind Herzeleid in dem Dach- kämmerchen auf der Löwenstraß' gedenken. Oft genug bestieg ich mit zwei wackern Kameraden einen Kahn und ruderte hin, flieg durch ein ein« geschlagenes Fenster in das Haus und saß bei ihr und sprach ihr zu, so gut ich es vermochte. Aber es kam bald zu seinem Ende! Schon hatte sich auchn-dieses Haus geneiget, schon war das Lehmwerk des untern Geftocks vor dem Andrang der Wasser eingegangen, da kam noch eine Kugel und erschütterte das Gebäu in seiner Grundfeste, daß Susann' laut aufschrie und daß ich, der ich gerade bei ihr saß, erschrocken in die Höh' sprang. Da war das Besinnen nicht an der Zeit, die Kameraden trieben das Gefährt mit großer Lebensnot bis dicht an die Hausmauer. Was in dem. Gebäude an lebendigen Menschen war, stürzte heran. Wir ließen die Weiber mit Stricken herab und stiegen selbst nach. Das Kind Herzeleid trug ich auf dem Arm, an die Brust feftgebunben. Langsam regierten wir das übervolle Schifflein durch die Straßen den Wällen zu, denn die und ihre festen Gewölbe waren derzeit allein noch die einzigen Ort', wo die unglückseligen Menschen Schutz finden konnten. Aber es sollt' uns nicht so sein! Kam eine Kugel aus einem Morset geflogen von einer feindlichen Schanz', die zog einen feurigen Schweif hinter sich her und schlug mitten in unser Schisstein--ein grauslicher Angstschrei! aus­

einander riß das menschenvolle Bretierwerk.Mein Kind! Mein Kind!" rief Sufanna, sie klammerte sich verzweifelnd an mich und im nächsten Augenblick schlugen die eiskalten Wasser über uns zusammen...

Als ich mich wieder hervorgearbeitet hatte, hing ich mich an das Trümmerwerk eines eingestürzten Hauses und stieg daran herauf ins Trockene. Das Kind Herzeleid hing oyne Besinnung noch an meiner Brust, ich halt' es nicht losgelassen im Kampf mit den Wassern, von der Susann' und den andern aber war nichts mehr zu sehen.Das Wasser soll pikenhoch über dich weggehen!" halle der Vater gesagt. Bald waren unsere nassen Kleider zu Cis gestarrt.Mein' Muller! mein' Mutter!" rief das erwachende Mägdelein; aber es Hagele bald schwächer und schwächer und ist mir in den Armen vor Kälte und Hunger jammervoll gestorben und in das Himmelreich der Kinder eingegangen, wenn es auch nicht gefaufet worden ist ...

Am andern Tag, am vierzehnten Dezember, kapitulierte der Gouver­neur, da ließ Pappenheim den Damm einreißen, die Wasser liefen schnell genug ab und der Greuel kgm zutage, den sie angerichlet hallen. Viel, viel tote Manner und Weiber, Greise und Kinder sind in eine große Gruben geworfen und das Mägdelein Herzeleid hab' ich selbst hinzugelegl; die Susann' aber hab' ich nicht wieder gesehen weiß nicht, wohin ihr armer Leid getrieben ist Gott möge es genug sein lassen und sie ausnehmen in seinem ewigen Reich, Amen! Was Halle ich nun noch 3U sthassen in der Festung r Bin mit den Dänen ausgezogen, aber es war oorbei mit ihnen, sie halten kein Glück auf deutscher Erd' und sollen es mentalen haben Als der großmächtige und streitbare Low' von Miller- nachl, Herr Guslavus Adolsus, von Schweden heranzog, des lutherischen Glaubens Schützer, da bin ich ein Reiter im Regiment des Rheingrafen geworden, und bin mitgeritten durch Blut und Flammen bis auf die ftbene von Lutzen. Bei Breitenfeld haben wir die glorreichste Schlacht gewonnen; da trugen die ßiguiften die weißen Bänder auf den Hüten und Helme», welche sie beim Magdeburger Sturm geführet hallen- wir aber hallen grüne Zweiglein aufgesleckl zum Zeichen frischer Hoffnung und riefenEmanuel' und unsere Sach' war besser als die ihre Als die Flucht der Kaiserlichen anging, hab' ich bis an den dunkeln Abend einen Reiter gejagt, den hielt ich für den Levin. Als ich ihn aber am Boden hatte sah ich, daß ers nicht war, da hab' ich ihn gelassen. Mil Pauken und Trompeten bin ich in manche schone Stadt eingezogen und hat mich der Herrgott allezeit in Gnaden besehützek.

_ Bei Nürnberg ward ich Rittmeister durch des Königs Gnad' und bei Lützen ritt ich mit ihm, dem Herzog Franz von Sachsen-Lauenburg, dem

Leibpagen Hans von Hastendorf der nachher des Königs Tod in Versen besungen hat und zwei andern, als er das Regiment Stenbock seinen Fußvölkern zu Hilfe führele. Es war wohl gegen ein Uhr Mittages der Nebel war dichter geworden als die feindliche Kugel kam, welche dem tapfern Schwedenkönig den linken Arm zerfchmeUerle. Ich war dicht an feiner Seiten und griff feinem wilden Pferd in die Zügel. In demselben Augenblick aber setzele eine Eskadron von den Florentini- schen Kürassieren zum Angriff an, und einer von den Heranfprengenden in einer blauten Rüstung schoß sein Handrohr auf den König ab. Ich sah, wie er wankete und fiel dann aber ging alles im Getümmel der her- beislürzenden Stenbockfchen Reiter und im Kampf Mann gegen Mann für mich verloren. Mein Pferd stürzte, unter den Hufen der über mich wegjagenden Rosse verlor ich die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, mich mühsam halb ausrichlete, um umzuschauen, halte sich das Gefecht seitwärts gezogen, nur ein einzelner Reiter hielt inmitten der zurück­gebliebenen Toten und Wunden und bog sich forschend und suchend nach allen Seiten hin vom Pferd, welches er langsam von einem Leichenhaufen zum andern gehen ließ. Einern schwarzen Schatten gleich bewegte er sich in dem Nebel, in welchem in der Ferne ein blutiger Schein flammte, das brennende Lützen, und welchen das Aufleuchten der Geschütz« und des Musketenfeuers hin und her erhellte.

Jetzt kam der Reiter meinem Platz näher. Er trug die grüne Binde der Kaiserlichen über der Rüstung, der Helm war halb aufgeschlagen, von der Rechten hing am Faustriemen das gezogene Schwert und ein Pistol hielt er gespannt.

Teufel!" rief er, als er sich mir näherte.Wetten macht ich, daß ich ihn vom Pferd gab stürzen fegen das wär' noch etwas, dem Wallen­stein des Schweden Tod melden zu können!"

Jetzt bog der Suchende sich über mich.

ß'eoin Sander!" schrie ich und drückte mit letzter Kraft das neben mir liegende Handrohr auf ihn ab. Wieder hab' ich ihn verfehlt! Der Bösewicht lachte höhnisch, hat mich aber wohl nicht erkannt. Sein Pferd, das ich am Maul verwundet halle, bäumte sich wütend und riß ihn davon. Wie einen bösen Geist und Dämon sah ich ihn im Pulvergualm und Nebel verschwinden! Ich wollt' den Slahlhanlsch, der von den Unfri- gen vorüber ritt, anrufen, aber er sah mich nicht, und meine schwache Stimme ging im Lärm der Schlacht, der eben wilder wieder auflohele die Pappenheimer waren von Halle her auf der Walstatt erschienen unter. Ich sank aus Erschöpfung durch Wut und Blulverstürzung in eine neue Ohnmacht, und seltsam wog Golt die Geschicke der kämpfenden Heere hin und her, während ich bewußtlos lag. Dreimal siegten, dreimal slohen die Kaiserlichen als ich wiederum auswachle, hallen die Schweden das Feld. Es war dunkle Nacht; die Toten lagen wohl still und ruhig, aber jammervoll flieg das Gewimmer und Geschrei der Wunden zum Nacht- Himmel empor. Mühsam arbeitete ich mich unter der Last meines Pfer­des hervor ich halte eine Kugel in der linken Seite und mein linkes i Bein war gebrochen. Ein brennender Durst plagete mich, aber meine Feldflasche war verloren. Da ich bei meinen stillen Nachbarn keine gefügte fand, so kroch ich weiter zu einem Hähern Haufen von Leichen, hinter dem ich zugleich Schutz vor dem kalt über die Ebene streichenden Nachtwind zu finden hofft'. Eben tastete ich an den Körpern der Ge­fallenen umher, da fiel ein schwaches verschleiert Mondlicht durch die Wolken. Bei seinem Schein blickt' ich in einer nackten, geplünderten Leiche blutbejubelte Gesicht Guslavus Adolsus! Guslavus Adolsus! ... So hab' ich denn in der schauervollen Nacht aus der Lützener Walstall Toten- wacht bei dem großen und tapfern Monarchen gehalten, und ich allein hab' ihn am andern Morgen den weinenden Getreuen zeigen können! Das gebrochene Bein haben mir darauf die Feldscherer roeggefäget da war mein Reiterleben am Ende! ...

Wer dies Geschrist einmal zu Gesicht bekommt, der soll nicht spotten. Bin wohl einmal ein Schriftgelehrter gewesen; ist aber lang vorbei und die Buchstaben und Gedanken wollen sich nicht mehr auf dem Papier stellen, wie ich wohl macht' die Finger find steif geworden und das Äug' dunkel: das Herz aber ist frisch geblieben, und das ist das Wahr und Einzige!

Wie ich hieher in bas fremde Nest gekommen bin, das stehet auf einem andern Blatt, das ich heut nicht mehr schreiben kann, denn die Sonne sinket und der Wald wirst seine Schatten länger unblängcr über bie Wiese. Sitz' hier nun, wie ein aller maubriger Dompfaff auf der Stange; aber bie Maiblein Haden mich gern unb bie Kinber kommen und steigen mir auf bas gefunbe Knie unb zerren mir den greifen Barl, unb bie Tiere kommen auch auf Besuch. Die Spatzen hüpsen über bie Schwel­len unb ber alte Rab' aus ber Schmiebe brüben gehe! gravitätisch Herein, und muß ich oft an Herrn Franziskus Algermann, den ßanbesfisfal, gedenken, wenn ich den schwarzen Burschen auf dem Tisch vor mir sitzen seh'. Die Sonne vergißt mich nicht, unb mit ben bösen allen Geschichtet kommen auch bie guten, unb ba bringt ber Jung' aus ber Neckenschenke ben Abenblrunk, unb ich will ben lieben Gott bitten, baß er mich nur noch etliche Jahr mit meiner Knick' in biesern ßehnstuhl sitzen lasse. Amen!--

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Postscriptuni. Am 8. Dctobris Anno 1641 hak sich eine ßüneburgische Streifpartei im Busch am Neuerberg im Amt Butter am Barenberg tn ben Hinterhalt gelcget. Hat auch nicht lange gebauert, so ist ber Benin Sanbcr, alias Nimmemüchtern, hervorgeritten, unb sind bie ßünebur- gischen auf ihn eingebrungen. Die Kaiserlichen haben sich anfangs tapfer gewehrt, ober zuletzt ist dem Benin von einem Neuler, Dieterich Black genannt, bas Pferd erschosfen und er felbftcn überwältiget unb gefangen; ba finb sie in tuilbem Schrecken von bannen geflohen. Der Benin Sanber ist bis vor Hilbesl)eim an ben Galgenberg zwischen ben Pferben mit- geführet, daselbst aber ist er, weil er für Geschoß, Hieb unb Stich ei(enfe|t gewesen, mit Aexten, Hacken unb Hammern niebergeschlagen worben.

Gott sei seiner armen Seele gnäbig; aber über seinem Grab sollen Hunbe bei Tag unb Eulen bei Nacht wachen!

Verantwortlich: l)r. Hans Thvriot. Druck und Verlag: Brühl'schellniversitätS-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieb«"-