Ausgabe 
18.9.1931
 
Einzelbild herunterladen

Im Hotel kleideten wir uns zur Abendtafel um. Meine Frau war still geworden, sie iah sehr blaß aus, di« Jazzband schien ihr Qualen zu bereiten. Als sie einen Löffel Suppe gegessen hatte, erklärte sie, sie könne nicht mehr, sie habe solche Schmerzen. Sie legte sich zu Bett, ich lieh einen Arzt rufen. Der Italiener untersuchte meine Frau, konnte aber die Ursache ihrer Schmerzen nicht entdecken und versprach, morgen wieder­zukommen. In der Nacht sprach meine Frau laut, wie im Traum von schwarzen Ziegen und einer Alten, die sich die Schürze über den Kopf hielt...Sie hat uns verflucht, hörst du, wie sie schreit?" sagte sie schau­dernd. Ihr Atem flog, sie hielt meine Hand fest.Ich hab' so Angst ..

Ich sprach mit dem Arzt und erzählte ihm die Begegnung mit den Ziegen, aber er wehrte diesen Verdacht ärgerlich ab. Daß man von der Milch dieser englischen Ziegen krank würde, sei ein lächerlicher Aberglaube der Leute. Meine Frau habe sich einfach auf der Reise eine Magenver­stimmung geholt, aber sicher nicht von der frischen Ziegenmilch. Er gab ihr Beruhigungsmittel, aber sie halfen nichts. Die Schmerzen blieben. Sie tauchten bald im Darm, bald im Kopf, bald in den Hüften oder im Rücken auf und das Fieber blieb... Es waren furchtbare Tage in dem Hotel in der fremden Stadt. Von der Stadt selbst hatten wir kaum etwas gesehen.

Eines Abends, als meine Frau etwas ruhiger geworden war und die unerklärlichen Schmerzen nachgelassen hatten, war ich an die Luft gegan­gen und schlenderte durch die engen Gassen der alten Stadt. Ich kam an einem kleinen Laden eines Inders vorbei, der Elfenbeinschnitzereien feil hielt. Ein seltsam geformter, wunderbar gearbeiteter Ring fiel mir auf. Der Inder, ein langer, ernster Mann im Turban, führte mich in seinen dunklen Laden, zündete eine rote Ampel an und zeigte mir in dem magi­schen Licht seine Kostbarkeiten... Da siel mir ein Ring auf durch seine sonderbar eckige Form. Ein altindischer Giftring, erklärte der Inder, er öffnete die einseitige Kapsel. Sie enthielt ein weißes Pulver...Ein starkes, aber völlig spurloses Gift", sagte er,genug, um einen Menschen auf der Stelle zu töten." Ich kaufte den Ring. Meine Frau sammelte Raritäten... Aber als ich heimkam, lag sie teilnahmlos wie eine Sterbende da, das Fieber war wieder gestiegen. Sie sei sehr unruhig gewesen, sagte die Nonne, die sie pflegte, und habe fortwährend nach mir gerufen. Als ich mich über sie beugte, schlug sie die dunklen Augen auf ...Gott sei dank! Wo warst du so lange?"... Ich erzählte ihr von dem Ring.

Laß mich ihn sehen", bat meine Frau. Ich gab ihn ihr. Sie betrachtete ihn lange. Dann streifte sie ihn ab, legte sich erlöst zurück, schloß die Augen und drückte meine Hand...Geh", sagte sie,laß mich schlafen, die Schmerzen sind vorbei. Der Ring hat ein Wunder getan..." Aber sie kamen wieder in dieser Nacht. Sie durchrüttelten ihren zarten Körper derartig, daß wir den Arzt mitten in der Nacht herbeiholten. Er ent­deckte eine leicht eiternde Stelle an ihrer rechten Hand, die ihn stutzig machte. Sie müsse sich irgendwo infiziert haben, meinte er... Am nächsten Morgen hatte sich die Wunde vergrößert. Wir brachten meine Frau ins Spital. Sie wurde untersucht.Von Lepra infiziert", lautete das Urteil. Die Operation sollte am nächsten Tag vorgenommen werden, wenn meine Frau nicht den ganzen Arm verlieren wollte. Meine Frau zeigte sich tapfer, sie war ruhiger als sonst. Von der Operation sagte sie kein Wort... Gegen Abend verlangte sie, auf die Veranda getragen zu wer­den. Wir brachten sie dorthin. Meine Frau lächelte mir zu...Wie schön die Sterne funkeln", sagte sie,sie scheinen mir viel näher als sonst." Sie sah wieder einen blauen Himmel, hörte die Vögel in den Gärten fingen, sah Blumen und Bäume blühen, sah Leben, Dächer der Stadt, Menschen und fahrende Wagen in der belebten Straße. Sie fühlte keine Schmer­zen mehr.

Zeige mir noch einmal die Bilder, Fedor", bat sie.Cs war unser letzter schöner Tag ..." Ich holte den Film und rollte ihn auf. Mit großen Augen folgte sie all diesen Bildern. Sie zogen vorbei, fern, wie wenn man etwas im Traum sieht. Das wilde, üppige Land glühte in der Sonne, die sandige Küste, das glasblaue Meer, die weißen, an den Felsblöcken verzischenden Wellen, die schwarzen, ruhenden Ziegen im Gras, die sich noch uns umwandten, das kleine Mädchen im Sand in feinem roten Röckchen, das die Ziegen melkte, und meine Frau, die sich durstig nieder­beugte und aus seinen braunen Händen den Trank empfang... Mir riß etwas entzwei ... ich konnte nicht mehr... Sie lag in ihren Kisten, die Augen sehnsüchtig aus die Bilder geheftet, als wollte sie etwas zurück­rufen, das vergangen war für immer... Dann tarn die Rückfahrt, die lange Kirchhofmauer erschien, das eiserne Tor, das weit offen stand, wie um sie einzuladen, einzutreten, die Grabkreuze, die Gräber, die wilden Rosen. Ich sah meine Frau zwischen den Gräbern wandern, ihr weißes Kleid wehte im Wind, sie beugte sich nieder, um die Namen zu lesen, sie winkte mir zu und stand im Abendsonnenschein, lächelnd, neben dem weihen, großen, ernsten Kreuz, das sie umfaßt hielt, ihre Blumen im Arm. Es war das letzte Bild, der Streifen war zu Ende. Ich legte ihn in seine Schachtel zurück. Wir schwiegen. Ich sah, daß- sie müde war und zog mich zurück. Die Nonne wachte neben ihrem Bett.

Aber ich konnte nicht schlafen, ich ging die Nacht auf der Terrasse auf und ab. Plötzlich fiel mir der Ring ein, den sie noch am Finger trug. Ich wollte ihn an mich nehmen und ging leise zu ihr. Die Nonne war in ihrem Sessel am Fenster eingeschlasen. Meine Fran lag ruhig und chien zu schlafen. Der Mond beleuchtete alle Gegenstände. Alles sah chneeweiß und unnatürlich aus, als ob alles nicht Wirklichkeit sei, kon­tern nur ein Traum...

Und so sehe ich es immer vor mir, das stille, hohe weiße Kranken­zimmer, in der dunklen Ecke die schlafende Nonne mit der großen, weißen Flügelhaube, das zitternde, kleine im Nachtwind flackernde Lichtchen. Meine Frau lag mit offenen Augen da. Ein geheimnisvolles Lächeln auf dem Gesicht ... wie erlöst ... sie atmete nicht mehr. Ihre Hände lagen auf der Bettdecke ausgestreckt, aber der Ring war nicht mehr da. Ich fand ihn auf dem Teppich die Kapsel war leer. Ich drückte ihr die Augen zu. Der Arzt sagte mir nachher, daß es das Beste für sie gewesen sei...'

Und er betrachtete stumm den goldenen Ring des Inders an (einer Hand...

Weltgeschichte über Kleinasien.

Die Ausgrabungen in Ephesus.

Van Geh. Konsistorialrat Professor D. Deißmann, Prorektor der Berliner Universität.

Deutsche und österreichische Archäologen stehen augenblick­lich am Beginn einer neuen Ausgrabungskampagne in Ephe­sus, der weltberühmten kleinasiatischen Metropole. Professor Dr. D e i ß m a n n , der selbst mehrfach an den bisherigen Aus­grabungen in Ephesus teilgenommen hat, gewährte unfern Berliner Mitarbeiter eine Unterredung, in der er sich über die Ausgrabungen, die ebenso aufschlußreich für die antike wie für die frühchristliche Geschichte sind, folgendermaßen äußerte: Wer heute nach der uralten kleinafiatischen Metropole Ephesus gelangen will, benutzt am besten den täglich von der großen leoantinischen Hafen­stadt Smyrna abgehenden Frühzug, der den größten Hafen Westklein­asiens mit dem inneren Anatolien verbindet.

Man tut gut, auf der zwei bis drei Stunden dauernden Fahrt bis Ephesus sich die gewaltigen welthsttorischen Schicksale zu vergegenwärtigen, die Ephesus gesehen hat. Seine außerordentlich günstige verkehrsgeogra­phische Lage war die Voraussetzung für fast alle großen Tatsachen seiner Geschichte: von der gegen Ende des zweiten Jahrtausend vor Christus einsetzenden griechischen Kolonisation an bis auf Alexander den Großen und seinen Nachfolger Lysimachus und von da zu den Tagen der römi­schen Caesaren und der byzantischen Kaiser. Immer war die die Land- und Seestraßen beherrschende Stadt ein Mittelpunkt großen Geschehens. Die nachmals im Mittelalter unter den seldschukischen und osmanischen Sul­tanen mehr und mehr eintretende Verödung der Stadt hat neben anderen auch die Ursache gehabt, daß sie durch die unaufhaltsam gewordene Ver­sandung ihres Hafengebietes von der See abgedrängt wurde.

Nicht zerstört werden konnte indessen das gewaltige geistige Erbe, das die ehrwürdige Stadt hinterließ. In der Weltgeschichte des mensch­lichen Denkens und der Religion hat Ephesus eine saft einzigartige Be­deutung. Wie ein Fanal leuchtet der Name des großen Philosophen Herakleitos von Ephesus durch die Jahrtausende. Seit Urzeiten der Mittelpunkt der kultischen Verehrung einer großen anatolischen Mutter- göttin, ist Ephesus in den historisch helleren Tagen länger als ein Jahr­tausend, bis zum Sieg des Christentums, die weltberühmte Stadt der Artemis (Diana) gewesen. Wiederholt zerstört, erhob sich der zu den sieben Weltwundern gerechnete Artemistempel immer wieder glanz­voll aus den Trümmern und war in dem Zeitalter der Religionswende das vielleicht stärkste Bollwerk des Heidentums in der gesamten Mittel­meerwelt. Dann wurde Ephesus durch den Apostel Paulus die wich­tigst« Stätte des Christuskultus und eine Zentrale der urchristlich-aposto- lifchen Mission. Hier, in der Hauptstadt der römischen Provinz Asien, hat Paulus persönlich eine blühende Gemeinde gegründet, von hier aus hat er seine wichtigsten Reisen nach Mazedonien, Illyrien und Griechenland unternommen, von hier aus hat er wahrscheinlich die meisten seiner uns erhaltenen Briefe geschrieben, darunter auch möglicherweise die Gefangen­schaftsbriefe. Hier sind wohl auch nach seinem Tode diese Briese zuerst gesammelt und veröffentlicht worden, und hier hat Paulus Kämpfe auf Leben und Tod mit dem uralt bodenständigen Heidentum führen müssen.

Die mittelalterliche Geschichte der Paulus- und Johannisstadt ist dann die Geschichte eines langsamen, aber unaufhaltsamen tragischen Unter­ganges. Naturgewalten und die Schrecken niemals aussetzender Kriege haben im Laufe eines Jahrtausend die große Metropole Kleinasiens zugrunde gerichtet, so sehr, daß noch vor sechzig Jahren niemand mehr wußte, wo unter dem Schutt der Anschwemmungen der Jahrhunderte die Städte des Artemistempels gelegen hatte.

Diese antike Ephesus ist nun aus dem Schutt und Geröll der Jahr­hunderte zu einem großen Teil bereits wieder erstanden durch die Meister­arbeit europäischer Archäologen. Zunächst durch die geniale Leistung des britischen Architekten I. T. Wood, der im Jahr« 1871 nach langjähriger mühevoller Arbeit den Tempel der Diana, das Artemision, wieder auf­fand. Im größten Maßstabe aber hat sich von 1898 bis 1913 das Oester- reichische Archäologische Institut zu Wien unter Führung von Otto Benndorf der Erforschung von Ephesus hingegeben und sowohl in Technik und Ertrag der Grabungen selbst, wie auch in der wissenschaft­lichen Durcharbeitung des reichen, von den Wiener Forschern erschlossenen Materials eine Gesamtleistung vollbracht, die sich aufs würdigste der in der gleichen Periode mit so glänzendem Erfolge in den westkleinasiatischen Nachbargebieten arbeitenden deutschen Forschung unserer großen Archäolo­gen Schliemann, Humana, Ganze, Dörpfeld, Wiegand und anderer zur Seite stellte. Der Krieg schien, wie er diese ganze glän­zende Arbeit gewaltsam unterbrach, in seinen Wirkungen ihr völliges Ende zu bedeuten. Durch eine in ihrem Werdegang und in ihren Aus­wirkungen höchst erfreuliche Zusammenarbeit von österreichischen, deut­schen und türkischen Forschern und Organisationen mit ausländischen, namentlich amerikanischen Persönlichkeiten und Gönnern der Wissenschost ist es aber dann im Frühjahr 1926 gelungen, in Berlin dieTreu­händerschaft Ephesus-Grabung" zu begründen und die nicht unbeträchtlichen Mittel für neue Ausgrabungskampagnen in Ephesus sicherzustellen: die sechste, allerdings in der Not der Zeit in bescheidenem Ausmaße gehalten, beginnt gerade jetzt. Die wissenschaftliche Leitung des Unternehmens hat nach wie vor das um Ephesus einzigartig verdiente Oesterreichische Archäologische Institut zu Wien. In dem inzwischen an die Universität Greifswald berufenen Professor der alten Geschichte Dr. Josef Keil hat das Wiener Institut einen archäologischen und historischen Fachmann von höchster Qualität als Leiter der österreichischen Expedition nach Ephesus. Für kürzere oder längere Zeit halt« auch ich die große Freude, an den Grabungen teilzunehmen.

Die Ergebnisse der fünf abgeschlossenen Kampagnen sind sehr beträcht­lich. Josef Keil hat durch systematische Nachgrabungen das älteste grie­chische Ephesus, das Ephesus der griechischen Kolonisten um das Jahr 1000 v. Ehr., auf dem Hügel nördlich des Stadion durch reiche Scherben­funde feftgefteUt. Die ältere Religionsgeschichte der Stadt erfuhr sodann überraschende Ausklärung durch die Entdeckung eines heiligen Bezirks