Ausgabe 
18.9.1931
 
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SietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 75

ßreitag, den l8. September

ZahrganglM

Abendlied.

Don Paul Gerhardt.

Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Stadt und Felder, Es schläft die ganze Welt: Ihr aber, meine Sinnen, Auf, auf! ihr sollt beginnen. Was eurem Schöpfer wohlgefällt.

Der Tag ist nun vergangen. Die güldnen Sterne prangen Am blauen Himmelssaal: Also werd ich auch stehen, Wenn mich wird heißen gehen Mein Gott aus diesem Jammertal. Der Leib eilt nun zur Ruhe, Legt ab das Kleid und Schuhe, Das Bild der Sterblichkeit: Die zieh ich aus, dagegen Wird Christus mir anlegen Den Rock der Ehr und Herrlichkeit. Das Haupt, die Füß und Hände Sind froh, daß nun zum Ende Die Arbeit kommen sei: Herz, freu dich, du sollt werden Vom Elend dieser Erden Und von der Sünden Arbeit frei.

Auch euch, ihr meine Lieben, Soll heute nicht betrüben Ein Unfall noch Gefahr! Gott laß euch ruhig schlafen. Stell euch die güldnen Waffen Ums Bett und seiner Helden Schar!

Oer Schlangenring.

Von Liesbet Dill.

Im Gobelinzimmer in der Ecke stand eine achteckige Vitrine aus geschliffenem Glas, die eine Sammlung orientalischer Kuriositäten und byzantischer Altertümer enthielt. Darunter waren persische und assyrische Giftringe aus rotem Gold, mit Edelsteinen durchsetzt und fein ziselierten Zeichnungen, phantastische und groteske Kostbarkeiten von unheimlicher Verschlossenheit... In den Nebenräumen wurde der Tee serviert. Hier war es ganz ruhig. Im sanften, geheimnisvollen Schein der großen Ampel schienen die grünen Gärten der Gobelins, alter Stücke des 16. Jahr­hunderts aus Beauvais, zu leben.

Wir waren allein zurückgeblieben in diesem stillen Raum, versunken in die merkwürdigen Dinge, welche die Phantasie orientalischer Künstler geformt. Wir sprachen über die Gifte des Altertums und Mittellalters, ihre Zusammensetzung, Zubereitung und Wirkung, über jene rätselhaften Gifte, deretwegen im 17. Jahrhundert unter Louis Ouatorze, als die Giftmischerei in Blüte stand, die Damen abends verschleiert zu den Wahr- sagerinnen liefen, diePoudres damour, mit denen man Liebe erwecken oder Menschen, die unbequem waren, aus der Welt schaffen konnte... Ueber die Giftmischermethoden einer Madame Boisin und ihreschwarzen Messen", die Marquise Brinvilliers und den Ritter de Croix, den Ge­liebten der Marquise, die in den unterirdischen Gewölben seines Schlosses Gift fabrizierte und den Medizinern und Richtern Rätsel_ auf gab ... »Solche Gifte gibt es heute nicht mehr", meinte ich Der russische Prinz, der vor der Vitrine stand und einen Sd)langenring betrachtete, steckte sei Lupe ein.Es gibt sie schon ... sie sind nur sehr selten und nicht tauslich .

Prinz Fedor war einer der Emigranten die in RußlandZ olles ver­loren hatten. Er hatte eine bescheidene Stellung in der Fabrik eines Fieundes gefunden und trug sein Schicksal klaglos und schweigend, etwas Unabwendliches. Von der Vergangenheit sprach er E' Diesmal schien ihn etwas gepackt zu haben beim Anblick der Seltenhecken hmte. Glas. Ich hatte schon öfters an seiner Hand einen seltsam ^formten Ring gesehen, wahrscheir-üch ein Uederbleibsel aus früheren Xageu. ®s r»ar ein oüer, seingearbeiteter Goldring von eckiger Form, für e bestimmt, in Form einer Miniatursänfte mit winziger, gelierter Dur und einem Fenster aus Rubin. .. m. frnnt ja Der

m »Was ist das eigentlich für ein merkwürdiger ^mg? fragte ich. De, Prinz streifte ihn ab. Die kleine Tür trug auf der Innenseite eine» PI- d>e sich durch den Druck einer Feder offnen lieh. Die K ps IP 9 sie war leer.

»Was ist das?" fragte ich.

Ein Gistring, Madame."

Aus Indien?"

Er zündete mir eine Zigarette an, dann sich. Seine magere Hand spielte nervös mit dem Ring.Ich will Ihnen erzählen, wie ich dazu gekommen bin. Vielleicht verstehen Sie dann, daß ich so zurückgezogen lebe. Der Bediente soll erst das Teegeschirr wegnehmen, er irritiert mich." Er winkte. Wir setzten uns in die Ecke unter den grünen Gobelin und warteten, bis der Diener die Teetassen weggenommen hatte.

Die Vorgeschichte ist banal. Meine Güter lagen dort, wo die russische Steppe beginnt. Ich hatte mich sehr jung verheiratet, meine Frau war schön, wir liebten uns sehr. Unsere Ehe war eigentlich ein Märchen, ein ganz unwahrscheinliches Glück. Wir hatten beide vorn Leben nur die glänzende Seite kennengelernt. Damals begann man gerade zu filmen. Ich ließ einen Apparat ins Schloß einbauen, und wenn wir Gesellschaft gaben, ließ ich sie heimlich filmen. Der Ausnahmeapparat stand oben in der Estrade des Tanzsaales unter Blumengruppen versteckt. Alle Feste wurden heimlich von dort ausgenommen und im Winter, an den langen Abenden, wenn wir nach Tisch auf dem weißen Bärenfell vor dem Feuer sahen, ließen wir uns diese Filme vorführen und schauten uns bann gleichsam zu. Unsere Jagden wurden gefilmt, wenn wir ausritten, alle Ereignisse im Dorf ließen wir ausnehmen. Es war ein Zeitvertreib. Wir ahnten nicht, wie verhängnisvoll uns diese Filmerei werden sollte. Im Frühjahr hatten wir unsere Koffer gepackt, uni nach Italien zu gehen. Am Tag vor unserer Abreise kam eine Zigeunertruppe aus unseren Hof. Meine Frau ließ sie ausnehmen, aber die alte Zigeunermutter kam dazu. Als sie hörte, daß sie gefilmt waren, bedeckte sie ihr Gesicht mit einer schwarzen Schürze und stürzte schreiend davon, indem sie einen Fluch ausstieß:Es ist eine Sünde, was ihr tut, der Himmel wird euch dafür bestrafen!" rief sie. Tatsächlich besteht bei manchen Völkern eine aber­gläubische Furcht davor, photographiert zu werden. Der Türke zum Bei­spiel darf seinen Körper nid)t bildlich aufnehmen lassen. Es gilt als Frevel an der Gottheit. Seitdem ist ein grauer Vorhang über mein Leben gefallen, feit diese Zigeunerin meinen Hof betrat.

Arn nächsten Morgen reiften wir nach Italien. Diese Reise war der Abschluß meiner glücklichen Tage. Wir reiften mit einem Auto von Stadt zu Stadt, besuchten Museen und Kirchen und machten Ausflüge in das Land. Eines Nachmittags tarnen wir durch eine mit Blumen besäte, wilde bunte Landschaft an der Küste: das blaue Meer warf schäumende Wellen an den Strand, zwischen den Felsenblöcken weideten fremdartig aus» sehende, schwarze Ziegen. Ein Hirte war nirgends zu sehen, nur ein schwarzäugiges Mädchen mit rotem Rock melkte gerade eine Ziege. Meine Frau hatte Durst und bat das Mädchen um ein Glas Ziegenmilch. Wir lagerten uns in den Sand und machten Ausnahmen. Die Tiere glotzten uns mit so sonderbar leeren Augen an, und meine Frau sagte, sie sehen so böse aus, es sind sicher keine gutartigen Tiere. Ihre Milch schmeckt bitter... Plötzlich tauchte eine alte Frack auf, die mit einem Stock die Ziegen zusammentrieb. Ich fragte sie wem die Ziegen gehörten?Ach, die haben die Engländer dagelassen , sagte sie,aber wer ihre Milch trinkt, wird krank..."Um Gotteswillen", sagte ich,meine Frau hat eben 'davon getrunken..." Die alte Frau entsetzte sich.Das Mädchen hat Ihnen von der Milch gegeben?" fragte sie. Und mit einer Gebärde, die mich an die alte Zigeunerin erinnerte, schlug die Frau die Schürze über dem Kopf zusammen, murmelte etwas, das wir nicht verstanden und trieb die Ziegen rasch mit dem Stock weiter.

Auf der Rückfahrt kamen wir an einem Kirchhof vorbei, der in der Abendsonne einsam und friedlich dalag mit feierlichen weißen Marmor- kreuzen und von bunten Blumen überwucherten Gräbern. Das eiserne Tor stand weit offen. Meine Frau ließ halten und ging zwischen den Gräbern umher, um Blumen zu pflücken. Die schlanke Gestalt in dem vom Meerwind durchwehten, von der Sonne durchleuchteten weißen Kleid, dem flatternden, hellroten Schal, bildete einen schroffen Gegensatz zu dieser Todeseinsamkeit und den ernsten Gräbern. Ich nahm den Film aus. Meine Frau stand neben einem Grab an das Kreuz gelehnt und ordnete ihren großen Strauß Blumen. Es war das letzte Bild, mein Filmstreifen war zu Ende. Die Sonne war inzwischen untergegangen, vom Meer wehte es kühl In dem offenen Wagen schauerte meine Frau zusammen.Mich friert gib mir deinen Mantel." Ich bedeckte sie mit meinem Mantel. Die Fahrt war lang im Staub der Landstraße, es wurde dunkel und immer kühler...Wir hätten lieber den Film nicht aufnehmen sollen", sagte sie plötzlich,ich muß immer an die Alte denken..."An welche Alte? , Die damals aus unseren Hof kam, weißt du noch?" Ich schwieg. Merk­würdigerweise hatte auch ich in derselben Minute an die alte Zigeunerin qedachi und an den Fluch.Weißt du, das Ganze heute gefiel mir nicht , fügte meine Frau.Es hing heute etwas Unheimliches in der Luft. Diese schwarzen, häßlichen Tiere, die uns so anstarrten, die alte Frau und das dumme Kind, das mir die Milch gab. Ich hätte doch diese Milch nicht trinken sollen." Ich versuchte ihr den Gedanken auszureden. Aber sie verfiel in Schweigen und gab kaum eine Antwort.