men ein Interesse hatte, von dem leiblichen Befinden des Feldherrn genau unterrichtet zu sein. , r .. „ . ,
Schmerzlich enttäuscht und seine Geburtsstunde verwünschend, hei Batista dem gnädige» Herrn zu Füßen, umfing ihm das Knie und tugte ihm die Hand. „Lebe wohl", sagte dieser, „und räume das noch ab. Ec wies auf das Geschirr und winkte den Uebertreter seines Befehls freundlich weg aus feinem Dienste.
Bevor er sich wieder in seinen Plan vertieft hatte, klirrte draußen ein fallender Löffel und ein in Scherben springendes Glas, und der Herzog von Bourbon, der den vernichteten Battista unsanft beiseitegeworfen, zeigte unangemeldet seine hohe schlanke Gestalt, denn er hatte zu jeder Stunde freien Eintritt bei dem Feldherrn.
„Hoheit?" wendete sich Pescara gegen ihn und erhob sich vom Sitze.
„Um Vergebung. Ich war im Begriffe, zu meinen Truppen zu ver- reiten", erklärte der Herzog, „da kam mir in der Vorstadt ein reisender Kaufmann unter die Augen, welcher eben vor der Pforte des Arztes Euer Erlaucht, des Messer Numa Dati, von seinem Maultier absaß. Hätte die Gestalt nicht ein würdiges Antlitz getragen, ich hätte darauf geschworen, meinen unvergeßlichen Freund, den Kanzler von Mailand, zu erblicken. Ich ließ einen meiner Leute sich nach dem Fremdling erkundigen und erfuhr, der Reisende sei ein Gastfreund des Arztes, ein Juwelier aus Mailand namens Scipione Osnago. Vielleicht, oder auch nicht, sondern eine der zahlreichen Larven des vielgestaltigen Kanzlers. Er schiebt den Leib auf eine gewisse Weise, die sich schwer verleugnen läßt, und da ich noch nicht durch das Tor war, ritt ich leicht wieder zurück, um Euch den wahrscheinlichen Besuch dieses kostbaren Mannes zu melden."
„Ich erwartete ihn längst mit den-Ausflüchten und Beteuerungen des Mailänders", erwiderte der Feldherr. „Da er aber nicht erschien und wir aus guten Quellen wußten, sein Herzog fahre fort zu befestigen und zu rüsten, begann ich auf den Kanzler zu verzichten. Nun kommt er zu spät. Morgen, um Mitternacht, verläuft die dem Herzog gegebene Frist. Schlag zwölf marschieren wir; es wäre denn, Marone brächre große Neuigkeiten!"
„Ja, dieser Morone!" plauderte der Bourbone. „Der wird schon etwas gebraut haben. Da ich unser Ultimatum nach Mailand brachte, sah ich es hinter seiner Stirne wimmeln wie in einem Ameisenhaufen. Ihr macht Euch keinen Begriff, Marchese, was das für ein frecher Kopf ist. Während ich in Mailand regierte und er mein Rat und Schreiber war, hat er mich über Tisch — denn ich liebte es, mit ihm zu speisen und mich an seinen Fabeln und Einfällen zu ergötzen — auf alle Throne gesetzt und mit allen Fürstinnen gekuppelt. Und das Tollste: es war Verstand in dem Unsinn. Ich bin doch neugierig, was er wieder ausgeheckt haben wird, um sich und seinem Herzog aus der Klemme zu helfen. Sicherlich etwas ungeheuer Geniales, einen Gipfel, einen Ab gründ. Wenn er zum Beispiel" — der Herzog lachte herzlich — „uns beiden kaiserlichen Feldherrn die Führung dec Liga bäte und als Handgeld zwei verlockende italienische Kronen aus den Falten seiner Toga zum Vorschein brächte?"
„Hoheit scherztl"
„Wie anders, Marchese!" erwiderte der Herzog und wollte sich beurlauben. Da ergriff er noch die Hand des Feldherrn und sagte in einem weichen Tone, der eine vor der Welt verheimlichte Freundschaft enthüllte: „Pescara, ich danke dir, daß du mir Leyva vom Halse hältst, indem du mir den rechten Heerflügel gibst und ihm den linken. Ich mag mit dem Unleidlichen nicht zufammenreiten. Es entstünde Unglück und größeres als jüngst auf dem Markte von Novara. Er könnte sich wiederum gegen mich vergessen, und ich müßte ihn niederstoßen wie einen tollen Hund." Er sagte es leise mit gesenktem Blick.
Pescara behielt die Rechte des Herzogs und warnte und bat. „Welch ein Auftritt!" sagte er. „Hier auf offenem Markte, wegen der Armseligkeit eines bestrittenen Ouartieres! Ich versendete Leyva gleich nach Neapel, um vom Vizekönig Truppen für unfern Feldzug zu verlangen, obwohl ich weiß, daß er keine abgeben kann, nur um Euch die Verlegenheit und den Anblick eines verhaßten Gesichtes zu ersparen. Wie konntet Ihr das gegen einen Mitseldherrnl Das war nicht gut. Das ist beklagenswert. Das darf sich nicht wiederholen, ich bitte Euch darum."
„Der Anlaß war nicht der Rede wert, Pescara, aber —"
„Das schlimmste Wort, das Leyva gebraucht hat, war, nach Zeugen, er lasse sich nichts bieten von einem Vornehmen, und Ihr zöget und Eure, Leute mußten Euch halten."
„Oh", flüsterte der Herzog, „von einem Vornehmen? Ich habe feine Ohren. Es war ein anderes Wort... das ich dem Kaiser und dem Papst in die Kehle zurückstieße!"
„Ein anderes Wort?" sagte Pescara, um seine Frage sogleich zu bereuen, da er den Herzog erbleichen und. völlig fahl werden sah. Er erriet, daß der alte Leyva gemurrt, er lasse sich nichts bieten von einem Verräter, ober daß das wunde Gewissen des Bourbonen so verstanden hatte.
Die unausgesprochene Freundschaft, die den einfachen Adeligen und den Mann von königlichem Geblüts verband und die das Wunder tat, zwischen zwei jugendlichen und schon berühmten Feldherrn mit nicht völlig klar geschiedenen Gewalten und Befugnissen die natürliche Eifersucht zu ersticken, beruhte einfach auf dem Bewußtsein des Herzogs, daß seine Verbündung mit dem Feinde Frankreichs der Achtung Pescaras keinen Eintrag tue. War es Klugheit, war es Gleichgültigkeit gegen die sittlichen Dinge, war es Freiheit von jedem, auch dem begründetsten Vorurteil, oder war es die höchste Gerechtigkeit einer vollkommenen Menschenkenntnis, was immer — Pescara hatte den in kaiserlichen Dienst tretenden fürstlichen Hochverräter mit offenen Armen empfangen und mit der feinsten Mischung von Kollegialität und Ehrerbietung behandelt. Vielleicht auch hatte er in diesem Zerrütteten, der, sich selbst verfluchend, fein Vaterland mit fremden Waffen verwüstete, den ursprünglichen und unzerstörbaren Adel erkannt. Dafür war der Herzog Pescara dankbar.
Der Feldherr, die Hand des Unseligen fn der {einigen, redete ihm mit sanfter Stimme zu: „Gespenster, Hoheit! Ihr habet gehört, was nicht gesprochen wurde. Werft hinter Euch! Verschüttet den Abgrund mit Lor- beer! Seid Ihr nicht der Liebling des Kriegsgottes? und ein Meister der Staatskunst? Sind nicht wir beide noch Jünglinge mit unzähligen Tagen, diesseits der Lebenshöhe, kaum in der Hälfte der Dreißig, und im ersten Drittel eines Jahrhunderts, das überquillt von großen Möglich, leiten und weiten Aussichten! Unser die Fülle des Daseins! Karl, lech uns leben!"
Der Bourbone vernahm nicht den verstohlenen Seufzer, welcher sich der Brust des Feldherrn entwand. Er drückte heftig die Hand Pescaras, und feine dunkeln Augen blitzten eroberungsluftig. Dann, um feine innere Bewegung zu verbergen, sprang er nach feiner Weise mit beiden Füßen ins Zynische über. Der feurige Ton Pescaras hatte feine frechste Jugend- lichkeit erweckt. Während er eine 'ausgelassene Lache aufschlug, trat der vom Staub der Reise bedeckte Del Guasto ein, begrüßte den Ohm und Feldherrn und verneigte sich vor der lustigen Hoheit.
Dann wendete er sich wieder gegen Pescara, welchen er mit erstaunten und bewundernden Augen betrachtete, als hätte die von der italienischen Verschwörung dem Feldherrn angesonnene Rolle dessen Gestalt ver- größer!, und erzählte: „Wir verritien von Rom, nicht zur Freude der Herrin in zahlreicher Gesellschaft, mit Leyva, der aus Neapel zurück ist, und mit einem Vornehmen, von königlichem Geblüte, wie sie sagen, der sich Moncada nennt und den Ihr kennen werdet. Er bringt Euch eine Botschaft des Vizekönigs. Ich gewann einen Vorsprung, um Donna Viktoria anzumelden. Sie strahlt vor Freude, Euch wiederzusehen, und schließt zugleich fest die Lippen, denn sie bringt ein politisches Geheimnis, wie ich vermute, und ein päpstliches Mysterium, wie ich ahne, und dieselbe Donna Viktoria legt die Stirn in zornige Falten gegen Euren bei ihr in Ungnade gefallenen Neffen, den sie vor Euch in aller Form Rechtens verklagen wird. Wegen etwas Menschlichen", lächelte er.
„Oder etwas Unmenschlichem", spottete Pescara. „Meldet Ihr sonst etwas, Don Juan?"
„Wenn mich meine Augen nicht getäuscht haben, die Ankunft des Kanzlers von Mailand."
„Ah!" lachte Bourbon.
„Ich bin mit ihm schon in Rom zusammengestoßen, unfern des Palastes Colonna, da ich nächtlicherweile dahin zurückkehrte. Längs der Mauer sah ich etwas Diebisches in langer Gewandung schleichen, und da ich das Verdächtige mit der Fackel meines Dieners beleuchtete, war es die unverschämte Ttumpfnase und unter einem Juristenbarett das freche Kraushaar, das ich von Pavia her kenne, wohin der tolle Kanzler, wie sie ihn nennen, nach der Schlacht Euch zu beglückwünschen kam. Er mag Donna Viktoria eine letzte Heimlichkeit des Papstes gebracht haben, bei welchem sie sich an jenem Nachmittage verabschiedet hatte." Er sagte das mit einer versteckten Bosheit.
Der Feldherr blickte streng. „Don Juan", sagte er, „Ihr habet Euch um den Wandel Donna Viktorias nicht zu kümmern und noch weniger ihn zu beaufsichtigen. Jeden ihrer Schritte, ihre leiseste Miene und Gebärde billige und lobe ich zum voraus."
Don Juan verneigte sich. „Unterwegs nach Navara", fuhr er fort, „bin ich ihm dann noch mehrere Male begegnet, das heißt einem gewissen Fruchthändler Paciaudi aus den Marken mit einer greulichen Warze auf der Nase, welcher mir, da ich ihn anredete, nicht vorenthielt, er fei ein zugrunde gerichteter Mann: eine unvermutete päpstliche Maßregel verbiete die Ausfuhr, und er habe einen strengen Lieferungsvertrag mit Euer Durchlaucht. Dabei schob und gebärdete er sich nicht viel anders als der Kanzler. Dieser hat gegenwärtig allerhand Geschäfte und nimmt die possierlichsten Figuren an. Man findet ihn Überall auf der Halbinsel wie — ohne die fernste Vergleichung — Eure große Gestalt."
„Was wollt Ihr sagen, Don Juan?"
Del Guasto, der -vor nichts erschrak, zögerte doch mit der Antwort vor der kalten Miene Pescaras, und dann hielt ihn die Anwesenheit des Herzogs zurück.
,Zch habe kein Geheimnis vor der Hoheit", sagte der Feldherr. „Redet, Don Juan."
Trotz diesem Befehle kam dem verwegenen Jüngling die allgemeine Rede an diesem Orte und zu dieser Stunde, mitten im kaiserliche» Lager und während er durch das Fenster den taktfesten Schritt eines vorbeimarschierenden spanischen Heerhausens vernahm, so ungeheuerlich vor, daß er der schamlosen Oesfentlichkeit der italienischen Verschwörung ein leichtes Gewand umwarf.
„Ohm", berichtete er geringschätzig, „wovon mir noch immer die Ohren gellen, das ist ein wütender Streit, welcher unter allen Stände», in Schenken und Barbiestuben, auf den Ballspielplätzen und, wie ich glaube, bis in die Plauderecke der Sakristeien ausgebxochen ist -7 über das wahre und gültige Vaterland der Avalas: ob wir Neapolitaner find oder Spanier. Und nicht genug an Geschrei und Gebärde, auch Blätter und Schriften voll von unferm Ursprung flattern durch die Luft." , .
Der Feldherr zuckte die Achseln. „Das Geschreibsel", sagte er, „fand sich auch über meine Tische verstreut, ich habe es weggeworfen. Müßiges Gezänke."
Don Juan wurde hartnäckig. „Zugleich erzählte man mir, daß an de» Universitäten, unter Juristen und Theologen wieder heftig über Umfang und Grenzen des päpftlichen Lehensrechtes auf Neapel gestritten wird."
„Das überlassen wir diesen Gelehrten. Nicht wahr, Hoheit?" scherzte Pescara. „Und. was das Vaterland der Avalos angeht, Neffe, so rate ich dir, Ehre zu halten, spanische oder neapolitanische."
(Fortsetzung folgt.)
Teranttoortlicb: Dr. Hans Thhriok. — Druck und Verlag: Brühl'fche Llniverjikäts-Vuch« und Steindruckerei, X. Lange, ©icfi«”*


