Halbdunkel wie
der Schwedisch- Schwedenkönigs
der einer Schlange ...
Magdeburgs Llntergang.
Vor 300 Jahren: am 20. Mai.
Von Dr. Carl Walbrach.
.wo ich heute lebe."
Die Frau schwieg und schaute in die Flammen der knisternden Buchenscheite, während die anderen zu der Decke ausschauten, von der herab dieses merkwürdige Wesen aus Bronze so leicht und anmutig im Raume schwebte sein Gesicht schien unter der Margaretenhaube ein Lächeln zu verbergen und sein glatter Leib schillerte im dämmrigen
Rat. Meine Gärtnerwohnung ist eben frei geworden, die Leute sind schon i ausgezogen. Die wäre zu haben, wenn Sie sich nicht daran stoßen, datz es eben ein Gartenhaus ist ... Ich erinnerte mich, daß mein Verlobter zu seinen wissenschastlichen Arbeiten nur sehr ruhig leben konnte und beständig auf der Suche nach einer ganz stillen Wohnung war, sie aber nirgends hatte sinden können. Immer störte em Hund, em Kind oder ein Klavier ... Der Antiquar sührte mich in dieses kleine Häuschen, das zwischen alten Gärten hinter seinem Hause lag. Die Räume waren klein, | aber genügend groß für uns, der Preis war niedrig, die notwendigen Verschönerungen versprach der alte Herr vornehmen zu lassen. Cr suchte ruhige Mieter, wir suchten eine stille Wohnung, ihre Lage in der Rahe des Theaters war ideal. Ich mietete die Wohnung sosort, dann fuhr ich zum Theaterbureau, unterzeichnete meinen Kontrakt und telegraphierte meinem Verlobten. Vier Wochen später bezogen wir unser neues Heim. Mein Mann war entzückt von dem Häuschen, er richtete es selbst ein, hängte jedes Bild auf, stellte unsere gemeinsamen Möbel mit viel Geschmack zusammen, nur fehlte noch der Kronleuchter. Das Leuchterwelbchen schwebte immer noch in dem Laden des Antiquars. Als ich eines Tages aus der Stadt heimkam, war es aus dem Schausenster verschwunden. Aber in meiner Wohnung begrüßte es mich.
Es stand in der Ecke und lächelte mich an ... Mein Mann war an dem Laden vorbeigekommen, hatte es gesehen, ich hatte oft von ihm-'ge- sprochen, er fand es reizend und hatte es gekauft. Am selben .^Itjerti) wollten wir es aufhängen, aber es war zu schwer. Es schien wie nut Blei qesüllt. Wir machten mehrmals den Versuch, es an der Decke mit Schnuren zu besestigen, aber es hielt nicht, die seidenen, schon mürben Schnüre brachen durch. Es will nicht, sagte mein Mann ...
Als ich am nächsten Morgen ins Theater ging, stand er auf der Leiter und bastelte an den Schnüren herum. Ich beschwor ihn, das schwere Ding ja nicht selbst aufzuhängen, sondern auf den Installateur zu warten der noch kommen sollte. Aber dazu hatte er die Geduld nicht gehabt. Gegen Mittag wurde ich aus der Probe heimgerufen von dem verstörten Antiquar. Es sei ein Unglück geschehen. Ich kam heim und fand die Leiter zerbrochen, das Leuchterweibchen lag in einer Ecke mit zerschmetterten Kerzen, und auf der Chaiselongue lag mein Mann. Er war beim Aufhängen des schweren Stückes von der Leiter gestürzt und so unglücklich daß er eine Gehirnentzündung davontrug. Er kam nicht mehr zum Bewußtsein und ich habe nie erfahren, wie es zugegangen ist. Es war niemand daheim, als es geschah —"
, Nur das Leuchterweibchen", sagte eine Stimme aus dem Hintergrund. ''Wie bei der alten Dame", fügte jemand hinzu.
Die andern- schwiegen...
„Und was geschah mit ihm?" fragte jemand.
„Ich gab den Leuchter sofort aus dem Haus. Der Antiquar gab ihn einem Holländer mit. Damit er doch einmal aus der Gegend kommt, meinte er. Die Wohnung war mir verleidet und der ganze Ort. Ich löste meinen Vertrag und ging auf Reisen, bis ich nach München zurückkam,
Der dritte Abschnitt des Dreißigjährigen Krieges, deutsche Krieg, wird von der gewaltigen Gestalt des Gustav Adolf überschattet. Alles was in jenen Jahren auf deutschem Boden sich ereignete, ist unmittelbar oder mittelbar mit seinem Namen, seinem Wirken verknüpst. Als der König am 6. Juli 1630 in Usedom landete, stand es um die Sache der Evangelischen nichts weniger als günstig. Die Heere des niedersächsischen Kreises und des mit ihm verbündeten Dänenkönigs waren gescylagen; die kaiserlichen Truppen unter Wallenstein und die der katholischen Liga unter Tilly waren die Sieger. Dazu kam auf kirchlichem Gebiet die Durchführung des Restitutionsedikts vom 6. März 1629, nach dem alle feit dem Passauer Vertrag von 1552 von den Protestanten in Besitz genommenen Kirchengüter als solche wiederhergestellt werden sollten. Dazu gehörte auch das Erzbistum Magdeburg und damit die Stadt Magdeburg.
Der damals 36jährige Gustav Adolf, ein glanzend begabter, kenntnisreicher Fürst und überlegener Feldherr, hatte bereits das Ost-, Nord- und Westuser der Ostsee für fein Land zu gewinnen vermocht. Neben der Hilfe, die er dem bedrohten deutschen Protestantismus leisten wollte, hat er sicher in erster Linie an eine Eroberung des Südufers der Ostsee gedacht, denn Politik und Religion waren in jenen Zeiten nicht zu trennen. Sein gutes, aber kleines Heer bedurfte natürlich der Ergänzung durch die IruppNt (einer ©laubensfreunbe in Deutschland, die ihm jedoch nur zögernd und feinen politischen Plänen mißtrauend, entgegenkamen. Nach dem Herzog von Pommern und dem Landgrafen Wilhelm von Hessen war cs vor allem die Stadt Magdeburg, die sich ihm anschloß.
Seit 1598 war ChristianWilhelm,MarkgrafvonBran- b c n b u r g , evangelischer Erzbischof, fpäter Administrator von Magdeburg. Infolge feines Anschlusses an den niedersächsischen Kreis in dessen Kamps gegen den Kaiser kam er in die Reichsacht und mußte das Land verlassen. Das nahmen 1628 die Domherren zum Anlaß, ihn abzusetzen, als die Gefahr bestand, daß des Kaisers Sohn Leopold Wilhelm zum Erzbischof ernannt würde, und wählten an feiner Stelle den protestantischen Prinzen August von Sachsen. Darüber war der Kaiser verärgert und wollte durch Wallen st eins Truppen im Sommer 1629 die Stadt mit Gewalt zur Unterroerfung bringen. Diese monatelange Blockade vermehrte die Erregung der sowieso schon in Parteien gespaltenen Bürgerschaft. Aber selbst die Aushebung der Belagerung vermochte die Unruhen nicht hintnnzuhalten. Im Februar 1630 kam es zum Sturz des
Rates und der Wahl eines neuen, der, wie man hoffte, den Forderungen der Kaiserlichen gegenüberzutreten wisse. Bald daraus wurde der Erzherzog Leopold Wilhelm zum katholischen Erzbischof bestellt und an den Rat die Forderung erhoben, ihm Beihilfe zu leisten; außerdem wurden im Juli alle geistlichen Beamtenstellen der Protestanten aufgehoben.
Unter diesen Umständen nimmt es kaum Wunder, daß die Stadt — wenn auch gegen eine kleine Minderheit — bereit war, ein Bündnis mit dem Schwedenkönig einzugehen, als der in Verkleidung Ende 3ult »n Magdeburg austauchende Markgraf Christian Wilhelm Gustav Adolfs Angebot überbrachte. Die bedeutungsvollste Abmachung in dem Bündnis war die Verpflichtung der Schweden, die Stadt gegen Angriffe zu schützen und bei Belagerung zu entsetzen. Der Markgraf warb drei Regiinenter und begann unklugerweife einen Kleinkrieg in der Umgebung der Stadt. Als I aber im September die kaiserlichen Truppen sich sammelten, war es mit seiner Feldherrnkunst zu Ende.
Da schickte Gustav Adolf im November den Oberst Dietrich von Falkenberg, einen befähigten, tapferen Offizier, der es zugleich verstand den unversöhnlichen Kamps gegen die Kaiserlichen als Losung auszugeben. Er Übernahm das Oberkommando über die 3000 Mann Christian Wilhelms und wußte sich bei den Bürgern Geldmittel für weitere Werbungen zu verschaffen und die Bürger zur Jnstandfetzung der Festungs
werke anzuhalten. m .
Bald darauf erschien der General Graf P a p p e n h e i m vor der Stadt. Erst Ende des Jahres rückte auch der Feldherr der ligistlschen und nun auch der kaiserlichen Truppen, Graf Tilly, heran; aber mit Rücksicht auf Gustav Adolfs Vordringen gegen das Elbgediet und dessen politische Pläne, eine Liga der protestantischen Fürsten und Stande zusammenzubringen, sah er sich zum Abmarsch genötigt und nahm erst im April mit rund 30 000 Mann die Belagerung der Stadt wieder auf, die von etwa 7000 Soldaten verteidigt wurde. Nach dem Fall der unhaltbaren Außenwerke trieben die Belagerer Sappen und Laufgraben gegen die Stadtmauern vor und begannen die Festungswerke mit Artillerie zu beschießen. Am 24. April und dann noch einmal acht Tage spater forderte Tilly in verschiedenen Schreiben an den Rat der Stadt, den Markgrafen und Falkenberg die Uebergabe der Stadt. Die Antworten lauteten ab= jehnenb da die Magdeburger auf Entsatz durch den Schwedenkömg ver-- trauten, der soeben bei Frankfurt a. d.Oder und Landsberg a. d. Warthe Erfolge' errungen hatte.
Gustav Adolf bedurfte, um der Stadt wirklich helfen zu können, einer genügend großen Operationsbasis. In erster Linie brauchte er einen Vertrag mit den Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen, um durch deren Länder zu marschieren. Diese und andere politische Verhandlungen nut den übrigen protestantischen Fürsten zogen sich hin, auch waren seine Truppen von dem Winterfeldzug erschöpft,, und er selber ohne Geldmittel. So konnte cr beim besten Willen nur immer wieder die Magdeburger zum Ausharren ermahnen.
In der Stadt hatte sich in ihren letzten Tagen immer deutlicher gezeigt, daß es eine ganze Anzahl Bürger gab, die eine Uebergabe für die richtige Maßnahme hielten. Aber sie konnten sich einem Manne wie Falkenberg gegenüber nicht durchsetzen, der trotz der surchtbaren Gefahr für die Einwohner im Falle einer Eroberung am Kampfe festhielt. Am 19. Mai kam der Rat zu einer Besprechung über die Uebergabe zusammen, ohne eine Einigung zu erzielen. Von 4 Uhr ab am 20. Mai berie^man wieder, und Falkenberg trat mit beredten Worten für ein weiteres Ausharren ein. Noch während er sprach, nahm das Verhängnis seinen Lauf. Am 19. Mai war im Kriegsrat Tillys der Sturm auf die Stadt beschlosten worden. Entgegen dem bedächtigeren Feldherrn hatte der ungestüme Pappenheim, besonders mit Hinweis auf die von Gustav Adolf drohende Gefahr, der schon bis Potsdam gekommen war, seinen Willen durchgcsetzt.
Um 7 Uhr am 20. Mai begann der Sturm. Pappenheims Truppen brachen an der Hohen Psorte in die Stadt ein. Ein zweistündiger Straßenkampf in dem der tapfer kämpfende Falkenberg fiel, führte die Entscheidung herbei, und nach zwei weiteren Stunden war Tilly unbeschrankter Sieger. In Blutrausch und Beutegier hausten die Söldner drei Tage lang schlimmer als wilde Tiere. Selbst die in die Kirchen gefluchteten Frauen und Kinder entgingen nicht ihrer Mordlust. Zu Beginn des Kampfes waren im Norden einige Brände ausgebrochen, die von einem Nordost- fturm angefacht, um die Mittagstunde die ganze Stadt zu einem einzigen Flammenmeer machten. Die meisten Bürger, die sich vor den Soldaten in die Keller geflüchtet hatten, tarnen durch Feuer und Rauch um; man schätzt die Zahl der Toten auf 20 000, fo daß nur 10 000 Einwohner I übrig blieben. ..... . m _
Die Frage der Schuld an diesem Brande ist viel erörtert worden. Man darf heute wohl behaupten, daß Tilly und Pappenheim die Niederbrennung nicht befohlen haben. Ob der geistige Urheber des Brandes unter I den fanatischen Verteidigern zu suchen ist, wie man behauptet hat, ist durchaus ungewiß Mehr Wahrscheinlichkeit hat jedenfalls die Meinung, I daß die Brände in dem allgemeinen Wirrwar ohne Absicht entstanden sind I und die riesenhafte Ausdehnung annehmen konnten, weil niemand an I Löschen dachte; natürlich waren die meisten Häuser in Fachwerk erbaut I und standen eng zusammen.
Die bedauerlichste Tatsache aber bleibt die, daß Magdeburgs Untergang vollkommen zwecklos war. Tilly hatte keinen Vorteil gewonnen bet der militärischen Wertlosigkeit der zerstörten Festung; er galt nur allen Evan- gelischcn als Inbegriff des Abscheus. Der Kamps Magdeburgs hatte aber I auch der protestantischen Bewegung nicht viel genutzt. Wenn man oie Schuldfrage ausrollt wer die Verantwortung für die Katastrophe trage, (o wird sie, oberflächlich betrachtet, an dem Schwedenkönig hängen bleiben. Gustav Adolf selber hat diese Empfindung auch gehabt und deshalb eine I Verteidigungsschrift herausgegeben. Um das gute Ansehen, das er bei den Glaubensgenossen besaß, zu erhalten. Darin hat er neben zum xeu ungerechten Vorwürsen gegen die Magdeburger klargelegt, daß er ntmi rechtzeitig zum Entsatz hätte kommen können, weil die beiden Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen nicht mit dem erforderlichen Eifer für Die protestantische Sache eingetreten und ihn mit langwierigen Verhandlungen hingehalten hätten.


