Geheim Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang J93J Montag, -en ^8. Mai Nummer 39
Der Spinnerin Lied.
Von Clemens Brentano.
Es sang vor langen Jahren wohl auch die Nachtigall, das war wohl süßer Schall, da wir zusammen waren.
Ich sing' und kann nicht weinen und spinne so allein den Faden, klar und rein, solang der Mond wird scheinen.
Da wir zusammen waren, da sang die Nachtigall, nun mahnet mich der Schall, daß du von mir gefahren.
Sooft der Mond mag scheinen, gedenk' ich dein allein, mein Herz ist klar und rein, Gott wolle uns vereinen!
Seit du von mir gefahren, singt stets die Nachtigall, ich denk' bei ihrem Schall, wie wir zusammen waren.
Gott wolle uns vereinen, hier spinn' ich so allein, der Mond scheint klar und rein, ich sing' und möchte weinen!
Das Leuchterweibchen.
Eine Erzählung von Liesbet Dill.
Man hatte eben in der Halle die Lichter angezündet, denn es wurde früh dunkel. Die Sonne hatte sich den ganzen Tag noch nicht gezeigt, dichte Buchenwälder schlossen das Haus von der Welt ab wie eine Mauer. In der Ferne lag nebelverhllllt die Stadt.
Die Gäste, die nachmittags zum Bridge herausgekommen waren, saßen vor dem altmodischen großen, steinernen Kamin, in dem trotz des Frühlingstags dicke Buchenklötze brannten. Aus den tiefen Sesseln stiegen blaue Rauchwolken auf und um ihre Köpfe lag der Schimmer einer dämmrigen Helle. Die am Tage etwas düstere Halle war nur schwach beleuchtet von einem von der braunen Kassettendecke schwebenden, mittelalterlichen „Leuchterweibchen“, diesem Zwitter mit Margaretenhaube und Fischschwanz, das in seinen bronzenen Armen zwei dicke, rote Kerzen trug, deren mattes Licht die alten Waffen der Wände und den Goldgrund der Heiligenbilder geheimnisvoll aus dem Hintergrund aufglänzen ließ, während die geschnitzten Bänke, mit Hirschlederkissen bedeckt, die hohen Bücherschränke, die eisenbeschlagenen Schlohtruhen, auf denen eine schwerfällige Armbrust aus der Landknechtszeit neben einer alten, kurfürstlichen Bibel lag, im Halbdunkel blieben. Auf dem alten Steintisch unterhalb der mit einem roten Polster belegten Wendeltreppe, brauste leise der blanke, von einem Ahnherrn aus einem russischen Feldzuge mitgebrachte Kupfersamowar. Ein Dust nach frischem Tannengrün, das in hohen Vasen steckte, und seinem Tee, den die junge Hausfrau mit Hilfe des kochenden Samowars bereitete, durchzog den Raum. Ihr kirschrotes Seidenkleid warf einen leuchtenden Farbenreflex in die Halle.
Die Zigaretten brannten, man plauderte über alles mögliche und aus dem Wintergarten tönte, wie eine diskrete Begleitung dazu, ein in der Ferne gespieltes, leises klingendes Geigenkonzert von Bach ... Plötzlich schaute eine Dame, die unter dem Leuchter saß, zu dieser seltsamen Gestalt über ihr auf, die in der Luft an goldenen Schnüren schwebte, es lief wie ein Erschrecken über ihr Gesicht, und sie stand auf und bat ihren Nachbarn, ihren Platz mit dem (einigen vertauschen zu dürfen.
„Wollen Sie näher ans Feuer?" fragte der Hausherr. „Ist Ihnen kalt?"
„Nein", sagte die fremde Frau. „Ich habe nur eben gesehen, daß ich — unter diesem Leuchterweibchen sitze —"
„Nun, was ist denn damit?" Gefällt es Ihnen nicht?" wurde ste gefragt.
Die Fremde zögerte. „Doch — aber mit diesem Sing verbindet sich eine ... Erinnerung, sie liegt zwar weit zurück ... aber da sie mit meinem Schicksal unmittelbar verknüpft ist —"
„Wieso mit Ihrem Schicksal?" fragte die junge Frau erstaunt.
,^Ich kann es nicht von der Erinnerung trennen", sagte die Fremde. „Seltsamerweise bin ich nie mehr einem solchen Stück begegnet, seit heute ... geschweige denn, daß ich in einem Hause mit ihm zusammen gewesen bin.“
Die Frau war nicht mehr jung, sie sah aus wie ein Mensch, dem Kämpfe und Stürme nicht erspart geblieben sind. Es war eine Schauspielerin, die sich von ihrem Beruf zurückgezogen hatte und in München lebte. Sie war auf der Durchreise in diese Gegend gekommen und zum erstenmal im Schloß. — Ihr feingeschnittenes Profil, der kleine, schlicht frisierte Kops mit dem losen, dunklen Haar erinnerte an den der Düse. Ein Frösteln überlief ihren Nacken. Sie lehnte den Kopf gegen das weiche Kissen des hohen geschnitzten Stuhles.
„Ja — ein Menschenleben ist das her und doch ist mir jetzt auf einmal, als fei alles erst gestern geschehen ... Ich bin seitdem viel herumgezogen, habe in fremden Erbteilen, auf Schiffen und in allen möglichen Gegenden gelebt, nie mehr bin ich einem solchen Leuchterweibchen begegnet bis heute ..."
„Und welche Rolle spielte dieses „Weibchen" in Ihrer Geschichte?" fragte ein Herr, der ihr gegenübersaß und sich eine Zigarette an der dicken grünen Wachskerze anzündete. „Hat es irgendeinen Anteil an Ihrem Schicksal gehabt?"
„Sagen Sie ruhig, an Ihrem Leben, denn als es mir damals begegnete, ahnte ich noch nicht, daß es mein Schicksal bestimmen würde ... ja, es in Händen hielt ... Ach, es ist so lange her, daß ich ruhig darüber sprechen tarnt", sagte die ernste Frau, und sie hielt ihre Hände an die Glut der Buchenflammen, um bas Frösteln zu bekämpfen, das ihr über den Nacken riefelte. Dann strich sie sich das Haar zurück und sagte, wie in eine ferne Gegend schauend: „Es war vor ungefähr zwanzig Jahren, im März. Ich lebte damals in München als Schauspielerin am dortigen Schauspielhaus und hatte einen Ruf nach Süddeutschland in eine kleine Residenz als Hochdramatische an ein Hoftheater bekommen. Ich war verlobt, mein Verlobter war Kunsthistoriker in München. Wir hatten von meiner neuen Stellung gehofft, daß sie uns ermöglichte, zu heiraten und zusammenzuziehen. Die Einrichtung besaßen wir, nur hatten wir noch keine Wohnung. Aber alles, was ich mir in den ersten Tagen in meiner Residenz, einem ziemlich altfränkischen Städtchen, ansah, war entweder viel zu kostspielig für uns oder sehr häßlich. Auf diesem Suchen nach Wohnungen tarn ich öfters durch eine Gasse am Dom, in der mir ein kleines Antiquitätenlädchen auffiel, das ein paar sehr gute, antike Möbel ausstellte und in dessen Schaufenster ein solches Leuchterweibchen hing. Ich liebäugelte mit ihm, denn wir hatten noch keinen Kronleuchter und mein Verlobter schwärmte für solche mittelalterlichen Gegenstände. Ich kam nie an dem Laden vorbei, ohne davor stehen zu bleiben. Das bronzene Weibchen übte eine merkwürdige Anziehungskraft auf mich aus. Ich mußte es ansehen. Irgend etwas Unheimliches verband sich mit ihm, ohne daß ich sagen konnte, weshalb. War es die Verbindung von Ehrbarkeit, Bürgerfrauenhaube und dem Fifchschwanz Undines ober der schonen Melusine ... ober bas mysteriöse Lächeln mit halbgeschlossenen Augen? Ich weiß es nicht ...
Eines Tages ging ich in ben Laben unb fragte nach dem Preis. Er schien mir zu hoch und wir verhandelten deshalb. Woher kommt eigentlich der Leuchter? fragte ich den alten Antiquar. Ach, sagte der, bas Ding ist aus einer Erbmasse übriggeblieben, bie eine alte Dame hinterließ. Sie verstarb unter merkwürdigen Umständen. Sie war sehr reich und es entstand nachher ein langer Prozeß, der viel Staub aufwirbelte, weil sie auf dem Totenbett in einem handschriftlichen Testament ihrer Pflegerin ihr ganzes Vermögen vermacht hatte, und das frühere notarielle Testament nicht mehr vorzufinden war. Es war verschwunden, halte aber existiert. Die Familie erhob Einspruch, bas Gericht mischte sich ein, bie Verstorbene würbe ausgegraben unb es fanben sich Spuren von Gift. Inzwischen war es der Pflegerin gelungen, spurlos über die Grenze zu entkommen, und mit ihr verschwand der kostbare Schmuck der alten Dame."
„Und das Leuchterweibchen?" fragte jemand.
„Das hatte im Schlafzimmer der alten Dame gehangen“, sagte der Antiquar. Es wäre das einzige gewesen, das Aufschluß hätte geben können; denn es hatte zugesehen. Der Prozeß verlief im Sand, die Erbmasse wurde versteigert und der Leuchter, den niemand haben wollte, kam in meinen Laden. Ich mochte ihn offengestanden gerne los fein, aber niemand will ihn haben. Es gibt Dinge, die mit irgend etwas behaftet sind ... Wenn Sie es haben wollen, ich gebe es billig her ... Der alte Herr wischte den Staub von der gerippten Margaretenhaube, unter der mich das Weibchen höhnisch aus halbgeschlossenen, faszinierenden Augen anlächelte.
Aber ich konnte mich nicht dazu entschließen, es zu kaufen. Als ich schon die Hand auf der Türklinke hatte, um zu gehen, fragte mich der alte Herr, ob ich hier fremd fei? Unb, sehen Sie, ein solcher Augenblick entscheibei oft über unser Leben. Eine Minute, bie man zu spät ober zu früh bie Hanb auf eine Türklinke legt ... Ich erzählte von bem Rus ans Hoftheater, daß ich aber keine Wohnung finben konnte unb ich des- balb keine Lust habe, meinen Vertrag zu unterzeichnen, unb meine schone Münchener Wohnung aufzugeben, denn das, was ich hier gesehen hätte, gefiel mir nicht ... Eine Wohnung? sagte der alte Herr, da wüßte ich


