Fräulein Daniela
Obertertia.
Aber als er mit der Zunge lecken und das Kuvert.zukleben wollte, fiel ihm etwas ein. ... ,
Er stieg in den Obstgarten hinunter, wo der Häuptling mit Reppert und Lüders in hestigen Gesprächen begriffen auf- und niederging.
Borst blieb bescheiden stehen und wartete darauf, bis die patres der Tertia ihm Beachtung schenken würden.
„Was ist los?" fragte ihn Reppert ernst, doch ohne Unfreundlichkeit, nachdem Borst eine ganze Weile gewartet hatte.
„Ich möchte den Kursürst sprechen", erwiderte Borst mit schamhaft gesenkten Augen.
Reppert ging zum Kurfürsten zurück, aber es gab sogleich wieder ein langes Gespräch, währenddessen Reppert den Kleinen wohl vergessen haben mochte.
Borst scharrte ein wenig mit dem Fuß, wie ein ungeduldiges Pony im Regen. Eigentlich freute er sich, daß ihm eine so gute Idee gekommen war. Gewiß war es diesmal ein Meisterstreich, was er vorhatte, — besser noch als die andern alle. Er sah den Brief in seiner Hand an. Die drei großen Herren der Tertia gingen an ihm vorüber. Der Häuptling sprach mit hestigen Gebärden, wie Napoleon vor der Schlacht, wenn er Berthier und Ney etwas auseinandersetzte, was diese ja doch nicht so recht in all seinen geistigen Finessen verstehen konnten.
Plötzlich bemerkte der Kurfürst Borst mit dem Brief in der Hand. Er streckte den Arm aus.
Borst tat, als sei er ganz bestürzt, er reichte den Brief hin, als stehe er unter der Gewalt einer übermächtigen Schüchternheit.
„Ich wollte ... ach nein! ... Ich wollte ja nur fragen, — ob wir heute nachmittag die Waschhosen..."
„Die Waschhosen?" fragte Lüders drohend, und er legte den Kopf zur' Seite, als werde er Borst sogleich mit der Faust unter das Kinn langen.
Reppert sah Borst finster an.
„Was störst du uns hier mit deinem Gequatsch? Siehst du nicht, daß wir hier Wichtigeres zu tun haben als deine Waschhosen? Wenn du Waschhosen anziehen sollst, so wird es dir nach dem Mittagessen gesagt werden! Fängst du schon wieder an, den Idioten zu spielen?"
„Was soll ich denn damit?" fragte der Kurfürst verwundert, während er den Brief las. .
„Gar nichts", sagte Borst gekränkt. „Du hast mir ja den Bries aus der Hand gerissen!"
Der Kurfürst las den Brief zu Ende.
„Ich habe dir den Brief aus der Hand gerissen?" fragte er erstaunt. „Du hast mir doch den Bries hierhergebracht."
„Ich werde dir doch nicht den Bries bringen, Kurfürst I Der Brief ist doch gar nicht für dich bestimmt!"
„Ja, wenn er nicht für mich bestimmt ist, weshalb streckst du ihn mir denn hin?"
„Ich wollte ja nur wegen der Waschhosen etwas fragen. Da hast du mir den Brief aus der Hand gerissen!"
Der Häuptling sah Borst an. Er bekam in den Tiefen seiner Augen ein verstehendes und wohlwollendes Lächeln für Borst. Hier war einer, der dieselbe korsische Schlauheit hatte wie er selber. Das imponierte jedem Bonaparte.
Er las den Brief noch einmal durch.
Dann trat er mit Borst zur Seite.
„Du bist ein kleiner, frecher Esel", sagte der Kurfürst, und er beschäftigte sich napoleonisch mit Borsts Ohrläppchen. „Du wirst diesen Brief gefälligst nicht abschicken!"
„Nicht?" fragte Borst, und er riß erschrocken die Augen auf, und er machte zur Abwechslung sein Bogelgesicht. ,
„Nein, nicht! — Dich brauche ich noch später und deine Daniela!
Fort mit dir!"
Verantwortlich: Dr. HanS Thtzrivt. — Druck und Derlag: Brühl'sche UniversitätS-Duch» uud Steindruckerei. A. Lange, @i«&«n-
Borst wollte sich trollen.
Da rief ihn der Häuptling zurück.
„Du, höre mal, — wenn man einen Absagebrief an jemanden losläßt, dann unterschreibt man nicht: .Dein Dich sehr liebender und getreuer1, — da unterschreibt man: .Hochachtungsvoll', oder .Mit der Ihnen zukommenden Wertschätzung'. Merk' dir das mal, mein Sohn. Adieu."
Borst stiefelte davon, mit seinen einwärts gekehrten Füßen. Rechts schräg einwärts, links schräg einwärts, trab, trab ...
Oben in der Klasse, vor Beginn des Unterrichts, schritt Borst würdevoll an den Papierkorb. Er zerriß den Brief an Fräulein Daniela, Obertertia, und zwar auf eine Art, daß der Große Kurfürst es genau sehen konnte denn der Große Kurfürst ging nämlich zufällig gerade an ihm vorüber! Wohlwollend legte er Borst die Hand auf den struppigen Kopf, das Haar gab förmlich eine Staubwolke, denn Borst war kein besonderer Liebhaber von Bürsten, Kämmen und Seise.
„Sehr brav übrigens, mein Junge", sagte der Häuptling ganz laut vor allen.
Niemand verstand, was an Borst wohl .sehr brav' sein mochte.
Borst aber setzte sich mit zufriedenem Glucksen auf feinen Platz. Er rieb sich die Hände unter der Tischplatte, und er schurrte dazu heftig mit den Beinen auf dem staubigen Erdboden. Doch bann zog er plötzlich em schief-ängstliches Gesicht. Dr. Wunder hatte nämlich das Klassenzimmer betreten. Dieser Herr stutzte, denn er nahm das Schurren der Beine als eine feindliche Demonstration auf. Er war einer von den älteren Lehrern, und an diesem Tage war die Schule mit Zündstoff geloben wie noch nie.
Hornbostel, der sich Borst die ganze Zeit über angesehen hatte, sagte kopfschüttelnd zu seinem Nachbarn Königsmarck:
„Wenn man den so beobachtet!"
XIV.
Nachmittags stand Reppert punkt zwei Uhr auf der trigonometrischen Höhe VII. Er beobachtete schars die Straße nach Maineweh. Er hielt einen großen Spiegel in der Hand. Mit dem sollte er Signale geben, sobald er den Feind bemerken würde.
Der Feind mußte jeden Augenblick mit seinem Einspänner an der Biegung Lindenau—Maiblumenau erscheinen. Falk hatte dem Großen Kurfürsten ins Gutswirtshaus telephoniert, daß der Einspänner soeben Maineweh in der Richtung nach Lindenau verlassen hatte. Man konnte sich auf den Feind verlassen, er hatte seine pünktlichen täglichen Nachmittagsfahrten in allerlei Ortschaften des Bezirkes.
Kurz vor halb drei hob Reppert den Spiegel ins helle, ungebrochene Licht. Er ließ den Spiegel kreisen. Er hatte Glück, denn kerne Wolke beschattete die Nachmittagssonne. Für den Notfall hatte man auch em Feldtelephon gebaut. Aber auf das Telephon war kein Beriah. Es war ein alter Kasten. Er funktionierte widerborstig und unfreundlich.
Ein Pfiff ertönte aus dem Walde, ein weithin in der Ebene verhallender Jagdpfiff. Repperts Botschaft war aufgenommen und verstanden worden. ~
Dort wo der Pfiff herkarn, lagerte die Tertia im Straßengraben. Der hohe Buchenwald ging zu beiden Seiten dicht an die Straße heran, und die Straße stieg leicht bergauf. Cs war ein idealer Fleck für Buschklepper. Kaurn war der Pfiff ertönt, so sah Reppert von feiner Hohe aus, roie ein Motorradfahrer, — der tapfere Königsmarck war es! — aus dem Buchenwalde hervorflitzte und die Straße nach Schwanderioch hinunterraste. Mitten aus der Straße blieb er stehen. Er gab mit fernem Fähnchen Winkerzeichen.
„Die Sache klappt", sagte Reppert zufrieden.
Er hatte ein inniges Wohlgefallen daran, daß alles wie am Schnürchen ging. Er hotte ein reinliches Bild vor sich, rote ein Flieger, der kundschaftet. Zuerst kam dort hinten der Einspänner m langsamstem Trott. Dann kam er selber auf seinem trigonometrischen Punkte. Dann kam der Haupttrupp, den man nicht sehen konnte, da er wohlgeborgen, wie es sich für Räuber gehört, im Graben lag. Dann wiederum tarn der winkende Königsmarck, schon weit, weit drüben, ungefähr dre, Kilometer vor dem Dorf Schwanderioch. Und endlich kamen die, denen Königsmarck zuwinkte und die Reppert wiederum nicht sehen konnte. Hornbostel und Borst. Reppert selber hatte sie an der Wege-kreuzung postiert Sie lagen in einem Birkenwaldchen. Reppert lief, was er konnte, zum Haupttrupp hinab, um ihn durch seine Person, die nun als w ob achter überslüssig geworden war, zu verstärken. „
Im Graben der Straße nach Schwanderioch, dort also, wohin Komgs- marck Winkerzeichen gegeben hatte, lagen Hornbostel und Borst un Birkenwäldchen. Es war eine ungeheuere Auszeichnung für Borst, ob er mit Hornbostel auf einen so überaus wichtigen Posten gestellt woroen war. Er fieberte vor Aufregung. Er schwor es sich selber zu: er wouie Hornbostel in allem sklawisch gehorchen. Hornbostel war zwar kaum größer als Borst, aber er war doch eben ein alter, erprobter Raubritter.
Sie hatten ein Gespräch, während sie auf ihren Bäuchen im Graden des Birkenwäldchens lagen.
„Mein Bruder ist Pilot bei der Lufthansa", sagte Hornbostel.
Borst wußte das. Er schwieg ehrerbietig.
„Bist du schon einmal geflogen?" fragte Hornbostel noch einer Weile.
„Nein", erwiderte Borst ganz leise, so ehrerbietig mar ihm vor dem zumute, was jetzt kommen würde.
„Aber ich!"
„Wie ist das?" fragte Borst leiise.
„Sauber", entgegnete Hornbostel.
(Fortsetzung folgt.) __.
wobei er der Bande den disziplinierten und gemäßigten Geist der Untersekunda als Vorbild entgegenhielt
Daniela hatte auch heute, roie immer in der letzten Zeit, am allgemeinen Laus nicht teilgenommen. Obwohl sie eigentlich keine Erlaubnis hatte, so befreite sie sich selber davon, irgend etwas Gemeinschaftliches mit der Bande vorzunehmen. Sie war in ihrem Zimmer drüben in der Wald-Villa später als die andern Tertianer aufgestanden, und so kam sie sehr sauber und gepflegt, im übrigen aber mit einem bleichen Schimmer um Nase, Sinn und Wange in den Unterricht. Hätte sie auch nur einer in der Klasse angesehen, so hätte er bemerken können, daß Daniela augenscheinlich schlecht geschlafen hatte. Aber niemand gab ihr auch nur einen Blick, nicht einmal Borst.
Borst aber war es, der in der großen Pause, gleich nach dem frühstück in das Klassenzimmer zurückkehrte, seinen Füllsederhalter sorgfältig an einem Tintenputzer putzte und folgenden Brief auf einer Seite Papier schrieb, die er aus einem seiner Hefte herausgerissen hatte:
„Liebe Daniela!
Ich kann nicht mehr mit Dir sprechen, weil Du zur Sekunda übergegangen bist. Ich finde, wir müssen treu zur Tertia stehen, deshalb kann ich nicht mehr mit Dir sprechen oder Dein Gefangener fern. Es muß alles zwischen uns aus fein.
Dein Dich sehr liebender und getreuer
Borst.
Er machte einen ganz dicken Punkt hinter Borst. Er stöhnte ein einziges Mal auf, wie Josua des Nachts gestöhnt hatte, als Borst ihm eins mit dem Beil ans Bein gegeben hatte.
Borst steckte den Brief in ein Kuvert und schrieb darauf:


