Ausgabe 
17.8.1931
 
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allen könnte. Auch durch den dichtesten Kraftwagenverkehr windet er ich hindurch, denn immer und allemal ist Zeit Geld, Geld, Geld!

Ein paar Schritte weiter aber stutzt der gute Mann plötzlich, obwohl -ein Hindernis zu merken ist. Schon schreitet er im Bogen über den Fahr- aamm und kehrt dann auf den Bürgersteig zurück. Wer wollte sich denn o leichtsinnig in Gefahr begeben und unter einer Leiter hindurchgehen, wenn sie auch noch so fest steht? Nur die Anstreicher trotzen allen bösen Voraussagen und arbeiten jahraus jahrein aus und unter diesem gefähr- jchen Instrument. r.^

Mele vernünftige Leute wagen nicht, sich umzusehen, wenn sie aus dem Hause gehen, und ebenso viele weigern sich entschieden, aus einem -Glase zu trinken, das einen Spung aufweist. Auch ist es eine alte Weis- ; beit daß man nicht mit einem Streichholz drei Zigaretten anzünden darf sonst muß einer der drei Raucher sterben.s!) So kommt es denn, daß 'selbst gebildete, vorurteilsfreie Leute das brennende Streichholz weg- werfen, nachdem sie den zweiten Glimmstengel angesteckt haben, um für den dritten ein neues anzuzünden.

Abergläubische Vorstellungen sind hartnäckiger und verbreiteter, als man allgemein annimmt. Das Fallenlassen eines Messers oder eines Lösfels, das Finden einer Haarnadel, das Zerbrechen eines Spiegels, das Geschenk eines Messers, die Wirkung des Hufeisens, das Jucken der Handfläche, das Oeffnen eines Schirmes im Haufe solch« und viele andere Dinge spielen im Aberglauben eine Rolle.

Der bekannte Theatermann B e l a s c o schenkte einst einer Schau- 'pielerin eine Stoffpuppe. Sofort hatte sie großen Erfolg. Jetzt trennt sie sich nicht mehr davon, und die Puppe ist das letzte, was sie beim Verlassen des Theaters nach der Vorstellung anrührt. Eine andere ameri­kanische Schauspielerin duldete nicht, daß in den Kulissen gepfiffen wurde. Eine andere wieder trägt während der Spielzeit täglich für einige Minu- ten ein altes Korsett, das sie vor Jahren in einem Stück trug, vor dem sie Angst hatte, das sich jedoch als ein großer Erfolg erwies, den sie ihres Erachtens dem Korsett verdankt.

Zu den abergläubischsten Menschen gehören die Seeleute. Laßt sich ein Vogel auf dem Deck des Schiffes nieder, jo folgt ein Todesfall. In . der Marine der Vereinigten Staaten ist man überzeugt, daß ein Rekrut kein Glück im Dienst hat, wenn er feinen Hut nicht bei Ebbe ins Wasser wirft. Die Ausfahrt aus einem Hafen am Freitag gilt als ungluck- oringend, und folglich laufen an diefem Wochentage nur wenige Schüfe aus dem Neuyork»r Hafen aus. Man zieht es vor, die Abfahrt auf einige Minuten nach Mitternacht zu verschieben. Es wird berichtet, daß eine Mannschaft von Isländern sich weigerte, am Freitag, den 13., il)re Reise anzutreten. Der Aberglaube erstreckt sich also auf die ganze Welt.

Seeleute berichten oft.seltsame Geschichten von Geistererscheinungen auf See, die Unglück bringen. Gespenfterschisfe, unheimliche Stimmen iind Geräusche, Vogel- und Tiergestalten spielen eine Rolle in ihren

Visionen. _ .... . ,

Eine der abergläubischsten Rassen sind die Reger. Spukhauser, H^erei, glückliche und unglückliche Vorbedeutungen halten sie in ihrem Bann. Ost sind sie kindisch in ihren Ideen, die auf ihrer mystischen Ratur- veranlagung beruhen. .. , . ... ,

Hart im Raume stoßen sich die Sachen. Zu diesen primitiven Naturen gesellt sich der moderne Spekulant in Wall Street dem es Gluck bringt, wenn er den Buckel eines Verwachsenen berührt. Er ist den Bettlern gegenüber freigebig in der Erwartung, daß seine Gaben ihm Gluck

Der wissenschaftlich verbrämte Aberglaube ist in Amerika weit ver­breitet. Nicht weniger als 125 Millionen Dollars werden in den Veremlg- ten Staaten jährlich einer Armee von 100 000 Wahrsagern aller Art m Den Schoß geworfen, wie Kristallsehern, Astrologen, Kumerologen Phre- nclogen, Handlesekünstlern, Kartenschlägern und anderen Scharlatanen die aus Teeblättern und Kaffeesatz die Zukunft erforschen und ® Heuschreckenplage das Land von einem Ende zum andern überziehen. 3n ber Stadt Neuyork allein geben die Leichtgläubigen über 25 Millionen Dollars jährlich für die verschwommenen, werttosen und. ost v«breche. rischen Wahrsprüche aus, die trotz des gesetzlichen Verbotsvoni 1500) bis 20 000 Hexenmeistern an den Mann und d-e Frau gebracht werden. In Chikago heimst diese Gilde etwa zwölf Millionen x.ollar- jährlich em, von denen die Hälfte von lokalen '.Gläubigen^gebracht wird, während der Rest aus brieflich erledigten Geschäften von au-warts stammt. Die mittelalterlichen Wundermanner waren im Vergleich zu diesen gerissenen Humbugmachern wahre Waisenknaben.

Eine Sterndeuterin in Neuyork läßt sich 25 bis 100 Dollars für em Horoskop zahlen, und erzielt allein brieflich von auswärts zehittausend Dollars monatlich. Ein Sternpfuscher m Gh-kago hat hundert Kunden alles gutsituierte Geschäftsleute, die ihm tau end Dollar- lahrl.ch für -m monatliches Horoskop bezahlen. Dieses angeblich"b\?'b/ieQU^ Schriftstück ist einfach ein Formularbr.ef der s'ch über dte Emzelheite» des jeweiligen Falles mit rührender Uubekummertheit h nwegsetzt

Männer und Frauen aus allen Klassen der f M f äliuabl von diesen Kunden der Wahrsagekunst darunter e.ne erstaunli^ AnzM vor Bankpräsidenten, Aktienmaklern, Rechtsanwalten, Unw-rs'tatspros-jwnn, Damen der Gesellschaft, Senatoren und Kongreßabgeordneten Im Wau Street-Bezirk gibt' es zahllose Wahrsagebüros

in denen täglich Hunderte Rat suchen. In dem seinen, Seschaftsbez.rr an der Fünften Avenue gibt es Zigeuner-Teestu e , - sßraftifer ihr

abgebrühten Teeblättern geweissagt wird, wahrend andere Prakd Humbuggewerbe in den Mietskasernen der armen ,. ^en.

Der Aberglaube hatte seinen Ursprung m d m Wunsche des^ Men wen, sich die Gunst des Schicksals zu erringen und Boses^abzuwen^n Sr begann mit dem Urmenschen, und hat alle Zetta ter überlebt Rur langsam gibt die Menschheit ererbten Aberglauben auf Erlist eher ein. Ausgeburt der Phantasie als der Dummheit, und 0 haoon

Frei davon wäre Selbst große Geist« konnten ober sollten nicht davon lassen. Manchespotten ihrer Ketten , und sind d d) . WB]j

dennder Aberglauben, in dem wir aufgewachst , wir ihn erkennen, darum doch seine Macht nicht über uns.

Oer Kampf der Tertia.

Erzählung von Wilhelm Speyer.

Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35.

(Fortsetzung.)

Inzwischen hatten die Tertianer im Amtsblatt die Verordnung des Oberamtmannes gelesen. Am Freitagvormittag um elf Uhr sollte die Abschlachtung der Katzen beginnen. Drei herumlaufende Hunde waren schon erschossen worden. Es stand täglich im Amtsblatt verzeichnet, wie ein Sieg der Nation. Die Tertianer richteten sich nicht im geringsten danach, was in Maineweh geboten wurde. Sie erlaubten zwar ihren Hunden nicht, zu streunen, sie hatten ein scharfes Auge auf sie, aber sie legten ihnen weder Maulkorb noch Leine an.

Alle Einsichtigen wußten, worum es ging. Der Freitag nämlich war kein Freinachmittag, sondern der Donnerstag! Bekam man von der Lei­tung im Walde am Freitag Urlaub, so war hiermit gesagt, daß die jungen Lehrer und die Tertia gesiegt hatten und daß ihr Unternehmen von der Leitung gebilligt worden war. Bekam man keinen Urlaub, so war man ebenfalls im klaren. Dann aber lag die Entscheidung beim Häuptling. Ausbrechen ober nicht?

Die Lage ber Tertia hatte sich im übrigen durch Danielas Verrat in- keiner Hinsicht verbessert.

Lüders hatte ein Gespräch in dieser Angelegenheit mit dem Kur­fürsten. Lüders beklagte sich heftig über die miserable Führung der Klasse.

Entweder du hast einen Wink bekommen, bann sage es uns gefälligst, und wir wissen, woran wir sind! Oder du weißt so wenig wie wir, was der Wald vorhat, dann hast du die Band« so geführt, daß du verdienst, ausgehängt zu werden! Entschuldige, daß ich dir das fege, aber du stellst alle Allen bloß, die sich in erster Reihe für deine Wahl eingesetzt haben, und du nimmst ihnen jedes Ansehen. Bei der nächsten Wahl werden wir Borst oder sonst irgendein hereingeschneites Gelichter aus der Großstadt zum Häuptling präsentiert erhalten!"

Reppert zeigte seine Zustimmung zu diesen Worten, und auch Horn­bostel deutete durch Kopfnicken an, daß er Lüders Ansichten teile. Otto Kirchholtes aber schwieg.

Der Häuptling tat nichts anderes, als hochmütig die Schultern zu heben.

Was haben wir heute für ein Datum?"

Mittwoch", entgegnete Lüders gereizt.

Der Häuptling spielte mit Lama. Er schleuderte Steine in den Obst­garten, die Lama schweifwedelnd unter den Stachelbeersträuchern hervor- suchen mußte.

Der Kurfürst schnüsfelte in der Luft herum, als röche er Pulver­dampf.

Dann wird es eine Zwei-Tage-Schlacht geben, vielleicht auch eine Drei-Tage-Schlacbt, wie bei Leipzig ... Morgen nachmittag geht die Kiste los. Adieu!"

Die alte Garde sah ihm sprachlos vor Erstaunen nach.

Bewunderung kämpfte mit Aerger auf ihren Gesichtern.

Morgen um drei also ging die Kiste los.

XIII.

Aufstehen!" brüllte der Häuptling.

Die Tertianer erhoben sich aus ihren Betten. Sie wußten sogleich, daß es Donnerstag war, der Tag des freien Nachmittags, heute aber ber Beginn ber großen Schlacht. Der Gebanke an ihre Freiheit unb an ihre Schlacht legte ihnen Golb auf bie Stirnen unb Wangen. Sie drängten sich in den Waschraum mit nackten Leibern. Mit freubiflem Kälte-Zittern warteten sie vor ben Brausen. Dann Übergossen sie bie glänzenben Leiber mit eiskaltem, aus tiefem Bergesgrund heroorsprudeln- dem Wasser.

Zehn Minuten später waren sie vor dem Haus angetreten, zum Lauf durch die Wälder. .

Die Tertia lief für sich, in Kolonnen zu dreien, mit einem Anführer. Sie waren mit Sporthosen und Sandalen ohne Strümpfe bekleidet. Ihre Oberkörper dampften mit goldenen Lichtern.

Sie liefen bergauf und bergab. Sie berührten auf ihrem Weg bie Waldeslichtung, ihre Blicke streiften bie Zwinger, bie fie erbaut unb beenbigt hatten. Das Tempo würbe immer schneller, benn Luders führte. Sie umkreisten die Hexenkuppe, kamen an Danielas Warnungstafeln vorüber die zwecklos, wie ihrer Seele beraubt, in der dämmernden Waldes- dichte hingen. Ein Hase jagte mit zurückgelegten Ohren einhundert Meter geradeaus auf dem Weg vor ihnen her, bis er auf den vortrefflichen Einfall kam, sich seitwärts ins Gebüsch zu schlagen, wo er mit fliegenden Flanken allmählich sich beruhigte. Und ganz fern, am Ende einer Wcttd- schneise, sahen sie einen ihnen allen wohlbekannten Fuchs, der die Ohren spitzte, sich aber bei dem Gedanken zu beruhigen schien, daß es eben die Tertianer seien, von denen ihm und seiner Sippe keine Gefahr drohte, denn kein Tertianer jagte ober tötete irgenbein Tier. Raubvögel kreisten hoch oben in bem gelassen-klaren Morgenhimmel. Auch bie Wildtauben blieben getrost in ihren Nestern auf der Wölbung der Waideswege, sie begrüßten die Tertianer mit ihrem leidenschastlich-jchmerzlich-torichten Morgengurren. , ... , ...

Die Tertianer keuchten. Ihre heiß gewordenen Arme berührten sich. Ihr Fleisch strahlte Hitze aus, unb Dampf entströmte ihren Lungen. Aber es war ein kalter Tag, bie Sterne hatten bes Nachts herbstlich kühl geglüht, unb bie unten über ber Ebene aufgegangene Sonne wärmte nicht, fonbern machte bie Kälte biefes Junitages nur noch schmerzlicher.

In großen Schleifen kehrten bie Tertianer enblich zum Haupthause zurück. Sie hatten roieber einmal mehr Arbeit geleistet als alle übrigen Klassen zusammen. Sie kamen in einem Zustanb in bie erste, bie englische (Stunbe, baß Mr. Graig bie wasserblauen Äugen zu ben Wänben schwei­fen ließ, währenb er feine syntaktisch außergewöhnlich begabte Rebe in Hinsicht auf die übertriebenen sportlichen Leistungen ber Tertia hielt.