Ausgabe 
17.8.1931
 
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ergeben haben, raten uns überhaupt, den Versuch, zu Lande nach Sizi­lien zu kommen, aufzugeben, nach Neapel zuruckzukehren und von dort das Schiff nach Palermo zu nehmen. Aber wir hören, die gestern vor uns niedergegangeneFrana fei so weit aufgeräumt, daß man hindurch­fahren könne wir verlafsen zum zweiten Male Cosenza. Gut, Catan­zaro würden wir erreichen, aber dann seien wir dort im Sack! Doch man wird sehen. Unglücksnachrichten pflegen gemeinhin übertrieben zu wer­den. Wir erreichen auch am Abend in einer Fahrt, die uns bis in den Nebel der Wolken am Gebirge hinaufftihrte, und an zahllosen, den Weg nicht vollständig sperrenden, oder, wenn sperrenden, bereits aufgeräumten Lawinen vorbei, Catanzaro und kaum sind wir in dieser Stadt, so hören wir, daß hinter uns, in dem eben passierten tiesschluchtigen, jungen und weichen Gelände eineFrana niedergefallen sei, welche die Straße nach Cosenza angeblich für Wochen sperre. Um so besser, ist der Ruckweg abgeschnitten, so kann es auch keinen Gedanken daran mehr geben!

Aber auch vor uns, weiter nach Süden, gibt es kein Durchkommen. Die Italiener, Behörden wie Private, zucken die Schultern, oder was die alte griechische Gebärde, Unmöglichkeit auszudrücken, dieser Bewohner des ehemaligen Großgriechenlands ist: man schließt die Augen und legt den Kopf langsam nach hinten. Wir sind im kalabrischen Sack gefangen! Das Wetter ist unfreundlich, das Hotel, das keine Oefen hat, ist kalt, die Männer stehen in Wolltücher eingehüllt umher.

Die Straßen an beiden Meeren, dem Ionischen und Tyrrhenischen, entlang sind unsahrbar durch eingestürzte Brücken, die im Landesrückgrat, im Gebirge, durch niedergegangene Erdlawinen. Ponti! Frans! Die beiden Worte hören wir immer wieder. Im inneren Gebirge selbst ist Schnee gefallen.

Aber es werden doch wahrscheinlich nicht alle Brücken entlang den Meeren eingestürzt sein, und es sind voraussichtlich nicht alle Straßen im Innern von Lawinen überwälzt, und es liegt vermutlich nur hier und dort im Gebirge tiefer Schnee. Es muß also möglich sein, wenn man zu Opfern an Weg und Zeit bereit ist, ein Netz von Fahrbarkeit zusarn- menzuhäkeln. Und siehe da, wir, das sind außer uns die Beamten dreier Aemter, die des Ueberwachungsdienstes der Staats-, der Provinz- und der Gemeindestraßen knüpfen einen Ariadnefaden aus Stücken guter und schlechter Straßen, aus Küsten- und Gebirgsstraßen. Voraus­gesetzt, daß die Nachrichten nicht durch neue Ereignisse Lügen gestraft werden, kommen wir an ihm aus dem kalabrischen Labyrinth hinaus. Aber die Beamten zweifeln lächelnd an unserem Erfolg. Sie behaupten, sie sähen uns in Catanzaro wieder, und sähen uns dort, noch eine ganze Woche lang!

Aber wir fahren Catanzaro liegt ziemlich hoch zunächst auf ausgezeichneter Straße ans Jonische Meer, hinab, folgen auf guter Straße feiner Küste einige Kilometer und müssen uns dann auf schlechter wieder ins Gebirge schlagen, denn wenig weiter ist die Küstenstraße verstürzt. Das ewige Kurvenfahren ist wieder im Gange. Wir hören, auf dem Ge­birgsbache, über das wir hinüber müssen, liege so hoher Schnee, daß uns auch Schneeketten nichts hülfen und wir oben das Schmelzen abwarten müßten. Wir sollten lieber solange hier unten bleiben, wo die Mandeln bereits blühen. Aber wir lassen uns nicht beirren und finden und dadurch wird der Ariadnefaden überflüssig eine zwar noch unfertige, aber mit Vorsicht doch schon fahrbare Straße, die uns über einen gemäch­lichen Paß ans andere, das Tyrrhenische Meer, und auf der zwar da und dort beschädigten, aber bereits notgeflitften Küstenftraße noch in derselben Nacht an die Meerenge von Messina führt.

Wir fanden auch auf der Gebirgsstraße einen blonden Jungen, der Hallo! rief, als er das deutsche Autozeichen sah: A. L. aus Ludwigshafen nm Rhein und man grüßt und beschenkt in solchen deutschen Wander­jungens (es blieb nicht bei dem einen) feine eigene Jugend.

Da drüben also liegt Sizilien, wir lassen uns über die Enge setzen und werden morgen auf der nördlichen Küstenftraße Palermo erreichen. In dieser Gegend sind wir vor acht Jahren auf dem Fahrrad gereift. Hörten wir damals hinter meiner Frau her rufen:Una donna in bicicletta, cosa brutto!" (eine Frau auf dem Rade, wie häßlich!), so hören wir jetztUna donna ehe guida!" (eine Frau, die steuert!). Und dies klingt achtungsvoller als jenes.

Der Strombolivulkan, der Jnfelvulkan, raucht nördlich von uns, die Apfelfinenernte beginnt, die Straße, heißt es, ist gut da, 100 Kilometer von Messina entfernt ist gleich das ganze Kap Orlando ins Meer gestürzt! Weil auf dem Kap selbst die Gabelung der Küsten- und Binnenstraße lag, sind gleich zwei Straßen unsahrbar geworden, und wir müssen am weiteren Tage dis fast nach Messina zurück, wo nun wieder das Berg­fahren beginnt, das wir überstanden wähnten. Wir kreuzen das hohe Küftengedirge, kommen hinunter auf den westlichen Aetnafluß und fahren nun lange durch das verbrannte, traurig machende Land, wo schwarze Städte aus Lava in rosa blühende Mandelgärten gebettet sind. Und über allem steht groß und hehr der jetzt auch auf der Südseite bis tief herab weiße Aetna. Oben aus der schneeweißen Röhre steigt der heiße Wafser- damps auf. Wir halten vor dem gewaltigen Naturbilde. Die Straße ist steinig. Eine junge Frau wandelt daher sie trägt die Schuhe auf dem Kopfe, um sie zu schonen.

Nun also, um zum Ziele Palermo zu kommen, mußten wir die weit längere und mühseligere Binnenstraße Siziliens einschlagen, und in zwei Tagen hatten wir denn auch dieses Ziel gefaßt: Palermo. Aber es war fast die ganze Woche darüber hingegangen, als wir endlich das Schiff nach Afrika bestiegen aber das des Dienstags der andern Woche.

Zeitungen in Palermo ließen uns den ganzen Umfang der Verwüstun­gen erkennen, welche das auch für dieses Land der Winterregen unge­wöhnliche, ja angeblich seit 1880 nicht mehr erlebte Wetter angerichtet hat. Und sie ließen uns erkennen, daß Nachrichten von ihm auch die Zeitungen des europäischen Nordens füllen.

Geht es nicht im Leben fo wie auf dieser Reise, lieber Freund? Man erreicht schließlich, was man sich ernstlich vorsetzt. Aber niemals so schnell, wie man es sich gedacht hat, und auch nicht so mühelos...

Oie Sonne sinkt.

Von Friedrich Nietzsche.

Nicht lange durstest du noch verbranntes Herzt

Verheißung ist in der Luft,

die große Kühle kommt...

Meine Sonne stand heiß über mir im Mittage seid mir gegrüßt, daß ihr kommt ihr plötzlichen Winde

ihr kühlen Geister des Nachmittags!

Die Luft geht fremd und rein.

Schielt nicht mit schiefem

Verführerblick

die Nacht mich an? ...

Bleib stark, mein tapfres Herz!

Frag nicht: warum?

Aberglauben in Amerika.

Von Hermann Hesse, Neuyork.

Wir alle sind mehr oder weniger abergläubisch, und selbst die Ver­nünftigsten unter uns, die jede Schwäche ableugnen, müssen sich oft lachend zu einer beliebten Ansicht oder Abneigung bekennen, die sie von ihren Vorfahren ererbt haben wollen. Der Krieg hat die Menschheit in dieser Hinsicht um ein Jahrhundert zurückversetzt. Das Interesse für Okkultismus nahm gewaltig zu, und es gab Soldaten genug, die ein Amulett trugen, das sie von einer leichtgläubigen Person erhalten hatten, und fest an die Schutzwirkung in Gefahr glaubten.

Der Aberglaube ist keineswegs auf zurückgebliebene Länder und abgelegene Dörfer beschränkt. Selbst in einer Weltstadt wie Neuyork finben sich auf Schritt und Tritt abergläubische Vorstellungen. Es ist sogar unglaublich, was man im aufgeklärten Amerika an Aberglauben findet.

Der Fremde geht in Neuyork in einen neuen Wolkenkratzer von fünfzig und mehr Stockwerken und betritt den Fahrstuhl. Die Nummern der Stockwerke fliegen vorüber: 5, 10, 11, 12 ... und als nächstes das 14. Komisch, nicht wahr? In der aufgeklärten Metropolis kann ein Haus­besitzer das dreizehnte Stockwerk nicht vermieten. Zum Glück weiß sich der Amerikaner mit seinem vielgerühmten praktischen Sinn zu helfen: man läßt das Unglücksstockwerk, das 13., einfach fort! Das Ei des Kolumbus! Oder ein Eulenfpiegelstreich? Eulenspiegel ist nämlich längst dem Zuge der Zeit gefolgt und nach Amerika ausgewandert, wo er, der Schalk, den Leuten ab und zu einen Floh ins Ohr setzt. Der aufgeklärte, ungläubige, skeptische, gottlose Großstädter sträubt sich entschieden, im dreizehnten Stock zu wohnen. Da könnte man das schönste Unglück auf sich lenken... Es gibt große Hotels, in denen das dreizehnte Stockwerk fehlt, und Zimmer Nr. 13, mögen sie auch zu den schönsten des Hauses gehören, bezeichnet man vielfach als 12A. Am Broadway sowohl wie an der Fünften Avenue würde selbst ein Diogenes die Hausnummer 13 mit der Laterne vergebens suchen. Man verbessert einfach das Zahlensystem und läßt die Unglückszahl fort!

Der amerikanische Geschäftsmann ist die Nüchternheit selbst. Er glaubt nur an den Dollar. Den Teufel kann ihm keiner an die Wand malen. Jetzt aber zieht die Firma um. Einige Stockwerke tiefer sind im gleichen Gebäude großartige Räumlichkeiten zu haben. Der Chef der Firma hat sie sich angesehen, und ist Feuer und Flamme dafür. Als er jedoch den Umzug mit seinen Beamten bespricht, starren ihn plötzlich entsetzte Ge­sichter an. Seine Handlungsweise wird als leichtsinnig angesehen, denn sie gefährdet den Bestand der Firma! Das Umziehen in ein unteres Stock­werk ist ja ein schlimmes Wagnis, das kein gutes Ende nimmt. Eine Reihe von Firmen werden ihm aufgezählt, die nach einem solchen Umzüge bankrott gingen. Wohl oder übel muß sich schließlich sogar der Präsident zu dem Aberglauben bekehren, daß man nur in ein höheres Stockwerk umziehen darf.

Die schwarze Katze spielt im Aberglauben aller Zeiten eine groß« Rolle, bis auf unseren Tag. Es ist schon von Natur aus etwas Verschwie­genes, Unheimliches um die Katze. An unvorhergesehenen Stellen ist sie plötzlich da, um ebenso plötzlich, lautlos und spurlos wieder zu verschwin­den. Dem Großstädter kommen diese Spuktiere zu Dutzenden in die Quere. Sind sie grau ober braun ober gefleckt ober weiß, so hat es weiter keine Bebeukung. Läuft bem Dankes aber eine schwarze Katze über den Weg, so ist ihm bie Petersilie verhagelt. Das hat nämlichwas zu bebeuten"! So kann es geschehen, baß seibst ber bejahrte Geschäftsmann am Broabway ober ber Fünften Avenue bestürzt stehen bleibt, wenn so ein schwarzes Biest urplötzlich aus einem Hauseingang herausschießt unb bie Straße kreuzt. Doch o Glück am Ranbe bes anberen Bürgersteiges bleibt der Kater sitzen. Und schon ist der Weltbürger des zwanzigsten Jahrhunderts auf dem Marsch über die Straße, durch das Äutogewuhl, und geht um bie Katze herum, bie ihm somit ben Weg nicht gekreuzt Hat- So überlistet ber Dankes bas Schicksal, und alles Unheil ist behoben. Eine Erklärung für sein Verhalten hat der Abergläubische nicht. Ertnnn stm nun einmal nicht helfen..

Es kommt in Neuyork öfter vor, baß man auf dem Bürgersteige plötzlich ein Schild vor sich sieht:Gefahr!" Sieht man in die Hohe, I gewahrt man ein Klavier, wenn nicht gar einen eisernen Geldschrani, die zwischen Himmel und Erde baumeln, ober ein Anstreichergerüf.. Je ist natürlich Gelb, unb so kümmert sich ber Dankes nicht um das dw> unb bie drohenbe Gesahr, daß ihm so ein Ungetüm auf ben Sch<w