Ausgabe 
17.8.1931
 
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SietzenerZaniilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Zahrgang Montag, denl7.August " Nummer^

An meinen Vetter.

Von Eduard M ö r i k e.

Lieber Vetter! Er ist eine Von den freundlichen Naturen, Die ich Sommerwesten nenne. Denn sie haben wirklich etwas Sonniges in ihrem Wesen. Es sind weltliche Beamte, Rechnungsräte, Revisoren Oder Kameralverwalter, Auch wohl manchmal Herrn vom Hail. Aber meist vom ältern Schlage, Keinesweges Petit-maitres, Haben manchmal hübsche Bäuche, Und ihr Vaterland ist Schwaben.

Neulich auf der Reise traf ich Auch mit einer Sommerweste In der Post zu Besigheim Eben zu Mittag zusammen. Und wir speisten eine Suppe, > Darin rote Krebse schwammen,

Rindfleisch mit französ'schem Senfe, Dazu liebliche Radieschen, Dann Gemüse und so weiter: Schwatzten von der neusten Zeitung, Und daß es an manchen Orten Gestern stark gewittert habe. Drüber zieht der wackre Herr ein Silbern Büchslein aus der Tasche, Sich die Zähne auszustochern: Endlich stopft er sich zum schwarzen Kaffee seine Meerschaumpfeise, Dampft und diskurriert und schaut ir mittelst einmal nach den Pferden. Und ich sah ihm so von hinten Nach und dachte: Ach, daß diese Lieben, hellen Sommerwesten, Die bequemen, angenehmen. Endlich doch auch sterben müssen!

2Reife im Regen.

Von Josef Ponten.

Es scheint, daß unsere Fahrt durch ganz Italien vom äußersten Norden rach dem fernsten Süden ein Rechenfehler war. Seit unserer Absayrk »on Pompeji nach Süden haben wir schlimmes Wetter. Die ganze Zeit iber seit unserem Eintritt in Italien war das Wetter vorwiegend nicht lut, wenn wir auch einzelne herrliche Tage hatten. Aber in Pompe;, rtzts ein heftiger, trockner Sturm ein, gegen den man nur mit Muhe inging, und der die Augen mit scharfem Staube ritzte. Vielleicht, wenn kr Wind sich legt, gibt es Regen, sagte der Wirt, denn er wollt« natür­lich gern, daß wir dablieben. Trotzdem fuhren wir ab. Regen. Wir kamen in nasser Nacht nach Salerno. Dort hatte ich viele Umstande mit der Wartung des Wagens, man ist in diesem automobilarmen Lande auf Uutodienst kaum eingerichtet, namentlich an ausländischen Wag«n, es ehien die nötigsten Instrumente. Am nächsten Z.age ging es bei Regen «eiter. Don der Hauptstraße des Apenningebirges stoßen ^uergebi g regen das Meer vor, die es auf endlosen, ost sehr hochgehenden Ki^ven- iraßen zu überqueren gilt. Es dunkelte und regnete, als wir nach ^P> cm Golf von Lukanien kamen. Dort wieder mel Derdr,eßl,chkeii m,t dem Wagen, in diesem Lande reitet man auf Eseln. Wir hotten 2 , d ch Hebirgsfahrt ermüdende Kilometer von Neapel her hmier uns, vor uns kiben wir 700 bis Palermo, wo wir Dienstag ^0(^0114^9 eintreff müssen, wollen wir nicht das am Abend abgehende Wochenschift nach Lunis verpassen. In einer schlaflosen Nachtstunde, als ich ^uße Hegen platschen höre, beschloß ich, umzukehren nach Neapeh von wo dasselbe Schiff Montag abgeht. Aber als wir aufgestanden waren, als »ie Sonne schien und ich einige gute Nachrichten über die Straß Kalabrieq, die nicht ausnahmslos bergig fein sollen, emgezogen hatte, " beschlossen wir, weiterzufahren und über Land nach dakermo zu Sofort ging es wieder ins hohe Gebirge, und daun stundenlang hinauf »nd hinunter und hinauf, über ein halbes Dutzend Hh in

.Paesi (Dörfer), in deren fchluchtenahnlichen Gassen die Manner ,n chwarzen Um chlag-Tuchkragen zum Sonntagsschwatz standen. Und baw «g dasPaese, das uns vom Talgrund aus w,e em« Gr° -bürg am »ohen Berge hangend erschienen war, tief unter uns und wir konnten

in seine Schornsteine hinckbschauen. Und wieder hinunter und hinauf, ich tanzte in den zahllosen engen Kurven wie «in Asse am Steuer und fühlte von der reinen Arbeit der Arme meine Muskeln bis in den Rücken schmerzen. Wir fuhren schließlich über einen Paß, auf dem Schnee lag, denn so drückte sich der tiefer unten gleich nach der Abfahrt von Sapri wieder einsetzende Regen oben aus. Die Straßen wurden bester, und meine Frau löste mich am Steuer ab. Es war am späten Nachmittag. Nachdem wir die Randkette überwunden hatten, ging es ins flachere Innere hinab. Den vom Winterregen brausenden Busento, einen rechten Gebirgssluß, dessen man sich aus Platens schönem Gedicht erinnert (Nächtlich am Busento ..."), hatten wir von Sapri überschritten; nun kamen wir in eine Gegend, wo die flacher gehenden Flüsse das Land und stellenweise auch die Straße überschwemmten. Aber wir hatten guten Mut, beschloßen, abwechselnd bis tief in die Nacht zu fahren, um so mit einer weiteren halben Nachtfahrt unser Palermo zur rechten Zeit zu erreichen. Doch der Dauerregen des Tages wurde Gewitterregen. Solch ein Wasser! Wir rauschten mit dem Wagen durch Querüberftrömungen der Straße, in den Lichtkegeln der Scheinwerfer stehen schräg die glän­zenden Wasserstricke, das Steuern ist mäßiger Spaß. Einmal halten wir, es ist vor fallendem Wasser fast nichts mehr zu sehen: auch blenden den Fahrer die Blitze (den Donner hören wir im natürlich geschlossenen Wagen nicht). So dazustehen in unserem warmen Fahrkämmerchen in dunkler Nacht im unbekannten Lande es war ganz heimelig.

Man fuhr weiter, Regen und Wind, man fühlte den Seitenschub am Steuer. In einem Dorf stehen schwarze Gestalten auf der Straße, sie rühren sich und rufen man versteht von dem Dialekt nur das Wort aqua, dort leuchten sie in ein Haus hinein, in welches das Master . 311 strömen beginnt. Aber wir brausen, sausen, rauschen weiter, und da ist denn nun Cosenza.

Als ich morgens um fünf aufwachte, das auf diese Zeit befohlene Wecken erwartend, höre ich den Regen rauschen. Ein Blick auf die Straße hinaus sie schwimmt! In Gottes Namen, wir werden dann eben im Regen abfahren morgend abend Palermo!

Aber als wir mit grauendem Morgen in die Hotelhalle kommen, hören wir, daß auf der Straße hinter Nikastro die Brücke über den Amatofluß eingestürzt sei. Und dann folgen sich die schlechten Nachrichten: Es gehen keine Züge ab und kommen keine an. Si« liegen blockiert da und da auf den Strecken. Die Straße nach Catanzaro (am Golf von Tarent) unfahr­bar. Das Wasser hat Lawinen von Dreck darauf gewälzt. (Frana ist der Ausdruck für solch eine Lawine.)Frana überall! In den nächsten Tagen ist die Luft erfüllt von dem SchreckenswortFrana.

Ms der Regen gegen Mittag aufhört und die Nachricht kommt, die Straße nach Catanzaro fei wieder frei, machen wir uns auf die Räder und fahren ab. Aber nachdem wir 50 Kilometer durch ein schluchtenreiches Vergland von mittlerer Höhe gefahren sind, stehen wir plötzlich vor einer Frana, die erst kurze Zeit vor unserer Ankunft zu fallen und zu laufen begonnen haben kann. Von der anderen Seite versucht noch ein Bauer, feinen mit zwei Maultieren bespannten Wagen hindurchzubringen, aber die Tiere stürzen, und während ich das schnell losgemachte Seitentier aus dem Schlammfluß hinausführ«, arbeitet der Bauer mühsam an der Befreiung des Deichseltieres, das tief im Schlamm liegt. Auch dieses Maultier kommt hoch, der Wagen bleibt drüben, die Maultiere stehen zitternd hüben. Unheimlich, wie die vom Wasser durchweichte Erde lang­sam ins Gleiten gerät und dann alles mit sich reihend abfließt.

Wenn man solche Abschwemmung gebirgigen Landes, namentlich eines solchen leichter Stoffe, zur Zeit mächtiger Winterregen im Reiche eines sonst trockenen Klimas sieht, dann ist einem die Abtragung und Ein­ebnung ganzer Gebirge in geologischen Zeittäusen nicht mehr so ver­wunderlich wie sie angesichts der leichten Bodenabspülung durch die gemäßigten Regen unserer mittelfeuchten Klimazonen sein mag. Ja, es will einem fast scheinen, als ob angesichts der Macht des Bodenflustes geologische Zeiten nur kurze Spannen gewesen seien.

Uns hilft nun hier nichts anderes als: zurück! Zurück nach Cosenza, wo uns in der Hotelhalle di« geduldigen Reisenden triumphierend empfangen.

Aber es scheint aus Nachrichten hervorzugehen, man könne, über das Küstengebirge steigend, die angeblich offene Küstenstraße des Tyrrhenischen Meeres gewinnen. Wir beschließen diesen Versuch des Durchbruches nach Süden für morgen, Dienstag früh das Schift in Palermo rechtzeitig zu gewinnen, haben wir natürlich aufgegeben, wir werden froh fein, überhaupt Palermo in unbestimmter Zeit zu erreichen. Aber als wir gerade abfahren wollen, kehrt von jener Straße schon eine früher als wir aufgestandene Gesellschaft von reisenden Kaufleuten zurück: bis ans Meer ist man gekommen, aber auf der Küstenstraße fand man die nächste Brücke eingeftürzt. , , .

Die uns durch das vielfältige Beraten und das gemeinsame Unglück rasch zugewachfenen italienischen Freunde im Hotel, di« sich mit schnell bereiter Langmut in das Schicksal des Wartens von vielleicht Tagen