nbcgreiflid) plötzlich, im Rücken Les n in der Flucht an die Straßenecke
Borst kannte seinen Charlie Chaplin gut. Er hatte es sich genau gemerkt, wie man mit Polizcibeamten umzugehen hat. Zum Beispiel: macht der Polizist ein paar riesige Schritte, um einen zu packen, so ist man mit einer Wendung plötzlich, geradezu urr ""
Mannes. Oder man stellt sich mitten ... — „ .
und lüßt den Tolpatsch an sich vorbeisausen. Borst hatte das alles sehr
Oer Kampf der Tertia.
Erzählung von Wilhelm Speyer. Alle Rechte beim Rowohlt Berlag, Berlin W 35. (Fortsetzung.)
bedachtsam studiert. r . , .
Auch hatte er in Kriminalromanen gelesen, daß man gut daran tut, beim „Schmiere-Stehen" den Polizisten anzurempeln und durch ungebührliches Benehmen seine Aufmerksamkeit aus sich zu lenken. Dann konnte der Spießgeselle ungestört seine Arbeit verrichten.
Während die andern mit etwas verstörten und ratlosen Gesichtern in der ersten Straße der Stadt berieten, wie man die Ladung in den Botanischen Garten zöge, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, und als bereits der erste Adjutant des Großen Kursürsten, Bamberger, austauchte den man sogleich zur Beratung hinzuzog, entschwand Borst unbemerkt in der Dunkelheit. Er wußte genau wie man die Gefahr zu bannen hatte.
In der Tat waren die Tertianer in einer viel größeren Gefahr, als sie selber es ahnten.
Da sie Holzapfel sowohl aus Falks Schilderungen wie aus eigener Erfahrung zu kennen glaubten, so hatten sic seine nächtliche polizeiliche Wirksamkeit mißachtet und deshalb es versäumt, einen Beobachtungsposten auszustellen. .
Der Polizei aber war vor einigen Tagen ein Wink von oben zuteil geworden, in den Rächten gut acht zu geben. Der Oberamtmann selber hatte in seinen Vollbart gemurmelt, einige „Lauseiungens im benachbarten Schulstaat beabsichtigten, irgendeinen Streich gegen die ofsentliche Ordnung auszuführen. , „ ,. . . ..
Nun hatte Holzapfel es stch nicht nehmen lassen, schon drei Nachte hintereinander aufmerksam zu wachen. Er hatte nicht das Geringste bemerkt, und deshalb überließ er sich wieder seinem Lieblingssport, dem StC(5o> träumte er denn am Bahnhos vor sich hin, ohne irgendein verdächtiges Geräusch in der Stadt wahrzunehmen. Er spitzte Zwar, wie em Hund im Schlaf, die Ohren, wenn irgendein ferner Schritt erklang, aber das war auch alles. Nachdem er sich jedoch wieder etwas zurechtgetraumt hatte und gerade damit fertig geworden war, — es war ein wunderschöner Beförderungstraum von einer höheren Gehaltsstufe, — da ertappte er sich bei dem sonderbaren Gedanken, daß er schon seit einer stunde zwergenhafte Gestalten, bald rechts, bald links, bald geradeaus, auftauchen und wieder verfchwinden sehe.
Holzapfel rieb sich die Augen. Er verließ seinen verantwortungsvollen Posten als Verkehrspolizist, er begann langsamen Schrittes einen Pa- trouiliengang anzutreten. Seine schweren Dienststiefel dröhnten aus dem d^Dcr^ Polizist blieb zuweilen stehen und schnupperte in der Lust.
Es roch nach irgend etwas, — nach was eigentlich?
Er hatte es bald heraus: es roch nach Farbe. Daran war weiter nichts Bedenkliches. Der Geruch kam wohl vom Neubau in der Wilhe.m- fticifac.
Dhin lauschte Holzapfel wiederum, wo er diesen so spät noch rollenden Wagen abfangen könnte. Es war ihm nicht recht klar, was für einen Weg das Gefährt in der Nacht nahm. Es wurde häufig angehaltcn und dann wieder mit Bedacht weitergelenkt.
Da blieb Holzapfel verwundert stehen.
Er sah die große Leiter am Haus Wilhekmstrahe Nr. 3.
Sie hatte zuvor nicht dort gestanden.
Holzapfel schüttelte den Kopf. . m -1 "
Der Mechanismus des Stadtfchlafes sunktiomerte heute Nacyt nicht recht irgend etwas war an dem Bürger-Schnarch-Motor in Unordnung geraten Holzapfel notierte sich die Sache mit der Leiter m sein Dienstbuch. Er sah nach der Uhr. Ein Uhr dreißig. , .
Um 1.30 Uhr steht an dem Haus des Bezirkstierarztes Dr. Band eine Leiter, die um zwölf Uhr noch nicht dagestanden hat
Holzapfel steckte das Buch in feine Brusttasche. Er beschloß, letzt einmal der Sache energisch auf den Grund zu gehen.
Da hatte er schon, was er suchte. zz_
I Wie die Zwerge im Märchen, so aus dem Erdboden ausgetaucht stand ein Knirps vor ihm, der ihm kaum bis zum Nabel reichte. Er trug eine
I tellerflache Savoyardenmütze aus blauem Tuch auf dem Kopf, er war also ein Bürger des Schulstaates. .
Holzapfel wollte nach dem Jungen greifen, rote Gulliver nach den Zwergen. Da stieg ihm vor Entsetzen das Haar zu Berge.
I Der Knirps nämlich taumelte gegen feine Knie, krallte sich an (einem Unterleib fest und grölte dabei. r
Ein Junge von vielleicht vierzehn Jahren, der betrunken war! Ein Bürger des Schulstaates noch dazu, in welchem die strengste Enthaltsam- keit vom Alkohol geübt wurde! Jedermann im ganzen Lande wußte es: ein Knabe des Schulstaates, der sich gegen die Abstinenz verging, wurde noch am gleichen Tag mit Schimpf und Schanden aus dem Schulftaate gejagt! Es gab kaum irgendein größeres Verbrechen als dies.
„Du bist betrunfen, du Luder!" schrie Holzapfel empört, und er ver- suchte den Jungen zu greifen.
Aber da war der Betrunkene plötzlich verschwunden.
Mit einem fast blödsinnigen Gesichtsausdruck drehte Holzapfel (ich um. Da stand der betrunkene Zwerg hinter ihm.
„Warte!" schrie der Polizist. „Du sollst mir noch —! Aber er vollen- bete nicht, was der Zwerg ihm noch sollte, denn irgend etwas zerrte an seinem Stiesel, als wolle eine magische Macht ihm den vom Fuße ziehen, und der gewaltige Holzapsel stolperte. Er flog nicht gerade hin, er konnte I sich noch mit der stachen Hand gegen den Erdboden stutzen.
Am ersten Abend, als sie stch einrichteten, bekamen sie Streit wegen des 'Ausstellens der Möbel im Schlafzimmer. Der Gatte sprach um beherrschte Worte und die junge Frau, sonst nachgiebig und sonst, brach in Tränen aus und verließ das Zimmer... Am nächsten Morgen beim Frühstück lachten sie darüber. Unser erster Streit, sagte die junge Frau. Sie versöhnten sich dann wieder; aber es blieb irgend etwas zwischen I ihnen zurück.
Sie tarnen aus Stockholm und hatten eine große Wohnung gehabt mitten im Staub und Lärm der Stadt. Hier immer leben, wie schon, agten sie, wenn sie morgens ins srische grüne Meer hinausschwammen, I ich nachher auf den warmen Klippen von der Sonne braun brennen I legen, oder mit dem Nachen weit hinausruderten zu den stillen Fifcher- infeln, wo die Fische in den Schuppen trockneten, die kleinen, grauen I Holzhäuschen zwischen den Klippenstratzen standen. Inseln, aus denen nichts mehr wuchs und man kein Tier halten konnte, wo nur Fischer I wohnten. Sie lagen wie ausgestorben da; tagsüber waren die Männer I draußen auf dem Meer auf Fischfang und die Frauen in der Kon- 1 servensabrik...
Eines Abends, als sie sich umkleideten, zerbrach der Ehemann einen kostbaren venetianischen Spiegel durch eine heftige Bewegung. Die junge ! Frau wurde zornig. Es war ein Andenken an ihre Mutter. Und sie I erhitzten sich wegen dieses zerbrochenen Spiegels. Du bist jo heftig wie noch nie, warf sie ihm vor. Und du bist von einer Empfindlichkeit, die I ich gar nicht aushalte, rief er. Und dann sprachen sie den ganzen Tag kein Wort mehr zusammen. Was ist das nur?, dachten sie beide, früher I waren wir die sriedlichsten Menschen. Vielleicht, dachten sie, weil wir so einsam hier sind und so eng Zusammenleben. In der Stadt gab es Ab- I lenhing Gesellschaft und Menschen. Hier gab es nur die Natur, sie beide und die alte, stumme Frau, die mit ihrem sörmlich versteinerten Gesicht die Wirtschaft besorgte.
Eines Tags flog ein Brief ins Haus. Der Neffe des Malers, der in Paris gestorben war, wollte dieses Haus verknusen und bot es zu einem sehr niedrigen Preise an. Der Ehemann war begeistert; aber die junge I Frau zeigte sich nachdenklich. Ich weih nicht, ich sühle mich nicht wohl in diesen Räumen, sagte sie. Es ist, als habe sich hier etwas abgespielt ... ein Schicksal ober ein Drama... Gr lachte über ihre Ginroenbungen. Das Haus war eine ibeale Sommerwohnung; man konnte hier schwimmen I und hinausrudern, und hatte Obst und Blumen in Fülle und das Meer I vor der Tür. Aber sie weigerte sich entschieden. Ich will das Haus nicht I haben, ich ziehe niemals hinein!, rief sie, ganz außer sich. Ich habe das Gefühl, als lebten noch Menschen darin, die wir nicht sehen. Gr wurde zornig und schalt auf ihren Aberglauben — und sie erzürniensich so, daß I die junge Frau einen Mantel umlegte und hinausging ans Meer. Unter I den leuchtenden Sternen setzte sie sich aus eine Klippe und meinte Gr kam I ihr nach. Er sah sie in Tränen; sie tat ihm leid. Er bat sie: Sage mir I doch was das ist, weshalb wir uns hier immer zanken und streiten? Aber sie schwieg. Schließlich nahm er ihre Hand und sagte: Ich glaube, Lou, wir Menschen aus der Stadt vertragen die Einsamkeit nicht. Wir wollen uns Besuch einladen.
Am nächsten Abend kam eine Freundin aus Stockholm herausgesahren, I eine lebenslustige junge Frau. Sie war entzückt von dem Hause. Sie I wollte ein paar Wochen bleiben. Am nächsten Morgen kam ste^zu Msch ! mit einem verstörten Ausdruck und sagte, sie habe Migräne. Sie hatte I schlecht geschlafen. Wie ein Alp lag es die ganze Nacht auf mir! Hier muß sich etwas abgespielt haben. Ich fühle das... Die beiden sahen sich an und schwiegen. Der Besuch blieb nur drei Tage und verlieh das Haus. Und sie waren wieder allein. Bon da ab verlief fein ~ag mehr ab ohne Streit. Sie zankten sich wegen der Bilder, wegen der Bedienung, wegen des Menüs fogar, irgend etwas war es immer.
Eines Tages begegneten sie einem Freunde aus der Stadt der den Maler gekannt hatte. Er fragt sie, ob sie glücklich feien 'N diesem Unglucks- haus. Wieso, Unglückshaus? Und sie erfuhren seine Geschichte Dieses ] Haus hatte sich der Maler gebaut. Er guältc (eine Frau (o, daß sie sich von ihm trennte, obwohl sie ihn (ehr liebte. Gr heiratete eine andere Frau, und die Ghe wurde noch viel unglücklicher. Gr konnte ohne Frauen nicht fein, er bezwang jede, dir ihm gefiel. Aber sobald er sie besaß, begann er sie zu guälen. Die zweite Frau, eine Schau,pielerin, ließ sich nicht lange guälen, sondern verlieh ihn eines Tages nach einem furcht- baren Auftritt. Gr hatte dann mehrere Geliebte gehabt; aber alle hielten es nur ein paar Tage bei ihm aus. Da traf er feine erste tfrau plötzlich wieder auf einer Ausstellung in Gothenburg; er überredete sie w'ede zu ihm zu ziehen - und sie tat es. Sie war ihm ergeben sic: hatteihn lieb, sie zog als seine Gesellschafterin zu ihm. Gr wurde damals schon im Rollstuhl gefahren. Und das alte Spiel begann non neuem. Gr unterjochte sie vom ersten Tage an, beherrschte ihren Willen; er band sie fest an feine faszinierende Persönlichkeit. Heftige Szenen folgten: bie f lösten in Zärtlichkeiten und in wilde Sumpfe ausarteten Streii igheiten die ausbrachen, rasch und heftig wie em Gewitter. Sie wollt« fort und kam nicht los; er hielt sie fest, zwang sie durch feinen Gfprit, fernen Witz, feinen Sarkasmus — und sie blieb.
Gines Abends sand man sie am Strande Sie war ins Meer gcqmigen, und das Meer hatte sie zurückgeworfen auf tue SliPpen-JDer Dtakr verlieh das Haus; er ging nach Paris und ist dort bald gestorben ...
Das war die Geschichte des Hauses am See, das so friedvoll in seinem Blumengarten lag, daß man glauben konnte, es träume einen füllen
Das'Schicksal, das sich zwischen seinen Wänden abgespielt haft«, lebte noch darin und hing in feinen Möbeln und -lapeten. l h, .
ausgeräumt und mit frischen Tapeten bezogen — die Atmofphareiener die darin gelebt hatten, wäre doch dann zurückgeblieben Die stirbt nicht aus; sie bleibt an den Wänden und nistet sich ein unter das Dach.
Eine Woche später waren die grünen Laden “’^er ^Wloffen und auf dem Balkon des weißen, stillen Hauses hing ein Pappschild, das der Meerwind bewegte: Zu verkaufen ober zu vermieten!


