Ausgabe 
17.7.1931
 
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Höhe des Knöchels, auf. Der Koch ist von dem Tumult aus der Kombüse aufgeschreckt, drängt sich vorwitzig heran ... Sekunden waren das nur ... und schreit mit seiner spitzen Stimme:

Hab ich's nicht gesagt! Ein Sträfling ist er, ich weiß auch,daß die Australier dieses Zeichen den Leuten in den Leib brennen ... klapp, liegt er am Boden, ein schwerer Körper setzt zum Sprung an, der Breite überrennt zwei Leute ... macht eine kleine Wendung und springt über die Reling mit einem weiten Satz ins Meer. Es dauert Minuten, bis der BootsjungeMann über Bord" brüllt, vier Leute stehen am Boot, schon ist der Schatten des Steuermanns in der Dunkelheit und Entsernung nicht mehr auf dem Wasser zu sehen. Endlich sitzen wir an den Riemen Der Rothaarige hält die Laterne weit vor sich hin, irgendwo ,m Kegel taucht ein Kopf auf, verschwindet... .

Das letzte, was wir hörten, war ein dumpfer, saft tierischer Aufschrei, und der Silhouette nach muß es ein Haifisch gewesen sein, der den Ge­flüchteten angefallen hat. Wir haben ihn nicht gefunden ..."

Kapitän Hundertmark schwieg lange, die Sonnenkringel zeichneten wundervolle Reliefs auf den Tisch, tauchten Flammen in das Gelb des Weins, und vor uns summte eine ganz kleine Fliege.

Deshalb", kam es nach langer Zeit von jenseits des Tisches,meine ich: wir verdanken alles einem anderen, und er, der andere, ist nicht immer gut daran, wenn es uns gut geht. Deshalb nämlich mußte ich den Steuermannsdienst übernehmen und kam damals auf die Idee, das Exa­men endlich einmal abzumachen. Und deshalb bin ich heute Käpt'n auf einem herrlichen Dampfer. Aber ich wollte, wir könnten noch einmal, Bartels und ich, mit dem Breiten auf der Back im Stillen Ozean umher schwimmen. Der hätte nicht dran zu glauben brauchen..."

Die Garmo-Kirche.

Holzgeschnihle Chronik von 900 Glaubensjahren.

Don Per Sch Wenzen.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Lillehammer, im Sommer 1931.

Die älteste Kirche Norwegens, gebaut im Jahre des Herrn 1021 In den Tagen, da der alte Asenglauben sich noch gegen den schmerzen- Veichen Gott aufbäumte, das Wahrzeichen des Christentums in Nor­wegen, so alt wie das Christentum des Landes selber, steht heute noch in ihrer Miniaturen.Pracht, mit den heidnischen Drachköpfen in den Firstwinkeln, aus dicken, tausendjährigen Stämmen gezimmert, mit allen Heiligen und Altarfiguren aus buntem Schnitzwerk, eine ehr­würdige Reminiszenz, ein kleiner, halbdunkler Raum, der die Geschichte des Landes umspannt. Sie steht nicht mehr dort im schonen Gud- brandsdalen, wo sie einst gebaut wurde. Sie hat ihre Wiederauf­erstehung auf dem Maihügel von Lillehammer gefeiert, dem leben­digsten und originellsten Museum des Nordens. Kein Kirchenrat, kein Reichskustos, keine kommunale Museumsbehörde hat dem Land dieses Wahrzeichen erhalten. Das hat vielmehr der Zahnarzt Anders Sand- vig getan.

Die Geschichte dieses Zahnarztes und seines Museums ist sehr eigenartig. Ein junger Zahnarzt kommt in die kleine Stadt Lille­hammer, damals weder Künstlerkolonie noch- Kurort und Wintersport­platz wie heute, sondern ein kleiner, weltverlorener Flecken, den nach keine Eisenbahn erreichte. Die Dauern essen zum Glück der Zahnärzte viel Grütze und Weißbrot, verfallen der bösen Karies und sinken, wie alle Naturkinder, unter dem Eindruck physischer Schmerzen einer allgemeinen Hoffnungslosigkeit, die keineswegs den Mut zu längeren Wegen und schon gar nicht zu der Zange des Arztes findet. Also Mutzte Anders Sandvig sich auf eine Stolkjaerre schwingen und die ramponierten Dackenzähne seiner Patienten sozusagen in der eigenen Höhle aufsuchen. Der Gott der Sammler geht ganz sicher die wunder­lichsten Wege, und so ist es vielleicht mehr als ein Zufall, dah Herr Anders Sandvig dergestalt ein wenig in die weitere Tlmgebung bemüht wurde. Sie tat sich ihm auf in ihrer vielhundertjährigen ilnberührtheit, mit den prachtvollen Gehöften, die seit Über 800 Jahren vom Da ter auf den Sohn gingen, mit Altertumswerten, die mitten im Arbeils- leben des Tages stehen, mit reichgeschnitztenStabburen", Dorrats­häusern, psahlbauartig auf vier Deinen errichtet, mit vielem Hausrat, Holzschnitz- und Silberschmiedekunst, die bestes germanisches Handwerk darstellten. Lind der Zahnarzt Anders Sandvig war gerade noch zur rechten Zieit gekommen, um ein Nebel an der Wurzel zu fassen. Da kamen.ihm Karren entgegen, bis hoch unter die Plane mit altem Hausrat, mit Möbeln und Truhen beladen. Ein schwedischer Ansiguar oder Museumspräsentant kaufte aus. Die Dauern, die in allen Ländern zwar Kulturwerke schassen, aber selten richtig bewerten können, gaben die rlnschätzbarsten Dinge für wenige Groschen oder für schlimmste Massenerzeugnisse hin.

Es galt nun, wie bei jeder größeren Operation, ein geeignetes Werkzeug in die Hand zu bekommen. Er muhte es sich selber schmieden, und er schmiedete die AktiengesellschaftD j ö r n st a d - H o f". Begei­sterte Freunde und eine geschickt in Schwung gebrachte Lillehammer Gemeinde gründeten diese Unternehmung und sandten den Spiritus rector hinaus, mit den biederen Dauern des Hofes Björn st ad, gegen den man sich kurzerhand verschworen hatte, zu unterhandeln. Man war fest entschlossen, das Fell des ungeschossenen Bären zu kaufen. Die B-jörnstader aber besannen sich daraus, daß sie seit 350 Jahren in Niesen!usern und Ställen gehaust und geschaltet hatten, und schraubten den Preis mit großem Verständnis dafür, worum es sich hier handelte, ganz ins Museische hinaus. Die Aktiengesellschaft aber konnte ja nicht den Schritt in die eigene Negation tim, sie kaufte, brach ab und baute die ganze Herrlichkeit, Häuser und Ställe, au; bcm Maihügel in Lillehammer wieder auf. Lind so war der erste Schritt getan. Allmählich spürte der geheime Stab von Idealisten Gehöft nach Gehöft auf, immer weiter zurück sand Man Reste und lebende Denkmale nationaler Entwicklung und baute so eine Stadt

auf die einen Querschnitt durch die Kulturentwicklung des Landes darstellt. Dom Pfarrhaus bis zum Pferdestall, von der Feuerstelle bis zum Löffel in der Lade, sind Bauten und Geräte der Dater hier ver­sammelt. Heute bedecken nicht weniger als 75 Bauten in Raum­abständen von jeweils annähernd hundert Schritten das Gelände, Baumbestand teilt in ebenso geschickter wie unauffälliger Regie die verschiedenen Jahrhunderte in abgeschlossene Blickfelder ein.

Das Wunder vom Maihügel aber ist die Garmokirche, das ehrwürdigste Gotteshaus des Landes, das hier wieder zu neuem Leben erstand, eine holzgeschnitzte Chronik von 900 Glaubensjähven. Eine unerhörte, geradezu fanatische Arbeit muhte geleistet werden, um die Kirche, die im Jahre 1870 abgerissen und als Baumaterial versteigert war, aus den Kuhställen, Speichern und Wohnhäusern der Umgebung zusammenzusuchen. In dem Schiff der Kirche hangt das Bild eines alten Dauern, der die seltsame Versteigerung miterlebt hatte und der mit unermüdlichem Eifer dabei war, Balken nach Balken auszustöbern. Mühsamer ist wohl selten ein Baumaterial zu- saminengeschleppt worden. Man fand aus vergilbten dapi^en das Dersteigerungsregister heraus und konnte so dem vortrefflichen Ge­dächtnis des Biederen noch nachhelsen. Aus hundert DKnkesil trug man die Pokale, Bilder und Schnitzereien zusammen. Nun stehen die Heiligen wieder in Reih und Glied auf dem Querbalken das geweihte Schiff hängt an Ketten von der Decke. Hoch und einsanr «us zwei Ellöcke gestützt, klebt ein Betstuhl an der Wand. Ein Jaffe , Groß­bauer, der in heidnischer Gemütsverfassung das Wort des neuen Herrn hoch über anderem Volk vernehmen wollte, lieh sich dieses Privm- aerüft errichten, in dem er unbeobachtet schlafen konnte. Erne Tur führte ihn zudem über eine Stiege unbemerkt ins Freie, falls Oie ^Srcbigt länger alA feine ©-ctyulb* KU tüäluxn frrofyte.

Mit der christlichen Ergebenheit hatte es damals überhaupt fo feine Schwierigkeiten. Der Pfarrer wurde von niemandem bezahlt und der Küster noch weniger. In der kleinen Sakristei steht eine Art S'Iingelbeute!, eine grobgeschnitzte Hand an langem Stiel. Die Fläche der Hand i|t «n zwei Felder geteilt, ein großes für den Pfarrer, ein kleines für den Küster Sie lebten von den Kirchenspenden der Gemeinde. Wenn es ans Bezahlen ging, stellte sich mancher Geizhals schlafend, weshalb wiederum kein Beutel, fondern eine massive Hand vonnöten war, dem Zauderer energisch auf den Kopf zu klopfen. Diese ungleich geteilte Holzhand hat der Gegend das noch heute gebräuchliche Sprichwort geschenkt:Wenn es auf den Pfarrer regnet, tropft es auf den Küster." Der Kampf der Kirche um ihre Gemeinde mußte damals mit sehr irdischen Mitteln geführt wer­den. Bor der Kirchentür steht ein Pfeiler mit Kette und Halsesien. Wer den Kirchgang mehr als dreimal versäumte, wurde an diesenGapestok (Gasfstock) angeprangert und die Gläubigen spien ihn zum Heil seiner Seele an. ,

Bon diesem unerfreulichen Geiste völlig gereinigt, empfangt das bunte Halbdunkel der kleinen Kirche den Besucher mit dem ehrwürdigen, kühlen­den Hauch der Jahrhunderte. Das leere, buntgemalte Gestühl ladet zu andachtsvoller Ruhe. Und auf einmal spielt die Orgel. Und eine dunkle Männerstimme singt ein uraltes norwegisches Kirchenlied. Em Sonnen­strahl fällt durch die bunten Butzenscheiben, das alte Gestühl knackt, als regten sich tausendjährige Triebe im Sommerlicht, das Lied steigt wie ein bunter Bogel auf der Raum schwingt, lebt...

Diese Kirche ist ewig. Seit ihrer Wiederauferstehung sind viele Kinder hier getauft worden. 23 Paare wurden hier getraut, vor dem alten Altar mit dem rührenden Mittelstück: ein Abendmahl mit allen Jüngern, nut Bechern und Tellern, aus einem Stück geschnitzt. Mit nicht viel mehr als zehn Schritten durchmißt man das Längsschiff, den Weg von diesem bunten Altar zum Ausgang, mit zehn Schritten geht man durch d>e neun Jahrhunderte des Christentums.

Draußen wehen helle Birken im Wind...

Das stille Haus am See.

Bon Liesbet Dill.

Nachdruck verboten.

Auf einem Spaziergang hatten sie es entdeckt. Ganz zufällig, ohne daß sie ahnten, dah in dieser Einsamkeit ein Haus stand. Sie waren nachmittags übers Meer gefahren in der kleinen himmelblauen Barke, die das Bad mit der Schäreninsel verband, waren über die Klippen gestiegen und standen plötzlich vor einem verwilderten Blumengarten, in dem in üppiger Buntheit Levkojen und Nelken blühten und das Gras des Rasens kniehoch stand. Das Tor war offen; neugierig traten he näher und sahen ein weißes Haus, von uralten Blutbuchen umfdfanet, dicht von Rosen umrankt bis unters Dach, mit stillen Zimmern. In tiefer Einsamkeit lag es da, wie verloren am Ende der Insel. Der Garten fließ ans Meeresuser, ein Nachen lag angebunden an der Treppe der kleiinn Badeanstalt; ringsum breitete sich bas Meer smaragdgrün mit Gischi- kämmen, die zwischen den weißen Klippen verzischten. Ein Pappschiw baumelte am weihgestrichenen Balkon: Zu vermieten oder zu verkaufen. Aber niemand war weit und breit zu sehen.

Endlich zeigte sich eine alte Frau in der (Bartentiefe beim Bohnen­pflücken. Sie war die Hüterin dieses verlassenen Hauses. Durch diese erfuhren sie, dah der letzte Besitzer, ein Maler, gestorben war und die Erben das Haus zu jedem Preis verkaufen oder vermieten wollten. Der Preis war auffallend niedrig. Die Beschließerin führte das junge Paar durch das stille Haus. Sie durchsuchten es nach Schwamm oder Versal-. Aber das Haus war gut gebaut und gehalten, nur die Tapeten etroa» verschossen. Sie mieteten das Haus für den Sommer und bezogen es noch in derselben Woche. .,

Es war ein wundervoller Besitz, der Garten ein Rosenparadies nu herrlichem Obst und es war so ruhig hier draußen, daß man den ganM Tag nur das Zwitschern der Vögel hörte und das Plätschern des Sees, der gegen die Klippen schlug. Die Rosen rankten zu den Fenstern herei , frische Meerluft wehte in dem wildblühenden (Barten alle Zivun waren von Blumendust erfüllt.