Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Zahrgang <931
Zreitag, den 1Z. Juli
Nummer 55
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Bark ohne Steuermann.
Eine Geschichte vom Stillen Ozean.
Von Walter Anatole P e r s i ch.
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J^eiselied.
Bon Josef Freiherrn von Eichendorff.
Durch Feld und Buchenhallen Bald singend, bald fröhlich still, Recht lustig sei vor allen. Wer» Reisen wählen will!
Wenn's kaum im Osten glühte, Di« Welt noch still und weit: Da weht recht durchs Gemüts Die schöne Blütenzeit!
Die Lerch' als Morgenbote Sich in die Lüfte schwingt. Eine frische Reisenote Durch Wald und Herz erklingt.
0 Lust, vom Berg zu Schauen Weit über Wald und Strom, Hoch über sich den blauen Tiefklaren Himmelsdom!
Vom Berge Vöglein fliegen Und Wolken so geschwind, Gedanken überfliegen Die Vögel und den Wind.
Die Wolken ziehn hernieder, Das Vöglein senkt sich gleich, Gedanken gehn und Lieder Fort bis ins Himmelreich.
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tnfere Bark kriegte ohne Steuermann plötzlich einen diesigen Wind von • chtern, und gegen Morgen hatten wir den schönsten Sturm, daß wir <1 * allesamt mit dem Klabautermann Brüderschaft schlossen. Na, damals sihrte ich das Steuer sind er ließ uns durchrutschen. Das ist jetzt schon Inücter dreißig Jahr her. Und als ich wieder den Elbtunnel und die Navigation zu sehn kriegte, da nahm ich mir vor, endlich mal das Examen «iizufangen. Praktisch hatte ich ja alles auf der Fahrt gelernt....
Diese Seebären haben ein eigenartiges Lächeln. In ihren roten Ge- fchtsrn steht irgendwo der Schalk, rundherum geht die innere Gute und hs große Wissen um die Dinge liegt im festen, etwas blinzelnden Blick brr fast farblosen, grauen oder blauen Augen.
„Wie war denn das damals ...?" ..
Hundertmark wischte sich bedächtig mit dem Handrücken den Bart, ;fe b mich ein wenig spöttisch an, als wolle er sagen: wenn ich s auch .e-zähle, was weißt du Kiekindiewelt vom Leben! (Und damit hat er ja r cht.j Dann kam gleich wieder seine Besinnlichkeit heraufgezogen wie „ chün Wetter", und er zählte mir die Geschichte von der Bark ohne Steuermann, wie ich sie hier wiederzugeben versuch« . ..
t Tja, Samstags war der Himmel klar wie die Alster und so gegen Sonnuntergang holen wir uns denn alle eine Putz Wasser, stellen uns, b ank wie Adam, aufs Deck und schrubben uns das bißchen Dreck runter, d>s man auch auf einer blitzsauberen Bark ohne Qualm und Maschinen- "teuere noch kriegt. Eine lustige Arbeit war das immer auf den Segest foiffen, die Staätsbaderei für den Sonntag! Mst Sußwasier mußte -gespart werden, darum konnten wir uns den Luxus nur alle Woche ei ite erlauben und nachher noch die Hemden IM Walser au p
Wie wir da so stehen, sagt Bartels zu mir:
„Alles im Leben verdanken wir einem anderen", sagte mir einmal (er braungebrannte Kapitän Frederik Hundertmark, Das war an jenem Cag«, als ihn die Dampfschiff-Reederei zum Führer ihres größten Passa- lierschiffes ernannt hatte und wir in stiller Nachdenklichkeit bei einer i flasche Zeltinger an Detlev von Liliencrons Ehrenplatz bei Deeke in der Käckerstraße den Fall „vun achtern und vörn" betrachteten... Einer inner ältesten Seekameraden hatte das Zeitliche gesegnet, war mit seiner tetbetanntcn Rase zu den Göttern der Fahrensleute eingegangen ... md nun sollte Hundertmark das schöne Schiff bekommen.
„Immer ist das so", fuhr er bedachtsam nach einem tiefen Schluck k>rt, „ihr Landratten merkt sowas ja gar nicht mehr, ihr steckt so drin m Getriebe und redet von eurer eigenen Tüchtigkeit. Dieser gute Bartels, ier beste Grogbrauer zwischen Rio und Altona, hat mir jetzt Platz machen Hüffen, und doch war ich ihm einmal weit voran. Damals, im Stillen
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fiereii^l - d zean nämlich, als ich in einer Nacht Steuermann wurde. Das heißt, $ »«ii l - — L.f ti4x nt non Stofinon SIRi tlh NAN
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„Frederik", sagte er, „sag mal, ist dir auch schon aufgefallen, daß der Steuermann, der van Eek, m Dreckpudel ist?"
Ja, das war uns allen schon ausgefallen. Nicht einmal in den drei Wochen Fahrt von Altona, wo er angeheuert wurde, bis in den Stillen Ozean hatte sich der Kerl abgeschrubbt. Wir reden grab hin und her, da taucht der breite Kerl mit der Mähne — ganz dick pulsiert sich das Haar unter der Mütze heraus — vom Vorderdeck her aus, geht schwer mit seinem Wassereimer an uns vorbei und gradaus in die lütte Kombüse, die auf Segelschiffen dem Leichtmatrosen wie dem Käptn gleich gehört: 0 0. Na, da waren wir denn ja still und schrubbten nur weiter. Mit dem Kerl war nicht gut Kirschen essen, das hatten wir schon nach zwei Tagen rausgehabt, als der Decksjunge mit gekrümmtem Buckel umherlief, fo hatte der Steuermann ihn für 'ne Dreistigkeit verwalkt...
Sonntag. Die See ist harmlos und glatt wie ein Spiegel, wir laufen mit drei, vier Knoten Fahrt immer so eben hin. Nach der Messe sagt der Käptn:
„Na, Jungs, denn macht euch man heut so'n büschen Gemütlichkeit, holt das Zimmermannsklavier (Handharmonika) raus, und zwei Kessel Süßwasser spendier ich für ’n steifen Grog..."
Junge, war das ’n Hallo! Da wurde denn gesungen „Nach der Heimat möcht' ich wieder" und „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins.. all das «Zugs, das fo ’n feetatriger Fahrensmann plärrt, wenn er länger als eine Woche nur Planken unter den Füßen hat. Gegen Abend gibt der „Breite", fo hieß van Eek bei uns, mir das Steuer und trinkt zwei Wachen lang mit dem Alten einen nach dem andern. Ich lieg' schon fest schlafend in der Koje, da weckt mich ein gehöriger Buff; ich denk', die Bark ist aufgelaufen.
„Hallo, Frederik", hör' ich Bartels halblaut sagen...
„Was gibt’s, laß mich doch schlafen ..."
„Mensch", sagt er, „hör' zu! Das weißt du noch gar nicht! Als ich Wache steh', kommt der Breite an mir vorüber, sternhagelvoll, brüllt ein krauses australisches Zeug, wankt und steuert backbords in di« Koje. Und dabei zieht er immer den linken Fuß so komisch nach, so..." und Bartels geht im Zwielicht hin und her und erklärt mir die Sache. Der linke Fuß tritt auf wie der rechte, dann stockt der Gang, und nun zuckt der linke ganz eigenartig in die Höhe, als müsse er etwas nachschleif.en... Wir zergrübeln uns den Kopf, kommen aber auf nichts Gescheites uni) geben uns schließlich mit der Erklärung zufrieden, der Breite habe «in-- mal einen Messerstich in die Wade bekommen und nun schmerze die Narbe, wenn er getrunken hat.
An Bord einer Barke gibt es wenig Sensationen. Die nächsten Tage kennt kein Matrose ein anderes Gespräch, als den nachschleifenden Fuß des Breiten; die wildesten Vermutungen tauchen auf. Endlich hat der Decksjunge den Rand nicht gehalten und mit dem Koch gequatscht, mit „Nuckelkopp", wie dessen Spitzname lautet. Der Jung' kommt geheimnisvoll in unsere Runde und brüllt:
„Wißt ihr, was Nuckel sagt? Der Breite ..."
Ein Hieb in den Rücken bringt ihn zur Besinnung, er berichtet flüsternd weiter: Der Koch habe einmal an Land in einer französischen Kolonie einen Trupp Sträflinge gesehen. Alle trugen eine Kette um den linken Fuß geschmiedet und daran eine etwa fünf Kilo schwere Eisenkugel. Niemand kann mit diesem Hindernis flüchten. Ms der Junge ihm die Bewegung, das schleifende Aufheben des Fußes vorführte, mußte sich Nuckel an das grauenhafte Bild erinnern.
Seit diesem Tage wurde der Breite noch mehr gefürchtet, als bisher. Niemand ahnte, daß schon der kommende Samstag uns die Lösung bringen sollte, eine andere, als wir sie wünschten, denn wir mochten den schweigsamen, wenn auch gefährlichen Steuermann recht gern, weil er niemanden unnnütz behelligte Zwei unserer Matrosen waren Dänen, schwere, rothaarige Kerle mit Muskeln wie die besten Neger und Stimmen, die ohne Sprachrohr auf passierenden Seglern verstanden waren. Einer von ihnen hat Deckdienst bei unserer Baderei und bringt nach jeder kleinen Kombüse die beiden Lampen, die von innen in eine verglaste Vertiefung gestellt werden und die Decke seitlich erhellen. Niemand denkt daran, daß vor zwanzig Minuten, als es noch hell war, der Breite mit seinem Eimer hineingegangen ist. Der Däne reißt die Tür auf und der Strahl einer Lampe fällt gerade auf die Brust des Steuermanns; ein kreisrundes rostbraunes Mal in der Größe einer Faust taucht auf, zwei verschlungene Buchstaben und eine Nummer — ich weiß es noch wie heute: 1733 war es —. Im selben Augenblick trifft den Dänen ein Schlag vor die Stirn, er taumelt, und wenn nicht Bartels schnell genug hmzu- gesprungen wäre, hätte die Lampe auf den geteerten Bohlen Feuer gegeben.
So steht der Breite umringt von allen Matrosen, in der offenen Tur, ber Däne hält noch ein Licht, Bartels das andere, und der Landsmann des Angegriffenen starrt gerade vor dem Breiten auf die rote Zahl 1733. Jetzt erinnern wir uns, den Steuermann immer in geschloffenen Jacken gesehen zu haben. Uns fällt ein roter Hautreif um den linken Fuß, in
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