zuweilen den Eindruck habe, als werde das Katzentier getragen von der rhythmischen Woge der emporgereckten Köpfe meiner Schafe.

Die Katze bleibt im Stall. Der fchwarzrote Spitzhund wird jetzt die Herrschergewalt über die Schafe bekommen und unter seinem Kommando ziehen sie alle hinaus zum Seegelände, am Amtmannsbruch vorbei, dem Weideplatz entgegen. Vielleicht, daß dann ein Storch neben ihnen stolziert, auf Frösche hungrig: auch die Rehe werden am frühen Morgen erscheinen, denn sie äsen gern zwischen Wald und See, wenn die Wiesenblumen blühen.

Jeden Samstagabend ersteht für den tierliebenden Menschen die größte Freude. Da werden die schweren Ackerpferde befreit von Zaum und Joch, alles Geschirr bleibt zurück, und über den Gutshof braust mit schrecklichem Gepolter «ine wilde Jagd. Unsere fünfundzwanzig Gäule toben am Park vorbei auf die Wiese, werfen sich voll Uebermut und Freude ins Gras, wälzen sich und wissen nicht, wohin mit ihrem Temperament. Das ganze Wochenende verbringen sie so und kommen am Montagmorgen um vier Uhr willig zurück, sobald der Vorknecht ruft. Ich meine, dicfe schweren Pferde, die ja im Winter auf vereisten und auf grundlosen Wegen beson­ders harte Arbeit verrichten müssen, sie freuen sich am meisten aus Früh­ling, Sonne und Freiheit.

Ein Weltbuch wandert...

Aus der Geschichte des Robinson.

Von Dr. Bertha B a dt.

Die Kinder, sie hören es gerne... Immer noch hören sie es gern«: trotz des vielgeliebtenEmil" mit feinen Detektiven, trotz Peterchens Mondfahrt, trotz Kays rätselhafter Erscheinung aus der Kiste, trotz Piks Reise nach Amerika gebt einem rechten Jungen von acht bis zehn Jahren den alten Robinson in die mehr oder weniger tintenbekleckste Hand und nach zwei Stunden werdet ihr ihn mit feuerroten Backen und widerwillig beim Abendbrottisch auftauchen sehen. Es muß freilich der echte alt« Robinson sein etwa in einer von den unzähligen kürzeren Bearbeitungen; nicht etwa der moraltriefendeRobinson der Jüngere" des ehrsamen I. H. Camp«, obwohl auch der bis vor kurzer Zeit immer wieder neu aufgelegt und bunt bebildert wurde.

Und dabei ist der Robinson-Stoss so alt wie der Böhmerwald. Aelter wenn möglich. Denn eigentlich war der erste Mensch zugleich schon der erste Robinson. Als Adam einst, von dem tzlammenschwert des Engels vertrieben, den Garten Eden verlassen mußte schon damals ließ er das Reich der Kultur hinter sich, gebahnte Wege, lockende Früchte, rieselnde Quellen. Und vor ihm lag die Wildnis, der er, nur mitKopf und Hän­den" bewaffnet, karge Nahrung und karges Obdach abringen mußte. Das Robinson-Thema gehört der Weltliteratur an, taucht zuerst in morgen- ländischen Erzählungen auf, findet sich dann hier und da in mittelhoch­deutscher Dichtung, aber erst das Zeitalter der Entdeckungsreisen und Weltfahrten, da immer neue Ansiedlungen in Amerika und auf den Südsee-Jnseln von fabelhaftem Reichtum und ungehobenen Schätzen berichteten, bracht« den Stoff recht zur Reife.

Damals begann man allenthalben nach abenteuerlichen und seltsamen Reisebeschreibungen zu verlangen. Waffengeklirr in der Heimat, Unsicher­heit aller bestehenden Lebensbedingungen erregt« die Gemüter und trieb manchen, neues Glück in unbekannter Ferne zu suchen: kehrte der See­fahrer dann nach Jahren wieder heim, so brachte er sicherlich eine Füll« von selbst geschauten und erlebten Abenteuern mit, denen die Daheim- gebliebenen mit heißer Begierde lauschten. Nichts kennzeichnet deutlicher die Bereitschaft des Zeitalters für diesen Stofs als die Tatsache, daß damals einer seine ganze, rühm- und geldreiche Laufbahn auf dieser Zeit- stimmung aufbaute. Zur selben Zeit, da in England der Robinson Crusoe erschien, lebte in Frankreich jener merkwürdige Mensch, der sich Psal- manazar nannte und kurzerhand eine ausführliche Darstellung feines angeblichen Geburtsortes, der Jnfel Formosa, samt einer Grammatik einer von ihm erfundenen Formosaner Sprache veröffentlichte. Geld und Anerkennung strömten ihm von allen Seiten zu: und bis heute wüßte niemand von dieser grandiosen Fälschung, wenn dem angeblichen Welt­reisenden nicht im Alter das Gewissen erwacht wäre und er selbst seine Fabeleien aufgedeckt hätte.

Auf solchen von Märchenlust und Abenteuerbegierde durchpflügten Boden fiel die Saat des Daniel D e f o e. Es ist gewiß kein Zufall, daß mitten unter einem Volke, das der Schiffahrt so eifrig sich hingab wie das englische, der Mann erwuchs, dem wir die noch jetzt klassische Aus­prägung des uralten Stosses verdanken. Daniel Desoe, der vor zwei Jahrhunderten am 26. April 1731 starb, war ein Mann, der des Lebens Not und des Glückes Wandelbarkeit am eignen Leide höchst schmerzhaft erfahren hatte. Dreimal hatte er öffentlich nach der harten Rechtsprechung jener Tage am Pranger stehen müssen, um für feine bitterste Streitschrift im politisch-religiösen Kampfe der Zeit zu büßen. Da macht ihm wohl als Wunschbild jene Insel Robinsons aufgetaucht sein, deren farbigen Abglanz er uns bann, als er sich müde von all dem Lärm aus der politischen Arena zurückgezogen hatte, in seinem Buche Leben und seltsame Abenteuer Robinson Crusoes" hinterließ.

Gewiß haben ihn die (Erinnerungen jenes Matrosen Alexander Selkirk, uie ihm wohl nicht im Manuskript Vorlagen, sondern bei einem Glase Ale von dem tapferen Seemann selbst erzählt wurden, angeregt. Aber der Kern seines Buches soviel ist heute klar geworden gehörte Desoe selbst und damit das Geheimnis seines beispiellosen Erfolges. Desoe hatte für den Robinson nach langem Suchen eines Verlegers mit Mühe und Not zehn Pfund Sterling bekommen: es dauerte nicht lange so war das Buch in aller Händen und in alle Welt|prachen übersetzt. In Arabien und in der Wüste, in Paris und in Petersburg überall las man den Robinson Crusoe. Ganz besonders gern >n Deutschland, wo schon 1720 die erste Uebersetzung erschien und wo jeher Stand und jeöes Geschlecht bald seinen eignen Robinson haben wollte: da war ein bran­denburgischer und ein böhmischer Robinson, ein buchhandlerischer und ein

tlirtjer und es fehlte nicht an einerJungfer Robinson .

Worin bestand das Geheimnis dieses Welterfolges? Nicht nur weil hier das rechte Buch zur rechten Zeit erschien, weil die unruhvollen, wagelustigen Menschen des Entdeckungszeitalters hier das Spiegelbild ihrer eignen Wünsche und Träume erblickten: sondern sicher auch deshalb, weil Desoe es verstanden hatte, in dieser Abenteurergeschichte in kleinem Ausschnitte etwas wie den Kulturgang der Menschheit als Ganzes zu schildern: den Kampf um die Bezwingung der Naturgewalten, die Ent­wicklung vom Einzetteben zum Gemeinwesen. Es ist bekannt, daß kein Geringerer als Rousseau auf den hohen pädagogischen Wert hinwies, der dieser einfachen Erzählung innewohne: ein Buch ist es, das lange Zeit ganz allein den Bücherfchatz feines Emile bilden solle nicht Aristo­teles, nicht Plinius, nein: Robinson Crusoe.

Seitdem stürzten sich die Pädagogen auf diese Abenteurcrgeschichte. Schon vorher hatte die deutscheInsel F e l s e n b u r g" das alte Thema nach dem deutschen Vorbilde des Grimmelshausenschen Simplicius mit sozialem Bewußtsein zu durchtränken versucht: jetzt ist die wüste Robinson-Insel nicht mehr Exil, ungern ertragene Verbannung sie wird vielmehr zum Asyl, zum Ruheplatz redlicher Leute, die aus der ränkevollen, politischen Welt flishen wollen. Dadurch schon verändert sich im moralischen Deutschland merklich das Bild des unbekümmert fabu­lierenden englischen Robinson. Robinson bleibt immer ein Matrose und Abenteurer, wenn er auch ein wenig Didaktik geschluckt hat: Albertus Julius aber, der Held der Insel Felsenburg, das ist schon ein Bürger aus dem Land Utopia. SchnabelsInsel Felsenburg" ist heute vergessen, trotz der eindringenden Studie, die ihr Brüggemann vor einigen Jahr­zehnten widmete viel größeren (Erfolg hatte die Umwandlung des Robinson Crusoe zum Kinderbuch, die der schon genannte I. H. Camp e, der bekannte Schulreformer des 18. Jahrhunderts vollendete.Robinson der Jünger«, zur angenehmen und nützlichen Unterhaltung für Kinder" heißt fein Buch. Hier ist nun wirklich nur noch ein höchst schattenhaftes Abbild des alten blutskräftigen Robinfon Crusoe zu finden; zum Ent­gelt für die entgangene Phantastik hören wir aber jetzt manche Strafrede gegen dieSeelenfeuche" der Zeit das Empfindsamkeitsfieber. Robinfon im Kampfe mit Werther: das ist das Leitwort der Aufklärungs-Pädagogik. Jetzt wird der Robinfon zum Erziehungsmittel. Und so erschreckend lang­weilig uns auch diese moralische Verwässerung des alten kraftvoll farbigen Buches vorkommen will respektvoll stehen wir vor der Tatsache, daß auch Campes Robinson 120 Auflagen erlebte und in 25 Sprachen über­setzt wurde.

Seitdem hat auch das 19. Jahrhundert nur schwer die pädagogischen Eierschalen abftreifen können, die an dem alten Robinfon hasteten. Zumal nicht in Deutschland. Eher schon in Frankreich, wo der große Wieder­entdecker des Abenteuerromans Jules Verne drei feiner phantastischen, luftig gefügten Romane der Anregung durch das Robinson-Motiv ver­dankte.Die Schule der Robinsons" spricht es deutlich aus; aber auch in derGeheimnisvollen Insel" und inZwei Jahre Ferien" ist es spürbar. In England führte den Kapitän M a r r y a t der alte Robinson zu einem trefflichen Jugendbuche Masterrnan Ready, das noch heut als Sigismund Rüstig" in den Händen unserer Jungens zu finden ist. Aber erst in der jüngsten Gegenwart entdeckte man auch in Deutschland wieder unter dem Druck einer ähnlich ungewissen und an den Grundfesten rüttelnden Zeit den Kern, der im alten Robinson lebte das Abenteuer. Piraths Insel von Norbert Jaques und vor allem die geistvolle Jungfer Robinson", die Gerhart Hauptmann in seinerInsel der großen Mutter" uns malte, zeigen bald in verhülltem Spotte, bald in ekstatischer Dichtung, welche kulturkritischen Keime noch ungehoben in der alten Robinson-Fabel schlummern.

Aehnliche Zeit gebiert ähnlich« Menschen. Erst in unserer Zeit wieder erscheinen unter uns Menschen, die die Robinsonaden nicht nur schreiben, sondern die sie erleben. Da ist der vielgenannte Arzt Dr. Ritter mit seiner tapferen Gefährtin, der sich auf die Galapagos-Jnseln zurückzog, um wie einst der Held Felsenburg,der Kabale" zu entgehen und dem die sensationslustigen Amerikanerinnen in ihren Luxusjachten nun bald fein Dorado verleiden. Da ist vor allem der Edelste der Robinsone, der Musiker, Orgelbauer, Arzt Albert Schweitzer, den aller Wohl­klang abendländischer Musik nicht hindern konnte, das Reich der Städte zu verlassen und den Söhnen des Urwalds feine ärztliche Kunst zu spenden. Es ist der Stolz unserer Zeit, diese altneue Ausprägung der Robinson-Gestalt erlebt zu haben.

Meister Martin der Küfner und seine Gesellen.

Erzählung von E. T. A. H o f f m a n n.

(Sortierung.)

Nun lagt mir doch ganz unverhohlen, liebe Rosa, wer von den drei Gesellen Euch am besten gefällt!"Fragt", erwiderte Rosa, , fraat mich nicht so verfänglich, liebe Frau Marthe. Doch so viel ist gewiß, daß es mir mit Reinhold gar nicht fo geht wie Euch. Zwar ist es richtig, daß er ganz anderer Art ist als seinesgleichen, daß mir bei seinen Gesprächen zu Mute wird, als tue sich mir plötzlich «in schöner Sorten auf voll herrlicher, glänzender Blumen, Blüten und Früchte, wie sie auf Erden gar nicht zu finden, aber ich fchaue gern hinein. Seit Reinhold hier ist, kommen mir auch manche Ding« ganz anders vor, und manches, was sonst trübe und gestaltlos in meiner Seele lag, ist nun fo hell und so klar geworden, daß ich «s ganz deutlich zu erkennen vermag." Frau Marthe stand auf, und im Davongehen Rosa mit dem Finger drohend, sprach sie:Ei, ei, Rosa, also wird wohl Reinhold dem Ausermählter sein? Das hatte ich nicht vermutet, nicht geahnt!"Ich bitte Euch", erwiderte Rosa, sie zur Türe geleitend,ich bitte Euch, liebe Frau Marthe, vermutet, ahnet gar nichts sondern überlasset alles den kommenden Tagen! Was die bringen, ist Fügung des Himmels, der sich jeder schicken muß in Frömmigkeit und Demut." In Meister Martins Werkstatt war es indessen sehr lebhaft worden. Um alles Bestellte fordern zu können, hatte er noch Handlanger und Lehrburschen angenommen, und nun wurde gehämmert und gepocht, daß man es weit und breit hören konnte. Reinhold war mit der Messung des großen Fasses, das