deutlich
was sie ihm leise und
liege im Hospital; mein Arm ist Lieber Onkel, komm doch gleich Deine Lotte."
ein Geheimnis preis. Dann sagte
„Und die Adresse?"
Charlotte zögerte noch, als gäbe sie
sie, jede Silbe betonend: „ . . ,
„Herrn Rittmeister von Nostiz, Alleestraße drei, Hochparterre.
Der Brief wurde durch Boten bestellt und traf den Adressaten zum Glück zu Hause. Es dauerte keine halbe Stunde, so war er zur Stelle. Der junge Midiziner war noch im Saale beschäftigt und empfing ihn °n Der Rittmeister, eine hagere, hohe Gestalt mit wetterbraunen Zügen und eigentümlich tiefem, blitzendem Blick, war in sichtlicher Bewegung.
Das war noch ein Handdruck, mit dem er dem Doktor seine beruhigenden Worte lohntet Er sagte mit einem hörbar tiefen Atemzuge: „Gott sei Dank!", und wollt« dann fröhlich, mit einem tröstlichen Scherz, auf Lottchens Bett zugehen. , ±
Aber der Anblick der blaffen Kleinen im groben, bunten Armennachtzeug, mit der Armbinde, dem nassen Tuch um das Köpfchen, dem Liebesblick in den fieberheißen Augen, der Lysol- und Clorosormgeruch
ist Die verschiedenartigsten Berwandtschaftsbeziehungen verknüpfen ihn mit seiner Umgebung; er ist der Vater, der Gatte, Schwiegersohn und in einigen Ausnahmefällen auch der Großvater. . .. A
Seit Ende Oktober stehen die Kuh« in diesem Stall, lebendige Mllch- maschinen eines kalkulierten Betriebes, werden mit Kraftfutter versorgt nach Maßgabe ihrer Milchleistung; ja es ist sogar wie in der Schule: die besten bekommen leckere Prämien. Aber die Monotonie ihrer Tage geht nun zu Ende; ich glaube fast, sie spüren es, denn seit die Fruhlings- sonne zu den kleinen Fenstern hereinscheint, werden ihre Rufe lauter und ^°^Ende'Äprll springt das Stalltor auf; die Halsbänder werden von den Futtertrögen losgemacht, und in langem Zug trollen die Kühe hinaus auf die Weidekoppel, brauchen nun nicht mehr in Reih und Glied zu stehen, zu warten, bktz die „Schweizer" das Heu und die Ruben ß^bei- karren. Gottes chöne Natur gehört ihnen, das saftige Gras und die vielen süß, herb, würzig und bitter schmeckenden Blumen und Krauter. Aller Zwang ist vorüber: Tag und Nacht, während die Lerche singt und das Käuzchen schreit, können sie nach eigenen Regungen weiden, springen und schlafen. Zwei Wassertümpel gehören zu ihrem Reich und viele sthatten- spendende Bäume. ' ..... «.
Jenseits ihres Koppelzauns, auf der Nachbarwiese toben die Kalber, die sie während der Wintermonate geboren haben und nur einen Tag bei sich behalten dursten. Damals schrien die Kuhmütter und klagten eine ganze Nacht, wenn die Kleinen sortgesührt wurden in den Gemelnschafts- raum. Nun ist man sich sremd geworden, reibt nur zuweilen über den Stacheldrnht hinweg die weichen Muffeln aneinander.
Während ich diese Zeilen schreibe, geht vor den Fenstern meiner kleinen Bauernstube ein glutrotes Leuchten über den Himmel, die Sonne sank eben unter den Horizont. Bon der Birke schwingt sich ein Star in die Luft und singt melodisch einen Gruß an den Frühling. Aber noch ist es nicht ganz so weit, grau und leer liegt die Koppel, und wir werden heute wieder eine kalte Nacht bekommen, obwohl um die Mittagszeit warm, ja sogar heiß die Sonne schien.
Trotzdem treffen Tag um Tag Scharen von Zugvögeln ein — in Erwartung des Frühlings. Mit hellem Trompeten kam gestern das Kranichheer, immer wieder schwebte ein dunkler Keil aus schlanken Jßogcb leibern über das Hausbuch, und unter vielstimmigen Krah-krah-Lauten kreisten sie mehreremale über dem See, fielen dann am Wiesenhang em, achten sich Nahrung — und vielleicht schon Nistgelegenheiten.
Auch die Finken sind schon da, die Lerchen, vom Star ganz zu schweigen Die Rohrdommel dröhnt am Abend mit dumpfem Schlag, und Kiebitze sehe ich auf allen Wegen. Schnepfen streichen, über den Wald- s säum; es ist geradezu ein Gewimmel in der Lust und im Gezweig^ Und ein dauerndes, immer wech elvolleres Konzert. Denn auch die, totnbb vöael rühren sich jetzt mehr; ie müssen ja gegen die Neuankömmlinge ihr Ouartier behaupten; jedes ucht jein Nest, einen Schlupfwinkel, eine Röhre, ein Astloch, um zu brüten, sobald der Frühling wirklich ein- gezogen ist. , .
Nun handelt es sich nur noch um Tage, und auch das Futtersuchen bereitet keine allzu großen Schwierigkeiten, denn schon gaukeln Mücken durch die Luft und fette Spinnen krabbeln über das vorjährige Laub. Aber vor drei Wochen, als die ersten Wildgänse durch den Nebel und Schnee dahergezogen kamen, war manche Not im Reich der Zugvögel. Wir fanden eines Abends zwischen Scheune und Schuppen einen Kram- ! metsvogel schwach und flugunfähig vor Kälte und Hunger, sichere Beute der Katzen. Die schöne braunweißgesprenkelte Drossel ließ sich unschwer greifen, und ich trug sie in meine warme Stube. Das kleine Vogelherz schlug in schauerlicher Hast, und nach einer Weile sank die Drossel in meinen Händen müd zur Seite, der Flügel spreizte sich, das Köpfchen schlug ruckartig nach links und rechts, und ans dem geöffneten Schnabtt zuckte der Atem. Immer stiller wurde es um die arme Kreatur; plötzlich bewegten sich die Füße schnell, als wollten sie den Körper forttragen, alle Krallen zogen sich zusammen und gingen wieder auseinander, der Glanz wich aus den kleinen schwarzen Augenperlen, und das winzige - Gefieder an der Kehle bewegte sich nicht mehr — tot.
Noch einen anderen verfrühten und notleidenden Zugvogel habe ich für einige Stunden beherbergt, ein erschöpftes Wasserhuhn. Es stand schutzsuchend am Hauseingang, wallte die Brotkrumen und Kohlstucke nicht fressen, die ich ihm aus der Küche holte. Aber ruhig saß der wildlebende, sonst scheue Bogel in meiner Stube, ließ fein schwarzsamtiges Gefieder streicheln und die seltsam breitlappigen Schwimmfüße betrachten, das Stirnschild, das in seiner spitzen Keilform elfenbeinweih auf dem fchwarzen Kopfe ruht. Schließlich schien sich das Wasserhuhn in der Stille und Wärme gekräftigt zu haben, flatterte zum Fenster, pickte gegen die Scheiben, wallte fort. Ich öffnete ihm und ganz gemächlich watschelte mein Gast über den Schnee der Tannenschonung zu, nächste Etappe auf dem Weg zum Frühling. *
Alle Tiere warten auf den Frühling! Bald wird auch der große Schafstall leer und verlassen sein, in dem ich so oft als einziger Mensch unter dreihundert wolligen Tiergeschöpfen stand, dem vielstimmigen Mähgeblöck lauschte und versuchte, sestzustellen, welche Lämmer zu welchen Müttern gehörten. Die alten Tier« sind grau, schmutzig gelb und einige gor dunkelbraun. Alle Haden sie milde Gesichter von ägyptischem Schnitt. Weiß wie Schnee sind die Lämmchen; ihr Fell faßt sich an, als sei es dicke weiße Seide. Aber trotz ihrer zerbrechlichen Schlankheit, sind diese Lämmer recht lebendig, Hüpfen in munteren Sprüngen, und auch die Neugeborenen ’ stoßen schon^ganz robust nach dem mütterlichen Euter.
Der Schafstall hat mich manche trübe Wi"terstunbe froh gemacht.
Eine gelbweiß gestromte Katze lebt hier, jagt Mäuse und Ratten, windet t sich wie eine Schlange durchs Stroh, springt hinauf zum Hürdengeländer , und balanciert über den Schafen hinweg auf dem schmalen Gesims, i d-e Schwanzfahne steil nach oben gereift. Es ist, als nehme eine graziöse : Königin die Parade ab, denn wo die Katze auch geht, wenden sich ihr die : . Köpfe der Wolligen zu, deschiiuppern ihre weichen Pfötchen, so daß M
um sie her übermannten ihn. .. ....
Er fuß eine ganze Weile stumm neben dem Bett, umfaßte nur zärtlich die kleine freie Hand, liebkoste die schmalen Wangen und das unter der Kompresse vorguellende feinfädige Haar. Man sah, mit dem zartesten Empfinden seiner Seele hing er an diesem Kinde.
Erst nach einer Weile begann er sie herzhaft zu schelten: „Was machst du für Streiche, du leichtsinniges, schreckliches Kind!"
Sie erzählte klar und verständig, wie alles gekommen war, bat ihn, zur Mama zu gehen, und schalt ihn dabei herzhaft wieder: „Wie konntest du neulich eigentlich so böse sein? Wie hast du uns so lange vergessen ; können?" . m
Er sagte bitter: „Ich wollte nie wiederkommen. Deine Mama mag mich ja nicht!" 1
„Ach, du!" verwies sie ihn ganz aufgebracht. Und bann fand leise und flüsternd, in wenigen Sekunden, eine lange, inhaltreiche Unterredung : statt. Sie hatte ihm unter Schlucken und Schluchzen viel zu sagen. Ihr Herz war so schwer. Alle Tränen, die ihre vergötterte Mutter in den letzten Tagen geweint hatte, lasteten darauf. Für ihn aber klang aus diesem altklugen Kindergeflüster das höchste Erdenglück. Heller und heiterer wurde sein dunttes Antlitz mit jedem Wort.
„Und nicht wahr, Onkel, nun gehst du rasch zur Mama und sagst es . ihr, weiht du, Jo recht gut, recht still, was mit mir geschehen ist, tröstest sie und redest ihr's aus, wenn sie sich härmen soll, und bringst sie mit zu mir?" bat die Kleine schließlich.
Er versprach es ihr mit festem Handdruck.
Als er gegangen war, verfiel die kleine Kranke in einen tiefen, süßen Schlaf. I
Fest lag sie in glücklicher Betäubung. Sie hörte ferne Glockenspiele > tönen und sah ganze Felder voll rosa Primeln unter lichtblauem Himmel.
Die Sonne schien, alles war so hell, so glücklich — ihr sorgendes Kinder- leid lag ihr so fern.
Sie konnte sich nicht einmal aufraffen, als eine weiche, leise, tränenverhüllte Stimme erklang, die sie nach Stunden beim Namen rief.
Aber sie lächelte im Traum.
Sie wußte durch den Fieberschleier hindurch genau, daß es die Mutter war, die neben ihr sah und daß die Mutter über den Schmerz, den sie jetzt um sie sühlte, bald gut wegkommen würde.
Onkels Stimme klang so mild zu ihr: von baldigem Gesunden und kurzem Leid. Und sie antwortete ihm so freundlich, so dankbar.
Die beiden waren einander nicht mehr böse.
Tiere warten auf den Frühling.
Bon Paul E i p p e r.
(Nachdruck verboten.)
Seit Monaten lebe ich auf einem einsamen Gutshof zwischen Wald und Seen, und während dieser langen Zeit habe ich wohl weniger Menschen gesehen als mancher auf seinem täglichen Weg vom Büro nach Hause.
Aber vieles Getier ist um mich, in Ställen, unter freiem Himmel, im Moor und Tannengrund, gefiebertes und fellverhülltes. Wir haben gute Kamerabschast miteinander gehalten, uns redlich bemüht, die Wochen der Kälte und des Schnees zu Überwinden.
Manche Stunde bin ich in jenem langgestreckten niedrigen Gebäude gewesen, wo zu zwölfen in einer Reihe die schwarzbunten Kühe stehen, sauber gepflegt auf sauberem Stroh. Es ist nicht sehr licht in diesem „Saal", wenn man aus der Winterhelligkeit kommt; aber ein anheimelnder Dunst von Milch und Wärme weht einem entgegen, und geheimnisvoll« Geräusche — monotones Schnarren, Mahlen und Rascheln, leises Kettengeklirr — beschäftigen das Ohr. Allmählich schauen uns aus dem Dämmer die großen dunkelglänzenden Kuhaugen sonst und fragend an; neugierig sind diese Tiere und immer wieder brummt da oder dort ein tiefes, langgedehntes Muh.
Ader über her Stille, die von den kleinen Naturgeräuschen untermalt wird, schwingt herrisch und fast wild ein immerwiederkehrender Laut, als ob ein Nebelhorn kurze, scharfe Warnungstöne von sich gebe. Das ist die Stimme des riesenhaften, zwanzig Zentner schweren Bullen, der „König" heißt und in Wahrheit der Herrscher dieser hundertachtzig Kühe
diktiert«:
„Lieber guter Onkel!
Ich bin überfahren worden und gebrochen. Mama weiß gar nichts, einmal zu mir! Mit Gruß und Kuß
.Aber wenn sie hört, was mit mir geschehen ist?
Das wird er ihr so schonend sagen, wie irgend möglich! Verlaß dich darauf! Komm, Kind, wir wollen gleich einmal an >hn schreiben!
,Also ja, wenn Sie meinen! Er soll rasch zu mir kommen, eh er zur Mama geht. Ich muß mit ihm reden." ’ . . .... , . .on
Im nächsten Augenblick hatte der gute Doktor ein Snefblatt und den Tintenstift bei der Hand und schrieb, was sie ihm leise und b-mü.ch


