Ausgabe 
17.4.1931
 
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GieheimZamilien'olätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 50

Hreitaa, den 17. April

Z ihrgang <951

Zitronenfalter im April.

Von Eduard Mörike.

Grausame Frühlingssonne, Du weckst mich vor der Zett, Dem nur in Maienwonne Die zarte Kost gedeiht!

Ist nicht ein liebes Mädchen hier. Das auf der Rosenlippe mir Ein Tröpschen Honig beut. So muß ich jämmerlich vergehn. Und wird der Mai mich nimmer febn In meinem gelben Kleid.

jein, erklärte sie energisch, über den slarkfädigen Bettbe;

braunen Kinderaugen über die mit leisem Fieberrot beoccnen gangen.

Der Arzt wollte mit der kleinen, schwierigen Patientin nun du Cnbe kommen. Das schwarze Täselchen am Kopfende des Bettes war noch leer- Zum dritten Male fragte er die Kranke ernst und energisch, wer sie sei. Er müsse ihre Angehörigen benachrichtigen.

Das geht ans keinen Fall!" sagte das Kmd bestimmt.Ich sage es eben nicht, und ich kann es nicht sagen! ..

Der menschenfreundliche junge Mediziner fahle väterlich zart ihre

kleine, gesunde Hand.

Hast du noch beide Eltern, liebes Kmd?

Ein dunkler Blick war die Antwort.

Rein! Bloß noch meine liebe, liebe Mama!

"Nun also! Deine liebe Mama wollen wir eben benachrichtigen. Sie soll tominen und dich besuchen."

Das Kind fuhr empor und bat entsetzt: ...

Nein! Nein! Bitte nicht! Bitte nicht! Meine Mama darf nichwissen, das; ich hier bin! Sie darf mich hier nicht sehen! Ach, bitte, lassen Ute mich doch nach Hansel"

s2(rxt und (Scbrocfter scchen einander rotioo an.

,3ft deine Mama denn so streng?" fragte die lange Schwester "" Das^Kind legte sich mit beleidigter Miene in die Kissen 3»»

Meine Mama ist lieb und gut, sagte sie mit unbeschreiblichem ^0 Der" Arzt winkte der Schwester, beiseite zu gehen und seine kleine Patientin noch einmal allein ins Gebet. Ihre Mutter würde sich sorgen und ängstigen, nicht wissen, wo sie bliebe.

wollte.

Biele Neugierige waren im Nu versammelt.

Wer ist sie nur?" , .

Niemand wusste es. Die Kleine trug nichts an und bei sich, was einen Namen führte. Das zerbrochene, zerknickte Blumentöpfchen konnte nicht fugen, wo es gekauft war und wer es gekauft hatte.

Ein Schutzmann hob das ohnmächtige Kind in eine Droschke und brachte es nach dem Hofpital. .

Hier lag es nun, von Eisumschlägen und herzhaften Tropfen wieder ins Leben erweckt, mit entsetzten Augen, in den rotkarierten Kissen des eisernen Kinderbettchens, in ein rotweißes Hospitaliackchen gekleidet

Ein junger Arzt und eine ebenfalls jugendliche Schwester standen zur Rechten und Linken der kleinen Patientin. Untersuchung und Operation waren beendet. Der Arm war gebrochen und man hatte ihn in Gips gelegt. Lange Kranken- und Geduldstage standen der Kleinen bevor.

Sie mochte dies aus den Reden des Arztes und der Schwester heraus- gehört haben: eine verzweiselte Angst sprach aus ihren -äugen.

Schon beim Erwachen, als man ihr aus ihre Frage nach dem Primel- stöckchen keine Auskunft geben konnte, hatte sie bitterlich geweint. Sie war eigensinnig aewefen, und wollte durchaus nicht sagen, wer ihre Eltern seien, wo sie wohnte, wie sie hich. . . ...

Ich kann nichtI Rein, ich kann mcht!" hatte sie immer wiederholt

Während der Untersuchung war sie dann gegen alles Erwarten Helden- ^Nun^ aber wollte sie nach Hause. Bis zum Abend müsse sie zu Hause lein, erklärte sie energisch. Dabei fuhr sie mit der kleinen Hund unruhig rüg. Schwere Tranen rannen aus den ktar- die mit leisem Fieberrot bedeckten Wangen.

2Rofa Primeln.

Von Frida Schanz.

(Nachdruck verboten.)

In einer nur mäßig belebten Vorstadtstrab« einer deutschen Stadt war etn [[eines Mädchen überfahren worden, als es, mit einem Primelstockchen im Arm, zwischen zwei Droschken hindurch über den Fahrdamm rennen

Das hatte das Kind aber alles schon selbst überlegt.

Bis zum Abend ängstigt sich die Mutter nicht", sagte das Kind mit ernster Ruhe.Ich war zu Irma eingclaben und durfte bis nach acht Uhr bleiben. Bloß, weil ich das Primelftöckchen im Blumenladen vorm Fenster fah, bin ich umgekehrt. Rosa Primeln hat meine Mama so gern. Nun ist es zerbrochen und fort. Aber wenn ich nur bis zum Abend nach Haufe komme, dann ist es gleich."

Der Arzt sagte nun in festestem Ton, den er diesem lieblichen Geschöpf gegenüber aufbringen konnte: an heimkehren bis zum Abend sei nicht zu denken. Er habe übrigens mehr zu tun. Viele andere Kranke warteten auf ihn. Sie sollte machen und ihren Namen angeben, wie es zur Ord­nung gehöre. Ihre Mutter müsse nun einmal erfahren, was geschehen sei. Oder ob sie es in der Zeitung lesen sollte? lieber das Kind kam eine förmliche Ekstase der Erregung.

,st) Gott! Lieber Gott! Was soll ich nur tun?" rief «s ratlos aus. Meine Herzensmama härmt sich über alles so! Sie können sich gar nicht denken, wie die ist! Sie hat sowieso seit acht Tagen soviel gemeint; Ich sehe es ihr immer an. Wenn nun noch etwas Trauriges kommt, das kann sie gar nicht aushalten!"

Der Arzt sagte, immer aufmerksamer in das heißerregte Gesichtchen blickend:Uiebes Kind deinen Vornamen kannst du mir doch nennen.

Sie überlegte und nickte.Charlotte", sagte sie jetzt leise.

Liebe Charlotte! Willst du mir nicht eine Freundin oder einen Freund von euch bezeichnen, einen Verwandten, irgend jemand, der euch nahefteht, den wir bitten könnten, daß er deiner Mutter recht behutsam das Geschehene beibringt?"

Die Kleine sann nach.

Nein!" sagte sie endlich, seufzend und langgedehnt. Dann stieg plötz­lich eine Helle Röte in ihre Wangen. Ihre Augen begannen zu schimmern; ein liebevoller, verlegener Ausdruck legte sich um ihr Mündchen.

Jemand wüßte ich wohl..."

Nun also!"

Aber nein! Es geht doch nicht!"

Warum nun wieder nicht?! Wer, liebes Kind, wer?" drängte der Arzt.

Sie besann sich noch und sagte bann mit eigentümlich zartem, ver­schämtem Ausdruck:Onkel Kurt!"

Ein guter Onkel!" rief der Arzt erfreut.Das ist ja prächtig! An den wollen wir gleich einmal schreiben! Der wird es deiner Mutter schon so sagen, daß sie nicht erschreckt. "

Das Kind meinte mit grübelndem, sorgenvollem Ausdruck:Ach nein, es wird nicht gehen!"

Ja, warum nicht in aller Welt? fragte der Doktor nun völlig zornig.

Onkel Kurt wird's nicht tun!"

Hat wohl keine Zeit, was?"

Charlotte sah sich um, ob etwa eine der Schwestern ober eine der blaffen Kameradinnen aus den Nebenbetten herüberspähe, bann winkte sie ben Doktor zu sich heran unb flüsterte vertraulich:

Ich will's Ihnen sagen! Sagen Sie's nur ja niemanb weiter! Mama unb Onkel Kurt sind böse miteinander. Onkel Kurt kommt nie mehr zu uns nie! Dechalb grämt sich ja eben Mama so. Ich weiß es doch."

Ah! Deshalb?"

Ja, deshalb!" Die Kleine nickte sehr ernst.Denken Sie nur, Onkel Kurt ist jo gut. Er hat uns zuliebe alles aus Gefallen getan. Und Mama ist auch fo füß. Unb sie können sich ja auch leiben, unb boch haben sie sich fo gestritten! Mama hat gezittert unb gemeint! Onkel Kurt ist gleich fo sehr, sehr hestigl Der kann zornig werben! Ach Gott!, ach Gott!

Gewaltsam ein Lächeln unterbrürfenb, sagte der Arzt:Das ist schlimm! Das muß man nicht!"

Das war ihr aber wohl schon zu viel des Tadels.

,^)h, er meint es nicht böse!" versicherte sie mit Wärme.Ich weiß ja, was von allem der Grund ist, wenn ich mlrs auch vor Mama nicht merken (offen darf. Sie sprachen ja aber manchmal fo laut ich mußte e^ hören." Leise, wie ein Hauch, lispelte sie:Onkel will nämlich mein Papa werden, unb Mama bentt, mein Papa im Himmel könnte döse barüber sein. Das ist es!"

"ga' unb Mama meint auch, Onkel labe sich eine zu große Last auf mit" uns. Darüber mürbe Onkel so furchtbar zornig. Er hat bie arme Mama gescholten, unb sie hat gesagt, sie könnte so etwas nicht aushalten, bas fei ihr Tob. Er solle nie roieberfommen, wenn er sie so quälen wolle. Unb ba ist er gegangen, für immer. Deshalb ifts ja boch unmöglich, daß wir ihn zu Mama schicken nicht wahr?"

Der Gefragte entfchieb sofort mit der ganzen Energie ber höheren unb besseren Einsicht:Nein, bas ist burchaus nicht unmöglich."

Er wirb gehen? Meinen Sie?"

,Er wird gehen! Ganz bestimmt!"

Aber wie wirb Mama erschrecken, wenn sie ihn sieht!

Na, laß bas nur gut sein!"