Ausgabe 
16.11.1931
 
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Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß Ihre Tochter sich hinter Ihrem Rücken auf eine Laufbahn vorbereitet, mit der Sie in Ihrer Burgerlichkeit nicht einverstanden sein können. Sie will zum Theater. Sie nimmt seit Mo­naten zusammen mit ihrer Freundin Isa von Weiher dramaturgischen Unterricht in derselben Schule wie ich. Der Unterschied ist aber, daß ich dies mit Einverständnis meiner Eltern tue. Ihre Tochter, wie ich er­fahren habe und was ich verurteile, gegen Ihren Willen. Da ich aus einem Haufe stamme, in dem man elterliche Autorität noch achtet, zwingt es mich, Ihnen von dem Vorhaben Ihrer Tochter Kenntnis zu geben, um weiteres Unglück zu verhüten.

In vorzüglicher Hochachtung Ihre sehr ergebene Fedora Ianusch.

Gertie ließ den Bogen sinken. Sie war ein wenig blaß geworden; ihre Hände zitterten. Frau Rose wartete eine Weile. Dann fragte sie: Also was hast du zu sagen?"

Da platzte Gertie heraus:Neidisches Frauenzimmer.

Das dürfte keine Antwort fein."

Jetzt kam Leben in Gertie. Sie vergaß ganz den Inhalt des Brieses, vergaß, daß er ja im Grunde recht hatte, vergaß, daß sie sich zu den Eltern in Widerspruch gesetzt, sie belogen hatte. Sie sah nur noch die Gemeinheit, die hinter den Zeilen steckte.Jawohl, es ist eine Antwort, Mutter. Die Ianusch schrieb den Wisch, diese Nichtskönnerin, diese schmie­rige Person, dies hergelaufene Frauenzimmer ..."

Was für Ausdrücke!" .

Ach was, dieser Neidhammel. Neidisch ist sie, weil Isa und ich was können und sie nichts, weil Büchner uns Rollen gibt und ihr nicht.'

Wer ist denn nun wieder Büchner?"

Büchner? Der Regisseur vom Hebbeltheater. Unser Lehrer. Du gibst also zu, was in diesem Brief steht?"

Jawohl, ich gebe es zu. Es ist wahr. Aber gelogen ist, daß die Ianusch ihn schrieb, weil sie es als ihre Pflicht empfand. Solche Redens­art. Aus Neid schrieb sie. Um mich als Konkurrentin loszuwerden. Ach, es ist fo ekelhaft!" .

Plötzlich kam ein Schütteln über (Berties Körper. Sie hob drohend die Fäuste, reckte sich empor, dann öffnete sie die Hände wieder, barg ihr Gesicht in ihnen und begann fassungslos zu meinen. Um Frau Roses Mundwinkel zuckte es. Sie hatte die Tochter lange nicht meinen sehen, wohl seit den Kindertagen nicht. Sie mürbe bleich. Aber sie mußte, sie durfte nicht rneich roerben; sie mar viel zu lange weich unb nach­giebig gegen bas Kind gewesen. Alles hatten Vater und sie Gertie gestattet, nie gefragt, wo sie wäre, was sie täte; ihr immer vertraut. Und nun dies. Theater! Dramaturgischer Unterricht! In dieser Zeit! Was für Gefahren für ein junges Mädchen. Frau Rose nahm alle ihre Kraft zusammen. , . ...

Also gut", sagte sie,du gibst zu, daß du Theaterunterricht ge­nommen hast, daß du uns dauernd belogen hast. Du bleibst jetzt auf deinem Zimmer, bis Vater zurückkommt. Dann werden wir weiter mit­einander reden."

Gertie antwortete nicht, erwiderte nichts. Sie meinte nur.

Wieder wartete Frau Rose. Wieder sah sie aus ihr Kind. Wieder zuckten ihre Mundrninkel. Eigentlich tat ihr die Gertie leid.

. Da trete sie sich auf den hohen Hacken ihrer Bettpantdffelchen und ging aus dem Zimmer. An der Tür raffte sie ihre ganze Energie auf; sie zog den Schlüssel, der innen steckte, ab, schob ihn von außen ins Schlüs­selloch, drehte ihn zrneimal herum unb nahm ihn bann an sich.

Sie hatte Gertie eingeschlossen.

Dann mar es aber mit ihrer Kraft vorbei, sie mußte sich schwer aus bas (Belänber stützen, als sie bie Treppe abroärts ging.

Gertie hörte die Tür zufallen, hörte auch bas Geräusch bes Schließens. Sie überlegte aber noch nicht, was bas zu bebeuten habe. Sie mar vor­läufig nur von bem Gefühl ohnmächtiger Wut beherrscht, Wut gegen biese Ianusch, unb mußte meinen, heulen. Oh sie sah biese kleine schwarze Kanaille ganz beutlich vor sich in ber letzten Probe, sah ihre blitzenben, funtelnben Augen, als Büchner Isa unb sie lobte, sah ihren verschlagenen Blick als er mit Isa sprach. Unb das mar nun die Rache. Woher mußte sie, daß sie den Unterricht heimlich nahm? Ach, das hatte sich wahrschein­lich irgendwie herumgeklatscht. Das war ja gleichgültig. Es blieb nur die Gemeinheit, der Neid auf ihr Können, auf ihre Rollen unb bann wohl auch auf ihre Kleiber, auf ihr Auto. Neib, Neib unb wieber Neib. Unb Hinterlist.

Was hatte sie geschrieben? Elterliche Autorität? Gertie nahm bie Hänbe vom Gesicht, griff nach bem Brief. Er war fort. Also hatte Mutter ihn mitgenommen. Unb nun fielen ihr plötzlich bie Geräusche ein: bas Klirren bes Schlüssels.

Sie sprang aus bem Bett, schob den kleinen Frühstückstisch zur Seite, lief zur Tür, 'drückte die Klinke herab. Wahrhaftig: verschlofsen. Das war ja lächerlich. Sie war eingeschlofsen? Unmöglich. Sie rüttelte, sie zerrte, die Tür gab nicht nach.

Da ging (Bertie langsam an ihr Bett zurück, setzte sich auf die Kante und versuchte nachzudenken. Also nun wußten die Eltern, daß sie bei Karlos Pistorius Stunden genommen hatte. War da etwas dabei nein. Schließlich hatte Jfa Weiber den gleichen Unterricht unb war hoch wahrhaftig ein Mädel aus bester Familie. Also, was konnten die Eltern sagen? Eigentlich nichts. Der Fehler mar, daß sie es heimlich getan, daß sie geschwindelt hatte. Ja, das war ber Fehler.

Eine ganze Weile sah Gertie vor sich hin. Dann zog sie sich den Frühstückstisch wieber heran, begann ihr Ci aufzuschlagen, begann es zu essen. Sie goß sich Kaffee in bie Taffe, trank. Zwischenburch ging sie noch einmal zur Tür, versuchte zu öffnen. Sie war immer noch verschlofsen.

Gut", sagte sie sich,bann bleibe ich eben im Bett."

Sie ging zurück, legte sich erst auf bie eine Seite, bann auf bie nnbere. Sie versuchte zu schlafen. Es glückte nicht. Sie langweilte sich. So ftanb sie auf, ging in ihr Babezimmer, ließ sich ein Bad ein, faß vor

ber Wanne, sah zu, wie das Wasser einlief unb dachte:Was müssen nur die Dienstmäbchen von mir Denken? Es ist ja blöb von Mutter, mich einzuschiießen, ich bin boch kein Kinb mehr!"

Die Wanne war voll. Sie streifte ben Schlafanzug ab, stieg ins Wasser. Das beruhigte. Sie stützte sich auf beide Hände, ließ den Körper schwim­men. Dann spielte sie mit bem Thermometer und ber Nagelbürste (Schiffchen.

Jetzt mußte Mutter boch halb kommen und ausschließen. Aber Mutter kam nicht.

Auch bas Bab wurde langweilig. So stieg sie aus ber Wanne, trock­nete sich ab, begann zu turnen. Alles etwas langsamer als sonst, sie hatte ja Zeit. Sie ftanb vor ihrem Wäscheschrank unb suchte aus. Sie zog sich an. Als sie schließlich fertig war, war es ein Uhr geworben.

Zum Mittagessen wird mich Mutter wohl holen", dachte sie. Sie wartete. Aber wieder kam niemand.

Sie trat ans Fenster. Draußen regnete es. Auch das noch. Fast kein Mensch auf der Straße. Wie langweilig eigentlich solch ein Villenort war.

Sie bekam Hunger, den Rest der Brötchen, den Rest des Aus­schnitts. Sie ging wieder zur Tür, vergeblich.

Dann ärgerte sie bas nicht gerichtete Bett. Sie warf bie Kissen her­aus, zog das Laken ab, deckte es wieder über. Aber es wollte ihr nicht gelingen, es richtig einzustecken, es richtig glatt zu bekommen. Das war doch lächerlich. Das mußte sie doch auch können, das machte die Agnes sonst in fünf Minuten. Ja, bie Agnes, bie hatte eben arbeiten gelernt.

Da lag Peters Karte:Ich habe Arbeit."

Sie faß vor ihrem Toilettentisch und sah in ben Spiegel, sah immer wieder ihr Gesicht an und sagte immer wieder zu sich selbst:Ich will frei sein. Ich will arbeiten!"

So saß sie, bis Mutter kam, aufschloß und ihr zurief:Vater ist da. Komm essen. Nach Tisch wird Vater mit dir sprechen." Das war um sechs, unb es hämmerte schon.

Nach dem wortlos verlaufenen Essen ging Vater in sein Arbeits­zimmer Er forderte Gertie auf, mitzukommen. An ber Tür blieb er stehen, sah sie an unb sagte:Bitte, Grete." Weiter nichts. Aber Gertie hörte wohl, baß erGrete" sagte. Wie in ihrer Schulzeit, wenn sie ein schlechtes Zeugnis mitgebracht hatte. Mutter sperrte sie ein Vater sagte Grete". Gut, nun wußte sie den Standpunkt ber Eltern. In ihr war nur Ablehnung, Auflehnung.

So antwortete sie auf Vaters Fragen nur mit kurzenIa's", gab alles zu, entschulbigte aber auch nichts. Nur einmal, als Vater vonnicht roürbig" sprach, warf sie kurz ein:Was roürbig für bie Familie von Weiher ist, bürste wohl für bie Familie Rose nicht befdjämenb fein.

Fräulein von Weiher will Schauspielerin werben, um sich einen Broterwerb zu sichern. Das ist etwas anberes. Sie ist mittellos, sie muß Gelb oerbienen." .,

Unb weil ich, bas heißt: weil bu wohlhabenb bist, sprichst bu mir bas Recht auf Arbeit ab?"

Du hast Arbeit nicht nötig."

O boch: man kann auch Arbeit nötig haben, ohne an Verbienst zu denken. Es gibt einen inneren Trieb zur Arbeit."

, Das sind Redensarten, liebes Kind. Auf jeden Fall verbieten deine Mutter und ich dir, daß du weiter diesen Unterricht nimmst. Wir wün­schen nicht, daß unsere Tochter zur Bühne geht."

Gertie stand auf.Dann darf ich jetzt wohl gehen, Vater?"

Vater Rose hatte viele Verhandlungen in seinem Leben geführt, Halle sie fast alle erfolgreich durchgefochten; sie waren mit schriftlichen Ver­trägen beendet worden, manchmal auch durch ein Versprechen mit Hand­schlag, trotzdem er dies stets als unsicher empfunden hatte und die schrift­lichen Grundlagen deshalb vorzog, manchmal, wenn auch selten, denn er ging gern vorher sicher, durch einen Anwalt. Wie er aber diese Verhand­lung mit seiner Tochter abschließen sollte, wußte er nicht. Er hatte nur das Gefühl, daß mit seinem letzten Satz nichts, aber auch gar nichts er­reicht ober feftgelegt wäre.

So fügte er noch hinzu:Wenn bu mir nichts mehr zu sagen haft, nichts versprechen willst, bitte.

(Bertie verließ sein Zimmer unb stieg bie Treppe hinauf, ohne noch einmal zu ihrer Mutter zu gehen.

Dafür ging Vater Rose zu seiner Frau.

Sie fragte:Hat (Bertie nachgegeben?"

Worauf er erwiberte:Ich habe es ihr einfach verboten."

Unb wenn sie nicht folgt?"

Sie wirb folgen."

Bist du dessen sicher?"

Völlig. Wenn'sie ungehorsam ist, werde ich ihr bie Mittel entziehen, ihr kleines Bankkonto sperren ... Das werbe ich überbies gleich tun.'

Mutter Rose setzte sich tief in ihrem weichen Sessel zurück. Sie atmete einmal schwer auf.Ach, Fritz", sagte sie dann,mir ist gar nicht wohl bei dem allen. Wenn wir da man keinen Fehler machen."

*

Am nächsten Morgen schien im Hause Rose das Leben seinen ge­wohnten Gang zu nehmen. Vater fuhr, wie immer, in fein Bureau; Mutter lag in ihren Daunenkissen unb frühstückte lange, unb in (Berties Reich hörte man bas Babewasser ein- unb auslaufen.

Vater Rose befahl bem Chauffeur einen Umweg zu machen unb vor ber Bleichröberschen Stabtkasse Unter ben Sinben zu halten. Dort hallen seine Damen ihre Konten; er selbst arbeitete geschäftlich und privat Ml. einer der D-Banken, hatte aber absichtlich für Mutter und Gertie eine andere Stelle gewählt, weil er für reinliche Scheidung gerade in Geld­sachen war. Nun griff er ein; es behagte ihm nicht. Deshalb zögerte er auch einen Augenblick, bevor er ausftieg, gab sich bann aber einen hu«- es mußte eben fein, bie väterliche Autorität ftanb auf bem Spiel.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. Sans Thhrivt. - Druck und (Verlag: Drühl'fche Univerfitäts--Buch- unb Gteinftrudetei. X Sange, Sieben.