Ausgabe 
16.11.1931
 
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Hier haben wir zum ersten Male des künftigen Generals ausgespro­chen militärschriststellerisches Talent zu erwähnen. Clausewitz war in dieser Beziehung ein merkwürdiger Mensch. Er war eine stille, ernste und zurückhaltender Natur, ein Moltke, dem der Fluß der Rede nicht lag, aber ein Mann, der an keiner Person, an keinem Ereignis vorbeigelangen konnte, ohne in Reslexionen zu verfallen, die er zu Papier bringen mußte. Ganz für sich selbst oder höchstens noch für seine vertrautesten ; Kameraden. Damals galt ein schriststellernder Ossizier noch für ein Uni­kum, der eine Beschäftigung trieb, die sich für einen Mann in des Königs Rock nicht geziemte! Clausewitz bekannte in einem Briese an Gneisenau von sich selbst:Ich habe nun einmal den unglücklichen Trieb, alles aus sich selbst zu entwickeln, und würde, wenn ich mich weniger verschlossen, gewissermaßen geheim dabei benähme, viel Tadel, vielleicht gar Spott auf mich ziehen; und doch ist es ein Bedürfnis, sich von Zeit zu Zeit des rechten Weges zu versichern." Und darum schrieb sich Clausewitz alles herunter, was ihm Geist und Seele beschwerte und bedrückte. Mehr als 130 Feld­züge hat er so literarisch ausgebeutet und den Stoff auch für die Jetzt­zeit noch brauchbar gemeistert, ob er nun die Taten Johann Sobieskys oder Friedrichs des Großen oder Napoleons beschrieb: immer ist ihm das Ganze, wenn auch manchmal beabsichtigtohne Rücksicht auf System

Karl von Clausewitz.

Zu seinem 100. Todestage: 16. November.

Von Gustav Stange.

(Nachdruck verboten.)

Es gibt eine Wissenschaft, die man Volkswiffenschaft nennen könnte, weil sie von allen Teilen des Volkes geübt und auch verstanden wird: das ist die Wissenschaft der vergleichenden Weltgeschichte. Entschließen wir uns zu einem Vergleich mit den Zeiten vor hundert Jahren, |o slnden wir mancherlei Gleiches, mancherlei Verschiedenheiten, immer aber wer­den uns Personen begegnen, die sich damals einen Namen gemacht haben, der sich bis heute erhalten konnte.

Da stoßen wir, neben vielen anderen, auf den Freiherrn vom Stein, Blücher und Scharnhorst, auf York Gneisenau und Gras Dohna, auf die Stürmer Schill und Theodor Körner, auf Grolmann und Doyen, und wir kommen nicht an diesen Männern vorbei, ohne immer wieder Karl von C l a u s e w i tz zu begegnen, dem genialen Kriegsphilosophen seiner Zeit der am 16. November 1831, wie auch Generalleutnant Wilhelm von Clausewitz, Gneisenau und Graf Diebitsch-Sabalkanski, derFeldmarschall­krankheit", der Cholera, trotz eingehender Vorsichts- undKontumaz Maßregeln und mehrwöchiger Quarantäne, noch in Breslau zum Opfer fiel.

In wenig günstigen Verhältnissen wuchs der am 1. Juni 1780 in Burg bei Magdeburg geborene Knabe Karl von Clausewitz auf. Als letztge­borener Sohn von sechs Geschwistern, war auch er den Nöten des All­tags unterworfen, unter denen fein Vater in feiner bescheidenen Stellung als Kgl Akzise-Einnehmer erheblich zu leiden hatte. Er, der Enkel eines Professors der Theologie (Halle) und Urenkel eines evangelischen Pfar­rers erhielt eine mehr als dürftige Elementarunterweisung in der Stadt­schule zu Burg und war bereits mit zwölf Jahren Fähnrich der preußi­schen Armee im Infanterie-Regiment Prinz Ferdinand zu Potsdam. Als dreizehnjähriger Junker, genauer Gefreiter-Korporal, holte er sich schon seine ersten kriegerischen Lorbeeren bei der Belagerung von Mainz und wurde zwei Jahre darauf patentierter Leutnant in Neuruppin.

Der junge Offizier, der bald zur Kriegsschule in Berlin unter dem Direktor und Oberstleutnant Scharnhorst, seinemVater und Freund seines Geistes", kommandiert und Adjutant des Prinzen August von Preußen wurde, geriet nach der Kapitulation von Prenzlau in Ge­sangenschaft.

er« recht nicht die Bauern, die sein Zorn kalt läßt, als ginge ste die Sache nichts an. Ja, der eine entrüstet sich sogar und sch mpft vor sich hin daß er sich durch eine solche Komödie die Zeit nicht stehlen lasse. Der Herr Ministerialrat vermerkt es ungehalten, und der Herr Bezirks- amtmann erlebt, daß er auch ihn selbst kurz stehen läßt mitten auf seiner Brücke, vor allem Volk, hilflos und fo bloßgestellt, daß es ihn beinahe körperlich friert.

Und als er am Schluß feinem Vorgesetzten nach in den Wagen steigt, um wieder heimzufahren, da muß er auch das noch emstecken, daß die ganze Menge an den Ufern seinen Abgang mit Spott und Lachen be­gleitet und das uralte spottende Schnadahüpferl anstimmt, nut dem man im Fränkischen noch heute zuweilen die Altbayern aufzuziehen versucht:

. Wärst nit nauf auf dr Alm

Wärst nit abi gfalln ..."

Der Verkehr auf der Brücke wird bald in Reih und Lot gebracht. Eine amtliche Bekanntmachung verfügt, daß die Brücke nur mit Wagen begrenzter Achsenbreite befahren werden dürfe. Aber diese Losung wirkt nicht mehr friedlich. Die Sommerauer aus lauter Eigensinn lassen ihre Wagen nicht ändern. Sie gönnen weder dem Wagner den aber­maligen Verdienst, noch ihren jenseitigen Nachbarn den Triumph. Lieber verzichten sie darauf, die Brücke zu befahren. Und die Winterauer werden ihres billigen Gewinns nicht froh. Mainauf und mainab häufelt man sie, daß sie ihrer Nachbarn Tücke nicht erkannt haben, sondern sich schier ein ganzes Jahr lang haben aus die Seite drücken lassen. Etliche am Dorf­ende Wohnende wollen sogar wieder mit der Fahre über den Fluh, um das Aerqernis los zu sein. Und es ist möglich, daß die Bauern die Biucke allmählich kampflos den Autofahrern überlassen, der sich über die leere Brücke und den schmalen Stein in ihrer Mitte wundert, dessen Sinn er nicht begreift und von dem ein Dörfler, den er darum fragt, mit spöttischem Munde berichten will, daß das das Denkmal für einen Bezirksamtmann in München fei. Denn der Bezirksamtmann, dem die halberte Brücke Ent­stehung, Namen und Ende verdankt, ist natürlich wieder nach Altbayern zurückgekehrt.

und strengen Zufammnehang", trefflich gelungen. Bel dieser geistigen Regsamkeit kann es nicht wundernehmen, daß seineHinterlassenen Werke über Krieg und Kriegführung" zu zehn stattlichen Bänden an- schwollen.

Die wichtigste, leider unvollendete Arbeit ist sein WerkVom Krieg", eine Jdeensammlung, die sogar Moltke mit Ernst und Nutzen studierte und die für alle Kriegstheoretiker das Werk über den Krieg bleiben wird So ziemlich alle Fragen, die den Stoff berühren können sind darin erjchöp end behandelt: Gefecht, Streitkräfte, Verteidigung, Aug.isf und Kriegsplan heißen die einzelnen Abschnitte, und jeder einzelne bringt dem Fachmann alle notwendige Kenntnis über den Stoff, den er be­arbeiten will.

In der Zeit, als er am Hofe Adjutantendienfte versah lernte er auch feine spätere Gattin kennen. Nach jahrelangem Brautstand führte er 1810 die Gräfin Marie von Brühl heim, eine ungewöhnlich begabte Frau und Freundin des Freiherrn vom Stein. Als Oberhofmeiftcrin beim Prinzen Wilhelm überlebte sie ihren Mann um fünf Jahre; ein schweres Leiden raffte sie 1836 dahin. An der Seite ihres Gatten, dem sie stets eine sorgende liebe- und verständnisvolle Lebensgefährtin gewesen war, fand sie auf dem Militärfriedhofe in Breslau die letzte Ruhe.

Karl von Clausewitz hat an allen Stellen, auf die er berufen war, feinen Mann gestanden. Ob er in Preußen (Berlin, Koblenz Posen) oder in Rußland für Deutschlands Sache focht, dachte und schrieb: immer hat er sich als ein Großer neben Großen bewahrt. Scharnhorst konnte sich keinen besseren Mitarbeiter wählen, und treffsicher urteilte Gneisenau über Clausewitz in beider Verhältnis zu Scharnhorst:Sie waren sein Johannes, ich 'nur fein Petrus; doch bin ich ihm nie untreu geworden, wie jener feinem Meister."

Oie ältesten Spekulanten.

Von R. H. Mottram.

(Nachdruck verboten.)

Finanzfpekulationen bilden heute das Tagesgefpräch, und es zeigt sich deutlicher denn je, welch gewaltigen Ein­fluß sie auf die Wirtschaft ausüben. Aber nicht nur heute, sondern zu allen Zeiten ist spekuliert worden, und stets ist dieser Trieb ein mächtiger Anreger des Fortschritts und eine gefährliche Leidenschaft gewesen. Die hochinteressante Ge­schichte dieser unheimlichen Macht, eine Weltgeschichte unter bestimmtem Gesichtswinkel hat der Engländer R. H. Mot­tram in seinem BuchWesen und Geschichte der Finanz- spekulation" gegeben, das soeben in deutscher Uebertrogung im Insel-Verlag zu Leipzig erschien. Wir geben einige Ab­schnitte der ältesten Entwicklung wieder.

Der Markt, der heute der Finanzspekulation offenfteht, ist, wie die Stadt Rom, nicht an einem Tage erbaut worden. Es gibt nichts Er­staunlicheres als die allmähliche und stete Beschleunigung des Zeitmaßes, in dem der äußere Fortschritt der Menschheit sich bewegt. Man hat das Alter des Menschen heute versuchsweise auf rund hunderttausend Jahre bemessen. Ein Alter von ungefähr zehntausend Jahren dagegen gibt man der durch ihn bewirkten Herstellung von Geräten, die den Bedarf über­stiegen, einen in der Zukunft liegenden unbestimmbaren Wert hatten und j so öen Keim zur Entwicklung seines spekulativen Sinnes ' gten. Die geuerfteinftätten sind ein sichtbarer Punkt in dem zeitlich n.cht bestimm­baren, durch Ueberlieferung nicht faßbaren, wellengleichen Nebelgewoge der frühesten Jahrhunderte; der nächste den wir zu erblicken vermögen, ist nur undeutliche Gestalt, treibend auf dem Strom der Zeit: es ist das Vorkommen von Gold in den Spuren, die von der mutmaßlichen kreti­

schen Zivilisation hinterlassen wurden.

I Es gab so vernehmen wir von den Gelehrten, während des Bronze­zeitalters (2800 bis 1200 v. Chr.) im westlichen Mittelmeerbecken ein ; Volk, dessen Rasse unbekannt, aber bestimmt heute in ic-.ier Gegend nicht mehr vertreten ist, dessen Sprache wir, obwohl eine Anzahl von Stein* Inschriften erhalten ist, nicht entziffern können, und dessen Macht und Ruhm mit einer dramatischen Plötzlichkeit und Vollständigkeit zugrunde ' gingen. Heber die Ursachen gibt es auch heute noch nur Vermutungen

Das alles ist aus mancherlei Gründen für uns bedeutsam. Das Volk ist nämlich ausgeprägt europäischen Charakters und reiht (was bei keinem der asiatischen Völker der Fall ist) seine Wirtschaftsordnung unmittelbar in die Vorläufer der Finanzspekulation ein. Man nimmt an, daß es ein vorwiegend handeltreibendes Gemeinwesen war. Die Bewohner fuhren zur See, ihre Tätigkeit hatte internationale Ausdehnung, sie besaßen und handhabten Gold. Vor allem anderen aber haben sie anscheinend vom I Handel und für den Handel gelebt, und nicht unter einer hochzentrali­sierten Theokratie in einem selbstversorgerischen ackerbautreibenden Staats- ' wesen wie zum Beispiel die Juden des Alten Tesiaments. Ihr Gebiet ! war das Meer und feine Küsten, ihr Weg Güterumsatz und Zoll. Ihre ' bekanntesten Siedlungen sind Troja, Tiryns und Mykenae, aber man findet einen beft mmten Baustil, den man ihnen zuschreibt, auch in an­deren alten Siedlungsgegenden an den Küsten des Ägäischen Meeres uno des Golfes von Korinth. Die Verbündeten Trojas waren die Volker, die an den Handelsstraßen Kleinasiens wohnten. Mit anderen Worten: L>er Ruhmespreis, um den Hellas kämpfte, war derselbe Ruhmespreis, dem auch wir heute nachjagen nämlich das nie endende Bemühen, und em etwas besseres Leben zu schassen, als es unsere Väter hatten.

I So gewahren wir denn unter der fabelbuntesten Sage, die Jahr­hunderte bindurch die Phantasie Westeuropas entzündete, den unuermcio- lichen den niemals fehlenden wirtschaftlichen Untergrund. Helena mag die schönst* der Frauen gewesen sein, Agamemnon mag der Herr oer i Mannen gewesen jein aber die Dinge, um die ihre Gedanken gingen.