Ausgabe 
16.11.1931
 
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Eichener Zainilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1931 Montag, -en 16. November Kummer 90

Dunkel wird es, Winter wird es und Nacht...

Von Siegfried von Vegesack.

Dunkel wird es, Winter wird es und Nacht.

Schließ« die Läden, laß nicht die Finsternis ein.

Entzünde die Kerze. Das Feuer im Herd ist entfacht. Und wir find allein.

Sing mir ein Lied vom Sommer, vom Sommer, der war. Draußen beginnt es leise, leise zu schnein.

Aber ich seh nur im Kerzenschimmer dein Haar, Und wir sind allein.

War das der Sommer, zu dem wir kaum noch erwacht?

War das der Tag, und muß es Abend schon sein? Dunkel wird es, Winter wird es und Nacht, Und wir sind allein.

Diehalberte^ Brücke.

Erzählung von Th. Vogel.

(Nachdruck verboten.)

Etliche Wegstunden oberhalb Würzburgs liegen am Main zwei Dörfer wie es scheint friedlich und nachbarlich auf beiden Seiten des Stromes einander gegenüber: Sommerau und Winterau. Jenes am südlichen Ufer, seit alters fürstbischöflich, liegt im gesegneten Land. Seine Bewohner sind resch und gehören zum alten Glauben. Dieses dagegen auf, der Schatten­seite des Tales ist ärmlich. Die Winterauer, vom Bauernkrieg her reichs- ritterschaftlich, sind überdies lutherischen Bekenntnisses. Daher kommt es, daß die Bauern aus beiden Dörfern nicht gut aufeinander zu sprechen sind. Sie meiden sich, verheiraten sich nicht, und wenn die von Winterau nicht die fruchtbarsten Aecker ihrer Gemarkung jenseits des Flusses hätten und daher notgedrungen ihr Korn drüben bauen müßten, wäre der Main hier eine strengere Grenze, denn vielerorts reißende Katarakte und schneeige Berggrate.

Jahrhunderte und jahrzehntelang sind so die Diesseitigen in ver­bissenem Groll auf einer altersschwachen Fähre zu denen auf der Sonnen­seite gefahren: unbehelligt, Fremdlinge und darum schweigend geduldete. Aber das hat in dem Augenblick anders werden sollen, als ein aufge­klärter, junger Bezirksamtmann aus dem Altbayerischen vor etlichen Jahren im Zeichen der modernen Verkehrsentwicklung zwischen den zwei Ortschaften eine Brücke zu bauen gedacht hat. Nun sind die fränkischen Bauern halt einmal so: Keiner von den Bürgermeistern und Gemcinde- räten, die aus solchem Anlaß aufs Amt geladen worden sind, um ihre Meinung zu äußern, getraut sich die Wahrheit zu sagen. Sie mustern einander in der Amtsstube mit abweisenden Blicken, bringen Ausflüchte um Ausflüchte: der Strom werde gestört, meinen die Winterauer. Das Bedürfnis fei gar nicht vorhanden, wenigstens nicht auf ihrer Seite, murren die von Sommerau. Bis der Bezirksamtmann ihnen aus be­hördlichen Mitteln soviel Geld anbietet, daß sie kaum mehr nein sagen können. Der junge, 'ein wenig ehrgeizige Beamte redet von Vorteilen allgemeiner Art, nachbarlicher Unterstützung. Wer es denn bezahle, brummen sie endlich einträchtig. Ob die Schiffahrt nicht gestört werde, geben sie gewunden und in die Enge getrieben zu bedenken Uber keiner sagt etwas von der alten, nie ausgesprochenen, aber darum um so dauer­hafteren Feindschaft.

So kommt es nach Wochen und Monaten doch dazu, daß der Bau her Brücke beschlossen wird. Die beiden Gemeinden müssen, wenn auch nur mäßig, dazu beisteuern. Das hebt ihre Lust nicht gerade. Sonderlich hie Sommerauer grollen nicht mit Unrecht, daß sie den andern aus billige Art und ohne selber einen Nutzen davon zu haben, zu einem raschen Weg zu ihren Feldern verhelfen sollen. Ja, es gibt etliche ganz isesch-ite und dickköpfige Bauern, die aus lauter Neid und Habsucht sich am nördlichen Ufer Aecker zu kaufen anschicken damit sie nur nicht sur bie Lutherischen ihr gutes Geld ausgeben. Die freilich versöhnen sich bei­nahe mit dem Brückenbau. Nicht des Vorteils wegen, den sie selber, son­dern des Schadens wegen, den die andern haben.

Also wird die Brücke errichtet: Solid und dauerhaft, nicht zu breit, !ust so, daß zwei Wagen gerade aneinander vorbeifahren können Nach einem vom Wetter wohlbereiteten Sommer kann der >unge Bezirksamt- mann Nichtfest feiern und das neue Werk dem Ver tehr ui ergeben^Noch ?ur Ernte des gleichen Jahres wird die Brücke fleißig benutzt. Etliche Zeit geht alles gut. Die Winterauer fahren fleißig stromuber, d,e Som­

merauer, soweit sie zu den ganz Klugen gehören, denen das jenseitige Land durch die Brücke auf einmal Wert geworden ist, tun's ihnen nach. Gemächlich, stolz und selbstbewußt begegnen sie sich, grüßen sich nicht, warmen am gegenseitigen Anblick nur immer wieder den alten Groll auf. Die Schattenseitigen hüten mit Eifersucht ihre Brücke, die anderen reut noch immer das vertane Geld.

Nun sind die Sommerauer reich und haben's faustdick hinter den Ohren. An einem Spätherbstabend in ihrer Schenke, da sie in feierabend­lichem Geplauder wieder einmal ihr Leid aufgerichtet haben und viel­leicht schon nicht mehr ganz Herr ihrer Sinne sind, verschwören sich die protzigsten von ihnen zu einem bösen Streich. Heimlich geschieht es: den Winterauern soll im Frühjahr die Freude an ihrer Brücke schon ver­gällt werden. Vor Weihnacht bis in die Fastenzeit hinein hat der Som­merauer Wagner Arbeit wie sonst nie. Einer von den Verschworenen nach dem andern, jeder heimlich, geheimnisvoll und scheu, als wenn er sich am liebsten schon wieder eines andern besonnen habe, aber doch nicht mehr zurück könne, kommt, verhandelt mit dem Meister, bringt sein Fuhr­werk und bezahlt den teuren Spaß.

Den teuren Spaß: daß nämlich zum Frühjahr, wenn immer sich ein Sommerauer und ein Winterauer auf der Brücke begegnen, sie nicht aneinander vorbei können: wie verhext scheinen Fahrzeug und Brücke und Tücke des Schicksals will es, daß es fast nie einem der Lutherischen gelingt, ungehindert über die Brücke zu kommen. Immer stößt er mit einem von den anderen zusammen, daß sich Zügel und Stränge ver­wirren, die Räder ineinander fressen, die hochgeladenen Fuhren schwan­ken und dann und wann auch über die Brüstung ins Wasser etliches ihrer Fracht entladen. Dann gibt es Streit um das Vorrecht, Zank um die Schuld, harte Worte zuerst, Handgreiflichkeiten, Beschwerden und Gen­darmerieposten hernach und endlich, als es mit den Zusammenstößen allmählich schlimmer und ernsthafter wird, muß durch das hohe Bezirks­amt ein Besehgang angeordnet werden.

Kopfschüttelnd sieht sich der junge Herr die Bescherung an, begreift nichts, erkennt nur die harten, verschlossenen Gesichter der Bauern, hinter denen er einen Arg vermuten möchte, und findet nach langen lieber« (egungen nur eine recht lahme Regelung: Wer über die Brückenhälfte hinausgefahren fei, habe das Vorrecht: der Entgegenkommende müsse zurück. Er läßt zu diesem Zweck, genau auf der Mitte, einen Stein errichten und hauen, ' damit jeder Weg And Recht erkenne: Davon übrigens hat heute noch die Brücke ihren Namen: die Halbertel

Aber es wird nicht besser. Im Gegenteil, die Sommerauer scheinen es sich jetzt erst recht angelegen sein zu lassen und machen einen Sport daraus, die Ersten zu fein. Sie lauern beinahe darauf, ob sie nicht einem Jen­seitigen in -bie Quere kommen können, und dem Bezirksamt wird im Laufe des Sommers von feinen Straßenwärtern berichtet, daß der Zu­sammenstöße nur noch mehr werden. Denn die Sommerauer wollen auch was für ihr gutes Geld haben, für das sie im Winter ihre Wagenachfen sämtlich haben um zwei oder drei Handbreiten verlängern lassen!

Freilich: Etliche haben dem Wagner nicht alles bar bezahlt, was er für die Arbeit und für fein Schweigen verlangt hat. Deswegen wird der brave Meister ungehalten, und manches sickert von ihrem Streich in die Oeffentlichkeit, wird zu den Winterauern getragen, geht durch die Amts­stuben und kommt endlich das ist schon mitten im Winter auch zu Ohren des Bezirksmannes.

Aber um diese Zeit ist der Brückenstreit schon landbekannt: Die Zei­tungen bemächtigen sich seiner, die Landtagsabgeordneten wettern wider die Torheit der zu schmalen Brücke, die vorgesetzten Behörden verlangen Akten und Rechtfertigung. Der arme Bezirksamtmann ist sehr in Nöten und vermag darum seinen Ohren nicht zu trauen, als er von dem Bauern­streich läuten hört. Erst lächelt er, dann besinnt er sich, dann wird er zornig. Er setzt noch einmal eine Tagfahrt an, der sich auch der zuständige Regierungsreferent anschließt. Damit vollendet sich fein Unheil. Denn jetzt ist die ganze Landschaft auf den Beinen, um der Entwicklung und Lösung des vielberedeten Brückenstreites beizuwohnen. Ganze Dörfer sind da, Kinder, Weiber, Männer, Fremde aus der Stadt, als der Herr Bezirksamtmann mit feinem hohen Chef anlangt, aus dem Wagen steigt und mit Herzklopfen und Aerger die Gefahr erkennt, die ihm und feinem Ruf droht.

Er weiß schon im voraus: feine Brücke ist nicht zu fchmal.Die Som­merauer Bauern haben ihn hereingelegt. Ihre Wagen samt und son­ders nachgemessen sind über bas normale Maß breit. Mit Bandmaß und Meterstab in der Hand stellt es der Herr Bezirksamtmann fest. Er fährt die Bauern an, daß der Herr Referent einige Male begütigend ein« greifen muß, verhört den Wagner, der achselzuckend zugibt, daß er die Achsen sämtlich angeschweißt habe. Der junge Herr beißt sich auf die Lippen und möchte mit allen möglichen Paragraphen drohen. Aber strafbar frei­lich, das weiß er, strafbar hat sich der Handwerker nicht gemacht, und