Ausgabe 
16.10.1931
 
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Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckecei. R. Lange, Dieben.

Verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot.

Im Dorf hatten die Giftmichel und Strackschwätzer Oberwasser und versuchten dem Meister einen Klecks anzuhängen. Obwohl er nun ge­schieden sei, ballatschten sie, habe er fernerhin für den Unterhalt seiner Frau zu sorgen. Seine Erbanspruche aus das Vermögen der Schwieger­eltern müsse er in den Schornstein schreiben. Das alles nehme er ruhig hin, weil er bereits die neuen Stiesel trage, einer mordsmäßig reichen Frau entgegen zu gehen. Die Gefreundschast widersprach dem boshaften

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sich nicht überzeugt. Auch wirkt sich das Verbot des Deutschsprechens während des Krieges heute aus. Ich schreibe diese Zeilen sruh an einem Sommermorgen dieses immer sonnigen Landes auf dem Pulte des Steuerrades meines Autos, das ich in einen ftillen Feldweg gefahren habe. Ich kann die ganze Landschaft überschauen. Rechts von mir ein Feld langgranniger, glänzender Gerste, links die üppig gedeihende Al- falfa von den Sandwichinseln eingeführt. Vor mir die Farm des Jtr. chußman hannoverischer Abstammung ich schrieb guerft: der Hof. Denn fast wie ein niedersächsischer Hof sieht sie aus, von Baumen um­standen wie einKamp" im deutschen Sachsenlande. Die Scheunen sind breit und hoch. Die Scheunenhäuser aller Farmen haben diese heimat­liche Gestalt, und alle Farmen liegen in Baumkamps. In Minden ist eine Automobilgarage, die in äußeren Umrissen und innerer Aufteilung einem niederdeutschen Bauernhause ähnlich sieht. Es wäre schon, zu denken daß die deutsche Landschaft weit über Meer und Land hin in dieser Landschaft im Westen Amerikas eine ferne Welle geschlagen habe ich weih es nicht. Die Farmerhäuser aber sind weih mit Säulen- umgangen des amerikanischen Kolonialstils umbaut.

Drahtqittern gegen fliegendes Ungeziefer geschützt. Die Hauser haben Villencharakter, es fehlt ein Flur, alle Räume gehen durcheinander, man liebt in Amerika kein individualisches Sichabsondern. Es fehlt an Tep­pichen nicht und nicht an Klavieren, am allerwenigsten an Radios. Und im Hose natürlich nicht an Autos. Die Söhne farmen, daß heißt grob deutsch gesprochen, sie sind Bauern, die Töchter aber besuchen die high schools". _ ... ...

Im Westen vor mir erhebt sich die kahle Sierra mit dem Mount Job nach dem Bibelhelden benannt. Im Süden streichen die langen kahlen Silvermountains hin. Der Minenbetrieb im nahen Virginia City hat die Berge rasiert. In den Pine-nut-Hills aber sollen noch einige Russe liefernde Kiefern stehen gut, man überließ die Hills den einstigen Landesherren, den Indianern. Vielleicht finden sie dort, wenn sie auf den Farmen nicht arbeiten wollen, noch etwas zu essen, falls die zahlreichen Eichhörnchen, die in Amerika grau sind, ihnen noch etwas übrig ge­lassen haben.

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Alte Liebe.

Novelle von Alfred Bock.

(Fortsetzung.)

Der Meister blieb in schweren Gedanken zurück. Die Gefreundschast meinte es gut, gewiß. Und doch, in ihn hineingucken konnten sie nicht. Er kam nicht über sein Leid hinweg. Dachte er an die Marie, schlackerte ihm das Herz. Sie hatte zu ihm gepaßt, war wie geschaffen für das Geschäft. Sie hatte immer den guten Willen gehabt und dazu ein freund­lich Gesicht. Und wie hatte sie für ihn gesorgtl Wo sie stand, war reine Luft Ihresgleichen sand er nicht wieder. Nun wollten sie ihm den Kopf heiß machen, daß er mit Schuhen und Strümpfen in eine neue Eheschaft sprang. Es schauperte ihn. Den Fall gesetzt, die Anstalt gab ihm den Schein, das Gericht entschied für ihn und er ging wieder auf die Freite. Was war dann? Er spielte Lotterie. Ob er gewann, das war noch sehr die Frage. Rat hin, Rat her. Man konnte viel schwätzen, eh eine Suppe kochte. Freilich, ein guter Rat war ost wie eine Arznei, die bitter schmeckte und dann doch hals. Darin hatte die Gefreundschast recht: eine Frau tat hier not. War sie tüchtig, brachte sie, was sie kostete, ein. Aber wer bürgte ihm, daß sie sich schulte unb für ihn schickte? Die Ratgeber trugen den Schaden nicht. Eh er einen entscheidenden Schritt unternahm, würde er's zehnmal überlegen.

Lange ging er wie tieffinnig umher, ohne einen Entschluß zu fassen. Endlich raffte er sich auf, begab sich in die Irrenanstalt und begehrte den Direktor zu sprechen. Nachdem er eine volle Stunde gewartet hatte, wurde er in das Zimmer des Oberarztes gesührt. Das war ein alter, beweg­licher Herr, der neben seinem Amt als Leiter der Anstalt in der be­nachbarten Großstadt eine ausgedehnte Praxis hatte. Immer lud er sich so viel auf, daß er niemals fertig wurde. Deswegen galt ihm die Zeit als die größte Tyrannin. Dem Meister Allerhand, der ihm sein Herz aus­schüttete, antwortete er, sein Journal aufschlagend:

Ich begreife vollkommen, daß Ihre Lage sehr mißlich, ist. Wir haben bei Ihrer Frau alles Mögliche versucht. Leider ohne Ersolg. Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen die volle Wahrheit zu sagen. Meiner lieber- zeugung nach wird Ihre Frau nicht wiederhergestellt!"

Könnt ich das vielleicht schriftlich haben?" brachte der Meister zögernd heraus.

Der Oberarzt sah ihn prüfend an.

Sie möchten wieder heiraten, Herr Schärfster?"

Der Meister hielt den Blick ruhig aus.

Ich möcht nicht, Herr Doktor, ich muß. 'S geht mir sonst alles kaputt!"

Der alte Herr beugte sich, die Stirn kraus ziehend, über sein Journal, schritt ein paarmal im Zimmer auf und ab und sagte bann:

Ich kann Ihnen bas Zeugnis geben. Es wird Ihnen demnächst zugestellt."

Der Meister dankte unb entfernte sich.

Ein paar Tage später hatte er bas ärztliche Gutachten in Hänben. Sein Anwalt übergab es dem Gericht. Es währte nicht lange, so wurde die eheliche Gemeinschaft, die zwischen dem Ludwig und der Marie Schaessler bestand, für aufgehoben erklärt.

Gerede Der Vetter habe bei seiner Heirat nicht nach Geld gefragt. Er brauche für sein Geschäft eine Frau. Wenn er wirklich wieder in eine Eheschaft trete, werde das Geld nicht den Ausschlag geben.

Der Meister betrauerte seine Frau wie eine Tote. Hatte er im Kram­laden nichts zu tun, hockte er in feinem Ladenstübchen und brütete vor sich hin. Dabei sah er so elend aus, als ob er nicht mehr aus der Dach- raufe könnte. .

Eines Sonntags in aller Frühe fuhr der Schwickertsadam mit feinen Füchsen bei ihm vor.

Der Meister trat vor die Tür unb fragte:

Wohin?" . .

Nach Wallenrod", versetzte der Vetter,willst du mit?

Der Meister schüttelte den Kops.

.Sei doch nicht äbsch, du mußt einmal aus dem Nest! rief der Adam, sprang vom Bock unb klopfte den unruhigen Pferden auf den Hals.

Worte gingen hin unb her. Schließlich ließ sich der Meister über» reden unb fuhr mit. ,

Sie folgten der sanft aussteigenden Straße, die Windhausen unb Stornborf berührte. Die Nebel zerstoben im Sonnenlicht. Fernab traten bie blauen Höhen bes Vogelsbergs hervor. Auf den Feldern reiften die Früchte der Ernte entgegen, lieber Bafaltgerölle strömte ein klarer Bach. Durch die reine Luft schwamm Glockengeläut. In den Dörfern standen Männer und Frauen hemdärmelig, behaglich plaudernd vor den Höfen. Aus bett mit Geranien unb Fuchsien geschmückten Fenstern schauten Frauen unb Mädchen, feiertäglich gekleidet, heraus.

Still saß der Meister neben dem Vetter unb stellte seine Betrachtungen an Warum war man in der kuriosen Welt? Daß man in die Geduld­schule ging. Das Unglück lauerte am Wege, packte diesen unb jenen. Schwerlich kam einer ungerupft durch. Ein bißchen Geduld zum Unglück gelegt, man trug es leichter. Er hatte sich zuviel nachgegeben. Wer nicht lahmte, sollte nicht hinken. Er stand einmal im Leben unb mußte es nehmen, wie es war.

Zum erstenmal seit Jahren geschah's, daß die alte Spannkraft sich in ihm regte, daß ein Gefühl von frischem Mut ihn durchdrang.

In Stornborf beschlossen sie, Rast zu machen. Jnbes ein Bursch bie Pferbe hielt, taten sie imDeutschen Haus" einen Trunk. Die Wirts- ftube war gebrängt voll. Die Gäste zogen einen ältlichen Mann aus Ermenrod durch die Hechel. Der hatte vor Jahren, als er stark benebelt bei dämmerndem Abend von Zeilbach kam, einen Esel, der mächtig brüllte, für einen leibhaften Bären gehalten. Spornstreichs lief er in fein Dorf und schrie:Heraus, ihr Gebrüder, ein Bär ist los!" Etliche rückten denn auch mit Mistgabeln und Dreschflegeln bewaffnet aus, den Meister Petz zu fangen. Wie sie gewahrten, daß sie von ihrem bezopften Dorsgenofsen genarrt worden waren, fielen sie über ihn her unb schlugen ihn blau unb grün. Von Stunb an mußten bie Ermenröder sich den SpottnamenBärenfänger" gefallen lassen. Die Geschichte würbe roieber aufgewärmt und erregte Stürme von Heiterkeit.

Der Meister Allerhand und sein Vetter hörten den Spektakel mit an und fuhren luftiert weiter.

Der Schwickertsadam hatte in Wallenrod einem Kameraden vom Militär dreihundert Mark geliehen. Dcm Mann waren kürzlich vier Stück Vieh an der Lungenseuche gefallen. Es hieß, er sei in seinen Ver- hältnissen stark zurückgekommen. Nun wollte der Adam sich überzeugen, wie es mit seiner Forderung stand. Das hatte er dem Vetter bereits erzählt. Da sie der Ortschaft sich näherten, hob er an:

Was ich sagen wollt. Da ist in Wallenrod ein Mädchen. Das tat für dich passen. Sie schreibt sich Lehrmund. Ich kenn die Leut schon lang. Der Vater ist gestorben. Er hat die Postagentur gehabt. Die älteste Tochter ist nach Echzell verheiratet. Auch an einen Postkops. Die zweite, die Karoline, hat beim Gernhardt in Lauterbach Kaufmann gelernt. Der hält sie nicht gehen lassen, wenn ihre Mutter nicht krank geworden wär. Da mußt sie heim. Die Frau hott' abgesetzte Glieder und war so her­unter, daß sie nicht mehr Mattemaul sagen könnt. Letzt hört ich, in der Karoline ihrer Pfleg ist sie wieder zu Kräften gekommen. 'S ist ein tüchtig Mädchen unb ein gutes Mädchen. Wann bu bie trägst, tönntft bu dir gratulieren!"

Wie ifts dann mit der Aelle?" fragte der Meister Allerhand. Sie kann drei- oder vierundzwanzig fein", versetzte der Adam. Der Meister machte ein bedenkliches Gesicht.

Ich bin sünfundvierzig! Jung unb alt gibt kein gut Gespann."

Der Adam lachte.

Weißt bu, wie man das heißt? Spargemente! Du bist noch nicht alt. Red dir nix ein. Und wann der Karoline ihre Jungheit wirklich ein Fehler wär, wird er jeden Tag, den sie älter wird, kleiner. Ich rat dir: guck dir emal das Mädchen an!"

Der Meister kam mit Wenn und Aber, doch setzte ihm der Vetter dermaßen zu, daß er zuletzt die Waffen streckte unb sagte:

Ich will nicht widerbörstig sein. Läßt sich's machen, guck ich mir emal das Mädchen an!"

In derKrone" zu Wallenrod wurde ausgespannt. Während der Meister Allerhand sich einen Schoppen geben ließ, ging der Adam zu seinem Kameraden vom Militär. Dem hatte ein naher Verwandter ge­holfen, so daß er hoffte, über den Berg zu kommen. Er bezahlte dem Adam auf Abschlag fünfzig Mark und versprach, den Rest [einer Schuld in vierteljährlichen' Teilen zu tilgen.

Befriedigt ließ sich der Adam mit Branntwein bewirten unb suchte barauf seine alte Bekannte, bie Witwe Lehrmunb, auf. Die traf er allein. Die Tochter war ins Backhaus gegangen. Er fragte die immer noch Leidende, wie es ihr gehe, sprang vom Hundertsten ins Tausemste und kam endlich auf die Karoline zu sprechen. Er wisse ihr eine gute Partie. Der Mann, um den es sich handle, sei justement im Dors.

(Fortsetzung folgt.) _____