Ausgabe 
16.10.1931
 
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Die Stadt ist ja nicht mehr weit, dachte Pantarkes, indem er dahin­flog wie ein Sturmwind; hinter ihm polterte und klirrte der Wagen. Auf eine Zeit spürte er's nicht mehr, daß er vom frühen Morgen an hatte marschieren müssen, dann an der Schlacht teilgenommen und schließ­lich stundenlang gelaufen war. Die Wut auf Apollodoros und die Angst um seine Ehre machten ihm schnelle Füße, er_rafte die Hügel hinan, schon stieg hinter dem letzten, im Glast des Sommernachmittags, der Burgfelsen der Stadt auf. Die Landschaft aber schwärmte von Leuten, solchen, die noch in der Stadt Schutz suchen wollten, und anderen, die im Begriff waren, aus der Stadt wiederum zu fliehen. Dem Läufer, der wie ein Toller dahinrannte, und dem hinter ihm herjagenden Ge­fährt schrie man zu, was es denn gebe?

Der Schweiß rann dem Pantarkes in Strömen vom ganzen Leib, noch eine halbe Stunde, dachte er, würde er es auszuhalten haben. Aber die Aufregung fing an, ihm den Atem zu benehmen, als, wie nun das Land gegen Athen zu sich absenkte, der Wagen ihm rasch näher­zukommen begann, und er hörte, trotz des Blutsausens in seinem Ohr, schon das Schnauben der Rosse und das Klatschen der Hiebe, die Apollo­doros ihnen gab. Die Flanken schmerzten ihn, er hielt die Hände drauf, der Atem stach ihn wie Nadeln.

Er sah ein, daß er verloren sein würde, er vefluchte den Apollo­doros und gelobte dem Himmel eine große Gabe, im Falle er die Stadt doch noch als erster erreichen würde. Sein Blut toste, schwarze Schleier hängten sich ihm vor den Blick; als er endlich durch das Stadttor jagte, da war der Wagen schon hart hinter ihm, er hörte in der Gasse, durch die er rannte, die Leute schreien wie durch das Dröhnen eines Wasserfalls, und durch feurige Nebel sah er den Markt, bis mitten auf den Platz kam er noch und schrie:Wir haben gesiegt!"

Dann schlug er lang hin und war tot, zehn Schritte aber hinter ihm erst war der Wagen.

Nevada im

in Amerika

Minden Ontario.

Deutsche Aecker in Nevada.

Bericht aus dem uubekannken Amerika.

Von Josef Ponten.

Minden! Nein, nicht die schöne, stille alte Weserstadt ist gemeint, sondern ein kleines, neuestown" am Ostfuße der Sierra Staate Nevada, hart an der Grenze Kaliforniens. Es gibt mindestens noch drei Minden: Minden Louisiana, Minden Illinois und

südlichen Lage gemäß ist sie schnee- und gletscherarm, und die Haupt­sache: diese Gebirge erstrecken sich weiter hin als die europäischen und verlieren dadurch für das Gefühl an Höhe. Die Alpen haben im Norden nur wenige, im Süden fast keine Vorberge, diefoothills" ehemals goldführende Konglomerate der Sierra auf der westlichen Seite sind sehr tief, sie namentlich sind daran schuld, daß das ideale Gefalle der Sierra nur zwei Grad beträgt. Durch diesefoothills fahren wir im Zuge der alten Straßen, auf denen die Einwanderer aus dem Osten der Staaten nach Kalifornien hinein fluteten, das Gebirge hinan, schlafen in einem Waldlager, queren das Gebirge in schonen Waldern nord- amerikanischer Art die Gebirgsbäume entwickeln größere Hohe, ober geringere Breite als die europäischen des verwandten geographischen Ortes und finken durch granitene Quertäler in die wüstenhaften Hoch­ebenen von Nevada hinab. Schon die Höhenlage der östlichen psuhpunkte wegen ist die Sierra auf dieser Seite wenig stattlich, auch bildet der Granit im allgemeinen, wenn nicht besonders tektonische oder andere geographische Gewalten es anders wollen, weniger ansehnliche Formen aus als der die Nord- und Südgürtel der Alpen füllende Kalk mit seiner Neigung zu senkrechter Klüftung. Also nein, Dolomiten oder Wet^r- steinalpen und deren gewaltige Bilder hat die Sierra nicht. Aber wir tinb hier in einer Gegend, welche die tolle und oft schaurige Romantik 6er Goldsucherei. auch heute noch in Erzählung und Erinnerung durch- S. Und mit der Goldsucherei in einem überraschenden Sinne hangt die ehung von Minden zusammen. . .. ...

Schon in der Goldsuchergegend auf der kalifornischen Sierraseite fiel mir der Name Minden auf einem Wegweiser tn die Augen; aber die Schwierigkeiten der kurvenreichen Straße bewirkten, daß ich im aup mvrtfamen Steuern nicht weiter darüber nachdachte. Doch auf 6er Ost­seite des Gebirges begegnete der Name wieder: Minden! Das klingt doch sehr deutsch! Fahren wir hin! , @i.

Wir bogen hinab und hinein ins Carson-Valley, genannt nach Kit Tarson. dem berühmten Pfadfinder aus den Jnd.anerknegen der der erste Weiße gewesen ein mag, der das Tal auf seinen verwegenen Ritten besuchte. Auf der anderen Talseite liegt das ewft oolk-, mann

Niche Virginia-City, die Gold- und Silbergraberftadt die IN den funst Wer Jahren des 19. Jahrhunderts hektisch ausbluhte als der kalifornische Goldrausch bereits abebbte. In Virginia-City grub auch em Deutscher namens Dangberg, gekommen aus dem Kreisstadtchen Halle im Regierungsbezirk Minden. Well, er mag die üblichen Enttäuschungen

Wir tarnen von Kalifornien: Wir hatten San Franzisko verlassen, der Stadt an der göttlichen Bucht, wo es, wie dort immer im Juli, unfreundlich und kalt war. Aber kaum waren wir auf der Fähre Über die nebelige Bucht nach der Universitätsstadt Berkeley gefahren und hatten das Auto ostwärts gerichtet, da war es sonnig und warm. Kali­fornien ist gelb und grün-gelb bis aschblond, wie man sonst nirgendswo etn Land sieht, von dem kurzstrohigen wilden Hafer, der Meilen um Meilen die runden Hügel bedeckt; und grün, fast chrysoprasgrun, wie man es noch nicht gesehen hat, in den Niedrungen, wo durch künstliche Bewässerung die dichten Oasen und Fruchtgärten entstehen. Durch das heiße Sakramento, Kaliforniens Hauptstadt, fahren wir hindurch und folgen dem Kommen des Sakramentoflusses die Sierra Nevada hinan. Ich bin überzeugt, die meisten deutschen Leser stellen sich unterSierra Nevada" etwas hinreißend Schönes vor, für das deutsche Ohr war der Klang romanischer Namen immer verführerisch die Alpen sind schöner. Die Sierra erhebt sich zu fast denselben Höhen wie die Alpen, aber ihrer ...... ~ ;ge gemäß ist sie schnee- und gletscherarm, und die Haupt- Gebirge erstrecken sich weiter hin als die europäischen und

der Goldgräberei erlitten haben, er tarn auf den Gedanken, auf solidere und vielleicht anständigere Weise sein Gold zu gewinnen, er wurde Farmer im Tale. Die 30 000 Männer von Virginia-City brauchten Brot und Fleisch, wofür natürlich die hqhen Preise der Goldgräbersaison; noch dazu in einem Wüstenlande, bezahlt wurden. Er zog drei Brüder aus Halle nach, und bald hatten die Dangbergs im Carson-Valley viele tausend Acker (Morgen) in ihrer Hand, aus denen sie die Fülle der Grasfrüchte holten.Crazy dutchman", verrückter Deutscher, nannten den Dangberg die Goldgräber, wenn sie aus die von wildem Sagebrush bedeckten Talsteppen schauten. Aber die Dangbergs leiteten den aus den Silvermountains kommenden Carson-River auf die Steppen und kurz und gut, heute ist das Carson-Valley eine Prachtoase, besetzt mit einigen tausend fleißiger Menschen, und 60 vom Hundert davon sind deittscher Herkunft. Denn die Dangbergs zogen nun viele Deutsche aus Halle bei Minden übers große Wasser herüber, der eine der Brüder, August, fuhr selbst hin, um namentlich Frauen zu holen, die in dieser Männerlandschaft ebenso begehrt wie das Gold waren. Heute lebt noch einer von den Brüdern, gekannt und geliebt in der ganzen Landschaft, der jüngste, der 79 Jahre jungeOnkel Wilhelm", wahrhaft ein junger Mann, der den Krieg von 70 mitmachte. Er erzählt uns in einem lieblichen Gemisch von Deutsch und Englisch die Geschichte der Landschaft, und abends zu den Tönen des Klaviers im blühenden Farmerhause singt er begeistert dasWestfalenlied" und preußische Soldatenlieder. Er war aber nicht immer für preußisches Soldatentum begeistert, der Uederdruß an den jährlichen Hebungen, zu denen er eingezogen wurde, veranlaßte ihn, dem Rufe der ihm voraufgegangenen Brüder zu folgen; und so kam es, daß er in den 56 Jahren seines Hierseins niemals, auch nicht zum Besuche, nach Westfalenland zurückkehrte, denn er fürchtete sich vor einem gewissen Bezirkskommando, in dessen Listen er als Ausreißer notiert ist. Es lebt auch noch die 81 Jahre junge Mrs Dangberg, die Witwe des Aeltesten, eine Stockamerikanerin englischer Herkunft. Die frische, präch­tige, alte Frau erzählt mir, man habe ihr im Kriege, in der schrecklichen Zeit der hiesigen Deutschenverfolgung, nahegelegt, ihren Namen zu anglisierenfällt mir nicht ein", hat sie gesagt;und wenn ich wieder jung wäre und heiraten würde, ich würde wieder einen Deutschen heiraten!" Mrs. Dangberg erzählt mir auch, wie sie in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vor dem Bau der Ueberlandbahn mit ihrem Vater und feiner Familie im Planwagenzuge von Illinois in fünf Monaten über die Berge reifte, und sie sah auch noch Büffelherden über die ungeheuren Ebenen westlich des Missouri streunen, die Büffel, die Schande der weißen Menschen! heute ganz ausgerottet sind.

Die Deutschen in Carson-Valley vertrugen sich mit den friedlichen Washo-Jndianern friedlich waren sie, wenn auch einer dem Sahne des Christoph Dangberg eine Kugel in die Stirn schoß in der Weise, wie sich der weihe Mann überhaupt mit Indianern vertrug: er nahm ihm seine Jagd- und Fischereigründe und drängte ihn ins tote Land, im Carson-Valley gegen die Randberge, Der Washo ist heute ein stiller, in sich gekehrter Farmarbeiter. Die amerikanische Regierung in ihrem Bestreben, die Indianer zuzivilisieren", das ist zu entwurzeln, er­öffnete eine großartige Jndiänerschule im Take (der Direktor heißt Schneider), wo die kleinen Braunhäutigen und Schwarzhaarigen die englische Sprache, Religion, Handwerk, Kochen und amerikanisch Bauen lernen; denn Amerika wünscht, daß die indianischen Zelte verschwinden, aus hygienischen Gründen". Und so liegt denn heute vor den Pine-nut- Hills, Kiefernußbergen, das armseligeDreßlerville", genannt nach Herrn Drexler aus dem Hannoverschen, eine traurige Sammlung von Holz­buden: die Jndianerstadt.

Landschafts-Stammvater Dangberg hatte vier Söhne. So groß war fein Besitz und so rührig waren die Söhne, daß mein Gastfreund John Dangberg 7000 bis 8000'Acker (Morgen) Land im Tale unter dem Pfluge hat und 32 000 Morgen Bergweide besitzt. Denn als ein moderner Vater Abraham nennt er 25 000 Schafe, 3000 Rinder und 2000 Schweine sein eigen. Tausend Tonnen Betreibe erzeugt er mit Hilfe der modernsten Maschinen. Das Heu z. B. wird mit Maschinen geschnitten, mit Ma­schinen gewendet und gesammelt und mit Maschinen zu den gewaltigen Schobern aufgehäüft, die wie Turmkuppeln in der Landschaft stehen.

Der älteste der Söhne des alten Dangberg, Fred Dangberg, gründete 1905 die StadtMinden" im Mittelpunkt der Landschaft. Sie hat 200 Einwohner, meist irischer, italienischer, baskischer Herkunft, ein teures Hotel, eine Farmerbank, ein langweiliges Rathaus, Getreidesilos und die mit den modernsten Einrichtungen versehenen Eier- und Butterstapel­häuser derMinden Butter Co.". Da werden die Eier durchleuchtet, die innerlich irgendwie schadhaften sofort verkauft, die tauglichen aber zu Tausenden und aber Tausenden aufgestapelt, bis günstige Markt­preise winken, vielleicht übers Jahr. Das Butterhaus hat ausgezeichnete Maschinen ich denke an die Butterkirne der Großmutter in der Eifel, die ich als Knabe mit der Hand drehte. Die Milch wird hygienisch und marktfertig scharf untersucht, und der anliefernde Farmer wird nach dem Fettgehalte der Milch bezahlt.Prosperity" herrscht in dieser Land­schaft, und also ist sie gut amerikanisch.

Zum Namen Minden kam es so: Fred Dangberg, der Sohn, schenkte der nördlich das Tal durchschneidenden T.- und V.-Eisenbahn das nötige Land, sie baute eine Stichbahn das Tal hinaus. Der Entpunkt der Bahn, die neue Stadt, sollte Halle heißen, womit Fred Dangberg die Erinne­rung an die Herkunft seines Vaters aus Halle in Westfalen festlegen und monumentafifieren wollte. Aber der amerikanische Direktor der Bahn erklärte den Namen Halle für einen englischen Mund als unaussprech­bar; er klinge auch zu sehr nach hell (Hölle) so nahm Fred Dang­berg eine deutsche Landkarte vor und taufte seine Gründung nach der Halle zunächst liegenden deutschen Stadt Minden.

Ich notiere einige Farmernamen: Dangberg, Dreßler, Springmeier, Settelmeier, Lampe, Dreyer.

Deutsch wird kaum noch gesprochen. Die Alten sind tot ober sterben, die Mittleren können nochStuten Morgen" sagen, die Jungen sprechen nur englisch. Wie sollen sie auch anders? Sie leben in einem englischen Sprachmeere, und von den Vorteilen der Zweisprachigkeit haben sie