Ausgabe 
16.10.1931
 
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mit letztem Atemflug noch eine ganze Flut von Weisungen erteilend, blieb er zurück. Pantarkes aber lief ihm leichtfüßig davon, die hoyen Baumwiesen entlang, die voll wilder Blumen standen und über die die Sommerfäden flogen, und durch die Felder eilte er dahin und Wein­berge hinauf und hinab, und unter Gruppen von Apfelbäumen und Birnbäumen dahin, sie standen im feuchten Grund: von einer Oelweide aber riß er, im Vorüberlaufen, einen graublättrigen Zweig als ein Zeichen des Sieges mit dem winkte er den Bauern zu, die er sah, und rief ihnen zu, denn der Thessalier war ja nicht mehr dabei, der es ihm hätte verbieten können, wo war der schon! "

So rannte er durch den sonnigen Nachmittag, seine gelben Haare wehten wie Oel glänzte der Schweiß auf ihm, und leichter Staub lag auf feiner Haut, wie auf den Schultern der Ringkämpfer. Er war nun fast schon auf halbem Weg, und noch immer ging ihm der Atem so leicht, daß er sogar noch schneller zu laufen beschloß, denn er war un­geduldig geworden und freute sich darauf, den Sieg auf der Agora aus- zuschrein und er dachte fictjs aus, wie es fein würde. Ctn von Menschen lief nun schon ftreckenweit neben und hinter ihm her, Landleute, Bauernmädchen, Hirten und Jäger, auch kleine Landedelleute, die wissen wollte wie die Schlacht verlaufen wäre, und sie riefen ihm Fragen zu, es war ein freudiges Geschwirr, keiner aber rannte ihm voraus, sondern es ließen ihm alle die heilige Ehre, zu der er aus« ersehen war, nur die Hunde der Hirten umkreisten bellend den Schwarm.

Wagenzüge, die, mit athenischen Frauen, Knechten und Gepäck, gegen das Gebirge zu flüchten im Begriff gewesen waren, hielten an und wendeten wieder um, als die frohe Nachricht ihnen zugeschnen ward, da man mochte schon nicht viel weiter als eine Stunde von Athen ent­fernt sein nahte sich von links ein mit zwei starken Schimmeln be­nannter Wagen, auf dem der Lenker stand, und hinter ihm ein gewisser Apollodoros, ein junger Mensch, nur wenig älter als Pantarkes. Doch war er nicht mitaezogen, als alle anderen ins Feld geruckt waren, er hatte vielmehr behauptet, feine Mutter und feine beiden Schwestern ins Gebirge führen und dort in Sicherheit bringen zu müffen. Nun kam sein Wagen in chnellemTrab heran und bog neben dem lausendenTrupp ein.

,®as gibts?" rief er, als er Pantarkes erkannte, vom Wagen her­ab "Er stand, ein wenig hochmütig und aufgerichtet, auf dem Gefährt, die schweren Schimmel peitschten sich mit dem Silberhaar der langen Schweife die Flanken und bissen schäumend in die Kandaren, langsamer nun neben den Laufenden einhertrabend.

Wir haben gesiegt!" antwortete Pantarkes, wie er 5 auch den andern schon zugerufen. ,, . ,

Gesiegt?" rief Apollodoros.Wann und wo?" Es ward ihm gesagt. Wohin aber läufst du, Pantarkes?" fragte er dann. »Nach Athen? Warum bist du zu Fuß? Warum bist du nicht im Wagen? Willst du nicht auf den meinigen?" .

Nein" erwiderte Pantarkes,es ist eine heilige Ehre, die mir zuteil geworden ist, daß ich die Nochricht vom Siege im Lauf nach Athen bringen darf, und ich steige weder zu Pferd noch nuf einen Wagen

'Ach so", meinte Apollodoros, und lieh den Lenker eine Zeitlang schweigend neben dem fröhlichen Trupp einherfahren. Dann aber gab er dem Manne plötzlich einen Stoß in den Rücken und bedeutete ihm, ^ch^Warum?fährst du mir vor?" rief Pantarkes, als der Wagen ihm mit einem Mal zuvorkam.

, Weil es mir (o paßt", antwortete Pantarkes.

,^Wohin willst du denn?" fragte Pantarkes.

Zur Stadt", antwortete Apollodoros.

Zur Stadt? Doch nicht mir voraus!"

Warum nicht?" , . , , , ,

Weil ich erst die Siegesnachricht hinbringen soll! rief Paittarkes.

"Nun", erwiderte Apollodoros,ich bin mit dem Wagen ja schneller dort' als du und werde dir deine Mühe abnehmen.

Das wirst du nicht", rief Pantarkes,nur ich darf den Steg melden!

"3a", riefen nun auch die andern,er ist der Läufer und nur er darf die' Nachricht vom Sieg überbringen!" ,

So? erwiderte Apollodoros,das sehe ich nicht em. Ich werde früher dort fein als er und deshalb selber den Sieg melden.

Das wirst du nicht!" schrie der Knabe.

Warum nicht?" fragte Apollodoros.Bin ich nicht ebenso vornehm wie du? Sind meine Pserde nicht schneller als deine Füße? Und mit diesen Worten, und während die andern zornig aufschrien, stieß er den Lenker »Dieberum in den Rücken und befahl ihm:Vorwärts! ,

Der Lenker aber, der nun erst merkte, warum er schneller fahren sollte, erwiderte:Herr, das dürfen wir nicht!"

Was dürfen wir nicht?" schrie Apollodoros.Was geht das dich an! Wenn ich dir zu fahren befehle, so hast du zu fahren!" ,

Nein Herr", erwiderte der Lenker,ich fahre dem Läufer nicht oon

"So?", brüllte Apollodoros.Nicht? Du vielleicht nicht, aber ich!

Umb damit riß er dem Lenker die Geißel aus der Hand und stieß ihn vom Wagen. Der Lenker fiel rücklings zur Erde Apollodoros aber hieb sogleich auf die Pferde ein, so daß sie sofort in Galopp fielen. Doch hatten ein paar von denen, die im Trupp mitliefen, versucht, auf den Wagen aufzuspringen und ihn zurückzuhalten, allem vergebens, jgjon jagte er davon. ...

Ein wütendes Geschrei ausstohend, rannten ine Lauser mm nach, Pantarkes aber, als die Pferde dahinzustürmen begannen, flog schon neben ihnen her wie ein Pfeil und versuchte, ihnen in die Zugel zu fallen.Laß los!" brüllte Apollodoros, schon aber hatte Pantarkes am Handpferd hängend, ihm das Kopfgestell abgerisien. Apollodoros fchmg mit der Peitsche nach dem Knaben, der aber rannte bereits, m oer Richtung auf die Stadt zu, davon, woraus Apollodoros den Wagen, wenngleich das Geschirr nun verwirrt war, wieder in Galopp W»)1'' Doch war das Handpferd nun nicht mehr zu lenken, und der Wagen. Yinier dem Läufer zurückbleibend, schleuderte hin und her. Pantarkes lief, I» schnell er konnte, Apollodoros, auf dem in Unordnung geratenen w- fäfjrt folgte fluchend, der Trupp der übrigen aber fiel sogleich weit zurua.

Durch dieses Schwankende und Unsichere, durch das blinde Folgen den eignen Gefühlen und das Horchen auf andere Stimmen, ist eine Hal­tung in der Konfliktsepoche während der ersten Regierungsfahre Komg Wilhelm bestimmt, die feine Stellung und feine Entwicklung so stark beeinflußte. Wohl war es ihm schmerzlich, dem Vater m seinem Kampf gegen das Parlament und die Minister entgegenzutreten; aber je mehr er sich dazu gedrängt fühlte, desto heftiger wurde seine Abneigung gegen den Einzigen, der die Sache der preußischen Monarchie mit starker Hand führte gegen Bismarck. Es war mehr ein starker persönlicher (Segen« atz zwischen demMann von Blut und Eisen" und dem schwärmerischen Verfechter feiner Ideale. Sie wollten beide die Erhaltung und Stärkung des preußischen Königstums, wollten beide die Einigung Deutschlands, Friedrich Wilhelm sogar noch weitergehend als Bismarck, aber auf ganz verschiedenen Wegen, der eine durch Abwarten und Respektieren der Volksrechte, der anbere durch eine starke Politik; und derreaktionäre -Junker", den der Kronprinz mit feinen liberalen Beratern in Bismarck sah, wurde ihm allmählich immer, mehr zur Verkörperung alles Bosen. Die Abneigung gegen Bismarck, die in den Tagebüchern fpürbar rotrb, ist neben ber Liebe zu feiner Frau das stärkste Gefühl, das Friedrich Wilhelm beseelte Desto berounberungstpürbiger ist es, baß er sich Zwei­mal bezwang und in den entscheidenden Augenblicken der preußischen Geschichte beim Friedensschluß von 1866 und bei der Reichsgründung, den Gegner unterstützte. Ein solcher Sieg des Sachlichen über das Per­sönliche rückt diesen vornehmen, aber weichen Charakter in das Licht des Heroischen, und da dieses Leuchten verstärkt wird durch die helden­haft getragene Schwere eines tragischen Schicksals, wird Kaiser Friedrich unter den eindrucksvollsten Gestalten unserer Geschichte fortleben.

Der Marathonlauf.

Von Alexander Lernet-Holenia.

Daß jener Knabe, der, in ununterbrochenem Lauf guer durch Attika, die Nachricht von der marathonischen Schlacht nach Athen gebracht hatte, aus dem Markte, nachdem er den Sieg ausgerufen, tot Zusammen­bruch die heutigen Läufer aber den Lauf von Marathon ohne weiteres bestehen (wenngleich sie an Kraft, an Uebung und an Reinheit der Körperbildung dem athenischen Geschlechte der Vorzeit bestimmt nach­stehen), hatte im Folgenden seinen Grund:

Es wogte nämlich noch der Kampf bei den persischen Schiffen, auf die der Feind sich geflüchtet; die Ebene aber, über die man ihn gedrängt, war übersät mit seinen Toten (jedoch auch Kallimachos war bei den Schiffen schon gefallen), als einer der vornehmen Knaben, die, Pagen- dienste leistend, in den Gefolgen der griechischen Edlen mit in die Schlacht gegangen waren, vor die Feldherrn befohlen ward. Seinen Namen hörte er plötzlich durch die tosenden Schlachtreihen rufen.Pantarkes"! riefen sie.Pantarkes! Zu den Feldherrn! Du sollst zu den Feldherrn kommen!" Und sein Erzieher, ein thessalischer Sklave, stieß ihn an und sagte: Hörst du nicht?", nahm ihn beim Arm und führte ihn sogleich, in einem leichten Laufschritt, zu den Strategen zurück, die, vor einer Gruppe von Pagen und Dienern, der Schlacht langsam folgten.

Aristeides stritt eben mit dem Unsichrer der tausend Platäer, die erst zu spät zu den Athenern gestoßen waren (als der Sieg fast schon ent­schieden gewesen war), und überhäufte ihn mit Vorwürfen, auch Mil- tiades machte den Platäern Vorhaltungen, Aischylos jedoch, der Dichter, sah bloß dem schönen Knaben entgegen, der über bas Blachfeld auf die Feldherrn zulief und dessen blonde Haare wehten. Auch als Pantarkes schon vor den Strategen stand, stritt man noch immer mit den Platäern, bann aber wendete Miltiades sich herum, sah den Knaben und sagte:

Wir werden keine Reiter aussenden, Pantarkes, sondern, weil der Sieg ein so großer ist, so soll dir, als einem der vornehmsten unter den Knaben, persönlich die Ehre zuteil werden, die Siegesbotschaft heim­zubringen, und zwar auf die alte, heilige Art: im Lauf. Die Väter. deiner Väter waren ja Götter, und die Mütter deiner Mutter sind Königinnen gewesen. So bist du es wert, die Nachricht vom Siege zu überbringen. Lauf zu!"

Pantarkes, nicht älter als sechzehn ober siebzehn Jahre, war noch ein wenig ungeschickt im Umgang, ftanb ba und wußte im Augenblick nicht, was er auf bie Auszeichnung, um die ihn alle anderen Epheben beneiden würden, antworten sollte; auch blickten die Feldberrn schon wieder auf den Kampf, ba aber zischelte ihm ber Thessalier schon:Vor­wärts!" zu, unb:Was schaust bu noch!" unb, sich vor ben Edlen bis zur Erde verneigend, zog er ihn am Arm hinweg.Es ist", zischte er ihm zu,eine Ehre sondergleichen, die dir widerfahren ist, unb wem bankst bu bas? Mir, der ich dich zu einem so unerhörten Athleten und Läufer ausgebildet!" Pantarkes sah ihn ungläubig lächelnd an, aber: Was lächelst bu?" schrie ihn ber Erzieher an, als sie von ber Gruppe ber Felbherrn schon eine Strecke entfernt waren,wirs lieber bie Kleiber ab! Vorwärts! Und ich laufe neben dir!" Fortwährend redend, riß er ihm die Kleider ab, bann brach er sich, aus einem Haselgesträuch, eine lange Gerte, entblätterte sie, schlug bann ben nackten Knaben leicht über bie Schulter und. befahl:Lauf!"

So begannen sie zu laufen, wobei ber Thessalier bem Knaben fort­während befahl, wie schnell er zu laufen hätte, wie er atmen solle, und anderes mehr, alles vor Aufregung über die Ehre, die feinem Zög­ling war erwiesen worden. Pantarkes aber lachte bloß unb riet dem Sklaven, nicht soviel zu schwätzen, sonst werde er außer Atem kommen; ber Thessalier aber schrie zurück, er solle auf feinen eigenen Atem acht- geben. So liefen sie dahin, und hinter ihnen versank das Tosen der Schlacht.

Am Fuß des Pentelikon eilten sie die Hügelhöhen hinan, Bauern­volk stand da und sah in bie Ebene hinab, ob man auszunehmen ver­möchte, wer bem Sieg näher wäre, bie Eigenen ober der Feind, und den Laufenden schrien sie Fragen entgegen. Der Sklave aber, ber zum Berganlaufen unb gleichzeitigen, fortwährenben Reben und Befehlen nicht mehr jung genug war, tarn mit bem Pantarkes, als sie, nach einer Stunde etwa, auf die Hügelrücken angelangt waren, nicht mehr mit, und,