Ausgabe 
16.3.1931
 
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barkeit In den menschlichen oder tierischen Körper, da die Vegetabilien bereits die wichtigste Vorarbeit, die Bindung des Elements an Zellfub- stanz geleistet haben. Daß durch die Joddüngung des Bodens auch die darüber stehende ober bewegte Luftsäule eine Anreicherung erfährt, ist sehr wahrscheinlich. Ob und in welchem Umfange das der Fall ist, ist theoretisch interessant, ohne überragende praktisch hygienische Bedeutung zu besitzen, da ja alle Produkte des jodangereicherten Bodens die zur Gesunderhaltung von Mensch und Tier notwendigen geringfügigen Spu­ren des lebenswichtigen Grundstoffs enthalten. Mit diesen gelangt bei der Nahrungsaufnahme genug in den Säftestrom, so daß man aus eine Aufnahme durch die Luftwege schadlos verzichten kann.

Oie Königin von Saba.

Erzählung von Knut Hamsun.

Copyright 1931 by I. L. A. Wien.

(Schluß.)

In Gemla stürme ich zum Schalter hin und rufe dem Billetteur zu: Eine Karte erster Klasse bis Kalmar!

Ich bezahle und nahm meinen Platz im Zug ein.

Es war Nacht geworden. Wie sollte ich die Zeit herumbringen? Ich konnte nicht schlafen, ich stand alle Augenblicke auf, untersuchte die Türen, öffnete und schloß die Fenster, fror und gähnte. Dazu kam, daß ich jedes­mal, wenn der Zug anhielt auf dem Posten sein mußte, um meiner Königin willen. Ich begann sie allmählich, ganz erbittert, zu verfluchen.

Aber das sollte alles vergessen sein, wenn ich sie traf. Ach, wie ich ihr all meine Unannehmlichkeiten schildern wollte, ihr von der Kunstkritik erzählen, von dem Menschen, der in Malmö auf mich wartete, und den ich im Stich gelassen hatte, von meiner Reise, erst auf der Stockholmer Linie und dann nach Kalmar mein Fräulein! Ja, ich würde sicherlich wieder auf sie Eindruck machen. Und keine kleinliche Hindeutung auf die paar Dere Zuschlag und die einhundertachtzehn Kronen! \

Und der Zug eilt weiter.

Ich beginne aus Langeweile zum Fenster hinauszustarren.

Da ist ewig und immer dasselbe zu sehen: Wald, Feld, Aecker, vorbei- anzende Häuser, Telegraphenstangen längs der Bahn, und bei jeder Station die gewöhnlichen leeren Güterwagen ausgestellt.

Und Stunde um Stunde vergeht; endlich pfeifen wir vor Kalmar.

Nun galt es, nun kam die Entscheidung. Ich betaste meine Wangen .natürlich war ich unrasiert, das war ja meistens so mit mir.

Ich steige sogleich aus, ich stehe da und beobachte, daß auch die Königin von Saba aussteigt; aber sie wird plötzlich so von Menschen umringt, daß es mir unmöglich ist, zu ihr hinzugelangen. Ein junger Mensch küßt sie sogar der Bruder also, er wohnt hier, hat hier Geschäfte, sie besucht ihn! Einen Augenblick später fährt ein Wagen vor, sie steigt ein, nach ihr zwei, drei andere, und fort fahren sie.

Ich stehe da. Sie war mir vor der Nase davongefahren, hatte sich nicht einmal ein wenig beacht.

Na gut, da war vorläufig nichts zu machen, ja, wenn ich genauer darüber nachdachte, war ich ihr fast dankbar dafür, daß sie mir Zeit ließ, mich rasieren und zurechtstutzen zu lassen, ehe ich mich ihr vorstellte.

Inzwischen mußte ich mir aber eine Position ausdenken, einen Zweck meines Aufenthaltes ausfindig machen, den ich als Vorwand meines Hierseins benutzen konnte.

Was hatte ich also offiziell vor Gott und den Menschen in Kalmar zu tun?

Ein glaubwürdiges Geschäft mußte ich auch deshalb vorschützen, um meine Königin nicht zu kompromittieren.

Und ich dachte wild darüber nach, was ich in Kalmarmachen sollte". Schon während ich mich unter dem Messer des Barbiers befinde, läßt mir diese Frage keine Ruhe. Soviel war sicher: ich durfte mich im Hotel nicht sehen lassen, bevor ich mir darüber klar war.

Haben Sie Telephon? fragte ich.

Nein, der Barbier hatte kein Telephon.

Aber können Sie einen Boten ins nächste Hotel senden und mir dort ein Zimmer bestellen?

Ja, sehr gern!

Dann geht der Lehrjunge.

Nach dem Rasieren schlenderte ich. Drei Stunden später hatte ich die Stadt verlassen und befand mich draußen auf dem Lande. Ich sehe mich um, ich bin allein, ein großer schwarzer Koloß erhebt sich vor meinem Blick. Ich bleibe stehen, um den Koloß zu betrachten, er sieht wie ein Berg aus, mit einer Kirche auf der Spitze. Während ich so dastehe, kommt ein Mann dahergegangen, ich halte ihn an und frage, was dies wohl für ein Berg fei.

Das ist das Schloß, erwiderte er.

Das Schloß ist natürlich traurig ramponiert und verfallen? frage ich.

Ach nein, der Verwalter hält güte Aufsicht, erwidert der Mann.

Wer lebt zur Zeit da, ich meine: was für ein Fürst ist nun in dem südlichen Flügel untergebracht?

Ja, der ist jetzt voll Rüstungen und Schwertern und Altertümern, allen möglichen alten Sachen...

Ich bekomme stehenden Fußes eine gute Idee: ich konnte hierher­gekommen sein, um die Altertümer auf dem Schloß zu studieren. Gegen Mitternacht hatte ich endlich mein Hotel erreicht.

Ich bekam den Wirt zu fassen und sagte, daß ich das Zimmer bestellt hätte. Ich will hier Altertümer studieren, sagte ich kurz und ärgerlich, ich taufe sogar alte Sachen, damit Sie es wissen, das ist mein Beruf.

Der Wirt war mit Ser Erklärung zufrieden und ließ mich auf mein Zimmer führen.

Nun kommt eine Woche der Enttäuschungen und verlorener Bemuhun- gen, eine ganze Woche! Die Königin von Saba ist nicht zu erblicken. Ich suchte sie Tag für Tag, war bei dem Postmeister und erkundigte mich, ging jeden Tag an den Aushangekasten der Photographen herum, um z« sehen, ob sie nicht dort ausgestellt wäre.

Inzwischen mußte ich täglich aufs Schloß und die Sammlungen von Altertümern durchsetzen; ich schrieb große Bogen mit Notizen voll, zählte die Rostslecke auf den Säbeln und zerbrochenen Sporen.

Ich telegraphierte nach Kopenhagen nach meinen Postsachen und begann überhaupt, mich für den Winker einzurichten. Der gnädige Gott mochte wissen, welches Ende dies noch nehmen konnte. Nun wohnte ich sechs Tage im Hotel!

Am Diestagrnorgen kam ein Brief. Er war von dem Menschen, der in Malmö auf mich wartete: wenn ich bis jetzt nicht gekommen wäre, dann käme ich wohl auch nicht mehr, und so sagte er mir Lebewohl. Ich fühlte einen tiefen Stich im Herzen.

Und dennoch hatte ich den Kelch des Leidens noch nicht bis auf den Grund geleert.

Es klopft an die Tür.

Herein! rufe ich mit versagender Stimme.

Und herein kommt der Wirt in Begleitung einer alten Frau; die Frau trägt einen Korb auf dem Arm.

Entschuldigen Sie! sagte der Wirt, Sie kaufen ja alte Sachen?

Ich starre ihn an.

Ich kaufe alte Sachen?

Ja, so sagten sie selbst!

Und ich mußte mich zum Interesse für alte Sachen zwingen.

Die Frau deckt ihren Korb auf.

Ich schlage die Hände voll Entzücken zusammen und erkläre, alles behalten zu 'wollen, jeden Gegenstand. Was sollte ich denn für das alles zusammen bezahlen?

Die Frau denkt nach.

Zehn Kronen, meint sie.

Und ich gab ihr zehn Kronen, ohne zu feilschen, nur um sie schnell wieder loszuwerden. Sobald ich sie hinausbefördert hatte, rannte ich in den Park, um Lust zu bekommen.

Ein Weilchen später kommen ein paar Menschen ganz langsam, Arm in Arm, den Weg entlang geschritten. Ich werde aufmerksam, erhebe mich und starre hin: das ist die Königin von Saba!

Endlich, endlich habe ich sie wieder: meine Königin von Saba!

Ein Herr führt sie, ihr Bruder, derselbe, der sie bei der Ankunft küßte. Nun ist der entscheidende Augenblick, koste es, was es wolle! Ich wollte damit beginnen, sie daran zu erinnern, daß ich einmal in ihrem Bett geschlafen hätte, dann würde -sie sich meiner wohl entsinnen. Und wenn das Gespräch so in Gang wäre, bann würde der Bruder wohl begreifen, daß er vorausgehen müßte ...

Ich trat hervor.

Sie sahen mich beide erstaunt an, und in dem Augenblick geriet mir meine Einleitung in Verwirrung.

Ich stammle:' Fräulein ... vor vier Jahren ... und verstumme dann.

Der Herr wendet sich an mich und sagt ziemlich hochmütig: Was wollen Sie?

Ich wollte, erwiderte ich, ich wollte nur um Verzeihung bitten, wenn ich mir erlaube, das Fräulein zu begrüßen. Das Fräulein und ich sind alte Bekannte, ich habe sogar in ihrem Bett...

Die Königin unterbricht mich und ruft:

Gehen wir! Gehen wir!

So, sie wollte mich also nicht wiedererkennen, sie verleugnete mich! Der Zorn packte mich, und ich gehe dem Paare nach, das sich sehr schnell entfernt. Plötzlich dreht der Herr sich um; er sieht, daß ich ihnen folge, und stellt sich mir mitten in den Weg. Die Königin ging weiter, schließlich lief sie fast.

Was wollen Sie, Mann? fragt der Herr wieder.

Von Ihnen will ich nichts, sage ich; ich hatte nur den Wunsch, das Fräulein zu begrüßen, die Dame, mit der Sie fpajierengingen, da ich sie früher schon getroffen habe; ich wollte also nur aus reiner Höf­lichkeit ...

So, na, erstens wünscht bas Fräulein Sie also nicht wiederzusehen, wie es scheint, ermiberte er, unb zweitens ist bas Fräulein kein Fräulein, sondern eine Frau, sie ist verheiratet, cs ist meine Frau! Sind Sie nun zufrieden?

Sie ... ist... was... sie ist ... Ihre Frau?

Ja, sie ist meine grau, brüllte er; verstehen Sie mich jetzt?

Seine Frau, seine Frau!

Was soll ich noch weiter erzählen? Ich sank einfach auf eine Bank nieder. Das war mein Todesstoß! Ich schloß die Augen und ließ den Kerl gehen; was hatte ich noch mit ihm zu schaffen?

Ich saß mehrere Stunden auf der Bank und gab mich dem düstersten Schmerze hin.

Gegen Mittag begab ich mich ins Hotel, bezahlte meine Rechnung unb schlich mich unbemerkt zum Bahnhof. Nachdem ich noch eine gute Stunde gewartet hatte, tarn mein Zug und ich reifte ab, ausgeplünbert und niedergeschlagen, bis zur Erde gebeugt von einem Schmerz, der auf der ganzen Heimreise in mir fraß.

Den Korb mit den alten Sachen, den ich gekauft hatte, ließ ich in Kalmar stehen.

kLerantwortlich: Or. HansThyriot. t^ruck und Verlag: Brühl'sche Anivers itäts-Vuch« unb Steinbruderei, Ä. Lange, Sieben.