Ausgabe 
16.3.1931
 
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Gießener Zaniilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1931 ' Msntag, ben 16. »z Nummer 22

Oer Stern.

Von Gottfried Keller.

Siehst du den Stern im fernsten Blau, der flimmernd fast erbleicht?

Sein Licht braucht eine Ewigkeit, bis es dein Äug' erreicht!

Vielleicht vor tausend Jahren schon zu Asche stob der Stern;

und doch steht dort sein milder Schein noch immer still und fern.

Dem Wesen solchen Scheines gleicht, der ist und doch nicht ist, 0 Lieb, dein anmutsvolles Sein, wenn du gestorben bist.

Der Brief aus Marokko.

Von Josef Martin Bauer.

Josef Martin Bauer wurde mit dem Jugendpreis Deutscher Erzähler ausgezeichnet.

Die Geschichte von meinem Onkel Andreas, wenn ich die Dinge der Reihe nach erzählen wollte, wäre wirklich langweilig. Wenn wir Buben einmal den schnauzbärtigen Onkel als ein Wundertier angesehen haben, so hatte das seine eigene Bewandtnis. Er hatte ein kleines Bauernzeugel und nebenher machte er sich ein wenig Geld mit seinem Biehhandel. Da hat er auch unserem Vater einmal eine Kuh abgekauft, er hat sein Band­maß aus der Tasche gezogen, hat ein wenig an der Höhe und der Bauchumspannung herumgemessen und war im selben Augenblick für uns ein Wundertier, als er das Gewicht mit neun Zentnern angab. Die Kuh wurde auf die Waage gestellt hernach und hatte knapp zehn Pfund mehr, als eben die neun Zentner.

Später habe ich einmal etwas anderes gesehen an ihm, was den Glanz des Wundermannes ziemlich zum Ausbleiben brachte. Er hatte den Schnupftabak in einer Literflasche am Fensterbrett stehen und klopst-e sich aus dem weiten Hals ganze Berge Tabak auf die Hand.

Das war mein Onkel Andreas. Vielmehr er ist es heute noch; er lebt noch, mit etlichen siebzig Jahren auf dem Buckel sitzt er auf seinem Zeugel, rührt selten noch eine Hand zur Arbeit, weil es für ihn und feine graue Frau auch so reichen muß. Die Literflasche mit dem Tabak existiert auch noch. Sonst sind die Gewohnheiten alle abgestorben mit der Zeit. Onkel Andreas ist verrückt.

Weil er zu sehr vergafft war in seinen einzigen Buben. Klaus war der Fluch des Hauses geworden, weil er in allem Tun der Eltern nur das Ziel aller Arbeit und Sorge, aber auch all der verkehrten Liebe gewesen war. Klaus hin und Klaus her, so ging's den ganzen Tag. Vis er zum Militär mußte. Klaus war ein verpäppeltes Muttersöhnchen und bekam in Diedenhofen soviel Pakete, daß er es aushalten konnte seine zwei Jahre. Jämmerliche Briefe schrieb er heim, aber er hielt aus, der Vetter Klaus. Mein Onkel konnte .Klaus' nicht sagen, er sagte ,Kloos', wenn er von seinem Buben sprach, weil er von der bewußten Literflasche eine so enge Nase bekommen hätte. Kloos war in Diedenhofen und diente seine zwei Jahre ab. Und gerade, als sie daheim schon auf feine Rückkehr warteten, kam eine ganz andere Nachricht von Marseille: der Kloos war zur Fremdenlegion gegangen. Warum? Der Onkel hatte schon seit einem halben Jahre seine Tauben gefüttert zum Platzen. Kloos kam nicht.

Vielleicht konnte er den Gedanken an die Fleischtöpfe nicht ertragen. Vielleicht. Wahrscheinlicher war, daß er etwas eingestellt hatte. Oder aber er war verrückt. Die erste Nachricht kam aus Marseille, dann kamen Jammerbriefe von Taza, von Siddi bel Abbes. Zuerst war der Onkel recht einsilbig und verbissen. Nach einem Jahr aber kam die Nachricht, daß sein Kloos zum Korporal befördert fei. Das erzählte Onkel Andreas schon wieder mit hochgehobener Nase, das erzählte er am liebsten meinem Vater, der wegen seiner schlechten Füße dreimal zurückgestellt und schließ­lich ganz von seiner Dienstpflicht befreit worden war. Der mußte doch als Ungedienter noch mehr Respekt bekommen vor Klaus, der es bei den mageren Möglichkeiten in Marokko zum Korporal gebracht hatte. Kloos war wieder der große Mann, Onkel Andreas richtete feinen Bart­hang ein wenig aus und erzählte näselnd allen Menschen, die es nicht hören wollten, daß Kloos Korporal der Legion geworden sei.

Klaus war nicht schmalbrüstig gewesen und nie im Leben einmal ordentlich krank. Ich weiß ihn selber noch so: ein großer Mann, blaue Uniform, rotgeränderte Achselklappen, fein Bart ging stärker noch als das Haar ins Rötliche. Wenn er lachte, näselte er auch ein wenig. Er trank sehr viel Bier und jammerte über den Dienst. Aber er war sehr groß und breit. Seine Gesundheit muh doch nicht' so fest gewesen sein,

sonst wäre es nicht so gekommen, wie es wirklich kam. Ohne daß einmal in einem Brief vorher etwas derartiges gestanden wäre, meldete das Kommando in Siddi bel Abbes, anscheinend im Auftrag des Kranken, datz Klaus lungenkrank und nicht mehr dienstfähig sei. Das traf den Onkel so überraschend, daß er sich zu den Tatsachen in Opposition stellte, daß er sie einfach zu ignorieren suchte.

Die möchten ihn drinnen behalten", murrte er. Er lachte sehr selbst­bewußt, ober sein Bart kam wieder etwas ins Gehänge dabei.Die lügen mich an, weil der Kloos der beste Korporal der ganzen Legion ist. Den wollen sie für immer behalten." Das glaubte er selber ganz fest. Als er nach ein paar Wochen mitten im Ausmessen eines schönen Ochsens wieder von Klaus zu erzählen begann, war alles in ihm eiserne lieber» zeugung geworden.Wenn wieder ein Brief kommt von meinem Kloos, dann schreibt er, daß er Sergeant geworden ist. Der Kloos bringt es noch weit."

Das andere traf so sonderbar schnell ein, daß es für einen Mann wie Onkel Andreas einfach unglaubhaft fein mußte. Der Lagerkommandant von Siddi bei Abbes meldete in einem fast herzlich klingenden Brief, das Deutsch des Mannes war freilich kläglich daß der Korporal der Legion Klaus feinem Lungenleiden erlegen und in Siddi bet Abbes bestattet worden fei. Das wär etliche Monate vor Ausbruch des Kriegees. Onkel Andreas betrachtete den Brief, er ließ den nickelblechernen Kneifer mit zwei Sprüngen an der Nase niedergehen und runzelte ihn wieder langsam hoch. Dann sagte erSchwindel!" In das einzige heftige Wort legte er eine ganze Weltanschauung. Klaus war für ihn etwas Gött­liches gewesen.Schwindel!" knurrte er, wenn er einen Ochsen abmaß und von seinem Kloos zu sprechen begann. Die Leute sagten:Es wird schon so sein. Das Klima in Marokko kann nicht jeder vertragen." Onkel Andreas sagteSo! Schwindel ist alles!" Als der Pfarrer kam und ihm den Rat gab, er möge doch einen Seelengottesdienst halten lassen für den verstorbenen Sohn, machte Onkel Andreas ganz enge Augen und brummte:Schwindel!"

Es kam der Krieg. Für andere Leute kam der Krieg, ober nicht für den verrückten Onkel. Er hielt denAnzeiger" und wunderte sich, daß es Krieg gab zwischen Deutschland und Frankreich, wo sein Kloos doch eine einflußreiche Stelle hatte in Marokko und durch seine guten Ver­bindungen so etwas leicht hintertreiben konnte. Wenn es wirklich so war, wenn man Krieg hatte zwischen den zwei Ländern, dann mußten alle Hoffnungen bedeutend zusammenschrumpfen. Dann hatte es Kloos wohl nicht gut bei den Franzosen. Das leuchtete dem alten Graukopf ein, und so leugnet er den Krieg als für ihn einfach nicht bestehend. Wenn die Zeiten immer schlechter werden und andere Leute alle Schuld im Krieg suchten, knurrte Onkel AndreasSchwindel!" Die Tauben und die kapaunischen Gockel hatte er verkauft damals; jetzt litt er selber Hunger und sagteSchwindel!" Der Viehhandel ging schlecht, aber den Glauben konnte niemand totschlagen in diesem Menschen, daß sein Kloos einmal wieder zurückkommen müsse.

Daß mit dem törichten Glauben sechs Jahre verrannen, spürte Onkel Andreas kaum. Er saß jeden Tag auf der Bank vor dem Zeuget und schaute den Wiesenweg hinauf, weil der Bub da her kommen mußte. Klaus kam nicht. Aber ein anderer kam. Der hieß Baumgartner. Er war fahl im Gesicht und hatte etwas an sich in Gang und Gehabe, als wäre er lange ohne Licht irgendwo vergraben gewesen. Wenn der Onkel sonst nie aufstand beim Herannahen dieses Menschen spürte er etwas, er bekam eine Ahnung und ging fragend auf den Fremden zu.

Ich möchte euren Klaus besuchen. Er hat mir damals in Taza feine Adresse gegeben und da haben wir ausgemacht, daß wir uns besuchen, wenn wir erst mal frei sind. Das mit dem Brief ist heute nicht mehr notwendig. Aber aufbewahrt habe ich ihn die elf Jahre. Da schauen Sie her!" Ein anderer als Onkel Andreas hätte dumm drein gefehen. Ader der sprang auf, er schrie so lange, bis feine Frau herauskam.Du wirst staunen,, du wirft schauen! Ich habe doch wieder recht behalten. Der Klaus hat uns einen Brief geschrieben. Von Marokko!"Ja, ja" schnaufte die Frau. Die glaubte schon lange nichts mehr. Aber weil ihr Andreas immer grob wurde, wenn sie zu widersprechen begann, hatte sie das Jasagen gelernt.

Der Mann, der Baumgartner hieß, begann zu widersprechen. Er gab wohl den Brief her, der zweifellos von Klaus geschrieben war, aber das Datum war doch von 1913.Fort Jeddins, 7. Mai 1913. Liebe Eltern! Mein Kamerad Baumgartner wird, wenn fein Fluchtversuch gelingt, Euch diesen Brief bringen können. Wenn Ihr den Brief bekommt, werde ich höchstens noch zwei Jahre abzudienen haben" Baumgartner erklärte, daß der Brief bereits zwölf Jahre alt fei, weil fein Fluchtversuch eben damals mißlungen fei.Wenn ich nicht Heuer begnadigt worden wäre, hätte ich den Brief überhaupt nicht bringen können. Wir waren damals vor meiner Flucht beisammen, was später mit Klaus geschah, weiß ich auch nicht." Baumgartner wußte, was Kameradschaft ist; deshalb hatte er den Brief durch alle Fährnisse gerettet. Im Gefängnis von Algier hatten sie ihn doch oft genug durchsucht, nicht nach dem Brief, aber nach