Ausgabe 
16.2.1931
 
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-da ich so keinen Gefallen vor Ihren Augen 31t finden scheine, empfehle .ich mich Ihnen. " ,. .. s

Und damit war der Klsine schnell zur Tur hinaus, bie der Referendar sprachlos und wütend hinter ihm zudonnerte.

Schelm von Bergen.

Von Heinrich Heine.

Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein

Wird Mummenschanz gehalten:

Da flimmern die Kerzen, da rauscht die Musik, Da tanzen die bunten Gestalten.

Da tanzt die schöne Herzogin, Sie lacht laut auf beständig; Ihr Tänzer ist ein schlanker Fant, Gar höfisch und behendig.

Er trägt eine Maske von schwarzem Samt, Daraus gar freudig blicket Ein Auge, wie ein blanker Dolch, Halb aus der Scheide gezücket.

Es jubelt die Fastnachtsgeckenschar, Wenn jene vorüberwalzen.

Der Drickes und die Marizzebill Grüßen mit Schnarren und Schnalzen. Und die Trompeten schmettern drein. Der närrische Brummbaß brummet, Bis endlich der Tand ein Ende nimmt Und die Musik verstummet.

Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir, Ich muß nach Hause gehen"

Die Herzogin lacht:Ich laß dich nicht fort. Bevor ich dein Antlitz gesehen."

Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir, Mein Antlitz bringt Schrecken und Grauen" Die Herzogin lacht:Ich fürchte mich nicht. Ich will dein Antlitz schauen."

Durchlauchtigste Frau .gebt Urlaub mir. Der Nacht und dem Tode gehör' ich" Die Herzogin lacht:Ich lasse dich nicht, Dein Antlitz zu schauen begehr' ich."

Wohl sträubt sich der Mann mit sinsterm Wort, Das Weib nicht zähmen kunnt' er;

Sie riß zuletzt ihm mit Gewalt Die Maske vom Antlitz herunter.

Das ist der Scharfrichter von Bergen!" So schreit Entsetzt die Menge im Saale

Und weichst scheusam die Herzogin Stürzt fort zu ihrem Gemahls.

Der Herzog ist klug, er tilgte die Schmach Der Gattin auf der Stelle.

Er zog sein blankes Schwert und sprach: Knie vor mir nieder, Geselle!

Mit diesem Schwertschlag mach' ich dich Jetzt ehrlich und ritterzllnftig, Und weil du ein Schelm, so nenne dich Herr Schelm von Bergen künftig."

So ward der Henker ein Edelmann Und Ahnherr der Schelme von Bergen. Ein stolzes Geschlecht! Es blühte am Rhein. Jetzt schläft es in steinernen Särgen.

Narrenspiegel.

Von Kajetan R 0 0 t h.

Es gab Zeiten, in denen zum eisernen Bestand der Höfe ein Narr gehörte. Diese unentbehrlichen Hofrequisiten standen in fester Besoldung, hießengebrüdelte" Narren, trugen eigene Kleidung und hatten das verbriefte Recht, immer und jedem gegenüber, selbst wenn es der eigene Fürst war, so reden zu dürfen, wie ihnen gerade der Schnabel stand. Der Narr hat es gesagt", war Generalpardon. Das Narrenrecht wurde so allgemein geachtet, daß beispielsweise der weltkluge Prediger Schupp in seinenlehrreichen Schriften" den Wunsch äußerte:Ich begehre nicht die Beredsamkeit eines Cicero, Demosthenes usw., sondern allein das Narrenrecht. Wäre mir dies vergönnt, dann wollte ich aussprechen, was manches Fürsten Geheime Räthe nicht auszusprechen wagen, was der Hof­prediger sich nicht zu sagen getraut, was der Untertan aber sehr wohl fühlt und nicht begreifen kann ..." Den württembergischen Kanzler Lamprechler, der später Rat des Kaisers Karl V., läßt Zinkgraf indeut­scher Nation klug ausgesprochene Weisheit" den tiefsinnigen Satz sagen: Jeder Fürst muß zwei Narren haben, einen, den er vexiert, den an­deren, der ihn vexiert." Bekannt ist vielleicht, was Kunz von der Rosen, der Hofnarr des Kaisers Maximilian, der den Degen so schnediz führte wie seine Zunge, für seinen Brotherrn ost unter Einsatz des eigenen Lebens unternahm, besonders, als der Kaiser in die Gefangenschaft der Stadt Brügge geraten war. Auch Franz I. von Frankreich verdankt seinem Narren Tribolet eine Menge guter Ratschläge. Theoenin, der Hof­narr Karls V. von Frankreich, wurde auf Staatskosten beigefetzt und

erhielt ein Grabmal in der St. Moritzkirche zu Senlis. Nach feinem Tode schrieb der König an die Behörde von Troyes, die allein das Recht hatte die Narren zu liefern, ihm einen möglichst vollwertigen Ersatz für den Verstorbenen zu schicken, der ihm unentbehrlich geworden fei. Der Hofnarr Toubert hatte den offiziellen Titel:Prinz des Sols, d. h. Narrenprinz, erhalten, der ihm gelegentlich eines Prozesses vom Par­lament mit allen damit verknüpften Vorrechten in aller Form bestätigt wurde. , ,, ,, ,

In Frankreich starben die Narren mit dem mutterwitzigen Hof­narren Angely unter Ludwig XIV. aus. In Deutschland hielten sie sich, besonders am Dresdener und Berliner Hofe, bis gegen die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts. Zwar trugen diese nicht mehr die Amts­tracht ihrer Vorgänger, aber sie mußten doch ab und zu barm auf­treten Am längsten gab es solche Witzkisten in Spanien, wo Dalrymple nach einerReise burch Spanien und Portugal" noch im Jahre 177v einen Hofnarren in Amt und Würden sah, der im Dienste des Herzogs von Alba geiftreichelte, mit eigens für ihn erfundenen Orden ge­schmückt. Sein Herr verlangte von ihm fo viel Witz, daß er mehr nach­denken mußte, als mancher weisheittriefende Gelehrte.

Nebenbei gab es auch Hofnärrinnen. Unter Heinrich IV. von Frank­reich war mit diesem Posten eine Frau Mathurine betraut, der man nachrühmte, daß sie mehr Esprit und Schlagfertigkeit besessen habe als viele ihrer männlichen Fachkellegen. Kathrin-Lise hieß eine Hofnarrm der Herzogin von Sachsen-Weißenfels. Auch am Altenburger Hofe lebte ein weiblicher Saphir. Katharina II. von Rußland hatte gar ein Doppel­gespann von weiblichen Harlekinen.

Aus den glattgeschorenen Köpfen saß die Narrenkappe, die an bas Kleid angenäht war, so daß man sie abwerfen konnte, ohne daß sie zu Boden fiel. Von beiden Seiten standen zwei lange, mit Schellen besetzte Eselsohren ab, während bie Kopsmitte ein blutroter Hahnen- tamm zierte. Die einzelnen Teile bes Narrenkostüms liefen in Zipfel aus bie wie bie Krause, Aermel, Gürtel Schellenbesatz hatten, der auch zum Zuknöpfen bes Wamses biente. Die Schellen konnten nicht groß genug fein. Daher das alte Sprichwort:Je größer der Narr, ;e großer die Schelle." Auf den Aermeln trugen sie das Wappen ihrer Herren, in den Taschen das Spaßmacher- und Tafchenfpielerhandwerkszeug. Der Stab, dieNarrenkolbe", war entweder aus dem Kolben von Sumpfrohr gemacht, ober ein geschnitzter Stock, mit einem befappten, beehrten unb beschellten Narrenkopf am Enbe. Ober es war ein kleiner Narr in Halbfigur, ohne Füße, der gewifsermahen auf dem Stab thronte. Französifch hieß ein solcher KopfMarotte", ein Wort, bas 'M Heu-. hqen Sprachgebrauch auch noch so viel wie Schrulle bedeutet Dieses Zeichen nannte manNarrenzepter". Später wurde daraus die Pntfche, ein gespaltenes Stück Holz, oder aus Leder mit Wollfüllung.

Bei der Tafel hatten die Hofnarren ihren Platz hinter den Herren unb erhielten für gelungene Späße einen Becher Wein oder einen saftigen Bissen über bie Schultern gereicht. Bei allen Hokfestlichkeiten tummelten sie sich unter den Gästen. Ein ergiebiges Feld für ihre Narreteien waren auch bie Turniere, bei denen man es mit Wort und Handlungen nicht so genau nahm. So hatte ein reicher Augsburger Patrizier Max Walther, der gern mit seinem Bankkonto protzte, bei einem Turnier 1480 fünfzehn Narren in die gleiche Ausstattung gesteckt. Einer war feinWappener" (Rüstmeister) unb faß wie ber Wappener feines Gegners hoch zu Roß. Beide spielten während des Turniers Sackpfeifen (Dudelsäcke). Zwei andere wieder ließen zwei Kinder ange­sehener Eltern, ebenfalls als Narren eingepuppt, auf ihren Schultern reiten und trieben Allotria mit ihnen unter der Menge Bei den Schisferstechen, später Fischerstechen genannt, den oft sehr pompösen Feuerwerken, Vogel- und Scheibenschießen durften ein paar Spaßvogel nie fehlen. Aus dieser Sorte entstanden im Lause der Zeit bie sog. , Pritschenmeister". Sie wurden von verwahrlosten Studenten, Halb- gelehrten ober Leuten gestellt, bie ihr Geld möglichst mühelos verdienen wollten, wobei es häufig ihre Hände mit Mein unb Dein nicht allzu genau nahmen. Mit diesem zweifelhaften 'Jlarrengefinbel ging aber schon die Periode der Hofnarren ihrem Ende zu unb bie Volksnarren losten sie mit ihren Eulenspiegeleien ab. Derb und plump waren die eigent­lichen Hofnarren nie gewesen. Die Feinheit unb die Spitze ihrer Witze unterschieden sie von ihrer Vergröberung, ben chanswursten. Deshalb gingen sie nicht selten mit ihren Fürsten in die geheimsten Ratssitzungen, standen neben ihnen in ben Kirchenstühlen unb waren sowohl selbst- verstänbliche Reisebegleiter als auch Kampfgenossen.

In einer Leichenpredigt, die ber Hofprediger Philipp Condelius dem Hofnarren des Herzogs von Stettin hielt (Predigt bei) ber Leich unb Begräbnis des weyland albern und unweifen Herrn Hans Miesko, Fürst!. Altftettinifchem Naturalis Philosoph! unb kurtzweiligem Tisch- rathes, 1678") sagt er sehr viel, was er vermutlich bei anberen Ge­legenheiten nicht brauchte, und vergleicht ihn schließlich mit einem Natur­philosophen, wobei Natur in dem Sinne von natürlich gemeint ist. Der berühmte sächsische Hofnarr Claus wurde bei der Erbteilung von ben erbenben Fürsten regelrecht versteigert unb für das Höchstgebot von 80 000 Reichstalerii zugesch'agen. Es hieß allerdings von biefein spaßigen Manne:Die Hochweisesten unb Verständigsten hätten bei ihm in die Schule geführt werden können."

Die Narren waren bie besten und ausrichtigsten Freunde ihrer Brotherren. Das war wenigstens bie Regel. Sie zeigten ihnen sich selbst und andere, ohne den nicht immer vorteilhaftenMantel ber christlichen Nächstenliebe", mit bem sehr viel Unchristliches zugebeckt zu werden pflegte. Sie beschönigten teilte schlimme unb vertuschten leine gute Sache. Sie versuchten von ihren Herren bie Regierungssorgen zu verscheuchen unb halfen ihnen, bie Bürde bes Daseins leichter zu tragen. Sie waren kurz gesagt: Philosophen mit umgekehrten Vorzeichen. Nicht Narren um der Narrheit willen, sondern verrückt, weil sich nur so die Wahrheit an den Mann bringen liefe.

Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch. unb Steinbruderei, R. Lange, Giefeen.