Die Teufelin.
Ein Maskenscherz von Liesbet Dill.
Auf einer Maskenredoute im Orpheum hatte er sie kennengelernt. Er war nur aus Zufall zu diesem Ball gekommen; zwei Freunde hatten ihn mitgenommen. Sie waren ihm einfach auf die Bude gerückt, wo er zwischen Papieren vergraben sah, denn er war „mitten im Assessor ; sie hatten Larven und Dominos mitgebracht, und unten wartete das Auto... Sie hatten ihm einfach die Arbeitsjacke über den Kopf gezogen; einer holte seinen Frack aus dem Schranke, einer stülpte ihm einen Fez auf den Kopf und einer befestigte ihm an seine Brust den strahlenden Orden eines Großmoguls aus Papier — und dann ging es los. Durch Schneegestöber in einen großen erleuchteten Saal, in dem ein buntes Maskengewühl wogte. Musik, Gesang, phantastisch geschmückte Lauben, in denen Paare beim Sekt saßen. Konfetti, Papierschlangen durchzingelten die Luft und während sich der Kreis der Tanzenden um ihn drehte, stand er in der Mitte des Saales, traurig, daß er jo gar nicht in diese Fröhlich- feit einstimmen konnte und nicht begriff, weshalb diese Menschen alle so furchtbar lustig waren. Da fuhr eine feuerrote Schlange plötzlich durch die Lust auf ihn zu, umringelte fein Haupt, und sah eine niedliche, kleine Teufelin in feuerroter Seide stehen, die ihn durch die geschlitzten Augen ihrer rotseidenen Maske verführerisch anlächelte. „Weshalb so traurig, mein Lieber?" sagte sie und hing sich an seinen Arm. „Komm aus dem Gedränge! Wir wollen uns in eine Laube setzen; da ist es netter. Uno sie zog ihn mit sich fort.
Ja der Laube bestellte er Sekt, und damit kam er endlich in Stimmung. Die kleine Dame war allerliebst. Sie tanzte wie eine Fee und sprühte vor Geist. Sie war nur nicht zu bewegen, sich zu demaskieren; auch nicht einmal nach Mitternacht, als alle Larven fielen, so sehr er sie auch darum bat. Die Stunden schwanden hin wie ein Traum. Sie soupierten zusammen; er tanzte den ganzen Abend nur mit ihr. Sie hatte feine Hände, kleine Füße und graziöse Bewegungen — nicht einmal ein Leberfleck hätte ihn abschrecken können. Er war wahrhaftig ent- schlossen, sie vom Fleck weg zu heiraten, auch ohne ihr Gesicht gesehen zu haben.
Was sie miteinander gesprochen hatten, wußte er am anderen morgen nicht mehr, als er mit schmerzendem Kopfe erwachte. Er wußte nur daß sie ihm versprochen hatte, zu schreiben, allerdings nur post- lagernd; denn sie hatte sehr strenge Eltern, denen man nicht mit einem Referendar, der schon einmal durch den Assessor gesaust war, kommen konnte. Er schrieb ihr und bat sie, ihm einen Ort zu bestimmen, wo es auch (ei, wo er sie sehen könne, „aber ohne Maske, bitte . Ihre Antwort sie könne leider an dem Sonntag nicht ausgehen — die Eltern erlaubten es nicht, weil sie so spät vom Ball gekommen fei, gefiel ihm. Er liebte guterzogene Frauen. Die anderen kannte er nämlich, und sie hatten ihm nichts mehr zu sagen. Er hatte sich, zwar einmal für sie be- geistert und aus diesem Grunde war er auch durch den Assessor gefallen; aber das zweite Mal sollte ihm das nicht mehr passieren. Er schrieb ihr nun täglich, erzählte ihr aus seinem Leben, und sie ging in einer fehr verständnisvollen Weise darauf ein. Endlich eine Frau, die einen ver- stand! Ihr Briefstil, ihre Handschrift, ihr Geist erfüllte ihn nut Be- wunderunq und feuerte ihn an, ebenfalls feinen Geist anzustrengen: er wurde witzig, er suchte Beispiele aus der Geschichte hervor, um vor ihr zu prunken. Aber sie erwiderte ihm daraus mit ebensolchen Bei- pieken an denen sogar die Daten stimmten. War die beschlagen! Er führte sie aufs Glatteis, sprach auch von juristifch-knisslichen Fallen, die er zu entwirren hatte — und siehe da: auch in diesem Fache war sie beschlagen. Endlich einmal keine oberflächlich gebildete Frau, sondern eine Frau mit Verstand. _ • . n„, .
Eines Tages hielt er es nicht mehr aus. Er ersann sich eine List und schrieb der kleinen Teufelin einen sentimentalen Bries: er liege schwer- krank danieder, Ueberanftrengung, zuviel Nachtarbeit, der Arzt, ein letzter Schritt, Kühnheit, Vergebung ... und darunter setzte er, weil Poetstches immer auf Frauen wirkt, selbst bei solchen mit Verstand: „Willst im mich noch einmal sehen, komm, o komme bald!"
Dann räumte er seine Stube auf, hieß feine Wirtin Kaffee kochen und Kuchen holen, besorgte feine Zigaretten und Konfekt, stellte Likör und Gläser auf — und dann wartete er in fieberhafter Ungeduld, die Uhr im Auge behaltend, am Fenster. Gegen sünf Uhr klingelte cs. Er hatte seine ob dieser Vorbereitungen neugierige Wirtin unter einem Vorwand 3ur Stadt geschickt und öffnete die Tür selbst. Vor ihm stand em kleiner Herr in hellem Ueberzieher mit einem steifen Hut.
„Sie wünschen?" _ „ , , „
„Sie wünschen mich zu sprechen", sagte der Zwerg. „Erlauben Sie — er lüftete die Melone —, „mein Raine ist Müller.'
„Ja, und ...?" fragte der Referendar kurz.
Der Kleine sah ihn treuherzig mit zwei Schlitzaugen an. „Wir korrespondieren doch zusammen, nicht wahr? Wir kennen uns von der Re. doute im Orpheum her. Ja, ich bin die kleine Teufelin, wissen «ie, von damals. Ich gehe nämlich immer als Dame auf Maskenbälle. Als Herr, wissen Sie, hat man, wenn man so klein ist, doch wenig Erfolg; aber als Dame amüsiere ich mich immer köstlich, und beim Karneval, amüsiert mich das auch. Aber nun haben wir Aschermittwoch, mein Herr, da legt man die Maskenkostüme wieder in den Kasten. Und deshalb bin ich zu Ihnen gekommen; denn schristlich, sehen Sie ... ich hab nämlich gefühlt, daß Sie es ernster nehmen, als man die Fastnacht nehmen mutz, und deshalb —" ,
Der Referendar ritz die Tür auf, fo weit er konnte. Er fand keine Worte. Der Kleine fetzte seine Melone schief auf den Kopf. „Sehen Sie, wie ernst Sie das nehmen. Sie sind kein Karnevalist, mein Herr. Einmal im Jahre Narr sein! Wer dazu kein Talent hat, soll lieber die Finger davon lassen. Sie sehen aus, als ob Sie mich Ordern wollten; aber ich sch'age mich nicht, denn ich war in meinem Recht. Wir beide haben einen sehr netten Abend erlebt; ich hab' Ihnen soviel schone Briese geschrieben — bas können Sie doch nicht leugnen. Und jetzt mollte ich mich Ihnen vorftellen, ohne Maske, wie Sie das gewünscht haben. 'Aber
spondenz mit den unteren Schichten der Bevölkerung zugetraut hätte. — Besagte Korrespondenz soll (zum abschreckenden Beispiel) hier unter Weglassung gewißer orthographischer EigentümlichkcUen auszugsweise wieder- GfQeben tüerbeiu
Lieber Earl! Die Tante Theres ist manchmal eklig. Ich kann die un- reaelmäßigen Verben nicht leiden. Samstag über acht Tage ist bei den Bandergolds ein großer Kinderball. Ich geh als Schmetterling. Schad, daß du nicht mittannft. Wegen deinem komischen Fuß. Mit ergebenen Empfehlungen an die Frau Gemahlin
H Ihre Carolina Grosin Hohenwald.
Liebe Carolina! Du spinnst. Ich habe doch keine Gemahlin. Wegen meinem gebrochenen Fuß könnt ich schon gehen, der ist doch in Gips und ich geh auch so mit einem Stock. Aber ich Mach mir "ir aus fo einer Tanzerei. Du wirst gut ausschaun als Schmetterling. Mein Aeroplan ist schon fertig, wenn du etwas davon verstehen möchtest, tat ich ihn dir zeigen. Hochachtungsvoll Carl Lehmann.
Lieber Carl! Alle vornehmen Leute schreiben zum Schluß eine Empfehlung an die Frau Gemahlin. Das Auto von die Bandergolds wird mich abholen. Es ist sehr lang und ganz blau. Ich hab vorn und hinten lauter Flitter, es ist von der Tante Theres ihrem Ballkleid, wo sie beim Kaiser auf Besuch war. Au fein, ich hab eine Idee. Ich nehm dich mit. Du gehst als Kinderspital, mit deiner gestreiften Uniform und dem komischen Fuß. Wenn bloß die Tante Theres nicht mittönnt. Aber. wir müssen uns was ausdenken. Mit Gruß -
Ihre Carolina Gräfin Hohenwald.
Als die verwitwete Marschallin am Abend vor dem Ball noch einen Blick ins Kinderzimmer warf, sah sie ihre Nichte auf dem Betschemel inbrünstig in Andacht versunken. Leise und gerührt schloß sie die Tur, mit dem tröstlichen Gedanken, daß ihre strenge Erziehung doch noch Fruchte tragen werde. Hätte sie allerdings das geflüsterte Gebet Carolinas gehört, wäre sie weniger zuversichtlich gewesen. Das schreckliche Kind sagte ein ums andre Mal vor sich hin: „Ach lieber Gott, wenn nur die Tante Theres morgen ihre Migrän kriegen tat!"
Der liebe Gott sah über den Wolken und horte auf die Millionen Kindergebete, die um dieselbe Zeit alltäglich zu ihm aussteigen. Plötzlich stutzte er. Da war eines darunter, daß sich wesentlich von den übrigen unterschied. Und weil er eben der liebe Gott ist, der oft tut, was selbst fromme Tanten nicht begreifen können, lächelte er. — Zuerst tarnen ein paar kleine Kreise mit einem dunklen Fleck in der Mitte. Sie mehrten sich und wurden zu hüpfenden Wellenlinien. In der linken Kopfhälfte gab es einen einzelnen scharfen Stich und endlich begann es laut und gleichmäßig im Kopf zu klopfen. Marie Therese Gräfin Hohenwald erwachte und hatte ihre gefürchtete Migräne.
Auch zu Mittag wurde es nicht besser und um fünf Uhr, als Carolina als flitterglitzernder Schmetterling von einem Vein aufs andere hüpfte, erreichte der Anfall feinen Höhepunkt. Was blieb also anderes ubria als das Kind der Obhut der neuen Vandergoldfchen Gouvernante anzuvertrauen, der es auch nicht weiter auffiel, datz nutzer dem Schmetterling noch ein blauroeifsgeftreifter Knabe zu ihr ins Auto stieg. Sie hielt ihu für einen Verwandten der kleinen Komteffe und das Kostüm mit dem umwickelten Bein für sehr originell.
Der gleichen Meinung war auch die Jury, die aus den prominentesten Vertretern der Kunstwelt und Gesellschaft bestand und auf einem Podium die Polonäse der Feen, Blumen, Elfen, Schmetterlinge, Ritter, Zwerge, Indianer und Könige an sich vorüberziehen ließ, um bann den ersten Preis für das originellste Kostüm dem Knaben in gestreiftem Dreß und Gipsverband zuzuerkennen, dessen Rocksaum die mit Wäschetinte gezeichnete Marke des Kinder-Hospitals trug. — Es sah sehr echt aus. — Zum besseren Verständnis des zuerkannten Preises möchte ich die im Morgenblatt in der Rubrik „Aus der Gesellschaft" erschienene Notiz hier wieder- geben. Sie lautete:
„Der heute im Palais des Bankiers Vandergold stattfindende Maskenball ist geeignet, dem regen Interesse feiner jugendlichen Besucher zu begegnen. Eine Jury, bestehend aus ... wird über den von Mr. S.meon Vandergold dem Bruder des Hausherrn und bekannten Philanthropen, gestifteten ersten Preis von 10 000 Dollar in barem für das originellste Kostüm zu entscheiden haben. Wenn auch für die aus den Kreisen des Hochadels und der Hochfinanz stammenden Gäste der hohe Geldbetrag nicht den Hauptreiz bietet, ist man doch allseits sehr gespannt, wer als Sieger aus dieser aparten Konkurrenz hervorgehen wird."
An diesem Abend vollzogen sich vier räumlich voneinander getrennte Ereignisse die aber doch untereinander in engem Zusammenhang standen: Frau Bankier Vandergold erlitt einen Ohnmachtsanfall, als sie erfuhr, wer in ihren Räumen geweilt und wem man den ersten Preis zugestanden hatte ... Im Wohn-, Schlaf- und Empfangszimmer der Steuereinnehmerswitwe Barbara Lehmann faß ein blauweißgeftreifter Held auf dem Tisch und baute vor der Mutter Luftschlösser, in denen überlebensgroße Sleroplane eine tragende Rolle spielten ... Die Oberin des Kinderhospitals stand händeringend vor dem Polizeikommissar und meldete den jugendlichen Patienten Carl Lehmann als abgängig .. .'In dem zu den Appartements der verwitweten Marschallin Marie Therese Gräfin Hohenwald gehörigen Kinderzimmer wurde die lange angedrohte Straf- expedition in das Institut der englischen Fräuleins gerüstet, wobei es im Laufe der kommenden Jahre niemals endgültig entschieden wurde, wer mehr bestraft schien: Carolina oder die Fräuleins ...
Frau Bankier Vandergold erholte sich, die Steuereinnehmerswitwe Barbara Lehmann gewöhnte sich an das Glück, den einzigen Sohn studieren lassen zu können, die Oberin des Kinderhospitocks halte den vermißten Patienten längst vergessen und die verwitwete Marschallin Marie Therese Gräfin Hohenwald führte wieder ihr stolzes, zurückgezogenes Altfrauenleben. , . . , . _. . .
Und Carolina? — Von ihr hören wir «ft wieder nach einem Dutzend Jahren, als ihretwegen zweiunddreißig stumme Bewohner der Hohen- waldfchen Ahnengruft in rotierende Bewegung gerieten. Es war an jenem Tage, als dem die Komteffe Carolina einem simplen Ingenieur Carl Lehmann die Hand für ein langes und glückliches Leben reichte.


