oehege um das weiße Haus, dort, beim verlassenen Vater, denkt der verlorene Sohn. Vater, sagt der verlorene Sohn über die Säue. Sie grunzen, sie haben satt gehabt an den Trebern. Wie die Nacht kommt, geht der verlorene Sohn fort Das Hündchen geht ihm zur Seite. Nichts ist schrecklicher als der Weg durch die Nacht.
Es kommen viele Berge, im Morgengrauen gar finster, es kommt eine Hügelstadt zwischen den Bergen, es wird Mittag, bis die Wanderer droben stehen, es ist ein Haus unter den Reben, es ist ein alter, alter Mann in der Pforte vom Haus. Es find sieben Stufen vor seinen Füßen. Und wäre jede Stufe ein schneidendes Schwert — Vater! sagt der verlorene Sohn.
Auf der untersten Stufe ist das Hündchen liegengeblieben, weiter reicht es nicht mit seiner Kraft und seinem Verstand — was auf der obersten Schwelle gescheh», ist ihm fern. Es ist ein dummes, schmutziges Hündchen, und nun ist es müh’.
Wau, sagt Amei im Schlaf, da man sie findet über dem riesigen Buch, dem Wort des Wortes, darauf ihre kleine Stirn liegt, wau, sagt Amei zufrieden im Traum und noch einmal, ganz zärtlich und gar so zufrieden, wau, als das Hündchen des verlorenen Sohnes.
Der Weihnachtsmann.
Erzählung von Marie Hensel.
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Die Obsternte war vorbei. Rudi und seine Mutter waren dagewesen und hatten geholfen, und es war ein schöner festlicher Tag gewesen, ganz in lichte Herbstsonne getaucht. Nun lag der Segen der alten Aepselbäume schon lange säuberlich im Keller.
Schnee und Regen fegten über die Erde und' auch übek Heinrichs Land. Nebelfetzen hingen an den schwarzen Tannen, und seine zierlichen kleinen Obstbüume griffen hilflos mit ihren kurzen Aesten in die feuchte Luft. Der Boden war aufgeweicht; wie gut war es jetzt, ein kleines blaues Haus zu haben!
Der erste Adventsonntag war gekommen. Heinrich lag auf seinem Bärenfell, die Arme hinter dem Kopf, und mitten im Raum hing von der Decke ein mächtiger Adventskranz, darauf ein einziges Licht, das erste Berkündigungszeichen einer neuen Zeit.
Heinrich starrte in die lebendige Flamme. Wie schön sind Kerzen, dachte er. Es ist etwas Gleichnishaftes in ihnen, das jeder spürt, man könnte es wohl sagen, aber man darf es nicht, es klänge dann gleich abgedrofchen. So aber ahnt man das tiefe Geheimnis des menschlichen Lebens, menschlicher Schönheit, menschlicher Vergänglichkeit.
Der reiche, starke Sommer war vorbei, das Neue sollte beginnen. Eine kurze Spanne lag er gedankenvoll zwischen zwei Zeiten und sann in die Kerze. Er war glücklich, viel glücklicher, als er noch vor einem Jahr sich hätte träumen lassen, und doch, heute lag wieder der leichte, wehmütige Schleier über ihm, der trübende Hauch, der fast immer seiner Freude beigemengt war. Warum denn nur? Er hatte ja nun alles, was er brauchte, — und doch: die Kerze brannte herab. Das große Licht sollte ihm aufgehen, und er sah heute immer nur sein armes kleines Lichtlein, das sich langsam, stetig verzehrte. Schön war es freilich, wie lebendig und beseelt jetzt der Raum war, wie eigenartig das Weiß und Blau der Wände in dem warmen Kerzenschein. Schönheit ... aber Heinrich fühlte wohl, daß Schönheit nicht genügte, um sein Herz mit weihnachtlichem Glanz zu erfüllen. Weihnachten muß man fromm fein, ist man es nicht, so bleibt meist nur Bitterkeit oder Wehmut. Heinrich war nicht fromm, und so fehlte ihm vielleicht doch das Letzte und Beste zum Weihnachtsmann. Es war wohl Sehnsucht in ihm, Sehnsucht und ein Wissen um jene Fülle und Geborgenheit, die allein dem Frommen eigen ist- Es waren zwei Augen, die blickten ihn an von Kindertagen her, und er wußte wohl, wem sie gehörten. Er fühlte wohl die Forderung, die in ihnen lag, aber mit Angst, ja mit Entsetzen wendete er sich immer von ihnen ab, denn er sühlte auch die unerbittliche, göttliche Kraft, die sein Wesen zerstören konnte. Es war ein ganz stiller, ganz zäher Kampf, der kaum je die Schwelle seines wachen Bewußtseins Überschritt.
Das kleine Licht begann zu flackern, erholte sich wieder, wurde abermals unruhig, dunkle, große, sremde Gespenster trieben an der Decke ihr Wesen.
Nun war es aus, vorbei. Ein rotes Pünktchen glomm noch trüb im Dunkeln und sagte: hier war es! Nun war auch das verschwunden und alles schwarz. Die kleinen Fenster zeichneten sich matt an der Wand ab, sonst Nacht und Tod. Draußen heulte und tobte es, ein Sturm wollte kommen. Heinrich war es so elend wie nie im Leben. War denn Advent ein trauriges Fest? Er halte sich das so ganz anders gedacht. Er war doch ein schwacher Mensch, ein Spielball seiner Stimmungen, und seine guten Hausgeister hatten ihn heute schmählich im Stich gelassen. Tief seufzte er aus und kroch unter sein^Fell, ohne sich auszuzi'ehen.
Am nächsten Tag begann das große Backen. Schon lange vorher hatte er mit einem riesigen Rucksack auf dem Rücken Hamsterfahrten in die Stadt und weit aus die Dörfer gemacht; Mehl, Zucker, Eier, Fett und alle notwendigen Gerätschaften standen bereit. Auch hatte er mit List seiner Schwester das große Familienkochbuch aus dem Schubfach gestohlen, denn es mußten unbedingt die alten Rezepte fein, die seine Kindheit verschönt hatten. Sie darum zu bitten, hatte er nicht gewagt, denn sie hätte ihm vielleicht ihre Hilse angeboten und die Ungeheuerlichkeit seiner Backunternehmungen hätte ihn verraten. Nein, niemand durste dabei Sein. In tiefster Waldeinsamkeit, ganz allein im blauen Häuschen, fo buk 1er Weihnachtsmann!
Wer aber durch die Fenster gesehen hätte, der hätte wohl gestaunt. Ein großer Mann, hemdärmelig, ein weißes Küchentuch wild um den Leib geschlungen, bewegte sich mit fiebriger, unheimlicher Geschäftigkeit im Raume herum. Er rührte in Schusseln, setzte winzige Häuschen auf Bleche, kniete am Ofen, sauste zum Kochbuch, das ausgefchlagen auf dem Tisch lag, um noch mal nachzulesen, riß Bleche aus dem Ofen, nicht ohne
sich die Finger dabei zu verbrennen, kratzte halbverbrannte Kuchen in den Aschenkasten und schichtete die wohlgeratenen in bunten, irdenen Schüsseln hoch und höher. In all dieser Geschäftigkeit fand der Einsame noch Zeit, hin und wieder ein Plätzchen zwischen die Zähne zu schieben. Das hielt den Betrieb nicht sehr auf und gehörte dazu.
Uebrigens beobachtete ihn niemand, er war allein und heute wieder in glücklichster Stimmung. Er sang Weihnachtslieder, daß es fast die Wände seines Häuschens sprengte, und immer kühner wurden seine Versuche. Ja, er wagte es, aus Pfefferkuchenteig allerhand Figuren zu bilden. Männlein und Fräulein, Hunde und Vögel und wozu es immer ihn trieb. Dies gefiel ihm ausnehmend, er fang dabei wie eine Lerche.
Mit dem Kuchengeruch kamen ihm längst vergessene Kindheitserinnerungen. Einmal mußte er laut auflachen, es fiel ihm ein, wie feine Schwester und er sich als Weihnachtsüberraschung für die Eltern aus- gedacht hatten, diese in Pfefferkuchenteig nachbilden zu lassen. Sie stahlen Photographien von ihnen aus dem Album, damit es ja recht ähnlich wurde, und überlieferten sie in die mehligen Hände eines befreundeten Bäckers, der versprach, sein Aeußerstes zu tun. Die Spannung der nächsten Tage war fast nicht zu ertragen. Nun, was dann auf dem Weihnachtstisch der Eltern lag, das waren eben Pfefferkuchenleute, ein Männlein und ein Weiblein, breit und selbstbewußt, wie dies Geschlecht einmal ist, die wurstigen Arme in die Seiten gestemmt und mit Knöpfen von oben bis unten. Das Gelächter war groß, als das mit den Photographien herauskam, was Heinrich damals durchaus nicht begriff, aber jetzt nach so vielen Jahren holte er es nach.
Und dann fang er wieder, naschte, machte sich weiß mit Mehl und schwarz mit Kohlen, und war wieder einmal ganz begeistert von seinem Beruf. Warum nur wurden nicht mehr Männer Weihnachtsmann? Wie viel alten tnötterigen Hagestolzen könnte dies einen wirklichen Lebensinhalt geben; wie gesund war die Arbeit im Sommer, wie reizvoll und tiefbefriedigend im Winter. Wirklich, wenn er die Sache ein paar Jahre erfolgreich betrieben hatte, dann könnte er ja das Geheimnis ein wenig lüften und für feine Entdeckung werben. Ein Aufsatz schwebte ihm vor mit der Ueberschrift: Mehr Weihnachtsmänner! lief schürfend und zu Herzen gehend wollte er die Notwendigkeit dieses neuen Berufszweiges schildern. Eine Ausbildungsschule für Weihnachtsmänner müßte gegründet werden, mit Sommer- und Winterkursen; das Ziel müßte fein: Für jede noch so kleine Stadt einen eigenen Weihnachtsmann! Größere Städte brauchten natürlich mehr, sonst gab es Ueberlaftung, und die ganz großen Städte, ja, das war schwierig, aber mit gutem Willen würde auch dieses soziale Problem gelöst werden.
„Einen Gürtel von Weihnachtsmännern rings um Berlin!" rief er begeistert, wußte selbst nicht mehr, was Spaß und was Ernst war, und Hub von neuem an zu fingen: Freue, freue dich o Christenheit!
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lieber den Berg wanderte mit Riesenschritten eine mächtige Gestalt, einen faustdicken Knüppel in der Hand, einen schweren Sack über der Schulter. Es wehte sein weißer Bart im eisigen Wind, das Gesicht Der« schattete eine große Fellmütze, wie kein Irdischer sie trug, seitlich daran schwankte ein großer Tannenzweig! So wanderte er in den sinkenden Abend hinein, den Lichtern der Stadt entgegen.
„Jesus, Maria!" hauchte eine Bauersfrau, aber da war der Riese auch schon an ihr vorüber. Sie mußte vor Schreck den Korb vom Kopf heben, er wäre ihr sonst heruntergesallen. „Sollt man’s denn für möglich halten!" murmelte sie und stand noch lange im Schnee, dem großen Schatten nachstaunend, ohne des Rätsels Lösung zu finden.
Ein kleiner Bauernjunge, der neben seiner Mutter hertrottete, flüsterte, von heiligen Schauern ergriffen: „der Nikolaus!" Dem ließ der Riese einen schönen, großen Apfel aus seiner Tasche zurollen, ohne dabei seinen Lauf zu hemmen.
Ja, er war der Nikolaus, er selber glaubte an sich, war durchschauert von der Größe seiner Sendung. Etwas Heidnisch-Gewaltiges war über ihn gekommen; war er nicht eben wirklich rittlings auf feinem Stock durch graue Wolkenballen herabgefaust auf die Erde? Und so trieb es ihn noch im selben Schwung auf der Landstraße dahin, der Stadt entgegen, zu den Menschen, zu den Kindern.
In der Stadt zwischen den Häusern sank sein Selbstgefühl wieder auf menschliches Maß herab, er fühlte, wie er hier bei weitem weniger auffiel und wirkte, als draußen unter dem weiten Winterhimmel. Man sah ihm wohl nach, aber ohne Entsetzen, ja manche wagten es, hinter ihm her zu lachen. „Da macht sich jemand einen Spaß mit Kindern!" dachten die Leute, und ließen ihn wohlwollend gewähren.
Er hatte sich für heute einen Stadtteil ausgesucht, der ihm schon immer ganz besonders verkommen und kinderreich erschienen war. Alte, winklige Häuser standen hier wie ineinandergeschoben, meUenforn^g wand sich die grobgepflasterte Straße dazwischen hindurch, aus kleinen Fenstern glomm trübes, rötliches Licht.
Er trat aufs Geratewohl in ein Haus und tastete sich die steile, vollkommen dunkle Treppe empor. Golden leuchtete es durch die klaffenden Türritzen. Er stand und lauschte nach Kinderstimmen. Hier war nichts, eine Frau klapperte am Herd, — weiter. Wieder lauschie er, — ein langhingezogenes Geräusch zwischen einem Mann und einer Frau, nichts, — weiter. Ader nun hörte er etwas von oben, da waren Kinder, unverkennbar, Schreien, Ouieken, Lachen, Rücken von Stühlen, — sicher war es eine ganze Stube voll. Noch einen Augenblick lauschte er, ließ die wollüstige Spannung in sich wachsen, und dann — dann klopfte er, wie unter allen Männern nur einer klopfte: der Weihnachtsmann! Dreimal, stark und wuchtig. Augenblicklich wurde es totenstill da drinnen, und nun klinkte er auf und stand auf der Schwelle, groß, übergewaltig, wie das Schicksal.
Cs folgte der ihm so wohlbekannte Austritt, nur daß hier die Erwachsenen fast ebenso beklommen, mit so großen fragenden Kinderaugen zu ihm aufblickten wie die Kleinen. Es war atemlos still, sein tiefer Baß allein herrschte dröhnend in der kleinen Stube. Hin und wieder piepte ein zaghaftes Kinderstimmchen eine kurze Antwort. „Könnt ihr denn auch singen?" Jawohl, sie konnten fingen, und es erscholl, ein bfß-


