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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang |93( Montag, den ^.Dezember Nummer 98
Oie Mutter Gottes an der Wiege.
Volksweise.
Dort oben vom Berg« weht kühlender Wind,
Da sitzet Maria und wieget ihr Kind, Sie wiegt es mit ihrer schneeweißen Hand, Drum brauchet sie nimmer ein Wiegenband.
Es kommen die Englein und sehen ihr zu Und schützen dem schlummernden Kindlein die Ruh', 'tile bringen ihm Blumen vom Paradies, Drum schläft das Kindlein so ruhig und süß.
Die Vöglein umsingen die Mutter gar fein Und gucken zum Kind in die Wiege hinein.
Sie fliegen hinzu, sie fliegen empor, Und singen dann fröhlicher noch als zuvor.
Das Kindlein erwachet, gurrt Himmel fie's hält, Da singen die Engel, da jauchzet die Welt.
Der Tod ist bezwungen, all' Sünde und Weh', Geliebet, gelobet sei Gott in der Höh'.
Oas Hündlein des verlorenen Sohnes.
Von Ruth Schaumann.
Immer, wenn Ferien kommen, kommt auch die kleine Amei in der Großeltern Haus. Das zittert in sich wie ein Herz Tag und Nacht vom Mahlwerk der Mühle, die dicht beim Haus steht. In der ersten Feriennacht kann Amei jedesmal nicht zum Schlummer findens sie horcht auf das Zittern des Hausqs und denkt. Viele Felder, denkt sie, voll reifender Aohren, darin das Brot noch wächst und schläft. Am Rauschen der Aehren und ihrer Bewegung gegen einen unwirklich seidenen Himmel, viele Hügel hinan und hinab, schläft Amei endlich ein, ganz gegen Morgen. Die nächsten Nächte ist sie dann die leise Erschütterung schon gewöhnt, und auch den Geruch nach Kleie und Mehlstaub, der alle Zimmer füllt, allen Geräten anhaftet, stärker des Nachts denn am Tag.
Wenn Amei in das Mühlenhaus kommt, klagt droben am Ende der engen und schmalen Stiege die arme Maschinerie, daran die bunte Glastür aufschwebt, um hernach von alleine zuzufallen. Es tritt droben in den Türrahmen die Großmutter, immer sagt sie, in die dunkle Tiefe der hinankeuchenden Treppe hinab, zur Begrüßung: „Gehe doch leise, endlich leise, Amei!"
Immer ist dann Amei so leise sie kann in ihrer kindischen Plumpheit! niemals aber ist es l«ise genug: nie wird es das wohl werden, sagt die Großmutter droben und küßt die kleine Stirne Ameis, die ihrer eigenen gleich ist. Und der Kuß schmeckt wie ein Zweig verbrannten Wachholders.
Immer ist es Vesperzeit, wenn Amei in das Mühlenhaus kommt, und der Vespertisch ist köstlich gedeckt mit so vielen und so guten Sachen, wie Amei nirgends gewohnt ist. In der Mitte steht allemal der Kuä-en, Amei sieht ihn inniglich an, ihr kleines Gesicht verzieht sich zu einem verschämten Lächeln der Liebe. Aber die Großmutter sagt: erst Butterbrote, Amei.
Groß sind die Butterbrot« der Großmutter, gerecht bis zur äußersten Rinde liegt die Butter darauf: .nirgends ist sie zu dick oder zu dünn.
Amei kaut, recht geräuschlos, darum dauert es lang, ihre Blicke fallen vom Rand des gerechten Brotes zum Kuchen herab, wie zwei hungrige Finken zum Fenstersims des Erbarmens, mitten zur hohen Winterzeit. Sie faut nicht mehr, sie erstaunt: niemals ist der Kuchen so herrlich gewesen wie heute. Lieber Kuchen, schöner Kuchen ...
„Bist du schon satt, Amei?"
„Ach nein."
„So iß."
Amei ißt in heftigen Bissen, daß sie nur fertig wird, ehe sie satt ist.
„Nicht schmatzen, Amei."
Aus einem glühheißen Fäustchen fällt ein Ränzchen Rinde unter den Tisch. Ameis Lippen bewegen sich emsig, ihre Hände sind leer.
„Ein Stückchen Kuchen, Amei?"
„Ja, Großmutter!"
„Groß oder rlein?" Es ist ein wenig, ein ganz klein wenig Lächeln hinter der Großmutter kühlem Gesicht, aber Amei kann noch nicht durch Wände sehen, und sie schweigt. Denn sagt sie: groß, so ist wieder das gierige Mädchen am Tisch. Und klein? Lüge ist immer verboten.
Das Stück Kuchen, das die schweigende Amei jetzt erhält, ist nicht groß und nicht klein, ist Ameis Alter gemäß, und das sind nur wenige Jahre.
Gar zu gut ist der Kuchen, aber so nahrhaft ist das Butterbrot doch gewesen. Die dicke kleine Amei seufzt beschwert. Wenn sie einmal groß ist, niemals wird sie das werden, so wird sie gleich Kuchen essen und nicht...
„Bist du gesättigt, Amei?"
„Ja, ja ..."
„So kannst du gehen, ehe du zappeltst."
Und Amei rutscht vom Stuhl. Die Glastür sinkt kurzatmig in ihr Schloß, kleine, fest« Stiesel bringen die Stiege zum Dröhnen, dann ein Plumps, als springe ein Fisch in sein Element. Oh, diese überlaute Amei.
So ist Amei denn gegangen und wird nicht mehr gesehen bis zum Abend, därin ihre Milch auf dem Vorplatztisch steht. Man ruft sie im Hof, danach ruft man nochmals im Garten, dann hier und dort, und nun beginnt man zu suchen.
Gewiß ist sie im hintersten Hof, wo die gesprungenen Mühlsteine liegen und Halme sprießen dazwischen und singen: du hast uns gemahlen, wir aber leben. Ja, dort ist Amei gewesen, gleich nach der Vesper, sie hat auf dem Mühlstein gesessen, neben dem Schweinehirten Lambert, und zu ihm gesagt: „Daß du nur da bist, Lambert." Lambert hat gelacht: „Du auch, Amei." Es ist eine sehr starke Freundschaft. Lambert ist alt, und seine kurzen Seine sind sehr krumm.
„Willst du die Schweinlein sehen, Amei?"
Aber Amei ist schon wieder fort, sie hat viele Freundschaften, und man darf die eine nicht um der andern willen betrüben.
Heber dem göttlichen Haar des Mühlenschreiners Ludolf nisten die Tauben, sie girren und lachen und tun, wozu ihr Esten und Trinken sie treibt, ohne Furcht vor dem riesigen Zinken in Ludolfs Gesicht.
„Bist du nicht bange?" fragt Amei.
„Wessetwegen?"
„Daß deine Nase unter deinen Hobel kommt?"
„Nee", sagt Ludolf, „ick bün gehobelt genug, gib du man acht auf dich selber."
Der Hobel singt, Locken fallen zu Boden, ein« Taube gurrt unter des Täuberichs Schnabel, es riecht nach Kiefern und Kautabak, und Ameis helles Kleidchen fliegt schon durch die Stämme vom Bruch.
Sie ist bei sämtlichen Müllern gewesen.
Sie war auch bei dem Gärtner und seinem Weib«, der guten Hex« unter dem riesigen Schutenhut, kniend im Meer des Unkrauts.
Sie ist bei den Schwänen gewesen.
Sie hat vor dem reifenden Pfirsich gekniet, nicht zu kosten, nur zu sehen, wie er reift, daß man «5 lerne, die zwei Grüblein von ihren Knien künden von ihr im Sand.
Sie saß unterm Rhabarber.
Bei den Hllhnernestern sah man ihr Kleid.
Im Kontor hat sie die Schreiber begrüßt, zärtlicher als die Verwandt- schaff, am zärtlichsten Herrn Immergrüns Hündchen Spinett. Es schläft im tiefen Papierkorb auf den erledigten Angeboten von Gerste und Mais, und sagt man: „Spinett", so schnellt es hervor und heraus, und es wehn feine Ohren.
Und man sah sie am Ratsteich, der einstens Hafen der Engelländer gewesen und jetzt so seicht ist und wohl kaum tief genug für den Tod eines winzigen Kindes.
Aber Amei bekommt alles zustande, man kann nichts wissen bei dem Kinde Amei.
Die Mühlenburschen staken im Kahn über den Teich und starren bi seine ärmliche Tiefe, manchmal bleibt die Stange im Schlamm, eine teere Dose wird gehoben und wieder versenkt, Kaulquappen schwirren am Ufer. Die Großmutter ruft nicht, sie geht still und gefaßt durch die Gärten, wer kann durch die Wände ihres Angesichts sehn.
Immer noch schallen die Rufe der Müller vom Wasser herauf.
Amei aber ist bei dem verlorenen Sohn.
Droben aus dem Saal, ihr verboten, dem Ort, wo die Großmutter die Rechnungsbücher verwaltet und am Abend die zwei Spiele Karten mischt zu einer langen Partie aus schwarzen und roten Herzen, liegt Amei auf dem Teppich, den Kopf auf dem geöffneten Buch. Darin ist er, er, der verloren« Sohn. Er sitzt unter den Säuen. Er ist jung und traurig, und fein dunkles Kleid ist entzwei. Es kommt ein Wind und geht in die Löcher des armen Gewandes. Der verlorene Sohn hat kein anderes, und er friert. Einmal hatte er viele, und fröhliche Menschen waren bei ihm, keine Säue mit ihren Ebern und Ferklein, und ein hübsches Spitzchen sprang vor feinen Füßen umher. Alle Leute haben ihn jetzt verlassen, auch das Hündchen ist von ihm gegangen, der Wind weht, die Schweine wühlen in Trebern, er ist allein.
In Ameis Augen kommt «s heiß und nun auch naß, sie könnte das Blatt wenden, sie kann es doch nicht.
Wäre doch nur das Hündchen bei ihm geblieben, das kleine, das weiße, fast so hübsch wie Spinett. Cs wäre jetzt grau — was bleibt weiß unter Schweinen —, aber es wäre warm, und des Sohnes magere Füße sind nackt. Es könnte mit seiner kleinen Schnauze am Rock des Verlassenen ziehen, komm heim! denn das Hündchen, mit ihm vom Hause gelaufen, weiß den Weg auch nach Haus. Es zupft, es zerrt und es winselt. Cs ist «in Häufchen Knöchelchen unter schmutzigem Fell, der verlorene Sohn sieht fein Mühen. Armes Hündchen! Was willst du von mir, der ich nichts habe? Das Hündchen bellt, so hat es gebellt zwischen Reben, im Wein-


