Lorenz Scheibenhart.
Erzählung von Wilhelm Raabe.
Mit Genehmigung der G. Grote'schen Verlagsbuchhandlung in Berlin.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Ich tat einen frischen Sprung, und schlug mich seitab vom Weg tiefer ins Gebüsch, ein weich moosiges Plätzchen zum Lager zu suchen; fing aber doch bald an zu frösteln, als der Nachtwind sich aufhub und in den Blättern rauschte. Nun war's jedoch zu spät, zu den Wohnungen der Menschen zurückzukehren, wenn ich es auch gern getan hätte: der Weg war verloren, dunkler und dunkler ward's, bald war es vollständig Nacht, und der Mond, auf den ich mich vertröstet hatte, blieb auch aus. Er verbarg sich hinter dunklen Wolken, welche den klaren Himmel überzogen. Ich lehnte an einer Buche, ich setzte mich nieder, ich legte mich — ei, das Schreiberleben, das Stubenhocken halt' mich gewaltig verweichlicht, ich fing an, mich sehr nach einem weichen Bettlein zu sehnen. Da leuchtete plötzlich ein Heller Schein in der Ferne zwischen den Baumstämmen auf.
„Es ist ein Tückebote, ein Irrwisch!" sagt' ich. Aber die Flamme hüpfte nicht, sie blieb an einem Fleck.
„Es ist ein Feuer! Hirten oder Waldhüter werden es angezündet haben!" dachte ich freudig und nahm meinen Weg darauf zu. Die Zweige, die Büsche, die ich auseinanderbog, rauschten — da faßte mich plötzlich eine Hand rauh vor die Brust — „Halt!"
Ein schrilles Pfeisen erschallte, Schatten glitten zwischen den Stämmen hervor. Ohne daß ich wuht', wie mir geschah, würd' ich in den Hellen Schein des Feuers gezogen und sah mich von einem schreckhaften Haufen zerlumpter Gesellen und häßlicher Weiber umgeben. O wie gern wär' ich doch dreitausend Meilen von dieser Stelle entfernt gewesen! Wilde Harzstrolche waren es, welche zum Viehdiebstahl aus den Bergen herübergeschweift waren und an dem Feuer einen gestohlenen Hammel brieten. Sie waren bewaffnet mit Feuerröhren und Messern und sahen mehr aus wie die bösen Teufel, als wie Christenmenschen.
Wie schnell sie damit fertig wurden, mein Bündel zu untersuchen. Ach, meine schönen Röhlein-Gülden! Wenn das Herr Franz Algermann gcahnet Hütt', er hätt' sie mir wahrlich nicht gegeben. Selbst der große Juliuslöser, den ich zwischen Hemd und Wams trug, entging ihnen nicht. Meinen Mantel hing der gute Freund um, der mich zuerst gepackt hatte, mein Barett setzte der Hauptmann gravitätisch auf. Als fie mir alles genommen hatten, was zu nehmen war, und ich schon Furcht vor dem Kehleabschneiden und Abschlachten hatt', flüsterten sie zusammen; dann nahmen mich zwei in die Mitte und führten mich fort, immer tiefer in den Forst hinein. Stundenlang ging es die Kreuz und Quer; das Wald- volk wußte besser Bescheid zwischen den Baumstämmen als der Schreiber aus der Stadt. Zuletzt blieben sie stehen, ich sah keine Hand vor Äugen! Auf einmal gab mir einer von den beiden Dieben einen Stoß mit dem Fuß, daß ich in die Nacht, in den Wald hinein auf den Boden flog, der andere zog mir den linken Schuh aus — beide Gaudiebe schlugen ein hell Gelächter auf, ich hörte sie durch die Büsche rascheln — dann war alles still — ich lag allein im feuchten Grase, fast betäubt und sinn- verwirrt von allem, was mir in den letzten drei Stunden geschehen war. — — Der fürtresfliche deutsche Poet, Herr Martinus Opitius singt einmal:
Wer Waffen trägt und krieget, Wer in den Ketten lieget. Wer auf dem Meere wallt, Wer ist voll schwerer Sorgen, Der spricht, wann wird es Morgen? Aurora, komm doch bald!
Ach, niemand hat jemals die Morgenröt' sehnlicher erwartet als ich! Ich wagte kaum aufzustesM und umherzutasten, aus Furcht, in eine neue Fährnis zu geraten — stundenlang hab' ich wie eine Gans unter einem Baum gestanden, auf einem Bein, den schuhlosen Fuß in die Höhe ziehend! 's ist mir heut noch lächerlich und ärgerlich zugleich! Als endlich der Morgen im Osten dämmerte und der Wald sich mählich lichtete, war ich fast kein Mensch mehr, und der Himmel hat mir niemalen so sehr wie ein Dudelsack geschienen. Den ersten Sonnenstrahl aber begrüßte ich mit einer Herzensfreude sondergleichen: es war mir schier, als schicke der liebe Herrgott einen Engel, mich zu erlösen!
Nun schaute ich mich um. Vor mir Wald, hinter mir Wald, zu beiden Seiten Wald! Rechts aber schimmerte ein weißer Streif durch die Bäume; auf ihn schritt ich los und gelangte zu einer Landstraße, auf der ich fortzuhinken beschloß, gleichviel wohin sie mich führen würde. Es war ein sehr schöner Morgen. Wie blitzte der Tau an den Gräserspitzen, wie jubelten die Vögel wieder auf! Nur mir war nicht jubelhaft zu Sinn, nur mir stund das Weinen näher als das Lachen. Da fiel mir plötzlich meines Herrn Vaters Leibspruch ein, und mit heller Stimme rief ich hinaus in den Wald:
„Nu helpe us, Sunte Jürgen von Brunsvik!"
Und als wenn der heilige Reitersmann meinen Ruf erhöret hätte, erschallte hinter mir Rossesirab, ein Häuf Berittener bog um die Waldecke und kam die Heerstraße herunter auf mich zu.
„Wohin des Weges, jung' Gesell?" frug der Führer und ließ sein Roß mir zur Seiten langsamer gehen. Mein verstört' Aussehen macht' ihm wohl verwunderlich vorkommen.
„Drei Federn hott' ich in der Hand", antwortete ich keck, „die blies ich fort. Die erste flog nach rechts, die zweite nach links, die dritte flog grab' aus: Der Nase bin ich nachgegangen." „Gut geantwortet!" rief der Reiter lachend. „Aber den Schuh hast' doch dabei verloren, und Kapp und Mantel hat auch der Teufel geholt. Ist doch ein schlechter Weg
kümmert's Euch? Saget mir lieber, wohin führet diese Heer-
gewesenl" „Hei, straße?^
„Nach der freien Reichsstadt Goslar, Bursch! Willst mit! Haben Auftrag zu werben! Da trink' einmal, stehest nüchtern genug hinein in den hellen Morgen." Ich nahm das mir bargebotene umsponnene Fläschlein unb tränt, schüttelte mich unb gab es zurück. „Wo kommet ihr her, ihr Herren?"
„Haben des Reiches Ehrenhold gen Braunschweig geleitet, ’s ist wieder ein Kaiser im Reich, das soll er verkünden. Vivat der Ällerdurchlauchtigste, Allergroßmächtigstel — Matthias heißet er! Von da hinten her, wo sich Katz' unb Hunb gute Nacht sagen!" Das hätte der Reitersmann mir nicht zu sagen brauchen, das hott' mir Herr Algermann schon lang an den Fingern hergezählt. Ader der Trunk hatte mir wohlgetan unb bie Welt erschien mir ein wenig rosiger. — „Willst ein Reiter werben?" klang es mir ins Ohr.
Hei, wie war alles in Bewegung; bie Vögel, die Wolken; ein frischer Hauch ging durch den Wald; ich schauet' auf meinen wunden Fuß, in den ich schon manchen Stein getreten hatte, welcher schon von manchem bos- hastigen Dorn blutete.
Kein Hof, kein Haus,
Kein Weib, kein Kind, Reit die Welt aus, Was Bessers find'!
fang der Rittmeister. Die Rosse scharrten. „Gut Löhnung, gut Dienst!" raunte mir einer der Reiter ins Ohr. „Schau' ein schmuck Rößlern!" rief ein anderer unb zerrt ein lebig Hanbpferb mir vor die Nase. „Tut gut für den wunden Fuß!" „He?" lachte ein dritter, „steig auf, Kamerad!" Nach Wolfenbüttel wär' ich um alle Schätze der Welt nicht zurückgekehret. Wie hätten sie mich ausgelachet! Wie hatte der Algermann gefluchet! Wie hülle der Levin den spitzen Bart gestrichen unb gespöttelt, wenn ich schuh-, mantel- unb kappenlos wieder eingezogen wär'! An den tückischen Levin dachte ich zumeist, da schoß mir ein Gedanke durch die Seele — ha, ihn vor die Klinge kriegen, ihn niederhauen im ehrlichen Gefecht! — Es schwamm mir vor den Augen — der Hauptmann von Goslar zog den rechten Handschuh ab und streckt' mir die Hand vor — ich schlug klatschend ein — Gruß dir, Herr Jürgen von Braunschweig!
Ich war ein geworbener Reitersmann der kaiserlichen freien Reichsstadt Goslar!
Wie im Traum saß ich auf dem schwarzen Pferd, das mir gegeben war, und lustig erschallte um mich her der Gesang meiner jetzigen Kameraden, wie wir durch den grünen Wald galoppierten.
Auf sechs Jahr verpflichtete ich mich der Stadt, ward aber bald reuig, denn mit dem frischen, freien Reitersleben war's nicht weit her. Eine Wacht am Vitus- oder Rosentor war bald getan unb einem Jubenlärm ober einem Tumult ber Bergknappen ober einem Kipper- unb Wippertumult würbe schnell abgeholfen burch bie flache Klinge. Das war alles nicht viel besser als bas Treiben in ber Kanzleistube zu Wolfenbüttel. Wäre mein Eib nicht gewesen, ich wär' bavon gegangen ohne Valet über Berg unb Tal. Auch bie Gebanken an bie Susann' würbe ich [obalb nicht los — sie plagten mich im hellsten Sonnenschein unb in ber buntelften Nacht, unb oft genug glaubten meine Gesellen, ich sei verrückt geworben! Ich buchte aber bann an bie treulose Maid hinter den Bergen. In dem Jahre, in welchem der Funke fiel, der zur größesten Kriegsflamme werden sollt', die je Gottes Erde verwüstet hat, würd' ich frei und zog aus, mein Glück weiter zu versuchen. Mancherlei hab' ich wohl gefunden; aber das Glück nicht; und die Ruhe nicht eher, als bis mich die Wallen- fteinsche Kugel bei Lützen in den Sand warf. Da fand ich wenigstens die Ruhe! Heiliger Gott, über wieviel blutige Schlachtfelder, durch wieviel verbrannte Dörfer und wüste Städte bin ich gezogen! Wieviel mal hab' ich die Trompete zum Angriff blasen hören — hie und da, hüben und drüben! Was war aus der „frommen, gottesfürchtigen und geduldigen" deutschen Nation geworden? Wußte doch zuletzt niemand mehr, wofür er das Schwert zog, wofür er ausritt! Jammer und Weh, wie leuchtete, zuckte und schlug es ein, hin und her über ber beutschen Erbe!
Das freie, roilbe Leben, bas ich mir so sehr gewünscht hatte, ward mir jetzt bie Hülle unb Fülle; als ber Administrator von Halberstadt die Werbetrommel rühren ließ, stieß ich zu seinen Reitern. Auf weißem Roß, den Handschuh der schönen Königstochter von Engelland am Hut, ritt der tolle Christian einher und an der Weser erhielt ich die erste rote Wund', als uns Herr Friedrich Ulrich, der Bruder unsres Führers, zurückjagte mit blutigen Köpfen. Bei Corvey aber platschte der Schimmel durch den gelben Strom. O heiliger Liborius zu Paderborn, was für schöne Goldgülden saßen in deinem Leib! O ihr silbernen zwölf Apostel zu Soest, wie jagten euch bie freien Knechte unb Reiter bes Herzogs durch die durstigen Kehlen! lieber den Mainstrom bauten wir eine Brücke von Weinfässern, unb zwölftausenb zu Roß unb siebentausend zu Fuß zogen darüber hin und lachten, daß der Liguist es bei Hanau hören »kunnt. Aber der Tilly war Eis. wo der Halberstädter Feuer war. Ms wir bei Höchst gegen bie Liga ansprengten, rief der Christian: „Elisabeth!" und einen Weibernamen riefen auch meine Seitenmänner; damit gedachten fie die Kaiserlichen zu werfen. Die aber riefen „Jesus Maria! unb ftanben wie bie Mauern. Stromabwärts trieb unsere brennende Brücke; bas Fußvolk ging zugrunbe wie Grumt vor ber Sichel, unb nur bie Reiterei schwamm tobmübe unb zerrissen burch den Strom unb rettete sich an bas anbere Ufer. Wie biß ber tolle Christian bie Zähne zusammen, wie schüttelte er ben zerbrochenen Degen gegen bas Geschütz Tillys und das spanische Fußvolk Cordovas da drüben! Unb für ben Spott halt er auch nicht zu sorgen; heute noch singen bie Westfälinger:
Hertog Chrischan von Bronsvik De hödde'n mitt Pärb, Dat hadde ne fahle Snuute!
Mib'n einen Doge kunnt et nid) seihn, Dat ann’ere was ’ne rein nute. —
(Schluß folgt.)________________
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck unb Verlag: Brühl'sche UniversitätS-Vuch- unb Steinhrudeiei. R. Lange, ©iefcen.


