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Da sichtete der kleine Italiener Land! Es mußte eine der Bermuda- Inseln jein!
Joseph Notice begann jubelnd einen Spiritual zu singen — merkwürdig, nach einer durchbrüllten Nacht war der Bursche gar nicht heiser — aber diesmal verspürte keiner die Regung, den unermüdlichen Sänger über Bord zu werfen. Einige von uns waren dem verrückten Kerl vielleicht dankbar, alle verziehen ihm. Die Stirnen glätteten sich ein wenig, in den Augen leuchtete es freundlicher auf, wenn wir böse Gedanken gehabt hatten, so vergaßen wir sie nun in der großen, gemeinsamen Anstrengung. Wir erschöpften Männer nahmen die Reste unserer Kraft zusammen und führten unser braves Boot (so glaubten wir wenigstens) Dem Hafen zu. Wir waren schon eine Meile an das Riff herangekommen, das der Bermuda-Jnsel-Gruppe vorgelagert ist, waren also höchstens 12 Meilen von den Inseln selbst entfernt.
Da erhob sich ein Sturm, der stärkste, den wir während unserer ganzen Fahrt zu bekämpfen gehabt hatten, und trieb uns langsam den Weg zurück, den wir gekommen waren. Wir hatten den rettenden Hafen erblickt, aber jetzt sahen wir ihn nicht mehr. Unsere Energien, soeben noch aufs höchste angespannt, begannen nachzulassen. Nur an dem Neger war kein Wandel zu bemerken.
Ich blickte in die Richtung hin, wo das Riff unseren Blicken ent- chwunden war und fühlte zum ersten Male eine Müdigkeit, die mir unüberwindlich schien. Ich glaube, ich schloß auch die Augen für einige Sekunden. Als ich si« erschrocken wieder aufschlug, sichtete ich ein Schiff. Zs kam von den Bermuda-Inseln her mit dem Kurs auf uns zu. Wir konnten uns ihm nicht nähern, aber der Abstand wurde dennoch immer geringer. Der Neger sank in die Knie und brüllte aus Leibeskräften. Diesmal brüllten wir mit. Ich rieb Streichholz an Streichholz an die Schachtel, iber sie waren alle nah. Endlich aber flammte eines doch auf und zwei Sekunden später brannte auch erst trübe, dann lichterloh eine der großen Pechfackeln, die wir vorsorglich von der ,Foß' mitgenommen hatten. Es war kurz nach Sonnenuntergang.
Aber — was war das? Das große Schiff drehte jetzt rechts ab und ’ ntfernte sich uns wieder. Oder hatte ich mich geirrt? Jetzt, wir wagten w kaum zu glauben, änderte das große Schiff wieder feinen Kurs und >ic(t mit voller Geschwindigkeit auf unser Boot zu.
Wir sahen es nun deutlicher. Es war ein Luxusdampfer der Holland- Umerika-Linie. Die Passagiere starrten sasziniert auf unser kleines Boot, tas mit den hohen Wellen kämpfte. Aber da glitten wir auch schon an Me Breitseite des Schiffes, es war die ,Volendam', da klommen wir schon, neun müde Männer, einer nach dem anderen langsam die feste Strickleiter hinan, die man uns vom Schiff aus zugeworfen hatte. Wir dluteten alle aus vielen Wunden und sahen wohl alle recht erbärmlich ins. An Bord des großen Dampfers empfing uns großer Luxus. Die Passagiere waren eine geschlossene Gesellschaft von Bankiers, die eine Zergnügungsfahrt nach den Bermuda-Inseln unternommen hatten. Wir i ekamen wundervolle warme Getränke, der Schiffsarzt nahm sich unserer Äunden an und bann stürzten wir uns in unsere schönen Betten in den criiumiaen feinen Kabinen. Vorher noch hatte ich ein Gespräch mit einem liieren Herrn im Smoking, der sich besonders für unsere Lebensmittel- erforgung interessierte. Als ich ihm sagte: ,Das nächste Mal werde ich '.ehr Obst und weniger Rindfleisch mitnehmen', erklärte er mir diesen Satz für eine Reklamekampagne abkaufen zu wollen. Es war der Vize- lräsident einer mächtigen Bananengesellschast.
Ein anderer wollte unserem Negerkoch seine Bibel für 500 Dollars ibkaufen. Aber er gab sie nicht her."
Oie Mandschurei.
Das gelobte Land im fernen Osten.
Von Wolf Graf B a u d i s f i n.
(Nachdruck verboten.)
Immer wieder entstehen, am Maßstab der Jahrhunderte gemessen, list plötzlich neue Staaten mit schnell wachsender Bevölkerungszahl. Staunend hört der Fernwohnende eines Tages, daß ein Land bereits Millionen von Einwohnern hat, von dem er gerade den Namen weih iitb über besten Lage er nur ungefähr orientiert ist. Zur Zeit steht im hnen Osten ein Lanb im Mittelpunkt bes wirtschaftlichen und politischen viitereffes, von bem wir hier wenig hören unb wissen: bic Manbschu r e t.
Die Geschichte ber Manbschurei ist bramatisch genug: von hier ergossen Id) die Horben D s ch i n g i s K h a n s bis zur Donau, von hier versuchte fublai Khan mit 1000 Dschunken Japan, bas Reich ber Shogune zu <i obern und zer chellte im Sturm wie die Armada, von hier eroberten 1540 die Mandschus mit einer Handvoll Leute Peking unb herrschten bis 1'912 über China. Hier stießen — unb stoßen noch heute die Interessen ireier Großmächte zusammen, bes russischen Bären, ber aufgehenben <i onne unb bes Drachens. 1894 schlug Japan China vermchtenb im Streit im Korea unb würbe im Frieben von Shirnoneseki burch die europäischen Mächte um die Früchte seines Sieges gebracht.
1896 erlaubten die Chinesen den Russen als Gegenleistung die Durch- «Mcrung ber Manbschurei mit ber 5495 Meilen langen sibirischen Safin — bie Russen sparten 600 Meilen, wenn sie bie Strecke nach Wladiwostok direkt durch die Mandschurei legen tonnten, statt deren (senze in einem nördlichen Bogen zu umgehen. Die Verbindung Eilropcis f it Dalny (bem heutigen Dairen), wo sich bie Russen wie burch Zauber- fälag aus einem kleinen Fischerborf einen eisfreien Hase" " foberne Hanbelsstabt schufen, kostete 8000 Millionen Mark von benen i-e Chinesen nur 20 Millionen zeichneten. Mit bem Jahr 1896 begann V' große Aufstieg ber Manbschurei. Der Sieg Japans über die Russen ?*04 war seiner Entwicklung eher förbernb als hinbernb unb ber Zu- lnnmenbruch des russischen Kaiserreichs stärkte ben Einfluß Chinas, bas r ute bie manbschurische Bahn verwaltet. ... ■
, Die Manbschurei umfaßt etwa 380 000 Ouabratmecken und hegt zwi-
ben Breitengraden Berlins und Neapels. Die Winter sind lang und dt und bie Sommer kurz unb heiß. Dieses dreieckige Bninenland hat rarhaltnismähig wenig Küste, und zwar nur am Gelben Meer, an dem
der eisfreie Hafen Dairen und die berühmte Festung Port Arthur liegen. Die südliche und östliche Küste zum Japanischen Meer wird durch Korea unb ein Stück bes riesigen russischen Küstengebiets versperrt, bas sich von Nikolajewsk (gegenüber Sachalin) bis Wlabiwostok erstreckt. An seiner Sübwestecke stößt bie Mandschurei an bie chinesische Mauer unb wird im Westen von ber Mongolei unb im Norben von Sibirien begrenzt.
Die von Rußlanb gebaute Bahn unb bie in ben letzten brei Jahrzehnten eingemanberten chinesischen Bauern verwanbelten ein unbebautes, von wenigen Großgrunbbesitzern, Banbiten unb viehzuchttreibenben Nomaben spärlich bevölkertes Land in ein mobernes Kanaan mit Kohlengruben, Hanbel, Jnbustrie und Ackerbau. Dieser besonders ist von gewaltigen Ausmaßen und wird in den durch bie Eisenbahnen (in keinem Lanbe ber Welt werben jetzt soviele Bahnen gebaut wie bort) erschlossenen Gebieten nach amerikanischem Muster betrieben. Demgemäß ist bieses unenblich fruchtbare Lanb ein Gebiet ber schroffsten Gegensätze: vom mobernften Pullmanwagen aus sieht man bie Bauern ihre von Ochsen, Eseln unb winzigen Pferben gezogenen Karren treiben, bie mit Segeln versehen sind, primitive Fahrzeuge, unverändert seit ben Zeiten bes Konfuzius. Ungeheure Traktoren aus Milwaukee bearbeiten ben jungfräulichen Boden, während in anderen Gegenden die schmutzigen Dörfer mit Wällen gegen bie Räuber, bie „Hungutzen" (angeblich Nachkommen vor langer Zett exportierter chinesischer Sträflinge), umgeben finb unb bie ßanbleute ihre Gärten noch mit hölzernen Hacken bearbeiten, wie man sie in ben Zeiten ber Bibel gebrauchte. Man sieht im Anschauungsunterricht bie Entwicklung ber Lanbarbeit von Abraham bis Henry Forb.
Die in Peking refibierenben Manbschukaiser hatten, um bie roilben Bewohner ber Manbschurei, aus benen sie ihre besten Truppen bilbeten, kriegstüchtig zu erhalten, bie Einwanberung aus China verboten. Nichts- beftoroeniger begann im letzten Jahrhunbert unter bem schlaffen Regime ber letzten Machthaber in Peking schon eine erhebliche chinesische Einwanderung, aber erst in den letzten Jahren nahm sie bie heutigen (12 000 Chinesen pro Tag im Hafen Dairen) ungeheuerlichen Ausmaße an. Im Jahre 1929 allein brachen 2 Millionen Chinesen nach bem Lande der Verheißung auf. Man schätzt die chinesischen Ansiedler, deren Ausbreitung weit in die Mongolei übergreift, heute auf 30 Millionen, die hauptsächlich aus den von Krieg, Räuberei und Hungersnot burch- iubten Norbprovinzen kommen. Vor 1929 tarnen nur Männer unb junge Leute, jetzt umfaßt bie jährliche durchschnittliche Einwanderung von VA Millionen Familien, bie nie wieber nach China zurückkehren werben. Die zu 1000 bis 1500 auf kleine Dampfer wie Heringe zusammengepreßten Flüchtlinge (bie Ueberfahrt nach Dairen kostet nur 4 RM. pro Person) geben Bilder tiefsten Elends ab. Nach der Ueberfahrt müssen japanische Matrosen — bie Japaner machen ungeheure Geschäfte an ber Verschickung — bie Dampfer im Feuerwehranzug mit Gasmaske reinigen, um Seuchen von Pest unb anberen Krankheiten zu verhüten.
Durch ben Zusammenbruch Rußlanbs finb heute die Chinesen Herren der mandschurischen Bahn, und besitzen sie trotz ihrer geringen Einzahlung zur Hälfte. Zwar führten die Wirren in Sibirien Hunderttausende von russischen Flüchtlingen über bie Grenze, aber bas Ansehen bes weihen Mannes ist heute im Osten gebrochen, unb bie Weißen mußten unter Chinesen wie Lasttiere arbeiten ober Hungers sterben. Für bie Würbe unb bas Glück ber Arbeit hat ber Chinese kein Verstiinbnis, er verachtet ben Stammesgenossen unb zumal ben Weißen, ber geistig, ober unerhört zu sagen, körperlich arbeitet. Sowie er zu eigenem Wohlstand gelangt, tut er nichts weiter als bie Klassiker lesen, Kricket spielen, Tauben ziehen, Cafes besuchen usw. Die Erschließung ber Manbschurei wird durch die vielen schiffbaren Ströme großen Ausmaßes begünstigt, die das Land durchqueren. Auf ihnen wird Holz in ungeheuren Mengen geflößt, und ganze Flotten bringen bas Haupterzeugnis bieses Lanbes, bie „S o j a b o h n e", zur Küste (auf ber Bahn werden jährlich 5% Millionen Tonnen transportiert). Dieses moderne Manna wird gekocht gegessen, zu Del verarbeitet unb — überall sieht man gewaltige Mühlen mit mobernem amerikanischen Betrieb — zu Mehl gemahlen, bas über bem ganzen Osten, ja bis nach Italien zur Brot- unb Makkaronibereitung verschifft wirb. Im Süben gedeihen Tabak unb bie herrlichsten Früchte. Eine große Rolle spielt ber Pelzhanbel: wcihrenb früher Tiger-, Leoparben- unb Bärenfelle zahlreich ausgeführt würben, finb es heute abgesehen von ben Pelztieren ber Wälder, hauptsächlich Ziegen- und Hundefelle. Das schwarze ober gelbe „Wonk" ist eine typische Erscheinung in Norbchina. Die besten Felle haben bie manbschurischen Hunbe, bie zu Tausenben gezogen unb geschlachtet werben. Wie bei uns jetzt Fuchs- farmen, gibt es bort Hunbefarmen, bie für bärtige Begriffe viel Geld — Mädchen erhalten Zuchthunde als Mitgift — abwerfen. Auf den großen Pelzmärkten, wie z. B. Muk den, werden bie Felle hanbelsmäßig frisiert, benn an sich kauft niemanb „Hunbefelle"; sie sinben bann ihren Weg in bie teuersten Lüben Amerikas als Skunks, Fuchs ober „Kolinsty", ben man auch roten Zobel ober sibirischen Nerz nennt.
Im Süben der Mandschurei haben die Japaner mit modernen amerikanischen Maschinen bie ungeheuren Kohlenfelber in Betrieb gesetzt, von benen Fushun ber berühmteste Platz ist unb sieden Millionen Tonnen im Jahr fördert. Japaner manbern kaum nach ber Manbschurei aus, wie auch bas heute japanische Korea, wo Platz für bie auf ben Inseln dicht gedrängte Bevölkerung wäre, wenig besiedelt wird. Der Japaner liebt Berge, kleine Seen,'Tempel und Blumen unb wird auf ben gewaltigen östlichen Ebenen nie heimisch. Das weitsichtige Japan unterstützt aber das Aufblühen der Mandschurei, um ein Absatzgebiet für seine Industrie zu schaffen unb anberfeits Lebensrnittel unb Rohmaterialien einzuführen.
Natürlich gibt es noch abgelegene Gegenden, in denen die tarlarischen Stämme Hausen, die, ähnlich wie bie Jnbianer Norbamerikas, allmählich aussterben. Dort leben oft 1000 Mann starke Räuberbanben vom Lösegeld geraubter Menschen. Aber das Ende dieser wüsten Romantik ist nahe, ebenso wie das der Tausende von Fasanen, die das Land bevölkerten und viel exportiert wurden. Sollte Rußland wieder erwachen, wird eines Tages der Kampf um bie Manbschurei, ben Angelpunkt Dftafiens, oon neuem beginnen zwischen Bär, Sonne unb Drachen.


