Suchend wühlt er weiter, und — Glück muß man haben! — da liegt ja noch ein ganz respektabler Brocken im Schlamm, den er gestern anscheinend verworfen hat. .
ga — wo bleibt nun die vielgeriihmte Weisheit? Gierig schlurft das Maul den Bissen ein — ah! Anisteig! — Er schwimmt ein wenig beiseite, um besser schlucken zu können. Da spürt er ein leichtes Kratzen. Fast gleichzeitig sieht er, wie sich vom dunklen Grund, in dem sie verborgen lag, plötzlich die lockere Leine hebt. Er will den Köder ausstoßen Zu spät! Die Leine fliegt auf, und ein rasender Schmerz zischt in seinem Rachen. Quinbt hat angehauen! Der Drilling hat gut gefaßt! Blau hängt — und fährt wie ein Büffel ab ...
*
Droben steht einer wie aus Stahl. Holt auf, gibt Leine, tut alles, was man von einem Meister der Fischweid erwarten kann. Kein Muskel zuckt in seinem Gesicht. Aber blaß ist Quinbt, leichenblaß.
Der Kampf beginnt. Wie der alte Wildwasserkarpfen fühlt, daß es ums Leben geht, legt er los. Hart stößt er auf den Grund, aber der ziehende Schmerz läßt doch nicht nach — er wird nur stärker, und er muß wieder nachgeben. Er fährt die Maisach hinab — einmal muß der scheußliche Zug doch aufhören! — Aber da tut es wieder weh, und Meter für Meter muß er sich zurückdrillen lassen.
Kurz vor der Gumpe braust er auf, versucht den Karpfenschlag! Hochauf bäumt sich der starke Fisch, um mit dem tägigen Rückenstrahl die Seine zu zerschneiden. Und obwohl es — da Quinbt nicht darauf vorbereitet war — eigentlich hätte glücken müssen: zum erstenmal in seinem Leben hat er Pech — er schlägt daneben. Nun kommt er nimmer aus!
Wieder fährt er hoch, so hoch er kann; er will davon. Dabei sieht der Fischer, daß der Haken gut gefaßt hat. Nun will er, nun darf er, nun kann er dem Fisch den letzten Griff zeigen.
Mit eisernen Fingern holt Quinbt die Seine ein. Mit denselben Fingern, die schwermütige Adagios und feierliche Andantes fpielen können, die oft, versonnen fühlend über tönende Saiten gleiten, dreht er die straffe Schnur herein. Zeigt Griff, gibt fiihrig nach, holt bald um so brutaler auf, duldet keine Schwäche, und ist unbarmherzig, wie er sonst nie ist. Seine starke, elastische Gerte, diese wundervolle Hand- roertsarbeit, dünkt ihm der schönste Bogen, den er je geführt hat. Und die Seine ist ihm wie eine Saite, wie eine dunkle tiefe Saite — nur daß sie ihm selber tönt.
Der Fisch ist müde. Und ist alt. Er hat vieles in seinem Seben erfahren — er hat viel Glück gehabt. Jetzt fühlt er, daß alles vorbei ist. Steif rüttelnd trotzt er am Rande der Gumpe, und sieht dem dünnen, zähen, grausamen Faden nach, der aus seinem Mund in die Höhe führt. Da zieht es wieder — und er ist so matt. Ganz langsam gibt er nach.
Nein! Er darf ja nicht! Noch einmal versucht er den Grund zu ertauchen. Er will zu den uralten Wurzelstrünken hinab, an denen er schon einmal eine Angel abgestoßen hat, aber der da droben will anders. Mitten im jähen Drange greift es an sein Herz. Es zieht ihn empor. Die Seine ist kürzer geworden. Härter und stärker der Zug.
Tak, tat, tat, sagt bas Herz. Was ist das? Er hat noch nie Aehn- liches gefühlt. Er horcht in sich hinein. Es wird immer leiser, ferner. Tk, tk, tk—tut es jetzt, als ob es gar nicht mehr in ihm wäre. Er hat das Gefühl, als täte es ihm wohl, wenn er sich auf den Rücken legte. Da zieht es wieder! Er gibt nach ...
Ueberhaupt, es tut ja viel weniger weh, wenn man nachgibt. Sobald es zieht, gibt man nach — gibt man nach — nach ... Da ist das Ufer!
Qhne die Führung nachzulassen, wechselt Quinbt die Gerte aus der Hand. Die Rechte fährt in die Tasche, zieht ein kleines, glitzerndes Sing hervor — zielt —
Qh, das tut weh!
Rasend führt er ab! Gewaltige Kräfte sind in ihm erwacht. Unhaltbar drängt er davon, immer flußabwärts. Patsch! Da ist die Seine aus. Er ist ab, frei!
Durch Wirbel und Schnellen fährt er dahin — schlägt sich über Rollen und Wehre. Ueberall fliehen die Fische vor ihm, dem Großen, Gewaltigen — Aber worum werden denn die Wasser auf einmal so rot? Was tut denn so dunkel, so verworren? Der Wasserfall?
Tack! Da — steht — es — still!
Es ist so weit.
Am stählernen Sandungshaken zieht Quinbt den Fisch an Sand. Er ist weder stolz noch begeistert.
Sange beftarrt er das Tier. Er streichelt es liebevoll. Dankbar ergriffen steht er vor ihm und redet gut mit ihm, wie mit einem kranken Kinde. Er weiß nicht, was er tut.
Unbegreiflich ist der Mensch!
Neun Mann in einem Boot.
Bon Peter Amondo.
Neun Mann fuhren eine Woche lang in einem kleinen Boot über den Atlantischen Qzean und waren zuletzt nicht weit davon entfernt, einander zu fressen. Sie sagten es nicht, aber sie fühlten es. Mit eindringlichen Worten erzählt es ihr Kapitän:
„Es ist nun einige Monate her, daß wir mit dem .Horatio Foß' aus dem Hasen von Philadelphia ausliefen. Es war ein guter kleiner Bier- master mit 846 Registertonnen. Wir hatten Kohle geladen, ein bißchen viel eigentlich, und unser Ziel war Guadeloupe, auf der Insel Martinique. Da geriet unser braver Horatio — weih Gott, ich liebte ihn, obwohl er nur ein schmutziger, kleiner Kohlendampfer war, vor der Mündung des Delawareflusses, der dreckig ist von dem vielen Unrat aus den Pulver- mühlen dieser Milliardäre, der Duponts — in einen Sturm hinein, so furchtbar, wie ich ihn seit 35 Jahren noch nicht erlebt hatte und zwei Tage später trieb das Schiss hilflos im Golfstrom. Als der letzte der vier Maste brach, da war es mir klar, daß wir unseren braven Horatio verlassen müßten. Er hatte ja auch schon starke Schlagseite. Wir besaßen
zwar eine kleine Barkasse mit Benzinmotor, aber dieser Motor und die neun Mann, die an Bord des.Horatio Foß' waren, waren sur diese kleine Barkasse zusammen zu schwer gewesen. Und wenn das Benzin uris auf hoher See ausgegangen wäre, so wäre das ganz schlimm gewesen. So montierten wir den Motor ab und richteten das Boot als Segelboot her. Trotz des Sturmes konnten wir diese Arbeit mit Ruhe und Dorsch! besorgen Ruder und Harpunen dienten als Segelstangen, Seinentücher und Wolldecken als Segel. Bill, der Negerkoch, der eigentlich Joseph Notice hieß, schleppte schwitzend aus der Vorratskammer eine Kiste Rind- sleisch-Konserven, eine Kiste Tomaten, einige Büchsen Lachs-Konserven und einige Schachteln Kakes herbei. Wir luden auch 28 Gallonen Suh- wasser, das sind 125 Siter, 14 Siter pro Kopf. Ich inspizierte noch einmal alles, dann lieh ich das Boot langsam ins Wasser gleiten und sprang ihm nach. ,
Es war in der Morgendämmerung, die „Foß sank langsam unter, ihr Bug war schon halb verschwunden und wir befanden uns mitten im Atlantischen Ozean, 400 Seemeilen, also 720 Kilometer nördlich von den Bermuda-Inseln. ....
Ich glaubte, die Nasen gezählt zu haben, doch als wir losfuhren, sand ich. daß wir unser acht waren. Ich blickte zurück und entdeckte Olsen, der noch an der Bootsleine hing. Ich mußte stoppen, um ihn aufzunehmen. Dem sinkenden Schiff durften wir dabei selbstverständlich nicht zu nahe kommen. Wir nahmen also Olsen mit aller Vorsicht auf und entfernten uns von der armen „Foß". Nach zehn Minuten schlug ich mir auf die Stirn. Wir hatten ja vergessen, den Kompaß mitzunehmen! Wir mußten ihn haben, um jeden Preis, unfern guten alten Zehnzoll-Kompaß. Wir wendeten also zurück zum sinkenden Schiss. In einiger Entfernung stoppten wir ab, ich entkleidete mich und schwamm noch einmal zurück! Der liebe alte Kasten bot einen traurigen Anblick, aber das Kompaßhaus war noch unversehrt, ich brach den Kompaß aus, fand eine Schifssleine, warf sie hinüber zum Boot, dort wurde sie befeftigt und an dieser Seine wurde das kostbare Instrument hinübergerettet. Ich schwamm dann nach. Um 5 Uhr morgens verschwand die „Foß" und bald erinnerte nichts mehr an sie, als ein Schwimmgürtel, der über der Stelle schwamm, wo die See sie verschlungen hatte und der ihren Namen trug. Wir spannten unsere drei Segel aus. Wir wollten aber auch unsere Ruder benutzen.
Zwei Männer hatten ständig auf die Segel zu achten. Das Boot hatte leider ein ganz klein wenig an der Schiffsseite angestoßen und lief etwas. Aber, richtig gesteuert, war es doch ein ganz tüchtiges kleines Boot. Wir nahmen Kurs auf die Bermuda-Inseln.
Der erste Tag verlief ruhig. Es war, als ob sich in uns allen eine Spannung gelöst hätte. Die See war ruhiger geworden, und mir vertrauten uns ihr an. Später ging es uns schlechter. Ich habe sieben Tage hindurch nicht schlafen können. Es gab keinen richtigen Platz zum Schlafen, aber ich wollte auch nicht schlafen. Einige Male hätte ich doch ein ganz klein wenig einnicken mögen. Einmal legte ich den Kopf auf die Kakes- büchse, aber ich blieb wach dabei. Nur die zwei Leute die eben Wache gehalten hatten, durften und mußten ihren Schlaf haben, um für die nächste Wache Kräfte zu sammeln. Aber auch für sie war es nicht ganz leicht, die Ruhe zu finden, denn Bill, der Negerkoch, predigte allzu laut.
Dieser Bill, Joseph Notice, war auch früher schon ein frommer Mann gewesen, aber jetzt hörte er mit dem Beten überhaupt nicht auf. Er betete bald leise, bald laut mit leidenschaftlichem Ausbruch, er fang seine Psalmen mit mächtiger Stimme, in hundert persönlichen Wendungen rief er Gott an, er las aus der Bibel vor, er predigte. Hundertmal spülten die Salzwellen über Bord, aber dieser Bill brachte es fertig, seine kleine abgegriffene Bibel trocken zu halten! Er las die ganze Zeit darin, ich glaube, er hat sie einige Mal ausgelesen, und hielt das Buch doch trocken. Das war eine Leistung. Immer, wenn der Sturm aussetzte, meinte Bill: „Seht doch was F a b'ö e r uns sendet!" Und wenn der Wind wieder zu heulen anfing, brüllte Bill noch lauter: „Fadder wird uns retten!" Fadder war Gott. .
Ich mochte Bill sehr gut leiden, er war sauber und, für solch ein kleines Schiff, ein ganz guter Koch. Auch die anderen mochten ihn leiden. Aber er machte mir die Mannschaft mit seinem Gebaren halb wahnsinnig. Sie meinten, ich hätte dem Neger das Beten verbieten können. Das war vollkommen aussichtslos.
Der Koch also bstete, heulte, schrie und fang die ganze Zeit — er hatte sogar eine ganz gute Baritonstimme — wir übrigen, Norweger, Schweden, Italiener und Deutsche, sprachen sehr wenig. Ich glaube, die Gedanken der Leute kreisten um die Essensfrage. Die meinen auch. Ich hatte alles streng in Rationen eingeteilt: Rindfleisch, Tomaten, Kakes und Wasser. Es gab keinen Tropfen Rum an Bord, und ich glaube, cs war richtig so. Die Vorräte freilich wurden immer kleiner. Der Neger hielt ununterbrochen seine seltsame Monologe. Immer wieder hob der Sturm an und wollte sich nicht legen. „Die See war so weit wie der Himmel und der Himmel war so weit wie die See." Ich blickte in das schwere Grau in Grau und dann auf den Kompaß. Ich hatte aus dem Gegenwind alles herausgeholt.
Ich erinnere mich, erst am dritten Tage begannen wir uns so richtig einsam zu fühlen. Hin und wieder flog eine Möwe über das Boot hinweg, lachte schrill auf und wir blickten ihr lange nach. Vom dritten bis zum sechsten Tag wurden wir auch von einem Delphin begleitet. Er schien entzückt von unserer Gesellschaft, spielte luftig in den Wellen und machte uns neun hungrigen Männern das Leben leichter. Silber eines Nachts blieb der liebe Deiphin zurück und kam nicht wieder. Weiß Gott, warum «r uns verlassen hatte? Vielleicht waren wir Weißen immer trauriger und einsilbiger geworden, vielleicht hatte er eitlen schwarzen Schatten über uns schweben sehen. Als er uns verließ, wurden wir noch viel trauriger. Bei Wacheablösung knurrten sich die Männer böse an. Wie waren die ganze Zeit naß von Salzwellen (nur der Neger hielt seine Bibel trocken), die Hände bluteten uns und an unseren klammen Leibern brachen Geschwüre auf.
Am siebenten Tage war die Situation die folgende: In der Kakes- büchse lagen noch 7 Kakes. Im Wasserbehälter gab es noch 3 Gallonen, also 13% Liter, schales, abgestandenes Wasser.


