ch--n dünn und ängstlich vorgetragen, „Ihr Kinderlein kommt!" Der K. otenstock des Weihnachtsmannes schlug den Takt mit nachdrücklicher Wucht. — Und dann mit einemmal polterten die Aepfel und Kuchen, die Spannung löste sich, jubelnd stürzten die Kinder hinter die kollernden Aepsel her, alles kroch auf dem Fußboden herum, und der Weihnachtsmann war draußen, er wußte selbst nicht wie.
„Nun, das war geglückt", dachte er, als er den etwas leichter gewordenen Sack auf die Schulter hob und hinuntertappte, „wenn cs so weitergeht —"
Es ging so weiter, es war immer das gleiche Erlebnis, gespiegelt in immer anderen Menschen und Kinderseelen. Der Anfang immer atemlose Stille, das Ende Jubeln und Jauchzen und strahlende Augen. Er selbst fühlte sich mit jedem Besuch freier und erhabener in seiner Rolle als Jreudenbringer. — Und so standen ihm nun noch viele herzerquickende Gänge bevor, sein Apfelkeller war noch voll, seine Kuchenschüsseln gehäuft, — wie schön war es, ein Weihnachtsmann zu sein!
Sein Sack war beinahe leer, aber für einen Besuch reichte es wohl noch. Wieder tastete er sich in einem dunklen Treppenhaus in die Höhe, — nun, da oben schienen ja Kinder zu sein, er hörte Weinen und eine leidenschaftlich erregte, scheltende Frauenstimme. Deutlich erinnerte er sich, daß er einen Augenblick, nur einen Augenblick, vor der Tür stand, zweifelnd, ob er da hineingehen sollte oder leise die Treppe wieder hinunter. Sein Schicksal stand sekundenlang auf Messersschneide; — dann klopfte er dreimal, stark, wie er es gewohnt war, und trat ein.
Noch während er seine ersten einleitenden Worte polterte, fühlte er, daß es hier irgendwie anders war als bei seinen früheren Besuchen, aber er hatte keine Zeit, die Quellen dieses Eindrucks zu finden. Dicht vor ihm kniete eine Frau und wusch in einer Zinkwanne einen etwa vierjährigen, verheult aussehenden kleinen Jungen, der jetzt naß und vor Schrecken starr zu ihm aufsah; in der Tür zum Nebenzimmer erschienen ähnlich erschrocken zwei größere Kinder, ein Junge und ein Mädchen in weißen Nachtkittelchen. Auch die Frau sah sprachlos vor Staunen aus ihrer knienden Stellung zu ihm auf, den Seifenlappen in der Hand. Sie machte einen erregten und verwilderten Eindruck, die Haare hingen ihr in dunklen Strähnen ins Gesicht, ihre rote Schürze war vorn ganz nah.
(Schluß folgt.)
Deutscher Christbaum in Amerika.
Von Ann Tizia L e i t i ch.
Deutscher Sitte war es vorbehalten, Hüterin des letzten Restes uralter Baumverehrung zu sein, die uns die Geschichte der indogermanischen Rasse in manchen Beispielen überliefert. Aus Uranfängen zieht eine Linie von jener schönen Platane des Terxes, die von diesem König wie eine Geliebte mit Gold geschmückt und durch einen Wächter beschützt wurde, bis zu Bismarcks bekannter, fast fanatischer Baumliebe. Und wenn wir diese bei den vorderasiatischen Menschen, den Römern und den Indianern finden, so hat doch kein Bolk sich ihr so zu tiefst ergeben wie die Germanen, die zu ihren Göttern in heiligen Hainen beteten und das ganze Weltall als ungeheuren Baum sahen, die Weltesche Uggdrasil. Den Anglo-Sachsen verblieb bis heute von dieser Liebe die Feier des ,Yule- log- (Jul-Block) und die Deutschen verilärten und vcrchristlichten die Idee in der lichterstrahlenden Weihnachtstanne.
Diese deutsche Christtanne ist auch über den Atlantischen Ozean gewandert. Als die sogenannten „Hessians“, jene süddeutschen Söldner, die im amerikanischen Befreiungskrieg für die Engländer kämpften, sich Bäumchen aus dem Walde holten und sie in ihren Winterquartieren mit ein paar Lichtern schmückten, da war dies den Amerikanern ein ganz ungewohnter Anblick. Ja, den Neu-Engländern unter ihnen mußte es geradezu als Gotteslästerung erscheinen, denn den düster-fanatischen Puritanern bedeutete solcher Glanz Greuel und Satanswerk. Gab es doch bei ihnen außer Sonntagen und Danksagungstag keine sestlichen Zeiten.
Aber so groß auch der puritanische Einfluß auf die Entwicklung der amerikanischen Seele war, das Christfest und der Christbaum triumphierten über sie. Die große Welle deutscher Einwanderung verbreitete die Kenntnis des Weihnachtsbaumes, und um die Mitte des vorigen Jahrhunderts kam ein schlauer Bauer namens Peter Carr in der Umgebung von Neuyork darauf, daraus ein Geschäft zu machen. Bis dahin hatten sich die Leute ihre Bäumchen selbst im Walde geholt, gleich den deutschen Soldaten im Felde. Für diejenigen, die dazu zu bequem waren, schlug Peter Carr nun eine Anzahl ab, packte sie aus einen Schlitten und fuhr damit in die Stadt. Heute hat er viele Nachfolger.
Freilich, es sicht in Amerika nicht aus wie in deutschen Städten, die vor Weihnachten so voll Tannen stehen, als wäre ein ganzer Wald durchgezogen und hätte ein Häuflein dort zurückqelassen. tu allgemein hat Amerika die Sitte nicht aufgegriffen: die meisten Amerikaner halten fest an anglo sächsischen Gebräuchen. Für ihre Kinder kommt Sankt Claus, der Weihnachtsmann, ihre Zimmer schmücken sie mit Misteln, und in ihren Fenstern hängen sie mit roten Schleifen geschmückte Kränze aus Stechpalmen.
Der Christabend aber hat eine ganz andere, eine mächtigere Rolle zuerteilt bekommen. Das Heim scheint ihm zu eng für die Botschaft, die er zu bringen hat, er ist daraus hinaus in die Gemeinde, in die Gemeinschaft getreten. Als community-tree, am Hauptplatz der Städte und Dörfer, leuchtet er über die Massen, als strahlendes Symbol feiert er Triumphe, zu denen er in seinem Heimatland nicht gekommen ist. Der kollektivistische Geist Amerikas bedient sich seiner Poesie, seiner suggestiven und dekorativen Wirkung, um in den nüchternen Masten dieses Maschinenzeitalters eine Ahnung von festlicher und hymnischer Stimmung zu erzeugen.
Während wir in vielen Häusern des Ostens und in fast allen des Mittelweftens vergeblich nach einem Christbaum suchen würden, sehen wir eine festlich hohe, bunt geschmückte Tanne oder Fichte in der Halle des Hotels im ganzen großen Land, in den Spitälern, den Settlements, den Klubs. In Pafadena, Kalifornien, erstreckt sich eine ganze Allee aus der
Erde wachsender Christbäume. Ja, mitten im rasendsten Verkehr Neuyorks, auf dem Times-Platz und in der Wall-Street stehen königlich hohe, lichtergeschmückte Bäume.
Aber all diese schön gewachsenen, mit Bedacht ausgesuchten, mit dem Hauch und dem Geheimnis ihrer Herkunst seltsam über dem benzingetränkten Lärm schwebenden Bäume verschwinden vor dem Community- tree jener Stadt, die sich einst am längsten und hartnäckigsten gegen das Weihnachtsfest gewehrt hat. Wie um seine Sünden gutzumachen, taucht Boston, Neu-Englands Hauptstadt, seinen Christabend heute in ein Licht- gefunkel, durchströmt es mit einem Jubelliedsingen und Trompetengeschmetter wie kein anderer Ort.
Aus Beacon Hill, der Höhe des Hügels mitten in der Stadt, wo einst der Leuchtturm ragte, stehen die würdigen patrizischen Häuser, die Boston ein Acktzehntes-Jahrhundert-Gesicht geben und in denen jene „Brah- manen -Generationen einander gefolgt sind, die einst auf die Sitten und Gesetze Amerikas wesentlichsten Einfluß übten. Die Wände schlicht, puritanisch, in ihrer gewollten Schmucklosigkeit charaktervoll, in ihren Linien, den kleinen Details der Türen, den messingnen Klopfern voll jener Schönheit, deren Daseinsberechtigung die fanatischen Väter fo heftig verneinten und die ihnen schließlich doch die Hände bei der Arbeit führte.
Diese stolzen Fensterreihen sind am Christabend eine einzige Front, die mit zahllosen Lichtern hinunterfunkelt auf den großen Platz, den Common, auf dem die Bostoner Parade gehen mit Wachskerzen und elektrischen Lichtern, über den in Scharen die Carol-(Weihnachts-)Sänger chwärmen, hinter mittelalterlichen Laternen her, die auf langen Stangen chwanken; um den sich in weitem Bogen die Lichtgirlanden des State- louse, des Unitarian Building und all der anderen Häuser schlingen und über den aus riesigen Lautsprechern die Chöre der Kirchen tönen und um Mitternacht die Trompeten von den Balkonen posaunen. Mittelalter und modernste Neuzeit teilen sich in Bostons Christfeier.
Aber das Beste und Schönste davon steht in der Mitte, ein blendendes Fanal, ein echt amerikanisch ins Riesenhafte dimensionierter Baumkönig, eine dreißig Meter hohe Christtanne aus Hunderten von Bäumen zusammengesetzt, besteckt mit 1280 bunten Lichtern. Es gibt wahrscheinlich nirgends anderswo eine mächtigere. Wie sie so inmitten des treibenden, schwärmenden Volkes steht, im dunklen, duftenden Geäst das Geschmeide der tausend Lichter, in ehrerbietigem Abstand davon der Kranz der Häuser, sieht sie aus, wie ein ßebensbaum, heidnisch in ihrer schonen, Glück verleihenden Kraft und dem Menschen ein Zeichen, daß sie die Natur nicht verleugnen können. Und von ihrem Wipfel leuchtet ein Stern, weithin —
Zwei wollen zum Theater.
Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz.
Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin.
(Nachdruck verboten.) (Fortfetzung.)
„Wegen der Beleuchtung, meinen Herr Geheimrat?"
„Jawohl, wegen der Beleuchtung."
Der Alte holte einmal tief Atem. „Das ist nun wieder der Neue, Herr Geheimrat, der Peter, wie sie ihn schon alle nennen. Der hat das wieder ausgeheckt. So ganz nebenbei hat er es gesagt in der Frühstückspause. .Er spricht ja sonst nicht viel mit den anderen. Aber seit der Sache mit den Schürzentaschen und dann mit dem erhöhten Laufband, und wo sie doch nun fast zweihundert Schrauben in der Stunde setzen können, da hören sie auf ihn. Und man kann ja eigentlich nichts dagegen sagen, Herr Geheimrat, denn im Grunde hat er ja recht. Wenn die alten Bogenlampen fortkämen und dafür moderne Scheinwerfer eingebaut würden, es wäre schon besser."
„Also wieder der Neue, der Peter Weiher?" Dannegger sagte es mehr zu sich selbst als zum Meister. Und der Meister faßte die Frage so auf, er antwortete nicht, er war zufrieden, daß er seinen langen Satz heraus hatte.
So war es eine Weile still zwischen den beiden. Dannegger sah auf den Antrag, der vor ihm lag. Er dachte aber an die zweihundert Schrauben, die jetzt stündlich in Gang D geleistet wurden, zweihundert statt einhundertachtzig; das war keine schlechte Arbeitssteigerung.
Er blickte auf. „Es ist gut, Meister. Wir werden die Beleuchtung umbauen. Sagen Sie das ihren Leuten. Und dann schicken Sie mir den Neuen her. Er soll sich nach Schichtwechsel bei mir melden." —
„Es wird wohl was setzen", hatte Meister Krüger zu Peter Weiher gesagt, als er ihn zum Chef bestellte. Er war auch der festen Ueberzeu- gung, daß es etwas setzen würde, denn in seinem Innern nannte er Peter einen „Stänker". Was hatte solch ein Kerl sich um technische Fragen zu kümmern und die Leute aufsässig zu machen; es fehlte gerade noch, daß sie solchen grünen Anfänger, der immer zu nörgeln hatte, das nächste Mal in den Betriebsrat wählten.
Peter selbst glaubte nicht daran, daß es etwas fetzen würde. Er ging sehr sicher den Weg zum Verwoltungsgebäude. Heute würde er nicht stundenlang warten müssen, obwohl er heute nicht so fein ausfah wie bei feinem ersten Besuch und auch keine Karte „Peter von Weiher" hineinschickte. Heute hatte er seinen Arbeitskittel an, und an seinen Händen klebten noch Reste vom Schmieröl, das so reichlich an den Schraubenmuttern saß. Er hatte auch die Taschen mit allerlei Zeug vollgepfropft und ein kleines Paket unterm Arm, denn er hatte sich allerlei Drähte, Jsolierringe und Schrauben im Werkstattsmagazin gekauft, well er sich eine Radioanlage zusammenbastelte. Er wollte etwas von der Welt hören an den langen, einsamen Abenden.
Das Paket behielt er auch bei sich, als er beim Geheimrat eintrat. Er hatte jetzt nichts mehr zu verstecken.
Mit festen Schritten ging er auf den großen Schreibtisch zu. „Weiher", sagte er — nicht mehr „von Weiher" wie damals draußen auf dem Flur. — „Weiher, Hilfsschlosser vom Motorenwerk, Halle 3, zum Herrn Geheimrat bestellt."


