Er hatte den Ball einen Schritt vor dem Tor mit den Händen abgefangen.

Bald wieder führten Reppert und Lüders ihren Ball stürmisch vor­wärts.

Reppert flog hin. Lüders und jetzt Hornbostel trieben. Der Ball strich über den Platz. Mit einer, fast grausamen Folgerichtigkeit wurde er von Hornbostel dorthin getrieben, wo alle Tertia-Sehnsucht ihn hindrängte: scharf an Knötzingers Fresse vorbei und durch!

Aber Knötzinger wurde von seinen Verteidigern gut gedeckt. Es kam ein Kopfstoß von Hornbostel, Knötzinger fing das Leder auf.

Die Tertia stürmt.

Daniela hat überhaupt nichts zu tun, als wachsame Sprünge zu machen.

Man legt sie lahm. Man hat dies in der Tertia mit keinem Wort verabredet, aber es gibt eine geisterhafte Verbindung zwischen den Fuß­ballspielern einer Mannschaft. Die Tertia gibt Daniela nicht die geringste Möglichkeit, ihrerseits zu stürmen. Daniela macht Luftsprünge, aber der Ball bringt kaum je in ihre Nähe hin.

Das Spiel ist vom ersten Augenblick an auf dem Feld der Sekunda. Der Ball weicht von ihrem Tore nicht ab.

Die Tertia stürmt. Di« Tertia stürmt.

Zehn, zwanzig, dreißig Angriffe hat die Sekunda abgewehrt. Der dreißigste, der einunddreißigste, der zweiunddreißigste, jeder Angriff über­bietet den andern an Wildheit, an Raserei.

Zwei Sekundaner müssen bereits ausgewechselt werden. Umsonst ermahnt der Schiedsrichter die Bande, sich zu bezähmen, den Sport und seine Gesetze nicht zu vergessen. Die Tertianer lachen nur kurz und erbit­tert auf. Sie haben zweien dieser achtbaren Sekundaner die Glieder verdreht. Zwei lahmen davon. Die Sekundaner sehen die Tertianer nicht mehr, wie es gewöhnlich ihre Art ist, mißbilligend, verweisend und etwas bekümmert an. Die Sekundaner werden von einer ähnlichen Wut ergrif­fen, wie bie ba brüben sie Haden.

Es sammeln sich immer mehr Zuschauer auf den Tribünen unb auf ben Weibenbäumen, Lehrer unb Schüler unb bet Gutsinspektor mit seinen Eleven unb sogar einige ber Bauern aus bem Gutsborf, Bauern, bie es vorziehen, ihren Feiernd enb hier zu verbringen, anstatt in ber Schenke.

Unb alle feuern bie Tertia an. Alle rufen der Tertia heroische Ermun- tttgngen zu, und je besser die Tertia spielt, desto stärker wird die Liebe und Bewunderung des ganzen Schulstaates für diese teufelsmäßige kleine Mannschaft dort, bie nicht erlaubt, baß ber Ball auch nur ein einziges Mal in bie Nähe ihres Tores kommt.

Der Häuptling steht vor feinem Goal, wie ein Bauer am Sonntag vor feiner Hütte. Doch wer ihn anblickte, würbe ein gebieterisches unb etwas höhnisch flammenbes Auge hinter kurfürstlichen Locken gewahren.

Die Tertia stürmt.

Hornbostel, Lüders und Reppert spielen meisterhaft miteinander, als seien sie niemals Räuber und Landstreicher des Schulstaates gewesen, sondern ein unzertrennliches Dreigespann von Fußballcracks. Königsmarck und Bamberger zeige eine wache Intelligenz, eine Vielfalt der Sinne, als spielten sie am Sonntagnachmittag vor Hunderttausenden von Menschen im Stadion von Berlin ober im Stade von Colombes, unb sogleich wirb der Präsident ber Deutschen ober ber Präsibent ber Französischen Republik sie zu sich rufen unb ihnen ben golbenen Pokal ober bie gotbene Coupe übergeben, während Reichswehr ober Garde Republicaine bie National­hymnen spielen.

Die Tertia stürmt. Aber Otto Kirchholtes, ber Außenstürmer, ber Daniela gegenübersteht, Otto Kirchholtes ist ber einzige aus ber Tertia, ber versagt, ber völlig enttäuscht! Man ist verzweifelt in ber Banbe, wie sehr sich Otto heute gehen läßt, er, wie Patroklos einst ber Stolz ber Achäer.

Es sinb noch zwei Minuten, bann ist bie erste Halbzeit beenbigt. Drei- unbbreifjig Minuten lang hat bie Tertia bas Tor ber Sekunba berannt, wie bie Griechen unter Agamemnon bie Tore ber heiligen Ilios. Doch hier ist ber zürnende Pelide nicht mehr in feinem Zelt. Achill in ben Reihen ber Trojaner! Achill unter bem Schutze bes Priamos und des Hektor!

Dreiunddreihig Minuten lang haben die Sekundaner die Tertia abgewehrt! Der Ball fliegt rechts über die Torlinie, links über bie Tor­linie. Knötzinger wirft sich ober wirb in allen nur bentbaren Verrenkun­gen unb Verkürzungen zu Baben geworfen. Unb immer roieber ist fein großer, stämmiger Körper eine Brustwehr [einer Mannschaft. An seinem quabratischen, erzgeschmiebeten Kopf zumal prallen bie Hiebe ber Tertia ab.

Die Tertia stürmt.

Königsmarck sinkt bahin. Man zieht ihn an ben Seinen aus bem Felb. An seine Stelle tritt Schabzieger.

Daniela macht hohe Sprünge, ganz vergebliche. Der Zorn über ihre Untätigkeit erhebt ihre Sprünge zu einer fast übermenschlichen Höhe. Es scheint, als trainierte sie im Hochsprung. Umsonst! Sie hat noch fein einziges Mal bie rounberbare Lust empfunben, ben Ball mit ihren Füßen, biefen schnellsten unb geschicktesten aller Füße, vor sich hintreiben zu bürfen.

Eine Minute noch! Verzweiflung über ihre fruchtlose Raserei malt sich auf ben Gesichtern ber Banbe!

Da aber bringt aus ben hinteren Reihen, wie ber wolkenumstrahlte Gott, ber seine Schleier sinken läßt, Otto Kirchholtes hervor, in kurven­förmigem Laufe, ben Ball zu feinen tänzerisch starken unb schönen Füßen.

Sogleich, mit einem rauhen Schrei, stürzt Daniela ihm entgegen.

Aber Otto Kirchholtes, ber einzige aus ber Banbe, ben bas Lächeln nicht verließ, umgeht Daniela in einem Bogen mit so geringem Rabius, baß sie sich seitwärts tief in ihren Hüften krümmt, bie beiben Arme schief über ben Schultern unb parallel erhoben. Sie fliegt ins Leere! Otto

Kirchholtes aber ist längst an ihr vorüber, ist in andern Sphären schoir wie seine Feindin! Lüders hat er den Ball vor bie Füße getrieben.

In biesem Augenblicke weiß jedermann auf dem Fußballplatz, von. Knötzinger herab bis zum ftumpfeften Bauern, der zuschaut, daß es in. dieser letzten Minute zum Aeuhersten geht. Umsonst rufen die Gegner sich warnend ihrAchtung! Kirchholtes!" zu. Umsonst belauern ihn bie furchtbaren und gespannt-bösen Dämonen der Sekunda. Otto Kirchholtes nimmt seinem Kameraden das Leder ab, erhebt das Knie wie zum Tanze, und das Knie biegt sich so, wie sein lächelnder Mund im Vorgenuß des Sieges. Der Fuß des Knaben scheint geistreich zu sein wie ein Gedanke oder wie ein Gesang. Dieser seraphische Fuß, von Dämonen mit ver­zerrten Mäulern belauert, spielt den Ball auf den Spann, zielt unb trifft. Vergeblich wirft sich Knötzinger bem funtelnben Leber mit einer Robinsonade entgegen.

Die Tertia hat ein Tor.

Gleich banach ertönt bie Pfeife bes Richters.

Die erste Halbzeit beenbigt. 0:1!

Die Zuschauer erheben zur Begrüßung ber Tertia bie Arme unb fie rufen ihr rounberbare Dinge entgegen. Einige klatschen in bie Hände, am roilbeften von allen Borst.

Der Große Kurfürst legte seine Hanb auf Ottos lobernbes Haar. Der Junge steht mit feinem breiten Oberkörper ba, ber nicht feucht ist und nicht bampft. Sein schön geschwungener Munb lächelt, aber bie Augen sind ganz ernst.

Auch bie Sekunba wirb begrüßt, mit sreunblich-matter Anerkennung.

Niernanb aber auf bem ganzen Platz sieht Daniela an. Wo immer sie sich zeigt, roenben sich Augen unb Gesichter von ihr fort. Lehrer, Pri­maner, Ober-Sekunbaner, sogar bie vom Gute unten, es gibt feine Daniela mehr im ganzen Schulstaat.

Daniela bleibt stehen. Sie hat bie Hände in ben Taschen ihrer Sport­hose. Sie blinzelt ber Sonne zu, bie gegen Westen sich senkt.

Dann biegt Daniela ben Hals zur Seite. Sie sucht mit ben Augen eine Gestalt unter ben Tertianern.

Was sie sucht, finbet sie ganz nahe zu ihren Füßen.

Sie sieht Otto Kirchholtes an, ber sich ausruht.

Aber Otto sieht sie nicht an.

Seine Augen blicken ernst in bie Ferne bes Stromes, besten Ufer sich! bar sinb. Von seinen Lippen ist bas Lächeln zögernb bahingefahren, nm bas Licht zögernb vorn Tage sich trennt.

Daniela nimmt es hin, bah Otto ihren Blick nicht erwidert. Sie betrachtet ihren Sieger mit ber gleichmütigen, unbeutbaren Ruhe eines Tieres.

Dann wendet sie sich Meleager und Atalante zu, fast mit Freund­lichkeit, fast mit Innigkeit. Sie küßt die Tiere nicht, die ihr gewaltig entgegenstreben unb unmutvoll, als ahnten fie bie Nieberlage. Aber fit senkt bie Stirn sanft gegen bie Stirnen ber Tiere. Unb währenb sie sich so zu ihren Hunben hernieberbiegt, weih sie mit einem Male, welches bie zweite Stimme im Duett ber Häuptlingswahl zu ihrem Lob und Preise war!

Sie legt sich seitwärts auf ben Erbboben, bie lange Wange in die flache Hand gestützt. Sie liegt ganz steif, mit weit vorgestreckten Beinen auf dem feuchten Wiesengrund. Ihre Augen sehen in bie Ferne des Stromes.

Doch dann ertönt die Pfeife des Richters zu neuem Spiel.

Die Tertianer sind müde geworden. Sie sind. abgekämpft. Daniele treibt ben Ball breimal in bas Tor ihrer Klasse. Aber niemanb lobt sie. Niemanb zollt ihr Beifall. Unb es scheint, als erwarte unb erheische auch sie roeber Lob noch Beifall. Sie spielt wie zu ihrer eigenen Lust, vereinzel! unb zerstreut.

Sie spielt gleichsam allein gegen bie Tertia.

Aber niemanb sieht sie auch nur an.

Otto Kirchholtes bringt nicht mehr wie eine Gottheit aus ben Sphä­ren hervor.

Das Spiel verflacht.

Und enblich, wie der falte Abend fommt, fenft Trauer sich über alle Gemüter.

XII.

Jetzt aber wollen wir uns an Daniela rächen!" riefen die jüngeren Tertianer, die kurz zuvor noch für Danielas Wahl zum Häuptling ein» getreten waren.Wir wollen ein neues Gericht über Danielas Kreatur! Wir wollen Borst zu einer barbarischen Strafe verurteilen!"

Doch ber Häuptling unb feine Freunbe lehnten diese Zumutung als unfair ab.

Wir haben bas Verfahren gegen Borst nicht vertagt, fonbern nm haben es eingestellt!" erklärte Reppert, unb er gab eine ausführlich« Belehrung zum besten, um in ben Köpfen ber Banbe etwas Drbnung hinsichtlich ber Rechtskunbe zu schaffen.

Bamberger seinerseits legte bar, baß es unter ber Würbe ber Tertia sei, Leibenschaftsurteile zu fällen.

Und der Große Kurfürst fügte hinzu: e

Wenn ihr Kriegsgerichte abhalten wollt, dann bitte ohne mich!

Da schwiegen die Jüngeren beschämt. ,

Auch sprach fortan niemand mehr von einer neuen Häuptlingswahl, selbst bie Schwachmütigsten nicht. Daniela hatte sich höllisch verrechnet, bas war bie Meinung aller. Sie hatte geglaubt, burch ihren Uebergang zur Sekunba-Mannschaft ber Banbe beutlicher als burch irgenb etrocM anderes vor Augen zu führen, was man eigentlich an ihr haben tonnte. Anstatt besten hatte sie die Herzen aller, auch ihrer Anhänger, verloren.

Borst hatte wieder einmal schwere Tage. Zwar sprach man mit ihns, man war nicht einmal unfreundlich zu ihm, aber er hatte das Gesuy - ein Tertianer vom Sirius zu fein, während feine Kameraden durchau Tertianer dieser Erde waren.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. HanS Thtzriot. Druck unb Verlag: Vrühl'sche UniversitätS-Duch- unb Lteindruckerei. R. Lange, Gießen.